Von Chris-Maico Schmidt - Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38542163

Das ist die Geschichte von Evosonic

Vor kurzem haben wir über den 20. Geburtstag von Evosonic berichtet. Die Geschichte rund um den Radiosender klingt wie das Drehbuch zu einem Film. Wir wollten ein bisschen mehr wissen und haben dem Gründer Chris Maico Schmidt alias Mike S. einige Fragen gestellt.

Ihr habt ja kürzlich euren 20. Geburtstag gefeiert. Wie ist damals die Idee zu Evosonic entstanden? Was hättest Du im Nachhinein lieber anders gehandhabt?

Ein Radiosender für elektronische Musik war notwendig, und er ist es immer noch. Ein Sendestart drei Jahre später wäre besser gewesen. Wir waren unserer Zeit eindeutig voraus.

Welche Acts waren bisher auf Evosonic zu hören und welcher ist dir besonders im Gedächtnis geblieben? Zu welchen Künstlern von ‚früher‘ hast du noch regelmäßig Kontakt?

Sehr viele. Eine Liste der Namen wäre locker mehrere Seiten lang. An folgende erinnere ich mich besonders gerne:
Sven Väth: 30 Minuten angesetzt, 90 Minuten wurden es. Während der Sendung erfuhr Sven, das seine damalige aktuelle LP „Fusion“ in die Top 100 eingestiegen ist.
Holger Czukay: Er fühlte sich sehr wohl bei uns, so dass er ungefragt sehr viele „Geheimnisse“ über Can, Stockhausen oder Kraftwerk ausplauderte.
Fischmob: Die Jungs, damals schon eifrige Hörer von Evosonic, verlangten von ihrem Management nach dem offiziellen Interview Termin bei WDR 2, am gleichen Tag auch einen bei uns zu machen. Wir erfuhren davon wenige Tage zuvor und machten kurzfristig 45 Minuten frei. Das Interview beim WDR brachen sie nach einer halben Stunde, wegen uninteressanter Fragen, ab und kamen zu uns. Cosmic und DJ Koze waren dann ca. 2 Stunden bei uns. Von ihrer damals aktuellen LP „Power“ lief während der ganzen Show kein einziges Stück, weil Koze unbedingt auflegen wollte und Cosmic sich lieber mit mir über Gott und die Welt unterhalten wollte.

Kontakt habe ich regelmäßig zu Dave Wakeham, Bassface Sascha und DJ Alpha. Alle drei machen heute noch Sendungen für unseren Evosonic Podcast. Mit einigen der Jungs, die damals schon mit mir den Sender am Laufen hielten, Andy Baar, Ponchmann oder Markus König habe ich mehr als nur Kontakt. Wir sind nicht nur fast Nachbarn, sondern feiern auch immer zusammen Ereignisse wie den 20-jährigen Geburtstag. Zu Chris Liebing immer wieder. Einer der wenigen, die nicht vergessen haben, was sie auch durch den Sender erreicht haben.

Du bist das Herz und der Kopf von Evosonic. Nach all den Schwierigkeiten die der Sender hatte, bist du anscheinend immer noch Feuer und Flamme. Woher kommt diese Leidenschaft für das Projekt und wieso wurden dem Sender immer wieder Steine in den Weg gelegt?

Es war die Reaktion unserer Hörer damals, die das Feuer in mir zum Lodern brachten. Dicke Ordner mit Faxnachrichten (damals die einzige Möglichkeit, wie die Hörer zu uns Kontakt aufnehmen konnten) zeugen heute noch davon. Zehn bis zwanzig Faxe pro Sendung waren keine Seltenheit. Heute noch bekomme ich Emails mit Danksagungen, für das was wir damals getan haben. (Anbei eine Auswahl, um das zu verdeutlichen. Kannst du gerne Veröffentlichen). Hier eine Geschichte, die zeigt, wie schwer es ist, die Leidenschaft für den Sender zu verlieren:
Irgendwann 2009 bekam ich einen Anruf von einem ehemaligen Hörer aus der Nähe von Nürnberg. Er erzählte mir, dass er mehrere Jahre im Koma lag. Durch einen Autounfall muss das passiert sein. Er hörte damals täglich Evosonic. Da wir aber nicht über das Autoradio zu empfangen waren, lief wohl eine Kassette mit einem Mitschnitt von meiner Sendung „Backfisch“ (Techno und House Klassiker) bei dieser Autofahrt. Das erste Wort von ihm nach dem Erwachen vom Koma war anscheinend „Backfisch“. Er konnte nicht glauben, dass es Evosonic nicht mehr gab und nach längerer Zeit der Genesung war sein wichtigstes Anliegen, meine Telefonnummer raus zu bekommen, mich anzurufen und zu fragen, ob es möglich wäre, ihm Aufzeichnungen vom Sender zu schicken, die er wegen dem Unfall verpasst hat. Ich brannte was ich hatte auf DVD und schickte sie ihm zu. Vieles hatte ich auf unterschiedlichsten Medien selber, vieles bekommen wir heute noch von unseren Fans zugeschickt. Das Material wird übrigens liebevoll und ehrenamtlich von Cordula auf www.evoarchiv.de verwaltet. Ziel ist es, unsere komplette Sendezeit dort zu archivieren und allen zugänglich zu machen.

Die Steine die uns in den Weg gelegt wurden, kamen hauptsächlich von denen, die uns Anfangs nicht ernst nahmen und uns später dann immer mehr fürchteten.

EinsLive hat mal gesagt, dass man über die Story rund um Evosonic ein Buch schreiben oder einen Film drehen sollte. Inwiefern hast du selbst schon mal über ein Buch nachgedacht und wer sollten die Darsteller in einem Film sein?

Ich habe tatsächlich schon über ein Buch nachgedacht. Zusammen mit einem meiner treusten Fans, der damals Schriftsteller werden wollte und schon einiges zu Papier gebracht hat, wollten wir das 1999, noch während wir ON Air waren, angehen. Ich habe immer wieder Notizen gemacht, die er dann in eine lesbare Version bringen sollte. Das hat dann mit dem Sendeschluss aufgehört. Für einen Film wären die Protagonisten von damals die einzig richtigen Darsteller. Wenn ich aber wählen müsste, dann würde ich mir Moritz Bleibtreu als Chris Maico Schmidt wünschen.

Vergangenes Jahr hast du Evosonic Records gegründet. Welche Releases gab es bis jetzt und was ist für die Zukunft geplant?

Gegründet auch als Übergang zum neuen Evosonic Radio. Angefangen hat das mit meiner „ersten“ Solo LP, „Two Point Zero“, die im letzten Jahr veröffentlicht wurde. Solo deshalb, weil ich in den 1990zigern nur mit Partnern produziert habe. Zudem wurde da aus Mike S. „Chris Maico Schmidt“.
Davon sind Remixe von Loquai, Nicorus, Kotapski, Ben Elvis Mettin (mein Partner vom Act „Mikerobenics“) und Anastasia Belosova erschienen. Außerdem zwei Reworks von meinem damaligen Projekt auf Harthouse „Cybordelics“. Zusammen mit Bodo Felusch und James Davis haben wir „Adventures of Dama“ Vocals verpasst und neu eingekleidet. Das Video mit meiner Version hatte innerhalb kürzester Zeit über 14000 Aufrufe auf YouTube und war für 2 Wochen in den iTunes Dance Charts vertreten. Julian Reifegerste, Schüler von mir an der Vibra School of DJing, hat eine Progressive House EP beigesteuert. Aktuell wurde vor kurzem eine Mini-LP mit dem Namen „Elektrifiziert Euch“ von einem Künstler aus Frankfurt, „Elektrifizierer“, veröffentlicht. Er hat Electro neu erfunden. Die Single Auskopplung „Was du nicht weißt“ ist in einigen Nordamerikanischen Clubs sehr erfolgreich. Als nächstes ist eine Neuinterpretation meines eben erwähnten Albums geplant. Philipp Giebel hat daraus „Two Point One“ gemacht, indem er alle 11 Tracks zu einem Mix, dem Genre Breaks sehr nahekommend, verarbeitet hat. Weiterhin geplant sind Tracks von Frank Krumsdorf aka Elastic Field und Andy Baar.

Erwähnenswert ist auch noch, das in Kürze zwei Tracks von mir auf dem Label „BluFin“ von Andrea Engels erscheinen.

Vor kurzem sind Remixes zu deinem vielleicht größten Hit auf Harthouse erschienen. Was kommt da noch? 

2013 sind auf Harthouse Mannheim schon „Adventures of Dama“ Remixe, auch auf Vinyl, von u.a. Robert Babicz, Alex Bau und Danito, erschienen. 2016 zum Relaunch von Harthouse Mannheim wurde das mit Remixen von Ricardo Villalobos, Butch und Tuff City Kids wiederholt. Weitere sollen folgen. Ich plane ähnliches mit meinem nicht weniger bekannten zweiten Projekt auf Harthouse Frankfurt, Mikerobenics. Remixe von „Julika“, allerdings auf Evosonic Records.

Du bist seit langer Zeit Dozent an der Vibra DJ School. Wie kann man sich die Unterrichtsstunden dort vorstellen? 

Ich bin immer noch Dozent an der Vibra School of DJing. Hauptsächlich im Bereich Producing. Dort führe ich meistens einen Schüler am PC in die Arbeitsweise mit z.B. Ableton ein. Der DJ Unterricht wird meistens in Dreier-Gruppen abgehalten. Dort lernt man unter anderem das Mixen mit Vinyl, CD und Controllern. Die Kurse gehen ein halbes Jahr, pro Woche eine Schulstunde.

Auf Evosonic werden regelmäßig Podcasts mit Hörspielen veröffentlicht. Wie kamt ihr auf diese Idee und gibt es weitere innovative Sendungen wie diese?

Auf der Suche nach dem „anderen“, noch nie dagewesenem entstehen solche „verrückte“ Ideen. Verrückt deshalb, weil sie sehr oft viel Arbeit bedeuten. „Der Watzmann“, ein Hörspiel aus dem Jahre 1974, das ich schon für Evosonic Radio 1998 bearbeitet hatte, war ein weiterer Anlass dazu. Die Geschichte fand ich cool, ich musste nur die Musik dazu für Evosonic elektrifizieren, den im Original ist es Rock mit Österreichischen Gesang.
Wir wollen mit unserem Podcasts auffallen. Nicht nur reine Musik Mixe präsentieren. In der Show Eclectix von stimpy zum Beispiel, werden bis zu 40 Titel (von „The Chemical Brothers“ bis zu „Wolf Biermann“) in einem ein stündigen Mix „verarbeitet“ und in der Show „Hexenrave“ wird die Musik im Mix mit Klang Collagen jeder Art zum Hörspektakel.

Wo lebst du mittlerweile und kannst du dir vorstellen wieder in deine Heimat Schwaben zurückzukehren?

Ich lebe mittlerweile in Köln und denke oft an Stuttgart. Da bei mir Privat und Berufliches im Fall von Evosonic nicht zu trennen ist, denke ich eher an Vorwärts statt an Rückwärts. Berlin ist sehr interessant. Südostasien weckt aus verschiedenen Anlässen auch einen gewissen Reiz in mir…

Deine Alltime Top 5 (sehr schwer, ich MUSS Top 10 machen)

Hardfloor – AM Trip
X Dream – Children Of The Last Generation
4 Hero – Les Fleur
Underworld – Dark And Long (Dark Train)
Leftfield – Open Up
Wham – Everything She Wants
Stevie Wonder – Isn’t She Lovely
City – Am Fenster
Rheingold – Dreiklangsdimensionen
Ich + Ich – Vom Selben Stern

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