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Es gibt nicht viele Clubs, die sich damit rühmen können, ein Vierteljahrhundert auf dem Partybuckel zu haben. Die meisten Technoclubs haben es seinerzeit nicht mal über die Neunziger hinaus geschafft. Anders die Distillery in Leipzig, 1992 von ein paar Freunden im 4/4-Takt aus dem Boden gestampft. Sie waren infiziert vom Technovirus und sie sind es bis heute. Etwas konkreter erzählt davon Distillery-Betreiber Steffen Kache, mit dem wir im Interview einen Blick zurück zu den Anfangstagen von Techno und Distillery werfen.

Wie war die Situation damals in Leipzig?

Wir waren schon elektronisch vorbelastet. Das ging aber über das, was damals in den Charts lief – wie Depeche Mode, Kraftwerk usw. –, nicht groß hinaus. Ich kann mich noch genau erinnern, dass an einem Abend im Januar 1991 der DJ eine Durchsage machte und irgendwas von Technobeat erzählte, dass das der neue Sound aus Frankfurt und Berlin sei. Was er da am Ende des Abends eine halbe Stunde lang spielte, hat uns total geflasht. Kurz danach entdeckten wir die Sendung von Marusha auf DT64, fingen an, regelmäßig nach Berlin zu fahren, lernten die Low-Spirit-Crew kennen und wollten natürlich all das, was es in Berlin gab, auch in Leipzig haben. 1991 gab es bei uns lediglich normale Diskotheken und ganz selten mal eine illegale Technoparty. Logische Konsequenz war, dass wir zuerst eigene Veranstaltungen in diversen Locations machten. Im Sommer 1992 entdeckten wir durch Zufall eine alte Brauerei und entschlossen uns kurzerhand, dort einen Club zu eröffnen.

Erst drei Jahre zuvor war die Mauer gefallen. Kannst du das Lebensgefühl im Osten zu dieser Zeit beschreiben?

Freiheit! Der DDR-Mief war mit der Wende weggefegt worden und die Welt stand uns offen. Neue Musik, neue Räume, eine neue Art zu leben, das war Euphorie pur. Und in dieses Gefühl, endlich das Leben in die eigenen Hände nehmen zu können, brach diese neue Musik mit einer Energie herein, die alles noch einmal potenzierte. Da war auf einmal eine Musik, in die du dich einfach reinfallen lassen konntest, zu der du stundenlang durchgetanzt hast, ohne irgendwelche Konventionen beachten zu müssen.

Wie illegal waren die Distillery-Partys zu der Zeit?

Damals brachen gefühlt 90 Prozent der Wirtschaft hier zusammen. In der Folge gab es wahnsinnig viele leerstehende Gebäude – man konnte sich quasi aussuchen, wo man rein wollte. Gleichzeitig wurden viele Behörden komplett umstrukturiert und waren mehr mit sich selbst als mit ihren Aufgaben beschäftigt. Es gab also niemanden, der Partymacher kontrollieren konnte oder wollte. Warum also in dem Moment an Auflagen denken?

Natürlich haben wir uns Gedanken gemacht, damit es draußen nicht zu laut und drinnen für die Besucher nicht zu gefährlich wurde – Brandschutzauflagen wie jetzt hätten wir aber finanziell nie umsetzen können.

1995 schließlich zog die Distillery in die bis heute aktuelle Location. Welche Veränderungen gingen damit einher?

In der alten Distillery gab es weder Mietvertrag noch Gaststättenerlaubnis oder Baugenehmigung. Wir haben zwar als Verein ein paar Steuern bezahlt, alle anderen Abgaben waren uns aber fremd. Das änderte sich mit der neuen Location. Einerseits mussten wir Miete zahlen, die Stadt bestand logischerweise auf eine ordnungsgemäße Anmeldung, wobei die alle Augen zugedrückt haben und wir ein Jahr lang mit Ausnahmegenehmigung arbeiten konnten. Die neuen Risiken wollten nicht alle mittragen und so gründete nur ein Teil der Mannschaft eine gemeinsame Firma. Das tat dem Feeling an sich aber keinen Abbruch, da auch viele neue Leute zum Team stießen. Wir konnten den Club nun wirklich aufbauen, mussten nicht so massiv improvisieren wie in der alten Location und konnten damit auch Deko- und Lichtkonzepte umsetzen, die vorher nicht möglich waren. Die Planungssicherheit erlaubte uns zudem, internationale Künstler zu buchen und uns mehr Gedanken zum Soundkonzept zu machen – kurz zusammengefasst: Wir wurden erwachsen.

Wie haben sich Publikum, Personal und Türpolitik seit damals geändert?

Im ersten Jahr waren alle ausnahmslos Musikfreaks, die einfach nur heiß auf Techno waren. Als nach einem Jahr der Club über Leipzigs Grenzen hinaus bekannt wurde – u. a. durch einen Bericht in der „Bravo“ über einen Besuch von Depeche Mode –, haben wir uns recht zügig entschieden, eine Auswahl an der Tür einzuführen. Diese sehr strenge Türpolitik haben wir bis etwa 2003 beibehalten, wir haben nur der Szene Zutritt gewährt. Ich möchte jetzt nicht mehr von „Szene“ sprechen, wenn ich die Leute beschreibe, die im Leipziger Nachleben in elektronischen Clubs unterwegs sind. Sie sind nicht mehr nur fokussiert auf eine spezielle Musikrichtung, es ist bunter und vielfältiger geworden.

Die Liste eurer DJs und Live-Acts ist wirklich beeindruckend. Wie hat sich das entwickelt?

Unser Anspruch war von Beginn an, eine Plattform für House und Techno in Leipzig zu bieten. Wir wollten, dass diese Musik bei uns präsent ist, dass die Leute im Club eine geile Zeit haben und die wenigen Künstler aus der Region spielen können. Und natürlich wollten wir die Protagonisten, auf die wir entweder durch Sets, Produktionen oder Berichte in den damaligen Magazinen aufmerksam wurden, bei uns im Club haben. In den ersten Jahren in der alten Distillery hatten wir unsere Residents, die wirklich jeden Abend gespielt haben. Nach und nach wurden dann immer mehr Gäste gebucht. In der neuen Location mit der größeren Perspektive entstand dann auch ein Plan. Die deutschen Künstler kannten wir schon, jetzt ging es auch darum, internationale Acts in den Club zu holen. Gleichzeitig entstand ein größerer Kreis aus Residents, die bei uns eine Plattform bekamen und dann irgendwann bekannter wurden. Die Wighnomy Brothers, Matthias Tanzmann und Daniel Stefanik wurden unter anderem in der Distillery groß. Heute ist Techno Business und Clubs wie wir stehen in Konkurrenz mit großen Festivals oder Locations, die eine vielfach höhere Kapazität als wir haben. Mit einer 500er-Kapazität und 10 EUR Eintritt ist das Budget vorgegeben. Den Agenturen das zu erklären, ist teilweise unmöglich und wir haben das Gefühl, dass einige Künstler vergessen haben, dass sie auch mal klein angefangen haben und ohne Clubs wie die Distillery nicht da wären, wo sie jetzt sind. Vielleicht sind es auch die Agenturen, deren Ertrag mit der Höhe der Gage steigt, die die Preise immer mehr in die Höhe treiben und so den Clubs irgendwann die Grundlage entziehen. Und mal im Ernst: Künstler mit Gagen jenseits der 10 000 EUR, und das mehrmals jede Woche … Retten die Menschenleben, dass so was gerechtfertigt ist?

In Berlin zum Beispiel ist die Konkurrenz für Clubs riesig – und die belebt angeblich das Geschäft. Wie sieht es da in der Leipziger Szene momentan aus?

Leipzig explodiert gerade, wir haben im Moment vier richtige Clubs – das braucht die Stadt auch. Als 2014 das Institut für Zukunft gleich bei uns um die Ecke eröffnet hat, haben wir sofort einen positiven Effekt bemerkt. Jeder Club hat auch sein eigenes Publikum, bringt neue Leute dazu. Man kann es mit einem Ökosystem vergleichen – je größer die Vielfalt, desto stabiler.

Seit 2010 betreibt ihr auch ein eigenes Open-Air-Festival, das Th!nk?. Wie ist die Idee dazu entstanden, wie hat es sich in den letzten Jahren entwickelt und wohin wird hier die Reise noch gehen?

Das erste Th!nk? gab es sogar schon 1994 als Indoorveranstaltung. Nach dem Erfolg des ersten Th!nk? haben wir die zweite Ausgabe 1995 dann in den Sand gesetzt. So um 2009/2010 herum entstand dann die Idee, ein weiteres Standbein neben der Distillery aufzubauen. Und 2010 hatten wir mit Paul Kalkbrenner einen Act, bei dem wir sicher waren, dass ein Open Air funktionieren würde. Da Open Airs in Leipzig in den Nachtstunden aufgrund der Lärmauflagen nicht möglich sind, entschieden wir uns für ein Tages-Open-Air an einem der neuen Seen bei Leipzig. So entwickelte sich das Th!nk? als Festival im Zusammenspiel von wunderschöner Location, anspruchsvollem Line-up und dem Wohnzimmerfeeling der Distillery. Das Festival ist in den letzten Jahren gesund gewachsen und hat inzwischen mit über 10 000 Besuchern auch einen wichtigen Stellenwert für Leipzig erreicht. Wir werden sehen, wie es weitergeht. Wir wollen die Qualität halten, Fehler, die passiert sind, ausmerzen und auch selbst mit dem Festival wachsen.

Ihr habt seit Jahren immer wieder mit einer drohenden Schließung zu kämpfen, weil das Bahngelände anderweitig genutzt werden soll. Gäbe es einen Plan B?

2011 wurde mit einer Planung für das Gelände begonnen, die in letzter Konsequenz Wohnhäuser dort vorsieht, wo die Distillery steht. Wir haben zwar im Januar 2014 einen Stadtratsbeschluss erwirkt, der besagt, dass die Distillery am jetzigen Standort erhalten werden soll. 2013 wurde das Bahngelände an einen Investor verkauft, den das offensichtlich nicht sonderlich interessiert. Wir entwickeln daher schon einen Plan B, der natürlich heißt: neue Location. Die Details möchte ich an dieser Stelle aber nicht verraten, nur so viel: Man hat uns in 25 Jahren nicht kleinbekommen und wir haben auch nicht vor, dass sich das in den nächsten 25 Jahren ändert.

Sowohl Anhänger des Ladens als auch die Politik haben sich in diesem Fall immer wieder für die Distillery stark gemacht. Da kann so manch anderer Club nur von träumen. Warum ist euer Standing – auch bei LINKE und Grünen – so hervorragend? Ist Leipzig da womöglich eine Ausnahme?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen waren wir immer davon überzeugt, etwas prinzipiell Gutes zu tun – nicht in erster Linie für uns, sondern für die Menschen und die Gesellschaft allgemein. Und damit haben wir nie hinter dem Berg gehalten und den Mund aufgemacht, wenn es um unsere Existenz ging. Ein Knackpunkt waren zum Beispiel unsere Demonstrationen 1994 und 1995 für den Erhalt des Clubs, die damals, glaube ich, deutschlandweit einmalig waren und in der Stadtverwaltung erheblichen Eindruck hinterließen. Wir haben auch immer wieder hartnäckig den Kontakt zu den Entscheidungsträgern gesucht und uns nicht abwiegeln lassen. So haben sich auch immer wieder Menschen gefunden, die uns unterstützt haben. Unsere Gäste sind da natürlich der größte Faktor und ich bin immer wieder zutiefst dankbar dafür, wie viele Menschen uns bei Aktionen wie Demos oder Petitionen unterstützen.

Welche Ziele und vor allem Wünsche hast du für die kommenden 25 Jahre? Wo siehst du für dich persönlich und für den Club geschäftlich die Zukunft?

Viel hängt davon ab, wie sich die Standortfrage lösen lässt. Mein Wunsch ist es, den Club in den nächsten Jahren immer weiterzuentwickeln, und wenn sich mit einer neuen Location neue Möglichkeiten ergeben, werden wir die Chancen nutzen. Es gibt verschiedene Ideen, wohin sich das Projekt „Distillery“ entwickeln kann. Darüber mehr zur passenden Zeit. Die Distillery ist mittlerweile eine Institution in Leipzig geworden und ich habe in den letzten Jahren erfahren, dass wir ernster genommen werden als noch vor ein paar Jahren. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich im Alter von mittlerweile über 40 Jahren anders wahrgenommen werde als früher. Gerade dieser Respekt hilft in Gesprächen mit Behörden oder in der Politik, positive Dinge für die Clublandschaft ins Rollen zu bringen – ein Beispiel ist die Abschaffung der Sperrzeit. Seit einem Jahr bin ich im Bundesvorstand der LIVEKOMM [Anm. d. Red.: Die Live Musik Kommission e. V. ist der Bundesverband der Musikspielstätten in Deutschland mit aktuell knapp 500 Mitgliedern.] und mit den seit Jahren im Hinterkopf herumschwirrenden Gedanken, auch politisch mehr zu tun, sehe ich meine Zukunft neben dem Club auch in diesem Feld – im Verbessern der Grundlagen für die Clubs.

Nenn mir jetzt bitte noch zum Abschluss dein persönliches Distillery-Highlight und den absoluten Tiefpunkt!

Das Highlight war ein über sechsstündiges Live-Set von Laurent Garnier mit Scan X und Ben im November 2010. Da war früh am Morgen eine derartige Energie im Club, die man mit den Händen greifen konnte. Der absolute Tiefpunkt – besonders emotional – war der Moment im März 1995, als uns klar war, dass es für die alte Distillery nicht weitergeht. Da flossen auch einige Tränen.
Die Jubiläumsparty:
25 Years – 25 Hours // 14.–15.10.2017, ab 23:00 Uhr // Distillery, Leipzig
Line-up: Radio Slave, Matthias Tanzmann, Monkey Safari, Spencer Parker, Daniel Stefanik, Marlow, Hector Oaks, Vincent Neumann, Sven Tasnadi, Thomas Stieler, Peter Invasion, Lenny Brookster, Rukey, Dynamite Kadinski, Mauro Caracho, Andreas Eckhardt, Chris Manura, Georg Bigalke, 0 Dimensional, Konter

Aus dem FAZEmag 068/10.2017
Text: Nicole Ankelmann
Foto: Stefan Leuschel
www.distillery.de