Charlotte de Witt by Nicolas Karakatsanis

Kaum ein Name fällt in letzter Zeit so ins Auge wie der der Belgierin Charlotte de Witte. Wie aus dem Nichts ziert sie plötzlich die Plakate großer Festivals und dirigiert von Beginn bis Ende ihres Sets einen sehr strengen Viervierteltakt. Dabei ist sie schon länger mit der elektronischen Musik vertraut, als man es zuerst vermuten mag. Zwar ist sie erst seit 2015 unter ihrem richtigen Namen bekannt, doch schon zuvor war sie vor allem in ihrer Heimat alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Erst kürzlich feierte sie ihren 25. Geburtstag und reist schon jetzt durch die ganze Welt. Ihr Studium als Eventmanagerin brach sie dafür ab. Ein Shootingstar, ein Stern am Technohimmel? Welche Floskel man auch gebrauchen mag, Charlotte de Witte hat um sich herum einen Hype kreiert, der wohl vor allem aus ihrem sehr prägnanten Stil resultiert. Auch wenn dieser für sie mehr oder weniger unerwartet kam, unzufrieden ist sie mit ihrer Situation keinesfalls – im Gegenteil.

Das kleine Land Belgien spielt nicht nur eine große Rolle im internationalen Politgeschehen, auch im Bereich der elektronischen Musik gewinnt unser Nachbarland immer mehr an Bedeutung. Durch Festivals wie Voltage, Tomorrowland, Dour und etablierte Venues wie Fuse oder Ampere glänzt Belgien in Sachen House und Techno mit beeindruckenden Festivitäten, die trotz der relativ kleinen Größe des Landes im internationalen Zirkus hervorstechen. Seit geraumer Zeit glänzt noch ein ganz anderer Name in der belgischen Szene, diesmal handelt es sich jedoch um eine Künstlerin: Charlotte de Witte.

Ein längeres Interview mit ihr zu ergattern, stellt sich dank ihrer gefüllten Agenda als schwierig heraus. Zwischen Stationen wie London, Ibiza oder Paris wird es eng und nicht leicht für sie, auch noch einen Interviewslot in ihrem Terminkalender freizuschaufeln. Während diese Zeilen getippt werden, sitzt sie wahrscheinlich schon wieder im Flieger nach Zypern oder Tel Aviv – auch eine Tour durch Australien und Südamerika steht bereits auf ihrer Liste. Trotz des Stresses lässt sie sich kaum etwas anmerken und umso erfreulicher war es, sie in bester Laune zwischen zwei ihrer zahlreichen Gigs anzutreffen.

Es ist faszinierend, dass ein Name die Szene im Sturm erobert, der noch vor einigen Jahren gänzlich unbekannt war. Auch für Charlotte selbst war die plötzlich ansteigende Popularität anfangs sehr ungewohnt. Freunde, Familie, jeder um sie herum musste zurückstecken, als plötzlich klar war, dass das Reisen um die Welt nun zu ihrem Job gehört. Doch sie nimmt es mit Fassung und versucht, ihr Leben dahingehend anzupassen. „Natürlich beeinflusst es mein Leben. Auf der anderen Seite lege ich bereits seit sieben Jahren auf und habe daher zum Glück nicht das Gefühl, dass gerade alles zu schnell passiert. Aber vor allem in diesem Jahr haben sich bei mir viele Sachen geändert. Ich spiele plötzlich kaum noch in Belgien, ich bin nur noch auf Reisen“, resümiert Charlotte kurz. Auch wenn es für sie ein Leben im ständigen Aufbruch bedeutet, genau das ist für sie die Motivation, weiterzumachen und sich vor allem einen Rahmen zu setzen, um Job und Familie unter einen Hut zu bringen. „Am Sonntag nehme ich beispielsweise immer den ersten Flug zurück. Selbst wenn das für mich heißt, keinen Schlaf zu bekommen. Wenn ich dann mittags zu Hause bin, habe ich immer noch den ganzen Tag, um mich mit meinem Freund oder Freunden zu treffen. Das ist und bleibt mir genauso wichtig.“ Und auch wenn Charlotte vor unserem Interview wohl kaum geschlafen hat, wirkt sie lebendig wie eh und je. Ob da ihr junges Alter eine Rolle spielt? Sie verneint es nicht, sieht genau das als ihren großen Vorteil. „Zwei oder drei Stunden Schlaf ist für mich kein Problem. Allerdings trinke ich auch kaum noch während meiner Gigs. Ich glaube, das würde meinen Körper nur kaputt machen.“

Dass Charlotte de Witte nun seit sieben Jahren auflegt, ihr Name aber erst seit kurzer Zeit die Spitzen von Charts und regelmäßig die Herzen ihrer Fans erobert, hat einen Grund. Gänzlich unbekannt war sie nämlich vorher nicht, nur wurde sie unter einem anderen Namen gefeiert, der aus heutiger Sicht skurril klingen mag. Es war der Name „Raving George“, unter dem sie ihre ersten großen Erfolge feierte, unter dem sie auch EPs wie „Obverse“ auf dem New Yorker Label Crux herausgebracht hat und sogar eine gemeinsame Platte mit Oscar and the Wolf aufnahm, die 2015 auf Platz 2 der belgischen Charts landete. Ihr Alias resultierte aus ihrer damaligen Überzeugung, dass man sie mit einem männlichen Namen ernster nehmen würde und ihre Musik, nicht ihr Geschlecht, hervorstechen würde. Sie wollte sich in einer Welt etablieren, in der Männer dominierten und weiblichen Newcomern noch mit großer Skepsis begegnet wurde. „Ich war damals 17 und zu diesem Zeitpunkt überkamen mich unzählige negative Kommentare. Als ich den Newcomer-Contest vom Tomorrowland gewann, formten sich sogar ganze Hass-Gruppen auf Facebook. ‚Sie gewinnt nur wegen ihrer Brüste ‘ oder ‚Wen hat sie dafür gevögelt‘ waren nur zwei der unzähligen Hasskommentare, mit denen ich mich auseinandersetzen musste. Aber auch damalige Freunde begegneten mir mit solchen Sprüchen. Diese sind zwar nicht mehr meine Freunde, aber in dem jungen Alter war das hart. Das verunsicherte mich ungemein. Als ich begann, in Clubs aufzulegen, wollte ich auf keinen Fall nur auf mein Geschlecht reduziert werden. Also wählte ich ein maskulines Pseudonym. Und so blöd es klingt, ich glaube, es hat geholfen“, reflektiert de Witte. Nun feierte sie kürzlich ihren 25. Geburtstag, die Unsicherheit ist verflogen, das Selbstvertrauen hat sich nach unzähligen Auftritten gefestigt. „Ich kann meinen Körper nicht ändern. Die Musik ist das, was ich in meinem Leben machen will, und deswegen habe ich auch keinen Grund mehr, mich zu verstecken. Die Änderung meines Pseudonyms in meinen richtigen Namen war ein erhobener Mittelfinger an alle damaligen Kritiker.“

Unter ihrem neuen, echten Namen taucht sie erst seit 2015 auf. Damals debütierte sie als Charlotte de Witte auf dem von keinem Geringeren als Tiga initiierten Label Turbo Recordings. Und das mit gleich zwei EPs in Folge: „Weltschmerz“ und „Sehnsucht“. Die Wahl der zwei deutschen und obendrein melancholischen Begriffe war eher zufällig, passte aber von Anfang an zu den Charakteristika der damaligen Tracks: hart, nachdenklich, melodisch. Viele ihrer weiteren Produktionen, wie auch die kürzlich erschienene „Wisdom“-EP, fokussieren sich eher auf gesampelte Vocals, bleiben dabei aber sehr funktional. Dieser gewisse Stil, den sie gekonnt als DJ, aber auch als Produzentin verkörpert, war es wahrscheinlich auch, der ihren Namen in den Herzen vieler ihrer Hörer festigte. Er ist gleichzeitig generisch und einfach gestrickt, bleibt aber durch die verschiedenen Abwandlungen von Gesangselementen abwechslungsreich. Auch wenn sie es, wie sie erzählt, persönlich gar nicht merkte, einen gewissen sich wiederholenden Stil in ihren Produktionen kann sie nicht abstreiten. „Ich liebe Vocals und finde, dass man mit ihnen auch eine gewisse Tiefe erzeugen kann. Ich kann mit ihnen kreativer umgehen als beispielsweise mit Percussions. Dabei müssen sie gar nicht sofort ins Gesicht schlagen. Sie können und dürfen auch sehr subtil sein und erzeugen dadurch eine gewisse hypnotische Wirkung. Hör dir ‚Voices Of Ancient‘ an. Wenn du da die Vocals rausnimmst, bleiben nur eine einfache Kickdrum und ein paar Percussions übrig. Nicht mehr.“ Dieser wiederkehrende Stil bleibt auch ihren Fans nicht verborgen. Als Charlotte de Witte einen ihrer Tracks auf einer anonymen Internetplattform hochlud, auf der User die Idee eines Tracks unbefangen bewerten konnten, war vielen sofort klar, dass sie dahintersteckte. „Ich würde nie sagen, dass meine Tracks wirklich wiedererkennbar sind, weil ich mich bei der Produktion nicht limitiere. Aber es ist schon ein Kompliment, wenn man als Artist unbewusst seinen eigenen Stil gefunden hat und der auch gut ankommt.“

Generell ist nicht nur um ihre Musik, sondern auch um ihre Person selbst ein regelrechter Hype entstanden. Viele User, auch vor allem die heimischen Medien, bezeichnen sie gar als „Belgische Queen des Techno“. Ein Begriff, der ihr schmeichelt, zugleich aber auch Unbehagen in ihr auslöst. Sie selbst würde sich so nie bezeichnen und dem auch nicht zustimmen, erzählt de Witte. „Es ist aber schön, dass ich bei den Leuten so einen großen Eindruck hinterlasse.“

Der Hype um sie könnte auch aus ihrem sympathischen, ruhigen und eloquenten Auftreten resultieren. Wer sie nicht kennt und zum ersten Mal sieht, würde bei ihrer eher lieblichen und ruhigen Art wohl kaum auf die Idee kommen, dass sie nachts die Clubs und Festivals mit Techno versorgt. Aber wahrscheinlich spielt ihr genau dieser Kontrast von Musik zu Person in die Hände. Sie verbindet einen warmen Wohlfühlfaktor mit kalten, rauen Geräuschkulissen. Während vor ihr hunderte Raver zu ihren kompromisslosen Beats abgehen, ziert sie ein sympathisches Dauerlächeln, dass sie mit ihren jungen Jahren gekonnt in Szene setzt. Charlotte de Witte möchte keine Starallüren ausstrahlen. Sie freut sich auf jeden ihrer Gigs so, als wäre es ihr erster überhaupt. Genauso schätzt sie es ungemein, neue Länder und Kulturen entdecken zu können, von denen sie vor einigen Jahren wahrscheinlich noch nicht einmal geträumt hat. Auch wenn im engen Tourplan die Zeit für Sightseeing-Touren eher begrenzt ist, das obligatorische Dinner mit dem Promoter hält sie für besonders wichtig, um auch die Menschen hinter ihren Reisen und den einzelnen Städten besser kennenzulernen. „Das brauche ich einfach. Ansonsten fühle ich mich wie ein Roboter, der lediglich von Gig zu Gig springt und nur funktionieren muss“, stellt Charlotte fest. Sowieso sind für sie das Reisen und die Menschen drum herum die wichtigsten Faktoren ihrer Karriere, neben der Musik selbst natürlich. „In Australien oder Südamerika will ich mir auch unbedingt Zeit nehmen, um mehr zu sehen als nur die Stationen, an denen ich spiele. Ich war noch nie dort und wenn ich so weit fliege, wäre es einfach dumm, das nicht zu tun.“

Generell kann man ihr eine durchgängige Bodenständigkeit nachsagen. Während sich wahrscheinlich viele andere Künstler – nicht nur in ihrem Alter – die Nächte um die Ohren schlagen, um neue Produktionen zu erschaffen, gibt sich de Witte sichtlich Mühe, eine gewisse Ruhe und Ordnung in ihrem Leben zu kreieren und das Kontrastprogramm auch in ihr privates Leben einfließen zu lassen. „Als ich anfing, Musik zu produzieren, habe ich mich die ganze Nacht eingeschlossen, um Musik zu machen, und tagsüber geschlafen. Aber das machte mich nicht glücklich. Ich glaube, unter der Woche brauche ich einfach diese regulären Zeiten, um zu arbeiten. Ich wache um 9:00 Uhr auf und gehe meist zu einer sehr vertretbaren Zeit ins Bett. Mir ist es wichtig, diesen Rhythmus zu haben, den auch ‚normale Menschen‘ besitzen. Ich möchte den Sonnenschein gerne erleben.“ Bei der Frage, wo sie denn gerne ihre nächsten Releases platzieren würde, gerät sie beinahe ins Schwärmen. Soma Records, Len Fakis Figure oder gar Ostgut Ton wären ihre Traumstationen. „Auch wenn ich gar nicht glaube, dass meine Musik zu letzteren passt“, rudert sie zurück.

Konkrete Pläne für ein Album hat sie hingegen noch nicht. Vorerst möchte sie sich eher auf EPs konzentrieren und so ihre vielfältigen musikalischen Seiten zum Ausdruck bringen. „Irgendwann will ich sicher mal eines auf den Weg bringen, klar. Aber wann, das weiß ich noch nicht. Es gibt bisher zwei Tracks, die ich nicht auf einer EP releasen würde, diese stecke ich schon mal in eine Schublade“, verrät sie. „Ich weiß sogar schon den Titel des Albums, aber den verrate ich natürlich nicht.“

Bevor de Witte jedoch weiter über ihr Album nachdenken kann, stehen noch so einige Termine in ihrem Kalender, die den Sommer und das Jahr gebührend abschließen sollen. Auch ganze neun Stationen sind bisher in Deutschland geplant: Das Klangtherapie Festival im Norden Bayerns sowie das New Horizons auf dem Nürburgring sind nur zwei davon, nach der Festivalsaison geht es weiter unter anderem in Hamburg, Stuttgart, Dortmund, München und Offenbach. Es bieten sich also zahlreiche Gelegenheiten, um sich auch hierzulande von ihrer Musik zu überzeugen.

Aus dem FAZEmag 066/07.2017