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Nach dem eher düster-beklemmenden Album „Smoke“ im Jahr 2013 liefert das Berliner Electronica-Duo aus Eva Padberg und Niklas Worgt einen neuen Langspieler ab. Auf „Harbour“ klingen sie nicht nur positiver, sondern auch wesentlich gelassener. Der Titel als Metapher par excellence für ihre neuen Soundstrukturen abseits des Dancefloors? Mit Sicherheit. Entschleunigte Beats, organische Instrumentierung und schwebend ätherische Vocals schaffen einen dynamischen Mix aus synthetischen Elementen, Ambient und Urban-Pop. Ein entspanntes Album voller Romantik, Geborgenheit, Wärme und Harmonie.

Dass die beiden wunderbar miteinander harmonieren, beweisen sie nicht erst auf diesem Werk, welches bereits ihr fünftes ist. Mit „Close Up“ servierten der Produzent und das international renommierte High-Fashion-Model im Jahr 2005 ein von Kritikern gefeiertes Erstlingswerk – damals jedoch noch von Rave und Tech-House dominiert. Zwei Jahre später, auf „Black Beauty“, folgten Minimal und Pop. 2012 hüllten sie „Sweet Nothings“ in melodiöse Techno- und Clubsounds, ehe es auf „Smoke“ 2013 schon erste Ambient-Klänge zu hören gab. Vier Jahre sind nun vergangen. „Das Solo-Album von Niklas im Jahr 2015 war definitiv ein großes Projekt, das ja genau in der Mitte dieser Zeit entstand. Was wir sonst gemacht haben? Sehr viel, wenn ich gerade überlege. Eigentlich sollte das Album schon früher erscheinen, aber wie das meist so ist, kam immer wieder etwas dazwischen. Wie beispielsweise die Dokumentation zu Niklas’ zwanzigjährigem Live-Jubiläum. Damit haben wir uns wirklich intensiv beschäftigt und saßen tagelang im Schneideraum, haben editiert und geschnibbelt. Dann natürlich, nicht zu vergessen, unsere neue Basis in der Uckermark. Vor genau vier Jahren haben wir das Haus dort gekauft und uns einen Rückzugsort in der Natur geschaffen. Wir haben sehr viel Zeit in den Umbau gesteckt. Im Anschluss an die Arbeiten am Haus stand dann auch direkt die Arbeit im Studio an. Auch wenn wir nicht konstant und am Stück produziert haben, trug dieses neue, zweite Zuhause neben Berlin sehr zu unserer Produktivität bei“, erzählt Eva. „Der Titel des Albums spielt auch genau auf dieses Idyll und auf unsere Situation an. Für uns ist die Uckermark ohne Frage eine Art Hafen geworden, wo man am Wochenende oder wann immer es geht einfährt, um Ruhe zu haben und Schutz zu suchen vor dem Alltags-Stress. Ich weiß nicht, ob das eine Alterssache ist, dass man dieses Gefühl hat, etwas mehr bei sich angekommen zu sein, zu wissen, was man im Leben will, und nicht mehr ständig auf der Suche ist wie in seinen Mittzwanzigern, wo man immer das Gefühl hat, dass an der nächsten Ecke etwas noch Größeres, Besseres und Cooleres sein könnte. Man ist zufriedener und gelassener den Dingen gegenüber.“

Diese Umgebung spiegelt sich mehr als eindeutig im Sound von Dapayk & Padberg wider. Aber auch andere Dinge haben Einfluss auf die kreative Entwicklung des Duos, wie Niklas berichtet. „Zum einen sind wir natürlich wesentlich älter geworden. Damals, als wir das erste Album veröffentlicht haben, waren wir Mitte 20 und haben die Stimmungen der Leute in der Stadt aufgesaugt, die zu der Zeit natürlich vollkommen auf Rave standen. Technoider, abgedrehter Sägezahn-Sound, alles etwas experimenteller. Das war damals der brandheiße Scheiß – und wir waren mittendrin. Das hat uns extrem geprägt, sodass auch wir dementsprechend klangen. Zwölf Jahre später sieht die Sache bei uns natürlich anders aus. Wir sind Ende 30, gesetzteren Alters (lacht), und wir haben festgestellt, dass im Club zu stehen und zu spielen zwar genau unser Ding ist, wir allerdings nur noch sehr selten privat feiern gehen. Da stehen Koch-Abende mit Freunden in der Freizeit-Rangliste schon deutlich höher als damals. Vor vier Jahren hatten wir bei ,Smoke’ schon erste Impulse, uns einem Sound zu widmen, der auch gerne mal für den Hausgebrauch oder einfach nur zum Hören geeignet ist. Musik für die Kopfhörer, ohne gleich tanzen zu müssen oder einen erhöhten Puls zu bekommen. Auch haben wir festgestellt, dass diese soundmäßige Abtrennung zu Dapayk Solo, das ja nach wie vor ausschließlich eine Club-Geschichte mit dreckigem Maschinen-House-Sound ist, eine gute Entscheidung war. So können wir uns melodisch und in Ruhe austoben. Aus unserer Vocal-Recording-Ecke in der Uckermark schaut man direkt aufs Feld und hat je nach Tageszeit einen völlig anderen Blick auf den Himmel und die Umgebung. Man betrachtet diese unverstellte Weite und blüht richtig auf. Hier entstehen ganz automatisch eher dem Ambient zugehörige Sounds – ein Club-Album zu machen, wäre in dieser entspannten Atmosphäre gar nicht möglich. Man baut dort draußen eine ganz neue Verbindung zur Natur und den Elementen wie Regen, Wind oder Sturm auf. Das hat sich deutlich auf dem Album niedergeschlagen. Man bekommt einen gewissen Drall zurück zum Ursprünglichen. Wenn man aus dem Fenster über unendliche Felder schaut, dann richtet sich der Blick irgendwann nach innen. Man lernt, sein Innerstes auszudrücken. Der Titel ,Rain’ beispielsweise entstand am offenen Fenster. Als es zu regnen anfing, rannte ich mit dem Mikro ins Freie und versuchte, die Regengeräusche aufzunehmen. Wir haben sie dann mit dieser Art von Bar-Jazz gemixt, den man von Janet Jacksons alten Single-B-Seiten kennt. Die A-Seiten fand ich regelmäßig furchtbar, die B-Seiten waren für mich das eigentlich Spannende.“

Erste Skizzen wurden bereits 2015 in der Camargue nahe des Rhonedeltas in der französischen Provence gesammelt. „Einen Monat später machten wir mit der Familie ein paar Tage Urlaub auf Mallorca. Am letzten Tag wurden uns dann tatsächlich aus dem Haus, das eigentlich auch im absoluten Nichts gelegen war, beide Rechner aus dem Schlafzimmer geklaut. Anfänge vom Album, Texte, iPad, alles weg. Ich hatte zwar noch ein paar Back-ups, aber nicht mehr die aktuellsten Versionen“, berichtet Niklas. Eine entscheidende Zäsur für das Duo, das im Frühjahr 2016 den zweiten Anlauf zu „Harbour“ nahm. Diesmal in der ländlichen Abgeschiedenheit Brandenburgs, wo man sich kurz vor den Toren Berlins einen wichtigen und inspirierenden Rückzugsort geschaffen hatte. Letzte Ausfahrt: Uckermark. Im Nachhinein ein wichtiger Schritt zum Resultat, erinnert sich Eva. „Wir mussten uns viel mehr mit dem auseinandersetzen, was wir machen wollten. Wir haben versucht, die Gefühle von den ersten Sounds aus der Provence wiederherzustellen und nachzubauen. Jedoch hatten wir dann bereits November und saßen im kalten Berlin. So haben wir dann beschlossen, uns Zeit zu lassen und im Frühjahr einen neuen Start zu machen. Auch wenn es uns zeitlich zurückgeworfen hat, war es für das Ergebnis unterm Strich tatsächlich förderlich.“

Während Niklas bei den vorherigen Werken noch in die Lyrics involviert war, galt bei „Harbour“ eine striktere Arbeitsteilung. „Da habe ich ihn rausgekickt“, erzählt Eva lachend. Niklas: „Genau, meine Lyrics waren nicht tight genug. Nein, es war ein natürlicher Prozess, bei dem ich irgendwann nur noch einen Grundbeat von mal zwei Takten, mal zwei Minuten geliefert habe und Eva in der Uckermark dann abends bei einem Glas Wein drüber gejammt hat. Am nächsten Morgen haben wir dann gefiltert, was gut war und was in den Papierkorb wandert oder neu aufgenommen wird. Für uns war das eine sehr schöne Arbeitsweise.“ Eva: „Ich bin ein Typ, der sehr faul ist. Im ersten Moment bin ich nie so wirklich begeistert von einer Sache, im Nachhinein aber immer sehr froh, wenn Niklas mich drängt, die neuen Sachen zu hören bzw. etwas dafür zu schreiben. Ich brauche also immer eine Art Anschieber. In allen Fällen bin ich mit dem Ergebnis am Schluss sehr happy, quäle mich aber durch den Prozess. Das gehört bei mir wohl einfach dazu. Niklas ist da anders, er findet jeden Teil einer Album-Produktion super. Bei mir gehört Überwindung dazu. Wenn es dann aber läuft, ergeben sich viele Dinge sehr organisch. Ich habe im Vorfeld nie eine besondere Geschichte oder ein Thema, das ich erzählen möchte. Vielmehr schreibe ich einfach und stelle dann fest: Aha, das beschäftigt mich gerade. So gesehen fand ich es bei diesem Album sehr gut, dass ich mich da vollkommen austoben konnte.“

Das Album erscheint nicht wie bislang auf Mo’s Ferry, sondern auf dem ebenfalls eigenen Imprint Fenou. Grund dafür sei schlichtweg der Sound, sagt Niklas. „Mo’s Ferry steht weiterhin für dancefloor-orientierte Releases, während Fenou weitaus breiter aufgestellt ist. Vor vier Jahren hätte es eigentlich auch schon Sinn gemacht, jedoch war die Plattform noch nicht stark genug. Über die Jahre haben wir das Label aber ausgebaut und sind nun der Meinung, dass es der einzige logische Schritt ist. Man kann dort eine gänzlich andere Ästhetik fahren, auch in Sachen Cover-Artwork und dem Drumherum. Bei Mo’s Ferry achten wir sehr strikt auf eine CI. Bei Fenou selbstredend auch, aber das Liebliche, Frühlingshafte passte dort sehr viel besser hin.“ Für die kommenden Wochen sind Single-Remixe der Album-Titel von Rodriguez Jr., Andhim, David Jach und anderen geplant. Bebetta und Robot Koch lieferten bereits Ende des letzten Jahres eigene Interpretationen zur ersten Single-Auskopplung „Sink This Ship“ ab. Im März werden Dapayk & Padberg in Asien auf Tour gehen und auch beim Thaibreak mit Tiefschwarz, Tobi Neumann und vielen anderen spielen.

Aus dem FAZEmag 061/03.2017