Many Ameri hat zusammen mit Torsten Schmidt die Red Bull Music Academy gegründet, die in diesem Jahr nach Berlin zurückgekehrt ist – dorthin, wo sie einst ihren Anfang nahm. 1998 fand die erste Academy in der Kopernikusstraße in Berlin statt, unter anderem mit Jeff Mills. Von einem kleinen Hinterhof in Friedrichshain trat die Red Bull Music Academy ihren globalen Siegeszug an – mittlerweile hat sie in internationalen Metropolen wie Tokio, New York, Melbourne, Kapstadt oder São Paulo Station gemacht. Many Ameri spricht im Funkhaus Berlin über die Idee und die Entwicklung der Red Bull Music Academy.

Many Ameri by Carys Huws

 

Die Red Bull Music Academy feiert ihr 20-jähriges Jubiläum in Berlin, herzlichen Glückwunsch dazu! Was war denn für dich das prägendste Ereignis in dieser Zeit?

Natürlich gibt es da unzählige Momente, die mir in den Sinn kommen. Der schönste war, denke ich, der Tag, an dem wir mit der Red Bull Music Academy angefangen haben. Das Ganze war ja mehr oder weniger ein Experiment und wir haben sehr lange an dieser Idee gearbeitet. Das Konzept dahinter war und ist bis heute, Menschen aus verschiedenen musikalischen und kulturellen Hintergründen aufeinandertreffen zu lassen. Plötzlich gingen die Türen auf und alle standen da mit ihren Plattentaschen. Daran denke ich schon gerne zurück, weil man zum ersten Mal gesehen hat: Es gibt diese Menschen und es gibt einen Austausch zwischen den Szenen. Es war schön, einen Ort geschaffen zu haben, an dem Leute voneinander lernen können, an dem sich Musiker untereinander austauschen können. Denn wir haben festgestellt, dass es so eine Plattform noch nicht gab. Das, was wir jetzt machen, ist mehr oder weniger dasselbe wie vor 20 Jahren. Wir haben immer noch zwei Gruppen mit 30 Teilnehmern und es sitzt jemand auf der Couch, der darüber spricht, wie er Hip-Hop, House oder Techno mitgeprägt hat.

Kam die Idee von euch? Seid ihr damit zu Red Bull gegangen?

Red Bull wollte damals auch im Musikbereich etwas bewegen, und das langfristig. Sie wollten etwas erschaffen, was auch in einigen Jahren noch einen Wert hat – wussten aber nicht genau, was. Deswegen kamen sie zu uns. Im Sportbereich hatte Red Bull schon ein festes Standbein und konnte vielen Kulturen bei deren Wachstum helfen. Wir haben uns dann alle um einen Tisch versammelt und überlegt, was für so eine Akademie essenziell ist, damit sie einen Mehrwert bieten kann.

Nach zwei Jahren seid ihr international geworden, habt Berlin den Rücken gekehrt. War das absehbar oder auch geplant?

Im ersten Jahr hatten wir Deutsche, Österreicher und Schweizer zu Gast. Im zweiten Jahr haben wir dann gesagt, dass wir uns internationaler aufstellen wollen. Daraufhin kamen Menschen aus acht oder neun verschiedenen Ländern, in denen Red Bull auch verkauft wurde. Wir sind dann in weitere Länder gefahren und haben in irgendwelchen Plattenläden unser Konzept vorgestellt. Plötzlich kamen dann Teilnehmer aus Irland, Polen, der Tschechischen Republik, England usw. Es war dann sehr schnell erkennbar, dass sich Menschen durch das kulturelle Aufeinandertreffen und durch die Umstände, in denen Menschen Musik machen, auf einer ganz anderen Ebene austauschen können. Nach zwei Jahren haben wir dann gesagt, dass es vielleicht besser wäre, wenn wir uns nicht nur auf den Standort Berlin beschränken würden. Daraufhin stellte sich die Frage, wohin wir gehen sollten. Wir hatten damals sehr nette Teilnehmer aus Irland und haben uns dann kurzerhand dazu entschlossen, uns doch von ihnen bei der Organisation helfen zu lassen. Mit der Zeit entwickelte es sich so, dass wir in verschiedenen Ländern genügend Teilnehmer zusammen hatten, um auch lokal Netzwerke aufbauen zu können. Auch Red Bull ist mit der Zeit immer internationaler geworden und so gab es dann auch vor Ort Menschen, die verstanden haben, was wir machen wollen, und die uns unterstützten. So wurde die Academy immer internationaler. Dieses Jahr hatten wir Bewerber aus 109 Ländern.

Wie viele Bewerber hattet ihr damals und wie viele sind es heute?

In den ersten Jahren waren es ungefähr 200 bis 400 Bewerber. 1998 wollten die meisten Menschen DJs werden, neben Model und Schauspieler. Das Bewerbungsverfahren war von Anfang an relativ umständlich, weil wir von vornherein Menschen haben wollten, denen wir einen Mehrwert bieten können, wenn wir sie ausbilden. Die Bewerbungsunterlagen sind sehr aufwendig gestrickt – sie umfassen mehr als 20 Seiten und über 50 Fragen, die man auch heute noch per Hand ausfüllen und nach Köln schicken muss, egal, woher der jeweilige Bewerber kommt. Hinzu kommt noch die Musik, die bei der Bewerbung ebenfalls eingereicht werden muss. Noch wichtiger sind neben den Leuten, die hier auf der Couch sitzen und etwas erzählen, die Leute, die hier miteinander Musik machen. Demnach ist die Auswahl der Teilnehmer sehr wichtig und essenziell für uns.

Es bewerben sich mittlerweile über 5000 Leute im Jahr, von denen dann genau diese zwei Gruppen mit jeweils 30 Teilnehmern ausgesucht werden. Jede Bewerbung wird von zwei verschiedenen Personen durchgeschaut und nach zwei Kriterien bewertet. Zum einen nach dem musikalischen Talent – wobei für uns die Idee dahinter am wichtigsten ist. Das zweite Kriterium ist, ob die jeweilige Person auch in die Gruppe hineinpasst und ob diese Person einen Vorteil aus dem ziehen kann, was wir hier bieten. Es geht nicht darum, den besten Musiker zu finden, sondern es soll vielmehr durch den Austausch mit anderen das eigene musikalische Vokabular erweitert werden – auch wenn man schon eine musikalische Identität gefunden hat. Wir haben natürlich viele Musikproduzenten, aber auch Multiinstrumentalisten, Sänger oder auch Menschen, die Texte schreiben.

Nina Kraviz lectures at the Red Bull Music Academy in Berlin, September 8 to October 12, 2018 // Fabian Brennecke / Red Bull Content Pool // AP-1WW9KGY292111 // Usage for editorial use only // Please go to www.redbullcontentpool.com for further information. //

Red Bull ist heute vor allem im elektronischen Bereich sehr anerkannt und verbreitet. Gab es schon zu Beginn eine gewisse Akzeptanz oder war euer Projekt mit Skepsis verbunden?

Das Wissen, das man sich heute über Blogs etc. aneignen kann, war zur damaligen Zeit einfach nicht so verfügbar, wie es heute der Fall ist. Deswegen war man damals eher abhängig von anderen Menschen. Natürlich gab es einige Menschen, die gesagt haben: „Ich habe mir mein Wissen hart erarbeitet, warum sollte ich es jetzt weitergeben?“ Das waren aber wirklich nur Ausnahmen. Die meisten haben unser Konzept befürwortet und wollten ihr Wissen an andere weitergeben. Dadurch standen uns mit der Zeit immer mehr Leute zur Verfügung, die wirklich talentiert waren.

Gab es im Hinblick auf die Entwicklung innerhalb der letzten 20 Jahre etwas, das ständig konstant geblieben ist, und etwas anderes, das sich verändert hat? Was wünscht ihr euch für die Zukunft?

Die Auswahl an talentierten Menschen muss konstant bleiben. Wir brauchen Menschen, die ihre musikalische Identität gefunden haben und kreative Ideen haben, aber gleichzeitig auch neugierig und offen für Neues sind. Menschen, die auf der Suche nach neuen Möglichkeiten sind und sich musikalisch ausdrücken möchten. Einen Ort zu haben, an dem sich diese kreativen Menschen austauschen können, bleibt trotz des technologischen Zeitalters beständig und essenziell, weil man nur im direkten Austausch miteinander voneinander lernen kann. Nur hier können wir eine intime Atmosphäre schaffen, in der sich Künstler so wohlfühlen, dass sie neue Dinge ausprobieren können.

In den letzten Jahren haben wir hart daran gearbeitet, dass auch Menschen, die nicht vor Ort dabei sein dürfen, an den Inhalten teilhaben können. So konnten wir Wege finden, Leuten Musik zu präsentieren, für die sie sich angeblich nicht interessieren. Somit können sie Neues entdecken, vom dem sie gar nicht wussten, dass es existiert. Es kommt hier nie zu einem Stillstand. Wir sind Teil von vielen Forschungsprojekten, in denen es um das zentrale Thema der Academy geht: Kreativität in der Musik.

Warum habt ihr euch für das Jubiläum der Red Bull Music Academy für das Funkhaus in Berlin entschieden?

Das Funkhaus ist ein sehr besonderer Ort mit den zum Teil bestklingenden Räumen der Welt. Auch wenn viele Berliner das Funkhaus schon kennen, bietet es uns die Möglichkeit, internationalen Künstlern einen Einblick zu verschaffen. Es ist der perfekte Ort für das Zusammenkommen von Menschen aus 37 Ländern, da sie dort ihrer Musik freien Lauf lassen können.

Habt ihr für das nächste Jahr schon einen Ort gefunden?

Wir sind noch auf der Suche nach dem perfekten Ort. Doch ich bin mir sicher, dass wir ihn finden werden und auch die 21. Ausgabe der Red Bull Music Academy ein unvergessliches Ereignis wird.

 

Aus dem FAZEmag 081/11.2018
Interview: Tassilo Dicke
Text: Denise Kelm
Foto Many Ameri: Carys Huws
Foto Academy: Fabian Brennecke/Red Bull Content Pool
www.redbullmusicacademy.com