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Wir befinden uns in einem Zeitalter, in der man als Musikjournalist das Gefühl bekommt, nicht mehr up to date zu sein, sollte man länger als 48 Stunden Portale wie Beatport nicht ausgiebig besucht haben. Gleichermaßen ereilt einen die Erkenntnis, dass heutzutage irgendwie alles ein wenig Deephouse ist bzw. so klassifiziert wird. Zumindest bewegt sich gerade der große Strom immer mehr in Richtung eines bis dato noch nicht gekannten, kollektiven „Slow Dance“. Wahre Schätze werden seltener. So bedarf es Leuten wie Alex Niggemann, der in den vergangenen drei Jahren sowohl als DJ als auch mit seinem Label Soulfooled Pionierarbeit leistete. Entgegen aller Trends, Vorhersagen und Charts verspürt der in Düsseldorf geborene DJ und Produzent allerdings den Drang, seinen Wurzeln wieder ein Stück näher zu kommen. Im Juni launcht der seit 2005 in Berlin beheimatete Niggemann sein neues Label AEON.

Noch immer finden sich Nummern wie „Street Therapy“ oder „That Is …!?“ in den Hot Rotations vieler Playlists. Es war sein Debütalbum namens „Paranoid Funk“ im letzten Jahr, das ihm als Künstler zum absoluten Durchbruch verhalf. Ein Mann, dem er dabei vieles zu verdanken hat, ist Steve Bug. „Poker Flat war für mich schon immer, eines der prägendsten Labels der gesamten Szene. Mit der Story und vor allem dem Ergebnis meines ersten Longplayers bin ich sehr zufrieden. Im Vorfeld habe ich meine Erwartungen – allein für mich selbst – nach unten geschraubt, um einer größeren Enttäuschung aus dem Weg zu gehen. Doch entgegen aller Vorsichtsmaßnahmen bin ich sehr glücklich mit allem. Das Feedback war enorm, die Verkäufe waren gut, und auch in Sachen Bookings hat mir das Album eine Menge gebracht, wie ich aktuell merke.“ Entstanden ist der Kontakt wie so häufig eher zufällig. Eine Remixanfrage von Niggemann an Phonique für Soulfooled und die Einigung auf einen Swop (Remixtausch, Anmd. d. R.), brachten Niggemann schon kurz darauf zu einem Remix auf Dessous Recordings, ebenfalls ein Imprint von Bug. „Kurze Zeit später habe ich ihn dann zufällig am Flughafen getroffen. Ich schickte ihm ein paar Sachen, und es erschien die erste EP. Vor zwei Jahren haben wir uns in Miami bei der Winter Music Conference zum Dinner getroffen, wo er mir offerierte mein Debütalbum auf Poker Flat zu machen. So eine großartige Möglichkeit habe ich dann natürlich sofort genutzt und mich an die Arbeit gemacht. Mittlerweile sind Steve und ich ganz gute Freunde geworden. Wir treffen uns zum Beachvolleyball, zum Essen etc. und sind eine sehr eingeschworene Truppe mit dem gesamten Team drumherum.“

Die selbe familiäre Philosophie betreibt er auch in seinem eigenen Team um Soulfooled. „Mit der Entwicklung des Labels bin ich mehr als zufrieden. Ich merke auf Tour immer wieder, dass der Name vielen bereits ein Begriff ist. Natürlich gibt es – wie in jeder Lebenslage – Dinge, die man hätte anders oder besser machen können. Allerdings überwiegt das Positive, so dass ich diesen Schritt zur eigenen Plattenfirma in dem Sinne, jederzeit wieder angehen würde. Auch Freunde oder talentierte Künstler präsentieren zu können, halte ich für sehr wichtig in der heutigen Zeit, und dies treibt mich auch jeden Tag an, am Label zu arbeiten. Für mich persönlich ist es wirklich wichtig, diese eigene Homebase zu haben. Die Wege sind kürzer, man kann sich auf einem ganz anderen Level selbst realisieren und z.B. eigene Showcases veranstalten. Mir war schon in den ersten Tagen meiner Karriere bewusst, dass ich irgendwann ein Brand hinter meinem Namen stehen haben möchte, dessen Philosophie ich kreiert und aufgebaut habe. Damit möchte ich mich auch nach Außen hin präsentieren.“

alex_portrait-25Im Juni wird er diese Möglichkeit um eine weitere Marke erweitern. AEON nennt sich sein neuestes Label, das Alex einen Schritt zu seinen Wurzeln zurückbringen soll. Hört man die ersten Sounds und ihn selbst über die Philosophie dahinter sprechen, wird schnell klar, dass er sich damit lösen möchte. Lösen vom bereits erwähnten Strom, lösen von allen Hypes und Trends. Er kehrt zum Ur-Gedanken zurück und hält zugleich eine ganze Schar von Acts bereit, die diese mit ihm teilen: Klassische, zeitlose Musik, von Chicago und Detroit beeinflusst, gepaart mit den technischen Möglichkeiten von heute. „Wie man am Namen meines ersten Labels Soulfooled erkennt, handelt es sich dabei um eher deepe Geschichten – Sachen fürs Herz, die die Seele berühren. Ursprünglich würde ich mich allerdings schon fast eher als Techno-Veteran sehen, der über wirklich straighten Techno zur elektronischen Musik gekommen ist. Beide Genres liegen mir sehr, zumal ich niemals etwas veröffentlichen bzw. signen würde, hinter dem ich nicht zu 100 Prozent mit Herzblut stehe. Allerdings ist es meine Intention, ein neues Label zu machen, das mich als DJ repräsentiert. Im Club würde ich meinen Style als Techhouse bezeichnen, der stark von Detroit, Chicago und auch Acid geprägt ist. Auf Soulfooled sind bis dato sehr konträre Sachen dazu releast worden. Ich habe gemerkt, dass mir eine passendere Plattform fehlte, für die Dinge, die sich in meinem Kopf abspielten. Daher gibt es jetzt AEON, mit dem ich daran erinnern möchte, dass es auch anders geht. Entgegen des aktuellen Stroms, den Sound immer weicher zu spülen, einen Schritt zum Ursprung des Raves machen. Meiner Ansicht nach sind nur zwei Dinge entscheidend – du und die Musik.“

Passend dazu wird es am 1. Juni auf dem Rooftop des Weekend das Kick Off-Event geben. Mit BBQ und einem hoffentlich beeindruckenden Sonnenuntergang geht es mit Audiofly, Francys, Salvatore Freda und dem Protagonisten Alex Niggemann selbst durch die Nacht. In Sachen Output stehen die ersten drei Katalognummern bereits fest. „Das erste Release wird von mir kommen. Es nennt sich ‚Just A Little‘. Dazu habe ich mir befreundete Künstler wie Steve Bug und Glimpse für Remixe ins Boot geholt. Erst vor wenigen Tagen habe ich die gemasterten Versionen bekommen, und ich bin schlichtweg begeistert. Auch die weiteren Releases sind sehr vielversprechend. Der talentierte Francys, den man von Soulfooled oder auch Souvenir kennen sollte, wird veröffentlichen –  Marco Resmann wird ihn dabei remixen. Seine Interpretation hat er mir vor Kurzem geschickt, und sie gehört schon jetzt für mich zu einer der Nummern in 2013. Andrea Di Rocco ist für die dritte Scheibe geplant – Remixer dort sind Gavin Herlihy und ein weiterer Künstler, dessen Name wir hier noch nicht verraten dürfen.“

Über ein zweites Album denkt er ebenfalls bereits nach. „Die Ideen dazu kamen bereits bei Release des ersten. Ich habe verhältnismäßig lange für ‚Paranoid Funk‘ gebraucht und dabei fast 80 Tracks angefangen. Schon da sind mir Gedanken durch den Kopf geschwirrt, was man beim zweiten Album realisieren kann. Ich schätze, dass man vor 2015 kein neues Album erwarten dürfte.“ Es ist also einiges geplant im Hause Niggemann. Die Gefahr, dass eines der beiden Imprints in Zukunft etwas zu kurz kommen könnte, sieht Niggemann nicht. „Ich habe ein großartiges Team hinter mir stehen, das tolle Arbeit abliefert. Von meinen Agenten bis hin zu meiner Assistentin werden wir mit sämtlichen Projekten, die beide Labels betreffen, Hand in Hand gehen. Aktuell sitze ich wieder im Studio und versuche, für das restliche Jahr EPs zu veröffentlichen. Vor zwei Wochen ist der Remix für Blond:Ish erschienen. Nach dem Kickstart des neuen Labels wird mein Fokus daher auf eigene Sachen, vermutlich auf Poker Flat, liegen. Und dann ist man wohl wieder schneller beim Hochsommer angelangt, anderes als die aktuellen Temperaturen hier in Berlin es zumindest gerade erahnen lassen. Es werden einige Festivals dabei sein, auf Ibiza sind bislang einige Dates bei We Love im Space gefixt. Zuerst geht es aber im Mai nach Asien und Australien.“

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www.alexniggemann.com

FAZEmag 015/05.2013