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Doepfer A-100

Ein analoges Modularsystem zu besitzen, ist wohl der heimliche Traum eines jeden Produzenten, der die elektronische Musik als Lebenselixier benötigt. Die meisten kommen aus unterschiedlichen Gründen leider niemals über das Träumen hinaus. Ganz oben steht häufig der Investitionsaufwand. Jedes einzelne Hardwaremodul kostet, je nach Hersteller und Funktion, mindestens 50 EUR und es können bis zu 300 EUR und mehr werden. Und bis man ein einigermaßen flexibles System zusammengetragen hat, verflüchtigen sich schon mal schnell 2.000 EUR. Anschlussgeräte wie Sequencer, Recording-Tools, Mischer und sonstiges Pro-Audio-Equipment noch gar nicht eingerechnet. Es herrscht eine verständliche Angst: Davor, Geld für falsche Module auszugeben. Angst, mit dem System nicht zurechtzukommen und technisch überfordert zu sein. Oder die Befürchtung, dass das System klanglich nicht dem entspricht, was man erwartet hat. So weicht man lieber auf eine gebrauchte TB-303 oder einen Fertigsynth aus. Da weiß man, was man für seine 2.000 Flocken bekommt. Und auch, dass es funktioniert. Und doch, wir kennen es selbst: Der Traum vom analogen Modularsystem bleibt. Also starten wir an dieser Stelle den Versuch, den unzähligen Unentschlossenen da draußen ihre größtenteils irrationale Scheu zu nehmen.

Modularsystem – eine Typfrage?
Ja, zweifellos. Man muss allerdings kein Elektroingenieur oder hyperintelligenter Nerd sein, um damit zu arbeiten. Wer das grundlegende Prinzip eines Synthesizers verstanden hat und genügend Neugier mitbringt, um sein Wissen stetig zu erweitern, ist schon auf der sicheren Seite. Fast jeder Modularmusiker hat sich anfänglich mehr oder minder unwissend auf diese Spielwiese begeben. Oszillator, Filter, LFO, Hüllkurve – die Synthesizer-Grundlagen lassen sich heute auch dank des Internets schnell erlernen. Alles andere ergibt sich dann fast von selbst.

Ob ihr tatsächlich der Modulartyp seid, entscheidet sich eher anhand des bevorzugten musikalischen Stils und Ziels. Wem ein ausgefeiltes Arrangement wichtiger ist als der Drang, einen außergewöhnlichen Klang zu kreieren, sollte ein analoges Modularsystem nicht als sein erstes Instrument wählen. Gleiches gilt für Produzenten, die schnelle und reproduzierbare Ergebnisse mit völlig verschiedenen Klängen und entsprechend viele Stimmen benötigen. Auch das kann ein begrenztes Modularsystem nicht leisten. Eine Klangspeicherung ist nicht möglich, es gibt keine Presetsound-Bank, stattdessen muss man sich jeden einzelnen Klang erarbeiten. Ein Modularfan ist eher vom Schlag „Klangfetischist und unablässiger Forscher“. Der Weg ist das Ziel. Es ist nicht unüblich, dass der Modularsüchtige endlos an einem Klang tüftelt, ohne dass er jemals in einem fertigen Track oder gar einer Veröffentlichung mündet. Auf der anderen Seite ist der Sound selbst in den abstrusesten Verschaltungen immer amtlich und ein außergewöhnliches Techno-, Acid-, Minimal- Dub-Tech- oder Dark-Step-Muster schnell erstellt.

Keine Gefahr
Man kann beim Setzen der Patchkabel übrigens praktisch nichts falsch machen. Es gibt kein Gesetz, wie die Module verbunden werden müssen. Nur Logiken, auf welche Weise ein bestimmter Klang am besten generiert werden kann. Klang- und Modulationsquellen stehen auf einer Stufe. Wer einen Audio-Port mit einem CV-Port verknüpft, wird seine Module sicher nicht sprengen. Im Gegenteil. Häufig ist das sogar gewünscht beziehungsweise existiert gar keine andere Option. Die Angst, dass Module durch falsches Verpatchen abrauchen könnten, spukt ja im Kopf eines so manchen Neueinsteigers herum. Im schlimmsten Fall aber passiert gar nichts. Wenn man allerdings eine bestimmte Grundverschaltung als Ausgangspunkt nimmt, geschieht praktisch immer etwas. Und diese Grundverschaltung folgt in aller Regel dem subtraktiven Syntheseweg Oszillator (OSC/VCO), Mixer, Filter (VCF), Verstärker (AMP). Von außerhalb dieses Signalweges greift in aller Regel ein Low Frequency Oscillator (LFO) beispielsweise auf den Oszillator oder den Filter zu, um den Klang zu modulieren. Wichtig ist zudem noch ein Hüllkurvenmodul (ENV), um den Lautstärkeverlauf des Klangs zu steuern. Um einen analogen Grundsound zu erzeugen, reichen genannte Module schon aus. Zwei Oszillatoren sollte man sich allerdings schon gönnen und im Mixermodul zusammenführen, um einen variablen und fetten Klang zu erhalten.

DDIY
Nun stellt sich die Frage, wie man seine Module zusammenführt. Denn sie werden nicht nur vorne mit Kabeln verpatcht, sondern sind auch auf der Rückseite miteinander verbunden. Das geschieht über Bus-Boards oder -Bänder mit Steckplätzen. Der Markt ist mit tausenden Modulen unterschiedlichster Hersteller kaum noch überschaubar. Bekannte Brands tummeln sich da ebenso wie Minimanufakturen. Ein toller Fundus für alle, die sich auskennen. Ein Schrecken für alle, die sich als Neueinsteiger entscheiden müssen. Denn hier lauert tatsächlich ein Fallstrick: Die Module der verschiedenen Hersteller sind keineswegs alle untereinander kompatibel. Es gibt Unterschiede bei der Stromaufnahme und den Steuerspannungen. Um nicht jetzt schon zu verzweifeln oder einen entscheidenden Fehler bei der Stromversorgung zu machen (im schlimmsten Fall droht an dieser Stelle wirklich ein Moduldefekt), raten wir zumindest Einsteigern vom Selbstbau ab. DDIY – don’t do it yourself. Zum Glück gibt der Markt aber einige Komplettsysteme her, sodass man sich bei der Modulzusammenstellung und Stromversorgung erst mal keine Gedanken machen muss. Man kann sofort mit der Klangschöpfung beginnen.

Immer eine gute Wahl: Doepfer Komplettsysteme
Echte Klassiker unter den Komplettsystemen sind die des deutschen Herstellers Doepfer. Eine Vielzahl namhafter Künstler arbeitet mit einem Doepfer-System. Angefangen bei Kraftwerk über Vince Clarke und Richie Hawtin bis Autechre, Daft Punk und Der Dritte Raum. Klanglich ist man also in jedem Fall ganz vorne mit dabei. Zudem sind die Module kompakt gebaut und die Systeme sowie einzelnen Module erschwinglich. Ein weiterer Vorteil: Inzwischen gibt es mehr als 120 verschiedene Module von Doepfer selbst sowie etliche Hundert von anderen Herstellern. Bleibt man in der Doepfer-Welt, kann man sein System also praktisch endlos erweitern, ohne wirkliche Kompatibilitätsprobleme fürchten zu müssen.

Wer ganz klein anfangen möchte, greift beispielsweise zum Doepfer A-100 Mini Modular System. Kostenpunkt: 1.249 EUR. Es bildet in leicht erweiterter Form das ab, was wir im Abschnitt „Keine Gefahr“ als Grundverschaltung beschrieben haben: 2 OSC, 1 Mixer, 1 VCF, 1 VCA, 1 LFO, 1 ENV. Hinzu kommen ein Ringmodulator und ein Noise-Generator sowie ein MIDI-to-CV/Gate/Sync-Interface. Letzteres Modul ist wichtig, um das System beispielsweise mit einem Software-Sequencer ansteuern zu können. Einen Computer mit entsprechenden MIDI-Anschlüssen (Soundkarte o. ä.) natürlich vorausgesetzt. Das spart im ersten Schritt schon mal Geld für einen Hardware-Sequenzer.

Wer rund 900 EUR mehr opfern kann, greift am besten gleich zum Klassiker: dem Doepfer A-100 System, auch als Eurorack-System bekannt. In seiner Grundidee seit 1996 auf dem Markt, besteht es aus insgesamt 22 Modulen, die bei Bedarf gleich in einem passenden Koffer verbaut sind. Es ist in weiten Teilen ein verdoppeltes Mini-System mit zusätzlichen Nettigkeiten wie einem Waveform-Prozessor, einem Sample&Hold-Modul, Slew Limiter sowie Clock- und Signal-Verteilern (sogenannten Multiples). Letztere bringen durch die zusätzlichen Beeinflussungsmöglichkeiten nochmals deutlich mehr Schwung in die Sache. Das A-100 gibt es in den Varianten Basissystem 1 und 2, wobei wir Einsteigern eher zum zweiten raten, da es wiederum den wichtigen MIDI-To-CV/Gate-Converter mitbringt. Das Basissystem 1 folgt noch komplett der alten CV/Gate-Schule, sodass man zum Ansteuern entsprechendes Equipment benötigt.

Mit dem A-100 ist dann jedenfalls klanglich schon einmal ein Großteil dessen möglich, was den geneigten Electro-Produzenten in Freudentaumel versetzt. Es zirpt, clonkt, brummt und kreischt gar königlich. Bitterböse Basslinien sind ebenso ein Problem wie brutal gezerrte Bassdrums. Das A-100 ist ein analoges Überraschungsei, das praktisch täglich mit neuen Ergebnissen beglückt. Spielerisch werdet ihr blubbernde Verläufe kreieren, von denen ihr euch immer gefragt habt, wie zum Teufel euer Lieblingsproduzent das gemacht hat. Und bei deren Nachbildung ihr mit Software-Synthesizern immer gescheitert seid. Vor allem am Anfang wird vieles durch den Zufall bestimmt, was die Sache aber umso reizvoller macht. Wer es nicht erträgt, einen einzigartigen Sound nicht abspeichern zu können, greift zu einem Trick: Einfach die Bedienoberfläche samt Reglereinstellungen und Patchverbindungen mit dem Smartphone abfotografieren und zusammen mit einer Aufnahme des Klangs auf dem Computer ablegen. So lässt sich der Klang zumindest grob rekonstruieren. Wer das A-100-System bis in alle Tiefen durchdringen möchte, dem sei „Das große Buch zum A-100 Modular-Synthesizer“ von Andreas Krebs empfohlen. Dieses erhaltet ihr – wie auch die Doepfer-Systeme und Module – beim SchneidersLaden in Berlin. Gerne hilft man euch dort auch bei Fragen weiter. Damit von dem erschrockenen „Oh, mein Gott“ nur mehr das „Mein Gott“ bleibt. Bislang hat es noch jeder Interessierte geschafft.

Aus dem FAZEmag 055

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www.doepfer.de, www.schneidersladen.de