Der 1982 in Southampton geborene Craig David sorgte ein Jahr vor der Jahrtausendwende mit seinem DJ-Kollegen Mark Hill und dem gemeinsamen Projekt Artful Dodger für einen der erfolgreichsten Club-Crossover-Hits aller Zeiten. „Re-wind“ entwickelte sich zu einer wahren Hymne im UK-Garage-House und 2-Step-Underground. Mit seinem Debütalbum „Born To Do It“, an dem Hill ebenfalls mitwirkte, katapultierte sich David in die Liga der erfolgreichsten und begehrtesten Künstler. Mit Songs wie „7 Days“, „Fill Me In“ und „Walking Away“ kletterte das Album von 0 auf 4 in den deutschen Charts. Der Soulstar verkauft Millionen von Tonträgern und veröffentlicht bis 2010 vier weitere Langspieler. Anschließend wurde es etwas ruhiger um seine Person, 2016 dann das große Comeback. Mit neuem Album im weitaus elektronischeren Gewand und seiner TS5-Show knüpft Craig David an den Erfolg alter Tage an. Auf Ibiza geht er in diesem Sommer in sein drittes Jahr mit eigener Residency, die 2016 sowie 2017 regelmäßig ausverkauft war. Nun ist mit „The Time Is Now“ sein siebtes Studio-Album erschienen, auf dem er mit Acts wie Bastille, Cooper, AJ Tracey, Ella Mai, Kaytranada und GoldLink kollaboriert.

 

Craig David by Adrew Whitton

Hey Craig, wie waren die ersten Wochen des neuen Jahres für dich?

Großartig, wir haben die TS5-Tour in den USA beendet und ich bin noch immer voller positiver Eindrücke. Aktuell bereite ich mich auf die Album-Tour und alle weiteren Dinge vor, die damit zusammenhängen. Und ich freue mich sehr.

Glückwunsch zum neuen Album! Was bedeutet der Titel „The Time Is Now“ für dich?

Es geht vor allem darum, im Moment zu leben und die Möglichkeiten zu nutzen, die einem gegeben werden. Mit dem Album und den Songs möchte ich Menschen dazu motivieren, ihre Träume zu verfolgen. Es gibt absolut keinen Grund, zögerlich oder ängstlich zu sein. Wenn du etwas möchtest, kannst du es jetzt und heute angehen.
Ich habe gelesen, dass du eine Uhr ohne Ziffernblatt trägst, auf der nicht mehr als „Jetzt“ angezeigt wird.

Ja, und diese Uhr habe ich bereits Jahre vor diesem Album getragen. Es erinnert mich immer wieder daran, im Hier und Jetzt und nicht zu sehr in der Vergangenheit oder Zukunft zu leben. Ich richte meinen Fokus bewusst auf den Moment, in dem ich gerade lebe.

Stimmt es, dass du großer Sneaker-Fan bist und dir unzählige Paar gekauft hast, ohne sie aber zu tragen?

Ich habe ungefähr 100 – heute trage ich sie aber. Es hat keinen Sinn, sie einstauben zu lassen. Als Kind habe ich lange auf Schuhe gespart und sie dann sorgfältig gepflegt. Als ich sie mir dann leisten konnte, war ich wie ein Kind im Süßigkeitenladen – ich bin dankbar, dass es Schuhe waren und kein Gold oder Autos. Ich habe mit einem Typen zusammengearbeitet, der eigene Louis-Vuitton-Adidas-Sneaker produziert hat. Er hat eine Louis-Vuitton-Tasche zerschnitten und sie zu einem Turnschuh zusammengesetzt. Ich habe den Schuh bereits in Videos getragen und will ihn wieder mehr anziehen. (lacht)

Wie lange hast du am Album gearbeitet und wo siehst du Unterschiede zum vorherigen Werk „Following My Intuition“ aus 2016?

Der Unterschied liegt für mich darin, dass dieses Album nun ein straightes R&B-Album ist. Es vermischt Oldschool-R&B aus den 90er-Jahren mit aktuellen Newschool-Elementen. 2016 war es mir wichtig, ein breites Spektrum an Sounds zu haben, da ich auch mit zahlreichen Leuten gearbeitet habe und es mein erstes Album nach acht Jahren war.
Wenn du deine bisherigen sieben Alben betrachtest, was denkst beziehungsweise fühlst du?

Wenn ich bestimmte Tracks aus den Alben höre, erinnere ich mich daran, an welchem Punkt ich da jeweils in meinem Leben war. Bei „Born To Do It“ zum Beispiel verschlägt es mich in die Zeit, als ich in Southampton groß wurde und die Songs im Kinderzimmer aufgenommen habe. Oder wie ich mit Mark Hill „Re-wind“ aufgenommen habe und wie nervös und aufgeregt ich war. Ich bin wirklich stolz auf alle Alben und sehr dankbar, dass mir die Gelegenheit gegeben wurde, eine so lange Karriere zu haben. Das ist etwas, das ich nie für selbstverständlich halten werde.

Lass uns bei deinen Anfängen bleiben. In den 90er-Jahren warst du einer der erfolgreichsten Sänger und hast eine ganze Generation geprägt beziehungsweise beeinflusst. Anschließend wurde es etwas ruhiger um dich. In einem Interview im letzten Jahr sagtest du, du hättest in dieser Zeit eine ganz bestimmte Sache gelernt: „Das Leben kann sich in jedem Moment ändern.“

Ich bin der Meinung, diese vermeintlich ruhige Zeit war das Beste, was mir passieren konnte. Du musst es so sehen: Ich habe bereits in sehr jungen Jahren Musik im großen Stil gemacht und hatte große Erfolge. Es war vonnöten, etwas Abstand davon zu bekommen. In dieser Zeit sind auch die TS5-Partys entstanden. Ich war ja früher selbst einmal DJ. TS5 hat damals damit begonnen, dass ich bei Partys ein paar Songs meiner Playlist gespielt habe und Leute angefangen haben, daran rumzuspielen, lauter, leiser, und den nächsten Song anzuschmeißen. Um das zu stoppen, habe ich mir DJ-Decks geholt. Dann meinten sie, wenn ich schon der DJ sein wolle, müsse ich auch ans Mikrofon. Also habe ich das Mikro genommen. Ich habe erst zu fremden Songs gefreestylt und später auch mal meine eigenen Songs probiert. Das hat sich über die Jahre weiterentwickelt. Und so wurden die Shows immer größer – von 250 Leuten bis hin zur Durchführung von TS5 auf der Pyramid-Stage in Glastonbury vor 100 000 Leuten, was mich komplett in den Bann zog. Ohne diese Auszeit wäre das alles nie passiert, also war es eine gute Sache, für eine Weile wegzuziehen.

Schreit das Ego in so einer Phase nicht gerne mal laut auf?

Definitiv. Es sagt dir, du bist nur toll, wenn du Erfolg hast – und nicht, wenn du scheiterst. Du musst aber akzeptieren, dass es beides gibt. Erfolg und Versagen gehören zusammen. Wenn etwas gut ist, genieß es, aber lass dich nicht dadurch definieren. Ebenso wenig wie du dich vom Scheitern definieren lassen darfst. Scheitern ist zudem Ansichtssache. Es ist nur Scheitern, wenn du es zulässt. Lern daraus, denn das ist der Schlüssel. Wenn ich Erfolg habe, bin ich dankbar, aber ich vertraue dem Hype nicht blind. Zudem war diese Auszeit eine bewusste Entscheidung, um den Fokus neu auszurichten.

Was hast du in dieser Phase außerdem gelernt?

In der Musik geht es immer um Beziehungen. Um meine Beziehung zu mir selbst, um die zum Publikum, um unsere in diesem Moment. Das bedeutet mir mehr als die Chartposition und wie viele Platten ich verkaufe. Das ist die Business-Seite, das verstehe ich, ich mache das jetzt schon lange genug. Aber was mich wirklich glücklich macht, ist, morgens aufzuwachen und zu wissen, dass es abends einen Song geben wird, den es zuvor noch nicht gegeben hat.

Jetzt wachst du wieder regelmäßig in England auf. In einer Zeit, wo das Internet binnen Stunden für Hypes sorgen kann oder auch dafür, dass Künstler in der Versenkung verschwinden. Du hast deine Karriere sowohl damals, im eher analogen Zeitalter, als auch heute ins Rollen gebracht. Wie schwierig ist es deiner Meinung nach, komplett seiner Passion zu folgen und damit erfolgreich zu sein?

So etwas war schon immer schwierig und eine richtige Herausforderung. In vielen Punkten, würde ich sagen, ist das Internet ein gutes Tool, das auch vielen gänzlich unbekannten Künstlern eine Plattform bietet. Ich finde, Qualität und Leidenschaft setzen sich immer durch, daher ist das auch die einzige Empfehlung, die ich aussprechen kann, um in dieser riesigen Industrie auf lange Sicht zu bestehen. Es dreht sich alles um dein Bauchgefühl. Ich bin ein absoluter Bauchmensch. Das kann manchmal wirklich das Angsteinflößendste sein, sich davon leiten zu lassen. Mein Kopf sagt mir zum Beispiel: „Das hast du schon mal gemacht, das willst du nicht, das ist nicht das Richtige.“ Mein Bauchgefühl sagt mir dagegen: „Du weißt, dass du es tun willst.“ Und genau das ist es dann.

Auf dem neuen Album kollaborierst du mit zahlreichen Künstlern. Wie kam es dazu und wie bist du bei der Auswahl vorgegangen?

Sowohl bei diesem als auch beim letzten Album war es mir ein wichtiges Anliegen, mit neuen und frischen Künstlern zu arbeiten. Ich habe bewusst Acts gewählt, die noch nicht Weltstatus haben, denn ich möchte ihnen Möglichkeiten eröffnen und es ist mir eine Freude, am Beginn vielversprechender Karrieren mitzuwirken. Es ist zum Beispiel total großartig, zu sehen, dass Leute wie Blonde und Sigala, die beide bei „Following My Intuition“ dabei waren, nun einen Hit nach dem anderen schreiben. So passiert es gerade auch bei GoldLink, der in Amerika Platin-Status erreicht. Ich freue mich so sehr darüber. Ich bin schon seit einiger Zeit Bastille-Fan und wir haben eigentlich nur auf den richtigen Moment gewartet, um endlich etwas zusammen zu machen. Dans Stimme jetzt auf dem Album auf so einem Song zu hören, ist für mich ein ganz besonderer Moment – wenn wir damit zusammen auftreten, wird es so richtig abgehen. Ich kann es kaum erwarten, „I Know You“ in meinen TS5-Sets im Sommer zu spielen.

Du gehst mit der Show auf Ibiza in dein drittes Jahr.

Ich habe es schon etwas früher im Interview angesprochen, die TS5-Show war eines der großartigsten Dinge in meiner Karriere. Zu sehen, wie das in den letzten zwei Jahren gewachsen ist, ist erstaunlich. Ich habe so viel Spaß dabei, da ich absolute Freiheit habe und nicht auf eine bestimmte Set-Liste beschränkt bin. Das ist eigentlich das, was ich seit meiner Kindheit in Southampton schon immer gemacht habe. Es war immer ein Traum von mir, im großen Stil zu spielen. Es wird ein großes Jahr für TS5. Jede Menge Festivals und unsere dritte zwölfwöchige Ibiza-Rock-Residenz, die unglaublich wird.

Das elektronische Genre spielt bei dir seit den TS5-Shows eine immer wichtigere Rolle. Wer inspiriert dich auf diesem Gebiet besonders?

Ich bin ehrlich gesagt von allen Genres inspiriert, aber einer, von dem ich ein großer Fan bin, ist GoldLink. Ich habe ihn schon erwähnt – ich bin so glücklich, dass er auf meinem Album ist. Mit „Live In The Moment“ haben wir einen Track gemacht, auf den ich wirklich stolz bin, und GoldLink hat definitiv ein großes Jahr vor sich.

Bei unserem letzten Interview im Rahmen des Snowbombing-Festivals im letzten Jahr in Mayrhofen, Österreich, hatte ich das Gefühl, dass du eine sehr spirituelle Person bist. Wann hast du damit angefangen, über den Tellerrand zu schauen und dich mit solchen Dingen zu beschäftigen?

Das ist schön, dass du das so siehst. Ich denke, als ich nach Miami gezogen bin, habe ich angefangen, wirklich alles im Leben zu schätzen, und auch angefangen, im Jetzt zu leben. Mir geht es eigentlich nur darum, alles zu genießen, was mir in den Weg kommt, und nicht in all dem Wahnsinn verloren zu gehen, der mit dem kommt, was ich tue. Ich bin einfach dankbar, dass ich jeden Tag aufwachen und tun kann, was ich schon immer geliebt habe: ins Studio gehen und Musik machen. Und dass ich das tun kann, habe ich meinen fantastischen Fans auf der ganzen Welt zu verdanken.

Was sind – neben der Musik – deine weiteren Pläne für 2018?

Die Musik nimmt natürlich viel Zeit in Anspruch, aber ich habe vor, alles, was damit einhergeht, zu genießen, und zwar zusammen mit meinen Freunden und meiner Familie – den Leuten, die ich am meisten liebe.

Aus dem FAZEmag 071/01.2018
Text: Rafael Da Cruz

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