Boris Werner

Er gehört zu Amsterdam wie die Krachten und der ADE: Boris Werner. Diese menschgewordene Institution am DJ-Firmament muss man nicht groß erklären. Und so freuen wir uns wie die Jungfrau vor der Hochzeitsnacht, dass wir mit dem House-Pionier ein nettes Pläuschchen führen durften. Der Mann, der auf Get Physical und Voyage Direct releast hat und zu den Residents der Circoloco-Partyreihe auf Ibiza zählt, blickt mit uns auf die holländische Dance-Szene und ihre Entwicklung. Außerdem hat er uns verraten, wer ihn 2007 gefeuert hat und welches sein derzeitiger Top-Favorit im Plattencase ist. Ach – und natürlich haben wir uns mit ihm über die zwei niederländischen Vorzeige-Festivals unterhalten, bei denen Boris im Line-up steht: Mysteryland und Welcome To The Future. Viel Spaß beim überaus informativen und witzigen Interview.

Boris, du bist seit mehr als zehn Jahren einer der Lokalmatadoren der Amsterdamer DJ-Szene. Und Amsterdam zählt seit langer Zeit zu den wichtigsten, städtischen Wegbereitern für elektronische Musik – weltweit! Wie siehst du Entwicklung der holländischen Metropole und was ist deiner Meinung nach der Grund, dass Amsterdam so „big in Business” ist?

Das Wichtigste für einen so starken Wachstum ist eine gesunde Dance-Szene. Klar, die Promoter und Clubs führen einen erbitterten Kampf um Rang und Namen, aber letztendlich halten dann doch alle zusammen. Und das ist der positive Vibe, dass man miteinander arbeitet und nicht gegeneinander.
Was man keinesfalls außer Acht lassen darf, ist der Support, den die Szene von offizieller Seite bekommt. Die Behörden sehen die Clubszene als Kulturgut an und nicht – wie in anderen Städten – als lästige Begleiterscheinung. Und dank dieses Supports hat es Amsterdam so weit nach oben geschafft. Danke, liebe Politiker!
Des Weiteren darf man aber auch nicht vergessen, dass Amsterdam schon in den 1990er Jahren das Mekka der Tanzmusik war, mit berühmten Einwohnern, wie beispielsweise Derrick May, der hier lange Zeit lebte. Auch durch diese Entwicklung wurde alles rapide groß, größer und noch größer.

 

Die Liste der Amsterdamer Clubs ist lang. Was ist der „Spirit”, der die Clubs im Vergleich zu anderen Locations auf der Welt ausmacht? Und: Kannst du uns deine drei Favoriten nennen, in denen du am liebsten spielst?

Der „Spirit” der Amsterdamer Clubszene hat sich ziemlich gewandelt in den letzten Jahren. Vor allem, seit einige Clubs rund um die Uhr geöffnet haben dürfen. Das Trouw muss unbedingt erwähnt werden, weil es maßgeblich dazu beigetragen hat, dass die Sperrstunde nahezu aufgehoben wurde. Bevor das 24-h-Bespaßungsprogramm offiziell erlaubt wurde, erklang zwischen 5 und 6 Uhr morgens der letzte Beat aus den Boxen. Aber seit Lockerung der Öffnungszeiten haben wir in Amsterdam unsere ganz eigene Afterparty-Kultur (lacht).
Ach so, und meine Clubfavoriten sind derzeit: Shelter, Clair, Bret.

In den Niederlanden gibt es eine riesige Anzahl an riesigen Festivals jedes Jahr. Und du bist mit dabei. Wie beispielsweise bei Mysteryland und Welcome To The Future. Zwei Festivals mit einer langen Tradition. Dein Eindruck?

Diese beiden Festivals geben in den Niederlanden den Ton an – und zwar in vielfacher Hinsicht. Mysteryland ist das wahrscheinlich älteste Festival Europas im Bereich der elektronischen Musik und hat die Partylandschaft hierzulande geprägt wie kaum ein anderes Event. Und das WTTF hat für mich persönlich einen ganz hohen Stellenwert. Als ich vor ein paar Jahren einmal nicht dabei sein konnte, fühlte es sich für mich so an, als hätte ich meine „Residency” verloren. Ich verbinde so viele großartige Momente und Erinnerungen daran, die ich dort in den letzten zehn Jahren erleben durfte, sodass ich es kaum erwarten kann, 2018 wieder auf der Bühne zu stehen.

Mysteryland ist quasi „Die Mutter aller europäischen Festivals”. Es findet seit 1993 statt und zählt zu den größten und besten seiner Art. Warst du mal hier – in Zeiten, bevor du DJ wurdest? Und: Auf welcher Stage spielst du wann dein Set?

Ich glaube, es war 2005, als ich dort als ganz normaler Besucher war. Das Beeindruckendste ist definitiv die Größe des Festivals. Die riesige Location, die sich gefühl kilometerweit in alle vier Himmelsrichtungen erstreckt. Und glaub mir, ich war schon auf so vielen Festivals – wie I Love Techno und Dance Valley – aber Mysteryland toppt alles. Ich freue mich total auf meine Show am Samstag von 13.00h Uhr, die ich auf der „Paradise”-Stage spielen werde, die von keinem Geringeren als Jamie Jones gehostet wird.

Mysteryland steigt auf dem wundervollen Gelände der Floriade, wo einst die holländische Bundesgartenschau stattfand. Wie wichtig sind die Locations und ihr Look & Feel heutzutage, damit sie von Erfolg gekrönt sind?

Gerade weil die Dance-Szene so massiv in den letzten zehn Jahren gewachsen ist und sich verändert hat, ist die Location-Wahl für die Veranstalter mitunter das A und O. Denn sie stehen in einem wahnsinnig großen Wettbewerb – und jeder will das Extravagante und das Besondere seiner Party hervorheben. Die Location und die Deko sind in der Tat der „Point Of Sale”, um die Leute anzulocken – nebst tollem Line-up natürlich.

 

Beim Welcome To The Future Festival legst du auf der Mainstage von 14 bis16 Uhr auf. Wie gehst du an Sets ran, die du vor einer großen Menschenmenge spielst, und welche Technik verwendest du?

Normalerweise „plane” ich meine Sets ganz spontan und völlig auf das Publikum zugeschnitten. Ich nutze den Vibe, der mir in jenem Moment gerade vom Dancefloor entgegenschallt und pushe ihn mit dem richtigen Sound, um die Leute anzuheizen. Ich habe also auch immer ein paar „Festival-Banger” dabei, auf die ich zurückgreife.
Technik: Derzeit nutze ich den Alpha Recording System 9000 Rotary-Mixer am liebsten.

 

Deine Juni-Charts 2018 führen der Track „Stabilize“ als Ion Ludwig Reconstruction von Paul St. Hilaire & Rhauder an, releast auf Sushitech Records. Warum hat dich gerade diese Produktion so von den Socken gehauen?

Es ist die Art, wie Ion Ludwig das Ding produziert hat. Einfach einzigartig, mit einem gewissen Frischekick, der aus der breiten Masse total heraussticht. Der Remix ist so anders – die perfekte Balance zwischen Launenhaftigkeit und Dancefloor-Wumms. Ich war mit Ion vor Kurzem mal im Studio, und es war eine Wonne für mich, ihm bei seiner Arbeit über die Schulter zu schauen.

Kannst du dich noch an die Situation in deinem Leben erinnern, in der für dich klar wurde: „Ich werde ein DJ”?

Klar! Das war 2007. Ich war Nightmanager in einem Hip-Hop-Club – und wurde gefeuert. Ich dachte dann erst „Ok, was nun?!” und dann „Egal! Zeit, die Ärmel hochzukrempeln!” Und ich bin so dankbar, dass man mich gekickt hat – ich wäre sonst wohl nie DJ geworden (lacht)!


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