Es gibt immer wieder Momente im Leben, in denen man seine schützende Komfortzone verlassen und sich auf die Suche nach neuen Wegen machen muss. Das erlebte auch das schottische Electro-Pop-Trio CHVRCHES: Nach zwei von Fans und Kritikern euphorisch abgefeierten Longplayern war für Sängerin Lauren Mayberry und ihre beiden Jungs so langsam Schluss mit Welpenschutz. Für die eingeschworene Troika aus dem regnerischen Glasgow eine mehr als willkommene Herausforderung: Auf ihrem dritten Album „Love Is Dead“ präsentieren sich CHVRCHES nun so kontrovers und angriffslustig wie nie zuvor.

 

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Mit ihren ersten beiden Alben „The Bones Of What You Believe“ (2013) und „Every Open Eye“ (2015) setzten sich CHVRCHES quasi über Nacht an die Spitze einer völlig neuen Art von Electro-Pop-Bands. Eine Künstlergeneration zwischen DIY-Ideologie und Mainstream-Fame war entstanden, die keine Scheu mehr vor Ecken und Kanten hatte und die plötzlich mit ungewöhnlich dunklen Sounds, knarzenden Beats und einer trotzdem seltsam vertrauten Indie-Catchyness die weltweiten Charts aufmischte. Mittlerweile haben Frontfrau Lauren Mayberry, Iain Cook und Martin Doherty – beide an den Synthies und für die Backing-Vocals zuständig – mehrmals den gesamten Globus betourt und sind gerne gesehene Dauergäste auf internationalen Super-Events wie dem SXSW, dem Coachella Festival, dem Melt! oder dem Lollapalooza – wichtige Erfahrungen, die das neue Album der Schotten hörbar geprägt haben. Nach vielversprechenden Vorab-Outtakes wie „Get Out“, „My Enemy“ und „Never Say Die“ legen CHVRCHES nun mit „Love Is Dead“ ihre Reifeprüfung ab. FAZE traf das Trio zum Acht-Augen-Gespräch.

Auf „Love Is Dead“ geht ihr in vielerlei Hinsicht neue Wege: Ihr habt zum ersten Mal mit einem Produzenten zusammengearbeitet, einen Live-Drummer ins Line-up integriert und euch für die Studioaufnahmen nach New York und Los Angeles verzogen. Ein echtes Rundum-Makeover!

Lauren: Es ging tatsächlich darum, die Dinge diesmal ganz bewusst anders anzugehen. Wir wollen uns logischerweise nicht wiederholen und probieren uns immer weiter aus. Viele Bands nehmen heute ein tolles Debütalbum auf und verschwinden dann wieder sang- und klanglos in der Versenkung. Zumindest für mich fühlt es sich so an, als wären unsere Platten und auch unsere Live-Shows Teil einer ständigen Weiterentwicklung.

Wie haben sich die Aufnahmen im turbulenten Big Apple gestaltet?

Lauren: Es war ein bedeutender Schritt. Wir alle hatten einen Tapetenwechsel nötig. Uns war aber wichtig, nicht diesem Klischee zu verfallen, so etwas wie eine „New York“-Platte aufzunehmen. Musikalisch findet sich die Stadt nicht in den Songs wider – im Gegenteil. Das Studio war exakt so eingerichtet wie unser eigenes in Glasgow. Der einzige Unterschied bestand darin, dass es ein wenig kleiner, dafür aber viel teurer war. (lacht) Ich hatte in New York schon eine Weile gelebt, zwischen unseren US-Touren; der Band hat es geholfen, noch einmal näher als Einheit zusammenzurücken. Wir haben alle nur ein paar Blocks entfernt voneinander gewohnt und in dieser Zeit zu unserer alten „Wir gegen den Rest der Welt“-Mentalität zurückgefunden. Wir sind nun mal ein wilder Haufen – und das wollen wir uns auch weiterhin erhalten.

Ein wilder Haufen, der mit eurem Live-Drummer kürzlich Zuwachs bekommen hat!

Iain: Wir haben schon immer an dieser Hybridmischung aus organischen Instrumenten und einem synthetischen Grundgerüst herumgeschraubt. Leider hat sich das Endergebnis niemals stimmig angehört. Auf dem neuen Album ist uns zum ersten Mal ein wirklich guter Mix gelungen. Es sollten generell mehr echte Instrumente wie Drums, Gitarren und Bass zu hören sein. Das haben wir auch konsequent umgesetzt. 90 Prozent der Beats sind diesmal komplett live eingespielt.

CHVRCHES als richtige Rockband, die demnächst bei ihren Auftritten das Schlagzeug in Brand setzt?

Lauren: Eigentlich haben wir uns schon immer als Rockband betrachtet. Gerade die Gigs auf der letzten Tour hatten in meinen Augen alles, was eine gute Rockshow ausmacht. Was die Energie der Performance angeht, stehen wir einer Gruppe wie Depeche Mode sicherlich näher als beispielsweise Kraftwerk. Auf gewisse Weise sind unsere Auftritte mit einem echten Drummer tatsächlich maskuliner geworden. Wir haben schon immer Wert darauf gelegt, nicht zu niedlich oder zu steril zu wirken. Aber ich glaube, wir haben noch nie etwas angezündet. Jedenfalls nicht auf der Bühne. Ich habe heute Morgen vergessen, das Glätteisen in meinem Hotelzimmer auszuschalten. Glücklicherweise war es noch nicht zu spät, sonst hätte ich wohl das ganze Gebäude abgefackelt. Das wäre dann sicher die ultimative Rockstar-Geste gewesen.

Martin: In einer meiner ersten Bands hat ein Typ ständig Feuerwerkskörper mit zu den Proben gebracht und Dinge in die Luft gejagt. Ich bin dann aber schon sehr bald wieder ausgestiegen.

Ein Großteil der Songs entstand in Zusammenarbeit mit Sia/Adele-Produzent Greg Kurstin. Außerdem habt ihr euch Rat bei Pop-Legende Dave Stewart geholt.

Lauren: Auf uns alle hatten die Eurythmics und später auch die Solo-Alben von Annie Lennox einen wahnsinnig großen Einfluss. Anfänglich waren wir ganz schön eingeschüchtert; Dave Stewart ist so ein lässiger und interessanter Mann, der sich seine kindliche Neugierde in Bezug auf die Musik bewahrt hat. Er hat Dinge gewagt, die in der Popmusik bis dahin undenkbar waren. Leider sind die von ihm produzierten Songs nicht auf dem Album gelandet. Sie entstanden sehr früh und passten irgendwann nicht mehr zum Rest der Platte. Aber wir werden definitiv in Zukunft wieder mit ihm arbeiten! Es ist ein tolles Kompliment, dass ein Künstler wie er, der so großartige Songs geschrieben hat, etwas Besonderes in uns sieht, das ihn begeistert. Er hat uns Mut gemacht, diesen Weg weiter zu gehen. Und hey: Was Dave Stewart sagt, das muss ja wohl stimmen!

Martin: Das erste Treffen mit ihm war superpeinlich. Unser Management hatte einen Termin mit ihm ausgemacht, bei dem wir leider eine volle Stunde zu spät erschienen. Er war natürlich alles andere als begeistert, während wir uns in Grund und Boden schämten. Doch irgendwann war das Eis gebrochen und wir fingen an, gemeinsam zu jammen. Bei den nächsten Sessions standen wir regelmäßig überpünktlich vor seiner Tür. Daraus hat sich langsam eine echte Freundschaft entwickelt.

Das Thema Freundschaft findet man auf eurem neuen Album „Love Is Dead“ allerdings nicht – eher Gegenteiliges: Inhaltlich geht es größtenteils um den Verfall von Moral und Sitten, um Desillusionierung, Homophobie und fehlendes Mitgefühl in einer tief gespaltenen Zeit.

Lauren: Ich spreche nicht von romantischen Liebesbeziehungen, wenn ich den Begriff „Love“ verwende. Es geht um die Suche nach der richtigen Balance zwischen Positivem und Negativem. Um die Erkenntnis, dass nicht immer alles schwarz oder weiß ist, sondern dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt. Je älter man wird, desto stärker wird einem bewusst, dass das Leben oftmals aus Kompromissen besteht.

In „Graves“ beschreibst du die Fernsehbilder von an den Stränden angespülten Flüchtlingsleichen. Der Track trifft eine ungewohnt deutliche Aussage, die auch einen starken politischen Gehalt hat.

Lauren: Wir haben eine Weile gebraucht, um zu erkennen, wer wir sind. Als Menschen und als Band. Auf dem ersten Album war alles noch sehr klausuliert und metaphorisch gehalten. Auf dem nächsten wurden die Aussagen schon konkreter und auf der neuen Platte wird sehr klar, wovon ich rede. Man muss sich nicht zwingend als politische Band betrachten, um politische Dinge auszusprechen. Schon die Frauenbewegung der 70er-Jahre hat ein wichtiges Motto geprägt: Das Private ist politisch. Und umgekehrt. Beides ist untrennbar miteinander verbunden. Ich mag es, dass diese Band eine starke Identität und ein ebenso starkes Arbeitsethos hat. Leute, die zu unseren Shows kommen, kommen nicht nur, um zu tanzen, sondern auch weil sie sich mit uns identifizieren und sich als Teil von etwas Größerem fühlen. Statt Wegwerf-Unterhaltung bieten wir eine deutliche Message an. Bis vor Kurzem war der Begriff Pop noch ein Schimpfwort. Wir zeigen, dass populäre Musik nicht gleichbedeutend mit plattem, austauschbarem und bedeutungslosem Müll ist. Wir machen Pop mit Botschaft.

Auch in dem Stück „Deliverance“ nimmst du kein Blatt vor den Mund und behandelst das Thema Kirche und organisierte Religion.

Lauren: Gerade bei uns in Schottland und Irland besteht bekanntlich ein ganz besonderes Verhältnis zur Kirche. Meine Mutter arbeitet als Lehrerin – sie kann aber als Protestantin nur in protestantischen Schulen unterrichten. Selbst wenn man seine Religion nicht aktiv ausübt, spaltet die Kirche die Menschen auch heute noch. Religion mag für viele ein Trost sein, doch man darf nicht leugnen, dass die Kirche auch unterdrückt und ausgrenzt. Die öffentliche Meinung der amerikanischen „Christian Rights“-Bewegung über Frauenrechte oder die LGBT-Community ist einfach nur ekelerregend. Wie man nur so heuchlerisch sein kann! Man predigt Frieden und Liebe, sät aber im Grunde nur Gewalt und Hass.

Zu Gründungszeiten bist du für deine klaren Worte über modernen Feminismus und Gewalt gegen Frauen angefeindet worden. Heute ist das Thema im Mainstream angekommen. Eine Genugtuung?

Lauren: Schon seit meinem 16. Lebensjahr spiele ich in Bands und mache dort als Frau gewisse Erfahrungen. In einer bekannten Formation wie CHVRCHES nimmt man alle guten Seiten noch einmal verstärkt wahr. Und natürlich auch alle schlechten. Ich glaube nicht, dass wir so lange überlebt hätten, wenn wir uns nicht als feste Einheit zu Themen wie Frauenhass, Sexismus und Homophobie geäußert und klar Position bezogen hätten. Schweigen ist ungesund. Anfänglich habe ich mich nur aus reinem Selbstschutz heraus gewehrt. Heute würde ich es eher als eine generelle Einstellung bezeichnen. Wir haben während der hinter uns liegenden Jahre wahnsinnig viel erlebt und lassen uns nicht vorschreiben, was wir zu tun oder zu lassen haben. Es heißt immer, wenn man Erfolg haben wolle, müsse man sich verdammt noch mal an die Regeln halten. Und dazu gehört für viele Menschen in der Unterhaltungsindustrie auch, bei gewissen Dingen einfach den Mund zu halten. Doch in dieser Sache machen wir keine Kompromisse. So sehr könnte ich mich gar nicht verstellen. Man muss sich im Spiegel immer ins Gesicht blicken können – das kann man nur, wenn man ehrlich bleibt und auch mal unbequem ist.

Du bist letztes Jahr 30 geworden. In dem Track „Graffiti“ beschäftigst du dich mit dem Erwachsenwerden. Eine Spätfolge dieses runden Geburtstages?

Lauren: Nicht wirklich. Ich habe schon öfter versucht, einen Text übers Erwachsenwerden zu schreiben, doch es hat tatsächlich erst während unserer Studiozeit in Los Angeles geklappt. Ich kann manchmal sehr nostalgisch sein. Ich blicke dann zurück und werde unfassbar traurig, weil ich viele Dinge vermisse, die heute nicht mehr in dieser Form existieren. Doch ich glaube, das geht uns allen so ab einem bestimmten Alter.

Die Texte erscheinen mir durch ihre weniger verklausulierte Art diesmal viel aggressiver und konfrontativer. Würdest du da zustimmen?

Lauren: Die Lyrics sollten einfach weniger abstrakt und direkter sein. Einer meiner absoluten Lieblingsmusiker ist Nick Cave. Er schafft es immer wieder, mit seinen Texten große Bilder zu malen, dabei aber trotzdem sehr persönlich zu bleiben. Ich lerne bei jedem Song aufs Neue, wie sehr man Teil seines eigenen Problems ist. Mir ist klar geworden, dass es völlig okay ist, verwirrt oder frustriert zu sein. Hauptsache, man spricht darüber und frisst es nicht in sich hinein.

Insgesamt ist „Love Is Dead“ aber ein eher düsteres Album, oder?

Lauren: Das hat sicherlich zu einem gewissen Teil mit der Musik zu tun, mit der wir aufgewachsen sind. Vielleicht sind wir eines Tages so glücklich, dass wir nur noch fröhliche Songs schreiben können und uns nicht mehr mit unseren Problemen rumquälen müssen. Der Albumtitel mag sich im ersten Moment düster und negativ anhören. Doch Martin hat es am besten formuliert: Man muss sich am Ende ein Fragezeichen hinzudenken und das Leben als Kreislauf sehen. Wir sind momentan an dem Punkt angelangt, an dem die Liebe stirbt. Doch was kommt danach? Vielleicht fängt alles wieder von vorne an. Mit der Wiedergeburt der Liebe. Ich suche grundsätzlich das Gute im Menschen und ich weigere mich, zu glauben, dass das schon alles war. Das ist noch nicht das Ende. Es muss irgendwie weitergehen. Und es wird irgendwie weitergehen. Hoffentlich.

 

Aus dem FAZEmag 076/06.2018
Interview: Nicko Emmerich