AOTN 04 (credit Jonathan Vivaas Kise)5

Ein blasses, zierliches Mädchen steht am Tresen eines Modeladens in einer norwegischen Kleinstadt. Eines Tages taucht eine ältere Frau in dem Ladenlokal auf und ist fortan fast täglicher Gast. Irgendwann geht sie auf die junge Frau zu und spricht sie an. Was die Frau sagt, geht dem Mädchen nicht mehr aus dem Kopf. Und verändert ihr Leben.

So beginnt die Geschichte von Anna Of The North. Dies ist nicht etwa der Titel eines Fantasy- oder eines fluffig-romantischen Frauen-Romans. So nennt sich die Musikerin Anna Lotterud gemeinsam mit ihrem Bandpartner Brady Daniell-Smith als Electro-Pop-Duo. Beschaulich, übersichtlich ist Annas Leben in ihrer Heimat Norwegen bis vor fünf Jahren, bis zu der Begegnung mit der Fremden. Aufgewachsen im grünen Gjøvik nördlich von Oslo, studiert sie später Grafikdesign und lebt mit ihrem ersten Freund zusammen, es scheint alles klar zu sein. Doch irgendetwas in ihr sagt, dass das nicht alles sein könne: „Wenn alles gut ist, ist es vielleicht auch zu einfach.“ Die Frau in dem Modeladen erzählt von ihrer Tochter, die durch die Welt zieht, formuliert als Ratschlag, was Anna eigentlich schon weiß. Sie muss weg. Reisen. Das Bekannte verlassen. Das Gewohnte verlassen. Und auch das Geliebte verlassen. Neue Horizonte entdecken. Und letztlich auch sich selbst. Ihr Ticket dazu: ein Ticket nach Australien. „Als ich die Frau das letzte Mal traf, sagte ich ihr, dass ich das nächste Mal, wenn sie kommt, nicht mehr da sein würde“, erinnert sich Anna. „Ich würde sie gerne einmal wiedersehen.“ Zwei Monate später ist sie in Melbourne, wo sie weiter studiert und sich neu verliebt, nur um urplötzlich und unerwartet enttäuscht zu werden. Mitten im Herzschmerz lernt sie bei einem Konzert den neuseeländischen Produzenten Brady Daniell-Smith kennen, er steht auf der Bühne, sie ist im Publikum mit Freunden, singt am Ende seines Sets. Beide verbindet nicht nur Liebeskummer zu der Zeit, sondern auch die Liebe zur Musik. Und so bleiben sie in Kontakt, schicken sich Musik hin und her.
Brady überzeugt Anna, zwar Tochter eines Musikers, aber bisher – abgesehen von kleinen, einsamen Sessions mit ihrer Gitarre in ihrem Zimmer – ohne Musikerpraxis, zu singen und Lieder zu schreiben. Und sie fangen an, gemeinsam Musik zu machen. „Mein Vater ist Musiker, Musik war schon immer ein Teil von mir. In meinem Kopf ploppten Melodien auf und ich spielte sie, schrieb kleine Songs, aber nur für mich. Es war wie eine Art Tagebuch, sehr persönlich“, erzählt Anna von ihrer Beziehung zur Musik bevor sie auf Brady traf. Er steuert die elektronische Weite der australisch-neuseeländischen Szene bei, Anna das Skandinavisch-Minimalistische in Songwriting und Gesang: „Wir sind sehr verschieden, sind komplett unterschiedlich aufgewachsen, hatten komplett unterschiedliche Leben, aber Anna Of The North klingt nur mit uns beiden so.“ Zwei kulturelle Gegensätze, zwei unterschiedliche Temperamente treffen aufeinander und verschmelzen in einem reduzierten Sound unter dem Namen Anna Of The North, den Brady zunächst für Anna als Spitznamen gebrauchte. Das Ergebnis sind einige Singles und Remixe, die sie selbst überraschen, ebenso wie die Resonanz darauf. Anna und Brady laden ihr Stück „Sway“ bei Spotify hoch, „wirklich nur zum Spaß“, wie sie sagen, produziert haben sie es in den eigenen vier Wänden mit der Homesoftware GarageBand – es erreicht 15 Millionen Aufrufe. Ein Hit, praktisch über Nacht. „Das war der Moment, in dem Anna Of The North als echtes Projekt geboren wurde. Es ist kein feingeschliffener Song, es ist noch nicht unser Sound, aber er hat uns dazu gebracht, fortan ernsthaft Musik zu machen“, sagt Anna. „Wir suchen uns noch. Aber wir wollen nicht in ein bestimmtes Genre, sondern viel ausprobieren.“ Alles in allem schafft das Duo mit seinen ersten Tracks in drei Jahren über 60 Millionen Online-Streams, mehrere Nummer-1-Spots in den „Hype Machine“-Charts und Rotationen auf Radio 1, Triple J und Beats 1. Überwältigt und bestärkt von diesem Feedback und mit einem Plattenvertrag in der Tasche haben Anna und Brady nun ihr erstes Studioalbum produziert – mit zehn Tracks kommt es auf Different Recordings raus: „Lovers“.

„Mit dem Album sind wir jetzt auf einer ganz anderen musikalischen Ebene. Wir haben in den letzten Jahren so wahnsinnig viel gelernt.“ Sowohl technisch, in ihren Skills, als auch persönlich sind die beiden gereift. Anna ging durch eine erneute Trennung während der Albumproduktion, sammelte Liveshow-Erfahrungen, unter anderem mit dem norwegischen DJ und Produzenten Kygo auf Tour, überwand Lampenfieber, gewann Vertrauen in ihr Können, auch Brady überwand erneut eine zerbrochene Liebe, entwickelte sich als Produzent weiter. „Am meisten findet sich Brady in dem Song ‚Moving On’ wieder, er schrieb dieses Lied, als er Trost von einer starken weiblichen Protagonistin brauchte. Für mich ist ‚Friends’ der persönlichste Track, trifft mich mittendrin.“ Nicht zuletzt nimmt er ein Moment auf, das Anna Of The Norths Musik mal mehr, mal weniger, aber immer durchzieht – das Ende einer Liebe, das Weitergehen. „Es dauert, bis man hoffentlich wieder Freunde sein kann, bis man sich wirklich wieder akzeptieren kann. Ich habe nach längerer Zeit vor einigen Monaten jemanden wiedergesehen, mit dem ich zusammen war, und da war dann dieser Moment, in dem klar war, dass die Spannung weg ist, dass nun alles gut ist. Das ist sehr befreiend. Alle Menschen, die bisher in meinem Leben waren, sind auch heute noch bedeutend für mich, da auch sie mich so formten, wie ich heute bin.“
Da ist sehr viel Liebe herauszuhören. Liebe im Allgemeinen, zur Welt, zur Musik, zu Menschen. „Wir alle sind Liebende. Wir teilen Liebe und Musik“, erklären Anna und Brady, die mittlerweile beide in Norwegen leben. „Lovers“ will das große Gefühl, für viele das größte, in unterschiedlichen Facetten ausloten. Nicht nur in ihrer romantischen. Aber auch. Es geht um Liebe zwischen zwei Menschen, gebrochene Versprechen, Alleinsein, um Liebeskummer, der schließlich im Loslassen und Weitergehen mündet – und der sie als künstlerische Partner zusammenbrachte. „Ich glaube, ich bin kreativer, wenn ich Liebeskummer habe“, sinniert Anna, „es ist wichtig für mich, traurig zu sein, wobei ich gerade sehr happy und aufgeregt bin mit allem, was rund um das Album passiert“. Und sie und Brady sind sich einig, wenn er sagt: „Als ich am meisten darunter gelitten habe und jemandem zuhörte, der davon singt, was man gerade durchmacht, wusste ich, dass ich nicht verrückt bin, dass jeder einmal an dem Punkt war. Wenn man einen Song darüber schreibt, schließt man dieses Kapitel seines Lebens ab, man kann weiterziehen.“ Diese Hoffnung der Befreiung trägt das Lied „Moving On“: „Darling I know sometimes it’s hard to take. Believe me, I know you’re gonna make it through the day.”

Und so wie Songs anderer Musiker oder auch ihre eigenen ihnen selbst durch diese Zeiten des Bangens, Trauerns, Sehnens und Hoffens, der Wut und des Schmerzes halfen, merken sie nun, dass ihre Musik ebenso ihren Fans – oder Lovers, wie Anna und Brady ihre Fans nennen, Trost und das Gefühl gibt, verstanden zu werden. „Das klingt klischeehaft, aber genau deshalb macht man es. Es ist fantastisch zu denken, dass dir irgendwo auf der Welt jemand zuhört und es ihm tatsächlich etwas bedeutet“, sagt Anna. Vielleicht sieht derjenige sogar auch klarer, nachdem er den Titelsong gehört hat, über den Brady sagt: „Es geht um die Leere der unrealistischen Versprechen, die wir am Anfang einer Beziehung machen. Um die Versprechen, die wir wahrscheinlich nicht halten können, wie zum Beispiel: ‚Ich bin immer für dich da’ oder ‚Ich werde dich nie verlassen’.“ Große Worte, großes Wort Liebe.

Aus dem FAZEmag 067/09.2017
Text: Csilla Letay
Foto: Jonathan Vivaas Kise

Anna Of The North live:
14.10. Hamburg, Häkken
16.10. Berlin, Auster Club
19.10. Köln, Yuca

www.soundcloud.com/annaofthenorth