Claptone exploited
Der DJ als unidentifiziertes Clubobjekt. Versteckt hinter einer Maske. Losgelöst von der eigenen Identität steht eine Rolle im Vordergrund, die keinerlei Ablenkung zulassen oder das eigene Ich schützen soll. Die Maske im Mittelpunkt, als ikonisches Statement, als Wegweiser für die Musik. Oder die Visualisierung der stets vorhandenen Maske, die wir Tag für Tag tragen und präsentieren? Aber auch ein immerwährendes Versteckspiel, das zusätzliche Aufmerksamkeit schürt – ungewollt, in Kauf nehmend oder doch gewollt? Daft Punk haben es perfektioniert, spielen das Spiel seit fast 20 Jahren und haben es in den Olymp geschafft. Dorthin, wo keiner altert, ganz im Gegensatz zum Rest der gerne als schnelllebig titulierten elektronischen Musikszene. Das funktioniert aber nur, so lange das Gesicht nicht in irgendeiner Form gezeigt wird. Acts wie deadmau5 oder Redshape gehören nicht dazu, Acts wie die Snuff Crew oder eben auch Claptone sind bisher vollkommen anonym und lassen so Spekulationen wild wuchern. Wer steckt dahinter? Kennt man gar die Person dahinter? Ist es nicht der DJ, der gestern noch … ? Claptone, der xx-jährige Produzent und DJ aus Musterstadt, tauchte Ende 2011 auf, veröffentlichte seine erste EP „She Love You“ auf Exploited. Hier erschienen auch die bisher vier weiteren EPs, die kontinuierlich mehr Aufmerksamkeit erlangten, so dass aus dem anfänglichen Geheimtipp schnell einer der Aufsteiger des letzten Jahres wurde, der mit den beiden Tracks seines aktuellen Releases wochenlang die Deep House-Charts bei Beatport anführte. Höchste Zeit für eine Bestandsaufnahme. Ein Interview ohne gesprochene Worte.

Wie bist du zur der Entscheidung gelangt, mit einer Maske in Erscheinung zu treten, begleitet von bürgerlicher Anonymität, keiner Nationalität oder was auch immer? Musik als die einzig wichtige Universalsprache?

Eine Frage fasziniert doch oft mehr als tausend Antworten.

Die Maske erinnert an venezianischen Karneval, was für einen Zusammenhang gibt es da? Wie hast du sie ausgesucht?

Ich ließ sie vor langer Zeit in Frankreich schmieden. Weniger habe ich sie mir ausgesucht, als dass sie zu mir gekommen ist. Man kann vielleicht sogar sagen sie musste zu mir kommen. Ohne sie kann ich nicht sein.

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Wer ist der Mensch hinter der Maske und wie unterscheidet er sich von dem Menschen ohne Maske?

Man verzeihe mir die folgenden, doch eher alltagsphilosophisch anmutenden Zeilen. Ich bin mir durchaus bewusst, dass meine Ausführungen zu diesem Thema bestimmte Sachverhalte stark vereinfacht darstellen. Alle Menschen nehmen in der Interaktion mit anderen tagtäglich viele verschiedene Rollen ein. Man könnte diese Rollen auch als Masken beschreiben. Wir alle tragen also Masken. Es sind Masken die uns diese Interaktion erst ermöglichen. Im Moment der Interaktion sind wir uns der Maske jedoch nicht bewusst. Es fühlt sich natürlich an. Die Maske vermittelt nicht nur zwischen dem Menschen und der Außenwelt, ohne sie wäre der Mensch von der Außenwelt nicht wahrnehmbar. Sie ist eine nach außen erfahrbare Identitätsbeschreibung aber zugleich auch Identität. Es gibt kein erfahrbares, also auch sichtbares ‚Ich‘ hinter der Maske. Es gibt keinen Menschen ohne Maske, der Mensch ist ein Maskenwesen.

Wie reagieren die Menschen, vor allem Clubgänger, auf deine Maske?

Die Menschen im Club sind neugierig, erschrocken, begeistert, amüsiert, ängstlich, euphorisch, traurig und fröhlich. Der Grund hierfür ist aber nicht in erster Linie meine Erscheinung. Es ist vielmehr die Musik. Meine Währung sind Emotionen.

Und wie reagierst du auf Leute, die dich fragen, nerven, nachbohren?

Meine Währung ist auch die Musik. Ich habe wenig Vergnügen am Beantworten von Fragen und gebe selten Interviews. Ein Musikant wird oft angehalten, Worte zu seinem Schaffen zu finden, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Er hätte es lieber, die Musik selbst würde auf ihn aufmerksam machen. Und wahrhaftig, dies ist möglich: Jeder, der möchte, kann erleben, wie ich vorgebe mich zu fühlen, indem er/sie meine Musik hört. Sollte es vonnöten sein, kann ich jedoch auch Worte finden, die es mir ermöglichen, diese Illusion wahrhaftig erscheinen zu lassen. Jeder Mensch hat Fragen. Das respektiere ich. Hat eine Antwort Aussicht auf Aussagekraft, dann werde ich versuchen, diese Antwort zu formulieren. Meine Liebe gilt jedoch vor allem den Fragen, die unbeantwortet bleiben möchten.

Ende 2011 erschien dein erster Track, und momentan stehst du mit zwei Tracks an der Spitze der Beatport-Charts. Eine recht steile Karriere in einer recht kurzen Zeitspanne. Verliert man da nicht manchmal den Überblick, ist das nicht unheimlich?

Es ist befremdlich, denn ich mache Musik, seitdem ich denken kann. Aus meiner Sicht hat es unendlich lange gedauert, bis das, was ich fertige, nun heute für gut befunden wird. Zur Zeit bin ich natürlich sehr glücklich, ich fühle mich verstanden. Man verzeihe mir, wenn ich mein eigenes Seelenleben nicht noch mehr aufhellen kann, denn objektive Selbstwahrnehmung ist ein unmögliches Unterfangen. Dennoch habe ich weniger den Eindruck, ich selbst hätte mich verändert und möchte stattdessen lieber Folgendes in den Fokus rücken: Wenn du erfolgreich bist, verändert sich der Blickpunkt, von dem aus andere Menschen dich wahrnehmen. So merke ich, wie mir heute viel Sympathie, aber auch Hass, Gunst aber auch Neid, Liebe aber auch Abscheu entgegenschlagen. Auch das macht mich glücklich, denn es sind Emotionen, welche zu wecken schon immer Ziel meines Schaffens war.

Wie gehst du mit deiner gesteigerten Popularität um?

Ich bin nicht daran interessiert, hier allgemein gültige Ratschläge für eine solche Situation zu geben, kann jedoch aufzeigen wie ich selbst damit umgehe. Zuerst einmal produziere ich neue Stücke und genieße es, drei Tage die Woche in vollen Clubs aufzulegen. Ich arbeitete hart daran, alles wie bisher und doch besser zu machen. Nebenbei versuche ich mit denjenigen Menschen Zeit zu verbringen, die mich kennen und behandeln wie vor dem Erfolg. Zu guter Letzt bin ich in der glücklichen Lage, mir auch andere Masken aufzusetzen zu können

Bisher hast du nur auf Exploited veröffentlicht. Dir ist es wichtig, eine gewisse Treue dem Label zu halten. Wie ist euer Verhältnis?

Ein Label ist für mich wie eine Familie. Im Idealfall ist es so: Der Vater schützt und fördert dich, die Mutter gibt dir Liebe, Schwestern und Brüder unterstützen dich. Ich habe aber auch schon Familien gesehen, in denen gibt es schlagende Väter, saufende Mütter und Geschwister, die sich gegenseitig übervorteilen. Ich bin gern bei Exploited, einer Familie, die nah dran ist an dem, was ich zuerst skizziert habe. Ich lege zudem viel Wert auf Treue, Aufrichtigkeit und darauf, dass mir meine Familie auch nötige Freiheiten gewährt. Dies sind drei ungemein wichtige Säulen der Familie, des Labels, des Gebildes ‚Exploited‘. Ich hoffe diese Säulen brechen nie weg. Solange sie stehen bin ich Teil dieser Familie und brauche keine zweite.

Wie bist du zur Musik gekommen? Was hat dich ermutigt, inspiriert, wo liegen deine Wurzeln?

Meine Wurzeln liegen streng genommen im Klang an sich. Mein größter Einfluss ist sicher der Soul, denn die Seele ist immer der erste Grundbaustein der Musik. Aber Claptone ist auch eine Kreation des Publikums. Erst durch diejenigen, die mir Emotionen entgegenbringen, erwache ich zum Leben.

Deine Pläne für die kommenden Wochen und Monate? EPs, Remixe, evt. Mix-CD oder Album?

Ich arbeite momentan an Remixen für Romanthony, Riva Starr und George Morel. Nebenbei nimmt das erste Album langsam Formen an.

Wie wird deine Reise weitergehen?

Meine Geschichte ist noch nicht ganz erzählt, und ich werde sie fortführen, denn es ist meine Pflicht, sie komplett zu erzählen, vom ersten bis zum letzten Atemzug. Und  alle, die aufmerksam zuhören, werden die Maske nicht mehr wahrnehmen.

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www.soundcloud.com/claptone