PressShot_Chloé_Alexandre_Guirkinger

 


Chloé Thévenin selbst ist wie ihr Vorname und gleichzeitiger Künstlername so französisch wie kosmopolitisch. Seit 20 Jahren in der Welt der elektronischen Musik zu Hause, hat sie nun ihren erst dritten Longplayer veröffentlicht. Unter dem Titel „Endless Revisions“ versammelt sie 13 facettenreiche Tracks auf ihrem neuen eigenen Label Lumière Noire. Unter diesem Label veranstaltete sie zunächst Partys im legendären Rex-Club in ihrer Heimatstadt. Viel zu umtriebig und neugierig ist die gebürtige Pariserin, um sich nur als DJ in Clubs oder im Studio aufzuhalten. So war sie in den sieben Jahren nach dem zweiten Album nicht untätig. Unter anderem komponierte sie den Soundtrack für den Film „Paris La Blanche”, arbeitete mit dem IRCAM, dem französischen Forschungsinstitut für Akustik/Musik, an einer Live-Installation, reinterpretierte Steve Reich mit der Schlagzeugerin Vassilena Serafimova und war natürlich auch in den Clubs dieser Welt als DJ unterwegs. Was sie sonst noch so tat und was das alles mit den Surrealisten zu tun hat, hat sie uns im Interview erzählt.

Chloé, dein dritter Longplayer „Endless Revisions“ kommt sieben Jahre nach dem Vorgänger „One in Other“ raus. Du hast dir Zeit gelassen …

In den sieben Jahren sind viele andere Dinge passiert. Ich habe auch produziert, aber ich war nicht darauf fokussiert, ein neues Album zu machen. Ich habe EPs und Remixe gemacht, beispielsweise für BPitch Control oder My Favorite Robot. Ich arbeite sehr regelmäßig im Studio, immer mehr auch an Material für Soundtracks – für Filme, Kurzfilme oder Dokus, die eine spezielle Stimmung haben. Ich bin da nicht hinterher, lege es nicht darauf an, aber die Art dieser Arbeit inspiriert mich. Mir war nach dem letzten Album nicht sofort danach, mich wieder in so einen langen Prozess zu begeben, den ein Album erfordert. Ich wollte eher etwas Kurzes machen, etwas, das schneller veröffentlicht wird und auch andere Menschen involviert.

Heutzutage sagen viele Künstler, das Format Album sei nicht mehr so relevant für sie – solange sie regelmäßige Releases haben. Wie siehst du das?

Das kann ich verstehen. Nach meinem letzten Album hatte ich wie gesagt auch nicht das Bedürfnis, ein neues zu produzieren. Auch weil ich mich gefragt habe, ob es überhaupt noch Sinn macht. Die Art, Musik zu hören, hat sich total verändert. Die Menschen stellen sich Playlisten mit Spotify, Deezer, Apple Music und anderen Diensten zusammen. Sie besitzen Musik immer seltener. Das Streaming nimmt immer mehr zu. Ich ließ diese Frage unbeantwortet und habe weiter Musik gemacht. Und an einem Punkt wollte ich dann aus persönlichen Gründen ein Album machen. Wenn es gehört wird, ist das cool. Wenn nicht, macht das auch nichts. Ich habe vorher anderes produziert und ich produziere auch danach noch andere Musik.

Du hast das Album also aus persönlicher Motivation produziert – wer ist Chloé?

Nun, ich lege unter meinem Namen Chloé auf, ich produziere EPs unter dem Namen Chloé, aber mit einem stärkeren Clubfokus. Ich hätte mich auch dafür entscheiden können, für Alben ein Projekt unter anderem Namen zu starten, da meine Alben nicht unbedingt clubfokussiert sind. Aber wer sagt, dass ich das tun muss? Wer macht die Regeln? Als ich vor 20 Jahren angefangen habe, war alles etwas anders, vielleicht freier. Heute ist es ein richtiges Business. Ich bin aus der damaligen Generation. Meine erste EP kam 2002 raus, damals ging ich schon in Richtung Downtempo, flirtete mit Gitarren, ein bisschen technoid. Meine Art, zu produzieren, hat sich nicht verändert. Ich habe meine Vision nicht geändert. So fühle ich mich frei. Natürlich muss man offen dafür sein, was rundherum passiert. Aber ich kann mich nicht ändern, ich weiß nicht, wie das geht. Wenn ich es anders machen wollte, könnte ich die Dinge nicht sagen, die ich sagen möchte.

Bedeutet Freiheit in diesem Zusammenhang, Grenzen von Musik auszuloten? Über welche Grenzen sprechen wir denn dabei? Oder gibt es überhaupt welche?

Die Grenze ist das System. Mich interessieren diese Grenzen nicht. Es gibt eigentlich keine. Ich habe nie so gedacht. Was bedeutet das? Ein Beispiel: DJ zu sein, ist ein richtiger Job. Produzieren ist wieder etwas anderes. Es kann damit verknüpft sein, muss es aber nicht. Es gibt großartige DJs, die schlechte Produzenten sind. Und andersherum gibt es das auch. Das ist das System. Jeder kennt es, man findet die Studioproduktionen einer Band gut, schaut sich dann ein Live-Konzert an und ist enttäuscht. Wenn ich ein Album produziere, das sich von meinen DJ-Sets abhebt, das andere Wege geht, dann kann das auch meinen, dass ich die Grenzen verschiebe. Jemand von außen würde es wahrscheinlich so nennen, aber ich nenne es einfach Freiheit. Für die Leute ist es sicher oft einfacher, in Genres und Kategorien zu denken. Elektronische Musik gibt einem sehr einfach die Möglichkeit, zu experimentieren – viel mehr als Rockmusik oder Ähnliches. Wenn ich als DJ agiere, erarbeite ich die Architektur eines Sets, als Produzent die Architektur eines Tracks. Meine Gigs als DJ helfen mir sehr, die Architektur der Musik zu verstehen. Man hat die direkte Antwort des Publikums, was sehr inspirierend ist.

Es geht ja um die Dramaturgie, wie in einem Film …

Ja, absolut. Darum geht es.

Du sagtest, dass die elektronische Musik einem sehr viel mehr Freiheiten lässt als andere Genres. Ist das vielleicht noch das Gefilde, wo echte Avantgarde entstehen kann?

Das ist eine gute Frage. Manche Rockbands etwa kreieren auch Neues. Ich höre sehr viel verschiedene Musik, weil ich sehr neugierig bin, das kann sehr inspirierend sein. Ich mag auch sehr die Sachen aus den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern. Die Produktionsweise war beispielsweise sehr anders, es ist spannend, zu sehen, wie sich alles entwickelt und verändert hat. Aber ich will auf gar keinen Fall etwas reproduzieren, auch nicht meine eigenen Tracks. Meine Herausforderung ist es, etwas Neues, etwas anderes zu schaffen. Das ist wie ein Spiel. Wenn man sich das bewusst macht, ist dies vielleicht eine Art avantgardistischen Denkens. Elektronische Musik kann viel mehr Stilmixe hervorbringen. Man ist auf neue Technologie angewiesen. Ich benutze zwar alte Vintage-Synthesizer in meinem Studio, aber ich nutze natürlich auch neue Plugins und bin angewiesen auf neue Features. Es fasziniert mich, diese beiden Bereiche zu verbinden. Allein auf der technologischen Seite passiert im elektronischen Bereich viel mehr als in anderen musikalischen Gefilden.

Das deutet alles in Richtung Zukunft. Du sagst ja auch, dass die technische Entwicklung nicht bedeuten muss, dass das Emotionale ausgelöscht wird, sondern oft genau das Gegenteil. Das Thema „Mensch und Technologie“ ist auch eines, das Kraftwerk aufgegriffen und stark beeinflusst haben.

Ich mag sie sehr, aber sie sind nicht die Gruppe, die mich am meisten inspiriert hat. Ich habe sie vor Kurzem gesehen, aber letztlich standen sie nur vor ihren Computern und bewegten sich nicht. Es war nicht schlecht, aber berührte mich nicht so. Als ich anfing, elektronische Musik zu machen, hatte ich ein Album von Kraftwerk, das war eine meiner ersten Vinyls und ich hörte es sehr viel. Als ich sie entdeckte, waren sie experimentell, neu. Und dann kam sehr viel New Wave. Mit Synthesizern. Das hat mich noch mehr inspiriert, es war noch dunkler, flirtete mit etwas Punk, es war etwas experimenteller, etwas deeper. Auch Gruppen aus den Siebzigern, aus der Zeit, bevor der Punk aufkam, haben mich inspiriert. Velvet Underground zum Beispiel. Und danach kamen Brian Eno, Roxy Music, David Bowie, all der Post-Punk, der mich ebenfalls sehr prägte. Es war vielleicht eine Mischung aus allem. Ich bin aber auch ein echtes Kind der Achtziger. Die Musik hat mich beeinflusst.

Auch in deinem neuen Album hört man das raus, die Stimmung eines Achtziger-Films vielleicht ein bisschen … Du machst ja auch viel Musik für Filme. Hast du beim Produzieren diesen cineastischen Blick, einen visuellen Zugang zur Musik?

Musik für Filme zu machen, ist sehr speziell. Ich habe das nicht gesucht, sondern kam über Freunde dazu. Als ich anfing, Musik zu machen, war es, wie einen Soundtrack zu Bildern in meinem Kopf zu schaffen. Als ich sehr jung war, habe ich unheimlich viele alte Filme geschaut. Aus den 50er- und 60er-Jahren, speziell aus Amerika. Im französischen Fernsehen lief auf dem dritten Kanal um Mitternacht ein Programm, das diese Filme zeigte. Ich lieh mir auch viele VHS-Kassetten aus. Ich entdeckte auch die Verfilmung von „1984“, von George Orwells Buch. Ich suchte dann nach weiteren solchen futuristischen Filmen. Außerdem hörte ich als Kind auch viele Hörspiele. Ich glaube, der erste Schritt bei meinem kreativen Prozess ist der, dass ich ein Bild im Kopf habe und dann einen Soundtrack dazu kreieren möchte. Musik war für mich immer mit Bildern, mit Fantasie verbunden.

Welche Bilder und Geschichten wolltest du denn mit dem neuen Album erzählen?

Ich wollte eine Landschaft malen, mit meinem Sound. Ich habe das Gefühl, dass ich Raum brauche. Ich gehe oft in die Berge und ans Meer. Ich brauche die Weite. Ich suche immer einen Moment, wo ich zu allem Abstand finden kann, zum vielen Reisen und der Arbeit im Studio … Unser Leben ist heute sehr komplex, mit all der Technologie, den Aggressionen, mit all den Informationen, die auf uns einprallen. Mit meiner Musik will ich teilweise dazu auch einen Ausgleich schaffen. Es geht möglicherweise auch darum, mit diesem Album meine Balance zu finden. Meine eigene Landschaft zu finden. Es geht immer um Bilder, die man in Layern versucht zu malen. Noémie Goudal hat das Artwork für das Album gemacht. Sie ist eine französische Fotografin, Künstlerin. Ich war nahezu besessen von ihrer Kunst und wollte unbedingt, dass sie es designt. Es trifft genau die Stimmung, um die es mir geht – Landschaften. Sie versucht dabei auch immer, eine Verbindung zwischen Realität und Fiktion zu schaffen. Darum geht es auch in meiner Musik. Ich versuche, meinen eigenen Film, mein eigenes Bild zwischen Wahrheit und Fiktion zu erschaffen.

Geht es also auch um Illusion?

Es ist eine Art von Illusion, aber nicht zu 100 Prozent. Es geht um diesen Moment zwischen Realität und Fiktion und wenn beides aufeinandertrifft. Man weiß nicht genau, was es ist. Es ist ein wenig verstörend. Man ist sich nicht sicher.

Du scheinst ein Faible für Science-Fiction zu haben. Hast du denn den Film „Blade Runner 2049“ gesehen?

Leider noch nicht, ich war in Mexiko auf Tour, aber er steht ganz oben auf meiner Liste. Ich bin ein großer Fan des ersten Films, ich liebe Achtzigerjahre-Filme. Als „Blade Runner“ rauskam, war das einfach nur: wow. Der Regisseur des neuen „Blade Runner“-Films, Denis Villeneuve, ist einer meiner Lieblingsregisseure momentan. Er setzt oft auf Entschleunigung und Langsamkeit in Momenten, wo andere Regisseure traditionell schnell oder schneller erzählen würden. Er macht genau das Gegenteil von dem, was andere normalerweise tun. Das verleiht seinen Filmen eine große Kraft. Außerdem setzt er stark auf Sounddesign. Zwar nicht für diesen Film, aber er kollaborierte zum Beispiel öfter mit dem isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson. Ich denke, die Verbindung zwischen Bild und Musik ist bei ihm perfekt. Meiner Meinung nach ist er einer der interessantesten Regisseure derzeit. 

Warum hast du dein neues Label „Lumière Noire“ genannt? Das ist doch ein Widerspruch in sich …

Ich wollte erstens einen französischen Namen. Zunächst suchte ich einen englischen, aber dann dachte ich: warum? Und dann war die Idee, zwei Begriffe zu finden, die gegensätzlich sind. Ich mag diese Art von Ambivalenz. Auch bei Musik mag ich die Ambivalenz von Tracks. Und auch bei Menschen. Außerdem ist Lumière Noire das Schwarzlicht im Club. Und ich denke, elektronische Musik hat auch Berührungspunkte mit dem Surrealismus. Die Surrealisten sahen den Prozess der Kreation als frei und offen an. Sie sagten im Prinzip: Mach einfach. Denk nicht viel darüber nach. Denk nicht in Grenzen. Viel mehr als andere Genres ist die elektronische Musik genau dafür offen. Der französische surrealistische Schriftsteller André Breton hat einen kleinen Aufsatz geschrieben mit dem Titel „Lumière Noire“. In diesem Text geht es um Ästhetik und das Sprengen von Grenzen. So schließt sich der Kreis.

Vor einigen Jahren habe ich vom französischen öffentlich-rechtlichen Hörfunk eine Anfrage bekommen, einen Beitrag zu produzieren. Es gibt ein Format, bei dem Künstler ihr eigenes Programm von 40 Minuten gestalten können. Ich durfte ein Thema aussuchen. Und dann habe ich nach einigem Nachdenken den Dadaismus und Surrealismus ausgewählt. Man bekommt Zugang zu allen Archiven, was absolut faszinierend ist. Man kriegt Zugang zu Material, das man sonst nirgendwo findet. Ich habe mir Unmengen von Interviews angehört. Es ist der Wahnsinn. Von Marcel Duchamp, Man Ray und vielen anderen. Ich habe eine freaky Collage gemacht, im Sinne der Dadaisten und Surrealisten, mit der heutigen Technik. Ich habe Musik von mir benutzt, Interview-Fragmente und einiges mehr. Ich habe also ein surrealistisches Stück in surrealistischer Sprache produziert. Es hat unglaublich Spaß gemacht. Der Beitrag ist außerdem auf einer CD zu einem Kunstbuch erschienen. Im Anschluss wurde ich dann gebeten, eine spezielle Live-Performance im Centre Pompidou zu machen, um das Stück zu präsentieren. Dann folgte noch eine Show für die Eröffnung einer Ausstellung über Surrealismus. Es kamen dadurch einige sehr interessante Gigs zustande, an Orten, wo ich sonst hätte niemals spielen können.

Was ist das Ambivalente an dir?

Das ist schwierig. Die Frage macht mir erst bewusst, dass ich ambivalent bin, aber so fühle ich mich nicht. Es ist normal für mich. Einerseits versuche ich, offen für alles zu sein, andererseits mache ich alles so, wie ich es will.

 

Aus dem FAZEmag 069/11.2017
Text: Csilla Letay
Foto: Alexandre Guirkinger
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