Das kanadische Electro-Funk-Duo Chromeo  um David „Dave 1“ Macklovitch sowie Patrick „P-Thugg“ Gemayel kombiniert seit seiner Entstehung im Jahr 2002 verschiedenste Stile wie Soul, Dance, Rap, Funk, House, Disco und Synth-Pop. Mit „Head Over Heels“ kündigen die beiden nun ihr fünftes Album an – drei Jahre nach dem Vorgänger „White Woman“. Das Werk widmen sie ihrer nun schon 20-jährigen Freundschaft.

Chromeo_Press_Image_2018_25
An dem Langspieler, der am 15. Juni erscheint, arbeiteten Dave und P. in den vergangenen zwei Jahren in ihrem Studio in Los Angeles. Sie schlagen dabei Brücken zwischen Generationen und zahlreichen Genres. „Nun, wir wollten dieses Album mit einem ganz besonderen Sound versehen, so ähnlich wie ,Aja’ von Steely Dan aus dem Jahr 1977. ,Aja’ steht mittlerweile dafür, das Studio nach L.A. zu verlagern, um Musik aufzunehmen, neue Kollaborationen einzugehen, eine neue Herangehensweise zu kreieren und seine Messlatte zu erhöhen. Auch die kalifornische Sonne und gute Laune waren entscheidende Faktoren bei der Entscheidung für den neuen Standort. Nicht ohne Grund heißt das Album ,Head Over Heels’. Der Prozess im Studio war superfamiliär – das gilt für die Arbeit mit allen Gast-Musikern, die wir vor Ort hatten. Wir hatten noch nie zuvor so viele Kollaborationen. Aber gleichzeitig klangen wir noch nie so sehr nach Chromeo. Das liegt wohl daran, dass wir noch nie so viel Zeit damit verbracht haben, sämtliche Details zu bearbeiten und alles so genau wie möglich einzuspielen. In Sachen Funk waren wir nicht mehr so präsent seit 2007 mit ,Fancy Footwork’.“

Zu den Gast-Akteuren im Studio zählen unter anderem The-Dream, Stefflon Don, French Montana und Amber Mark, im Bereich Vocals Neo-Soul-Legende Raphael Saadiq, 2000er-R&B-Mastermind Rodney Jerkins, D’Angelos Kreativpartner Pino Palladino und das New Yorker Onyx Collective sowie in Sachen Sound Mitglieder von Mtume und Toto. Und so liegt die Erklärung dafür wohl auf der Hand, wie es der eigentlichen Zwei-Mann-Combo gelungen ist, so viele verschiedene Einflüsse auf einer einzigen Platte zu vereinen. „Wir sind wohl die Einzigen, die Pino Palladino und French Montana auf einem Album vereinen konnten. Es war unser Ziel, diese Lücke zwischen den Generationen und der jeweiligen guten Musik zu füllen. So treffen hier Jessie Johnson und The-Dream aufeinander. Wir wollten den Funk aus jemandem wie DRAM herausholen, genauso wie er den Prinzen bei The-Dream zum Vorschein gebracht hat. Diese ganzen neuen sowie alten Hypes haben wir in der Chromeo-Matrix vereint und ihnen unseren Tribut gezollt.“ Und während ein Song wie der absolut typische Low-Rider-West-Coast-Funk daherkommt, so erscheint der nächste im souligen Steely-Dan-Gewand mit einer Menge Gospel und Live-Instrumenten. „Sogar unseren Helden DJ Quick haben wir auf dem Album untergebracht, indem wir ihn zwischen den Songs sprechen lassen.“ Generell klingt das Album wesentlich instrumenteller und weniger nach Studio. Kein Copy-and-paste, keine Quantisierung der Gitarren, deutlich zu hören auf „Must’ve Been“ – sämtliche Songs wirken daher menschlicher, organischer und weniger feingeschliffen.

Äußerst menschlich wirkt auch das Video zu der Single-Auskopplung, in der sie ihre nun schon über zwei Jahrzehnte andauernde Freundschaft zelebrieren. „Wir kennen uns bereits seit unserem 15. Lebensjahr, da erlebt man einige prägende Phasen miteinander. Ich würde schon fast sagen, wir sind verheiratet und länger ein Paar als so manch richtiges Pärchen. Wir haben, glaube ich, jeden Tag in diesen über 20 Jahren miteinander verbracht oder zumindest an jedem einzelnen Kontakt gehabt. In dieser Verbindung hat jeder von uns bestimmte Verantwortlichkeiten beziehungsweise Aufgaben, die sicherstellen, dass alles geregelt ist und das gesamte Hamsterrad am Laufen gehalten wird. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass wir uns jeden Tag den Arsch dafür aufreißen. Natürlich geht man sich dabei auch mal auf die Nerven, aber wir kennen uns mittlerweile schon so gut, dass man viele Dinge versteht und ein tiefes Vertrauen entwickelt hat. Und nur so läuft es.“ Das klingt sehr harmonisch und freundschaftlich. Dennoch möchten wir wissen, was den einen jeweils am anderen am meisten stört – Dave beschreibt die seiner Meinung nach größte Macke seines Partners sowie seine eigene so: „P. ist langsam und ich bin ungeduldig. Deshalb verliere ich jedes Mal die Beherrschung, wenn er langsam ist. Er denkt dann, ich sei ein verdammter Psychopath, weil ich nicht ein paar Minuten auf etwas warten kann. Ein Teufelskreis. Aber ich lerne dabei, nicht nur ihm zu vertrauen, sondern Vertrauen in alles zu haben. Auch wenn es manchmal kracht, haben wir irgendwie ein System entwickelt, um damit umzugehen. Er weiß mittlerweile, dass mein Hirn die gesamte Zeit auf Dauerstrom läuft und dass es manchmal zu einem Kurzschluss kommt. Wir sind beste Freunde und Partner. Wir würden niemals etwas auf eine Platte packen, was wir nicht beide unfassbar gut finden. Das ist unser Grundprinzip.“ Die beiden befinden sich gerade auf Album-Tour und werden schon bald erste Termine in Europa haben. „Es wird eine Menge Chrom geben, ist ja klar. Außerdem gibt es zwei Typen zu sehen, die extrem dankbar dafür sind, dass sie bereits seit so langer Zeit so unfassbar großen Support bekommen. Es wird funky, es wird laut, es wird cool.“ Einen Plan für die Zeit nach der Tour gibt es ebenfalls bereits: „So schnell es geht wieder ins Studio und neue Musik aufnehmen. We’re never going to stop.“

Text: Rafael Da Cruz
Aus dem FAZEmag 076/06.2018

 

Noch mehr Interviews:
The Yellowheads – Maskierter Exportschlager
Giorgia Angiuli – Talent und Stil und Talent
Dominik Eulberg – 41 Kiebitze im Nebel

Benno Blome – Bereit für den Sommer
Niereich – Streben nach künstlerischer Freiheit