„Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit sind mir das Wichtigste im Leben, alles andere ist Zeitverschwendung. Man lebt (wahrscheinlich) nur einmal und dann möchte ich auch das leben, was Dominik will. Und wenn ich Vögel liebe, dann mache ich eben Platten mit Vögeln.“

 

Dominik Eulberg by Tassilo Dicke 35

Ein Interview mit Dominik Eulberg hebt sich vom gewöhnlichen Redaktionsalltag wohltuend ab. Das liegt natürlich daran, dass er ein angenehmer und wortgewandter Gesprächspartner ist, aber auch an der Tatsache, dass der Interview-Ort ein ganz besonderer ist. Heutzutage laufen viele Interviews via Skype oder E-Mail ab. Wenn der Künstler gerade auf Promo-Tour ist und man sich doch trifft, dann in einem Café oder einem Hotelzimmer. Wenn Dominik zum Gespräch ruft, dann heißt es: ab ins Auto und rauf auf die A 3. Das Ziel: der Westerwald, Heimat des DJs und Produzenten. Irgendwo zwischen Köln und Frankfurt runter von der Bahn und rein in die Mittelgebirgslandschaft. Dort ist er aufgewachsen und dort lebt er seit ein paar Jahren wieder. Und dort findet auch das Interview statt. In seinem Studio, an einem Weiher und bei einem Spaziergang durch den Wald. Keine zeitliche Einschränkung, kein Manager, der nach 15 Minuten schon nervös auf die Uhr schaut, weil die nächsten Fragesteller mit den Hufen scharren. Und zu erzählen gibt es eine ganze Menge, denn der Westerwälder hat sein eigenes Label gegründet und ein Album angekündigt. Ein Tag mit Dominik Eulberg.

Nach seinem Studium in Bonn und zwei Jahren in Hamburg hält er seiner Heimat die Treue. Was natürlich auch seiner zweiten Tätigkeit als eine Art Botschafter der Natur geschuldet ist. Er hat Biologie studiert, hat mal als Nationalpark-Ranger gearbeitet und ist tatsächlich sogar Fledermausbotschafter für den NABU (Naturschutzbund Deutschland). In dieser Funktion hat er schon Nachtführungen auf Festivals absolviert. „Das sind sehr faszinierende Wesen. Die vierte Tiergruppe, die den Luftraum erschlossen hat – nach den Insekten, Sauriern und Vögeln. Im Gegensatz zu Vögeln fliegen sie nicht mit ihren Armen, sondern mit ihren Händen, daher auch ihr wissenschaftlicher Name Chiroptera, was Handflügler bedeutet. Ein Viertel aller Säugetierarten in Deutschland gehört zu den Fledertieren.“ Aber vor allem hat er sich der Vogelbeobachtung verschrieben. Regelmäßig sucht er die Weiher der Westerwälder Seenplatte auf und beobachtet dort durch sein Spektiv die gefederten Besucher.

A M   W E I H E R
Und so gehen wir nach einem kurzen Studioaufenthalt mit Spektiv und Ferngläsern bewaffnet zum nächsten Weiher, während uns eine Gruppe aufgeregt schnatternder Vögel überholt. „Das sind Nilgänse, sogenannte Neozoen: Tiere, die sich in einem Gebiet angesiedelt haben, in dem sie zuvor nicht heimisch waren. Wahrscheinlich sind diese Neubürger irgendwann mal aus einem Tierpark ausgebüxt und haben sich seitdem hier vermehrt.“ Ein typischer Novembertag, trüb und grau, dazu ab und an ein paar Nebelschwaden. Wir sind am Ufer angekommen, das zur Zeit kein richtiges Ufer ist. Ein Mal im Jahr wird das Wasser des Weihers zum Abfischen abgelassen und in diesem Zustand befindet sich nun das Gewässer. Übrig geblieben ist nur ein Bruchteil der normalen Wassermenge, gut 200 Meter von unserer Position entfernt. Dort tummeln sich, wie wir durch das Spektiv beobachten, die zuvor gesehenen Nilgänse, Silberreiher, Rabenkrähen, Krickenten, Höckerschwäne und Kiebitze. Letztere in größerer Anzahl, was ungewöhnlich ist, sodass Dominik die genaue Anzahl in seiner Vogelbeobachter-WhatsApp-Gruppe durchgibt. Es sind 41 Stück.

Dominik Eulberg by Tassilo Dicke 15

A P U S   A P U S
Bevor wir aber über sein neues Label sprechen, erzählt Dominik, was zurzeit sonst noch auf seiner umfangreichen To-do-Liste steht. Er schreibt an einem Buch, in dem es darum geht, was Natur für ihn bedeutet, warum in die Natur gehen so wichtig ist und dass er Menschen für sie sensibilisieren möchte. Darüber hinaus arbeitet er auch an einer Vogelstimmen-CD für den NABU, an einem Vogelquartett und einer nachhaltigen Modelinie mit heimischer Flora & Fauna. Eines wird hier ganz deutlich: Eine Grenze zwischen seinen Aktivitäten rund um die Natur und der Musik existiert für ihn eigentlich gar nicht. Sooft es geht, bringt er diese beiden Leidenschaften unter einen Hut; daher ist auch der Start seines neuen Labels Apus apus eine logische Weiterführung. Der Labelname ist auch der wissenschaftliche Name des Mauerseglers, eines Vogels, der Dominik schon seit seiner Kindheit fasziniert, weil er fast sein gesamtes Leben in der Luft verbringt und dort dann bis zu vier Millionen Kilometer zurücklegt. Mit Apus apus startet ein ganz neues Kapitel.

„Die Pläne für ein eigenes Label trage ich schon lange mit mir rum, aber der richtige Zeitpunkt hatte sich einfach nie ergeben. Damals wusste ich auch nicht, wie lange das überhaupt mit der Musik laufen würde, und ich habe es mir nicht zugetraut, weil es ja auch viel Arbeit und Verantwortung ist, vor allem, wenn man die Sache eben so ganzheitlich gestalten möchte. Mittlerweile habe ich aber ein gutes Team um mich herum.“ Denn wichtig ist, dass seine doch sehr einzigartige Vision, die Fusion von Natur und Musik, genau so umgesetzt wird, wir er es machen möchte, ohne Kompromisse. Apus apus ist sehr konzeptionell angelegt. Nur zwei Tracks pro EP, die zwar verschiedene Stimmungen transportieren können, aber dennoch zusammenpassen müssen. Die Leute mit diesen beiden Tracks an die Hand nehmen und sie nicht mit vier oder fünf Tracks überfordern. Die Zeichnungen auf dem Cover stammen aus Erich Cramers „Sammlung Naturkundlicher Tafeln“, die Dominik schon in seiner Kindheit begeistert durchgeblättert hat. Deshalb war es ihm ein persönliches Anliegen, dass ebendiese Zeichnungen die Releases des Labels zieren, sich so ein Kreis schließt.

Zwei Protagonisten aus der heimischen Fauna oder Flora, die einen gemeinsamen Nenner haben, sind Namensgeber der Releases und werden musikalisch von ihm interpretiert. Katalognummer 001, Anfang November erschienen, trägt den Namen von zwei der bun- testen Vögel unserer Breiten, „Bienenfresser & Blauracke“. Die darauf folgende EP heißt „Roter Gitterling & Tintenfischpilz“ und die dritte wird nach Schmetterlingen benannt: „Großes Abendpfauenauge & Oleanderschwärmer“. Apropos Schmetterlinge: Alle EPs werden mit einer Bordüre aus Schmetterlings Flügeln umsäumt und enthalten auch Beschreibungen der Tiere beziehungsweise Pflanzen auf der Rückseite des Covers.

„Schmetterlinge sind für mich ein Schlüssel zum Verständnis der Schönheit des Lebens oder des Seins überhaupt, ein Ahnen des großen Wunders. Vieles in der Natur hat keinen Sinn, sondern dient nur der Zierde. Schönheit ist nichts Zufälliges, sondern etwas Lebensbejahendes, woran sich andere erfreuen können. Schmetterlinge sind wie fliegende Blumen, filigran und bunt, wie kleine Kunstwerke, die von genialen Künstlern designt wurden. Dabei ist der Schmetterling nur der letzte, festliche Akt eines Lebewesens, welches lange Zeit zuvor Raupe war und teilweise nur wenige Tage als Falter lebt – nur um mit einem prächtigen Gewand den Akt der Liebe zu zelebrieren. Wem dient diese Schönheit? Wenn man das versteht, dann versteht man auch sehr viel vom Leben.“ Und das ist eine wichtige Intention des Labels, die Menschen zu sensibilisieren, genauer hinzuschauen. Durch den Wald zu gehen und nicht nur Fichten, Füchse oder Frösche zu sehen, sondern auch die unzähligen kleinen Wunder wahrzunehmen. „Das war schon immer auch meine Intention, das, was ich mit meinem Schaffen bewirken wollte. Die Natur ist ein gesunder und kostengünstiger Schlüssel, um glücklich zu werden und die Welt dadurch besser zu machen.“

Dominik Eulberg by Tassilo Dicke 25

E H R L I C H K E I T   U N D   W A H R H A F T I G K E I T
Apus apus wird aber nicht nur eine Plattform für den Westerwälder selbst sein, auch andere Künstler werden hier verö entlichen, die seine Vision teilen; da lässt er keine Kompromisse zu. Darüber hinaus geht es auch darum, dass man Werte und Normen teilt. „Ich muss wirklich fühlen, dass dieser Austausch auf einer menschlichen Ebene sinnvoll ist. Der Weg muss immer das Ziel sein, die Zusammenarbeit muss Spaß machen. Es gibt viele Künstler, die einen ähnlichen Ansatz haben, und mit einigen von ihnen werde ich dann zusammenarbeiten. Wer das sein wird, kann ich leider noch
nicht sagen.“ So kommt es auch, dass Dominik sehr selten Remix-Auf- träge annimmt; auch hier hat er seine strikten Vorgaben und schert sich dabei nicht um Angebote, die damit locken, dass das doch eine super Werbung für ihn sei. Wenn er einen Remix macht, dann auch nur für Künstler, bei denen er sowohl künstlerisch als auch menschlich dahinterstehen kann. „Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit sind mir das Wichtigste im Leben, alles andere ist Zeitverschwendung. Man lebt (wahrscheinlich) nur einmal und dann möchte ich auch das leben, was Dominik will. Und wenn ich Vögel liebe, dann mache ich eben Platten mit Vögeln. Die Reaktion ist in dem Moment dann sekundär. Wichtig ist, dass es mich glücklich macht und ich es nicht mache, um irgendwelchen Leuten zu gefallen. Deswegen lebe ich auch immer noch im Westerwald und nicht in Berlin oder in einer anderen Stadt, wo es für einen DJ vorteilhaft ist, zu wohnen.“

Die Westerwald-Tour neigt sich dem Ende zu. Es ist dunkel geworden, das Spektiv ist wieder eingepackt. Ein intensiver Nachmittag mit einem sehr interessanten Gespräch liegt hinter uns, wir schließen den Tag mit einem Abendessen in der Abtei Marienstatt und einem spontanen Besuch beim Chiropraktiker ab. Herren in unserem Alter tragen halt ihre Zipperlein mit sich und auch darüber wechselt man natürlich auch mal ein Wort – ein Dank geht an Steven Ferderer für die gute Behandlung!
Ein Thema haben wir nur kurz angerissen, aber das war auch so gewollt: das neue Album, das in der ersten Hälfte des kommenden Jahres erscheinen wird. Hier hält sich Dominik noch ziemlich bedeckt. Es wird „Mannigfaltig“ heißen und es wird um die Diversität der Natur gehen. Und darauf werden sich zwölf komplett neue Tracks finden, keine von den drei vorher veröffentlichten EPs. Sieht also so aus, als wäre bald schon ein neuer Spaziergang fällig.

Aus dem FAZEmag 070/12.2017 
Text und Fotos: Tassilo Dicke