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Marc Ramirez alias Dosem veröffentlichte im September auf Suara sein drittes Album. Mit „City Cuts“ schließt sich die Metamorphose des spanischen DJs, der in seinem Debütalbum vor drei Jahren den rauen Sound seines Projekts Sendo und die melodischen Affinitäten von Dosem vereinte. Über „Origin“ ging die klangliche Evolution weiter, bis mit seinem aktuellen Album nun ein gänzlich anderer Künstler vor einem zu stehen scheint. In den Nuancen seiner Musik erkennt man aber die klare Linie, die er gekonnt verfolgt und sich als Handschrift durch seine Werke zieht.

Ich glaube, dass in Deutschland viele – obwohl sie deine Musik kennen – recht wenig über dich als Person wissen. Wie kamst du zur elektronischen Musik?

Ich war schon immer ein Fan von Filmsoundtracks. Einer meiner Lieblingsstücke ist von „Blade Runner“ von Vangelis. Später kam ich mit der Musik von Mike Oldfield, William Orbit, Underwold, Checmical Brothers und Orbital in Kontakt. Und später, während meiner Zeit als Student, fing ich an, mich für Clubmusik zu interessieren und direkt war mir klar, dass ich meine eigene Sicht davon ausdrücken will. Also fing ich ich an, meine eigenen Songs zu produzieren, organisierte meine eigenen Partys mit Freunden und schlussendlich bekam ich einen Job als Resident eines wichtigen Clubs in Girona. Zu der Zeit war die Musikszene meiner Stadt recht stark.

Was waren deine größten musikalischen Einflüsse als Kind?

Wenn wir über elektronische Musik reden, dann gibt es einige Alben die mich vor einiger Zeit beeinflussten. Orbital – ‚Orbital 2‘ (Brown Album), Luomo – ‚Vocal City‘ und ‚Present Lover‘, Alexander Kowalski mit ‚Response‘ und Joris Voorn mit ‚Future History‘. Das sind nur einige, die mir direkt in den Sinn kommen, aber ich bin mir sicher, dass es noch viele Weitere aus anderen Genres gibt.

Dein Debütalbum ist sehr interessant. Es hört sich rauer als andere Tracks von dir an und ist mehr oder weniger ein Doppelalbum von dir und deinem Projekt Sendo. Was waren deine Gedanken bei dem Album?

Es war eine Compilation, die all meine Tracks und Ideen von meinen Anfängen als Produzent umfassen. Es war als eine Art Einführungsbrief gedacht, ich wollte dem Publikum mein musikalisches Spektrum zu der Zeit zeigen. Der beste Weg war, die Musik für den Dancefloor von der anderen Seite mit zwei Projektnamen abzugrenzen.

War es anstrengend, zwei Alben zur gleichen Zeit als Debüt zu produzieren?

Meine Aufgabe war es, eine Synthese aus zwei eindeutigen, aber zusammenhängenden Teilen meiner musikalischen Bandbreite zu schaffen. Ich wollte übermitteln, ohne dabei ein zu unorganisiertes oder chaotisches Projekt zu bauen. Ich bin sehr glücklich mit dem Resultat.

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Vom treibenden Technosound auf deinem ersten Album zur eher organischen, souligen Fusion von House und Techno auf deinem zweiten Album ist es ein ziemlicher Sprung. Was hat sich für dich als Künstler zwischen den beiden Alben geändert?

Ich glaube, dass mein zweites Album ‚Origin‘ eine logische Evolution war. Es hatte einen klareren Sound, sauberes Mixing und es war eindeutig mehr auf den Dancefloor fokussiert. Mein Ziel war es, Tracks zu produzieren, die ich direkt in meinen Sets spielen konnte. Viele Songs waren dazu gedacht, in einem großen Club oder auf einem Festival gespielt zu werden. Ich wollte so viele Sounds aufgreifen, die mich in den 90ern beeinflusst hatten und ihnen ein Update mit meinem eigenen Stil geben.

Du hast dein zweites Album erst letztes Jahr veröffentlicht. Nun folgt bereits dein drittes, was für einen Produzenten recht schnell ist. Wie kam es dazu?

Ich habe einen sehr bequemen Arbeitsfluss beim Produzieren. Ich kombiniere meinen Laptop mit meinem Studio. Wenn ich also eine Idee habe, dann ist mein Laptop immer nah, um direkt darauf zu arbeiten. Dann gehe ich ins Studio und arbeite an den Details. Ich mag es, Musik zu produzieren, das passiert natürlich bei mir. Ich muss mich nicht zwingen an neuem Material zu arbeiten, es ist eher eine Flucht, wie ein Tagebuch. Für mich ist es entspannend, vor dem Computer zu sitzen und Musik zu produzieren. Ich habe viele unveröffentlichte Tracks, ich mache außerdem viel Musik abseits der Dancefloor-Beats. Das hört man auch in meinen Alben. Zum Beispiel habe ich letztes Jahr auch mehrmals Musik für Werbung produziert.

„City Cuts“ ist auf Suara erschienen. Was ist für dich speziell an dem Label?

Ich habe vor ein paar Jahren angefangen mit ihnen zu arbeiten. Damals ging es um einen Remix von Uner und Coyu, danach wurde ich eingeladen, auf einer Suara-Party im Space auf Ibiza zu spielen. So startete die Freundschaft. Ich bin auf Coyu und seine Crew sehr eingestimmt. Sie sind sehr professionell und das ist etwas, was ich sehr schätze. Auf der anderen Seite haben wir Musik veröffentlicht, die sehr gut funktionierte und die einige Fans hat. Das hat uns motiviert, weiter zusammen zu arbeiten, und nun fühlt es sich wie eine Familie an, weil es dort noch weitere Produzenten gibt, die meine Freunde sind. Ein Album mit ihnen zu veröffentlichen war für mich logisch und wäre früher oder später sowieso passiert.

Du scheinst mit vielen organischen und analogen Instrumenten zu arbeiten. Spielst du diese in deinem Studio live?

Das ist genau der klangliche Charakter, mit dem ich meine Produktionen färbe. Ich will, dass es kraftvoll, intensiv und warm klingt. Das Ganze soll einen organischen Hauch haben und sich analog anfühlen. Aber um ehrlich zu sein ist es alles in der Software. Das einzige externe Element, dass ich benutze, ist ein Access Virus TI, was eine unerschöpfliche Quelle für Sounds ist. Ich finde immer wieder Wege, aus der kleinen Box etwas zu gewinnen.

Für ‚City Cuts‘ arbeitete ich etwas anders. Ich habe einige Elemente als Sample benutzt, diese beschnitten und als neue Stücke weiterverwendet. Ich habe das auch für mein erstes Album sehr oft benutzt und es gibt den Kompositionen eine menschliche Attitüde.

Wie fängst du an, einen neuen Song zu produzieren?

Ich starte normalerweise mit dem Essentiellen. Die Melodie, Rhythmus und Bass. Ich denke viel über die Message nach, die ich vermitteln möchte und dann lasse ich mich von meinen Ideen leiten. Ich experimentiere viel, ändere die Geschwindigkeit, lösche die Hälfte des Projekts und starte von vorne. Ich versuche Regeln zu vermeiden und mache einfach, was mir gefällt.

Für „No Past“ hast du dich mit Louder Bays zusammengetan. Wir kennen sie von deinem ersten Album. Wie ergänzt ihr euch?

Ja, wir sind seit vielen Jahren befreundet und haben schon immer einen ähnlichen, musikalischen Geschmack. Sie hat eine großartige Stimme und es passt perfekt zu meinem Sound. Ich freue mich schon darauf, mehr mit ihr in der Zukunft zu arbeiten.

In Deutschland gibt es viele Produzenten, die dir vor einigen Jahren stilmäßig noch recht ähnlich waren, aber in den Deep-House-Hype gezogen wurden. Du bist deiner Linie treu geblieben.

Nunja, es gibt immer Zyklen in der Musik. Ich mache einfach Musik, die ich selbst gerne höre und zu der ich selbst gerne im Club tanze. Ich kümmere mich nicht zu sehr über Trends oder arbeite genau einen Sound aus, der in ein bestimmtes Genre passt. Genau für das aktuelle Album dachte Suara, dass es weniger aggressiv als mein letztes Album klingt, aber immer noch die Essenz meiner anderen Alben ist – Melodien, Energie, Rhythmen sind unverkennbar meine. Ich mag soulige, funkige, energetische elektronische Musik. Ob das nun House oder Techno ist, deep oder direkter. Ich glaube, dass wir eine Ära beginnen, in der so viel die Fusion mehrere Stile ist und es immer schwieriger wird, etwas zu klassifizieren. Vielleicht wird es in der Zukunft nach Stimmungen, Momenten oder irgendwas anderes organisiert werden. Das passiert gerade schon bei einigen Streamingdiensten.

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