verstek

Guten Tag werte Leser,

wie gewohnt berichte ich euch heut wieder aus den Tiefen der elektronischen Welten Berlins. Das geschieht heut allerdings ein wenig „verstekter“ als gewohnt.

Ich denke ein Verstekspiel lässt sich gut mit dem Suchen und Bergen eines Schatzes vergleichen. Die Schatzkarte in den Händen haltend, begibt man sich voller Erwartungen auf eine Suche mit ungewissem Ausgang. Als Kinder haben wir täglich kleinere oder größere Schätze geborgen, in unserer Gesellschaft scheint es jedoch etwas außer Mode geraten zu sein, Schätze zu bergen. Sind wir überhaupt grundsätzlich noch bereit Verstek zu spielen, sind wir bereit mit vollem Einsatz nach etwas zu suchen?! Sein wir mal ehrlich, wir sind es doch regelrecht gewohnt, die Dinge bereits verdaut und verzehrbereit vor die Füße gekotztwittert zu bekommen. Wir konsumieren getinderte Bekanntschaften, die zusammen mit dem Lieferando-Burger direkt an die Haustür geliefert werden. Im Grunde sind wir der typische „Homo Consumens“. Dieser Begriff wurde schon 1972 geprägt und ich finde, er spiegelt ein Wesensmerkmal unserer westlichen, schnelllebigen, reizüberfluteten Konsumgesellschaft gar fürchterlich treffend wieder.

Wir konsumieren passiv, wie das dicke Baby, das nur zwischen den diversen Milchquellen, die sich direkt vor seinem kleinen Mündchen stapeln, auswählen und schlucken muss. Im Grunde sind viele von uns im Herzen genau diese kleinen, faulen Hosenscheißerchen geblieben. Wir sind es gewohnt unsere schnuckeligen Münder aufzuklappen und erwarten dabei zudem ganz frech, dass die angebotene Milch jeden Tag süßer und besonderer wird. Die von gestern, war halt nur gestern besonders. Immer auf der Suche nach der Steigerung, nach dem Kick, schnell gelangweilt von Partner, Partys, Hobby, Beruf und oft auch dem was wir für den Moment als unser „Selbst“ definieren. Wir klicken unseren Tinderanten fort oder halt nicht. Nur noch selten nehmen wir uns die Zeit und treten in einen echten, tiefen, langfristigen Kontakt, um den wir uns dummerweise ja auch bemühen müssten.

Nicht anders ist es in Berlin. Als ich vor einem Jahr nach Berlin kam, riss mich diese Stadt hin und her, sie tut es immer noch. Diese Stadt kann dich befreien, dich atmen lassen und töten zugleich. Sie bietet die unglaublichste, faszinierendste Vielfalt, die ich mir vorstellen kann, ihr Angebot verlockt, lässt träumen, aber erschlägt auch. Wer hier lebt dürfte genau wissen was ich mein. Die Welt des Technos, für die unser aller Herz schlägt, ist hier genauso vielschichtig und überladen an Möglichkeiten wie diese verrückte, heiß geliebte Stadt selbst.
Dabei begann es ganz zentriert, Anfang der 90er. In dieser Zeit entstand Techno im geteilten Berlin, im Berlin des Mauerfalls, als eine völlig neue Subkultur für und durch eine Generation, die sich in dieser Zeit von der Musik ein Stück weit befreien ließ von allem Äußeren. Eine Subkultur, quasi eine verstekte Kultur, nicht für alle zugänglich, nur für die, die sich für ihre Seele interessierten. Die Seele, das alles bestimmende und verbindende Glied dieser Kultur, war die Musik und das gemeinsame Erleben dieser Musik, zumeist auf geheimen, illegalen Raves. Seither sind mehr als 25 Jahre vergangen. Von einer reinen Subkultur kann schon lang nicht mehr gesprochen werden, vielmehr ist ein allgemeingültiges Massenprodukt in allen erdenklichen Varianten entstanden.

Wo ist die Seele dieser Subkultur geblieben? Es haben sich viele kleine Parallelseelen entwickelt, die die Basis, den Ursprung in der Musik, mittlerweile in ihrer Fülle oft zu übertönen drohen. Ich möchte die Mannigfaltigkeit der heutigen elektronischen Musikszenerie überhaupt nicht schlecht reden oder gar ihr ihre Daseinsberechtigung absprechen. Dass die Bar25 die Technowelt in Glitzer erstrahlen lassen hat, war eine wundervolle Bereicherung. Nur fehlt mir bei der heutigen Fülle der – nennen wir sie böse „Szeneentartungen“ – zu oft einfach der Blick für das Wesentliche. Die Wertigkeit der Musik, die für mich immer noch das Zentrum des Ganzen darstellt, geht im Verlauf einer Partynacht mit zehn Ein-Stunden-Sets, begleitet von Bodyglitzer-Painting, gezwungenermaßen verloren.

Aber die Partyveranstalter müssen uns ja mit immer neueren Besonderheiten bei Laune halten um unsere begehrte Zusage im Facebook zu erhalten. Wir erwarten ja unsere täglich erneuerte Milchbar um unsere gefräßigen Mäulerchen zu füllen. Zeit zum Innehalten und Hinterfragen des Ganzen bleibt zwischen Outfitfrage, Locationcheck, „Wer hat im Facebook sonst noch zugesagt und wie viele-Check“, kaum. Das Traurige hier ist im Grunde, dass dadurch still und heimlich die Wertigkeit, die wir der Musik an sich zumessen, immer weiter abnimmt. Wir verbringen mittlerweile keine sieben Stunden mehr im Plattenladen, um dann abends selig vor Glück mit diesen 2 neuen Scheiben nach Haus zu schweben und die nächsten Nächte einzig damit zu verbringen diese beiden neuen Schätze in und auswendig kennen zu lernen, aus ihnen etwas Neues zu erschaffen, sie zu hören, zu betrachten, zu durchdenken, zu mischen, zu verändern.

Es ist toll, 130 neue Tracks am Tag runterziehen zu können, es ist praktisch aus 200 Tinder-Angeboten in der näheren Umgebung wählen zu können, aber es wär schade, wenn darüber irgendwann das Besondere völlig verschüttet würde. Und diese Sehnsucht nach dem Echten, nicht heillos Überflutetem, nach dem Besinnen auf die Wurzeln, auf die Musik als Zentrum unseres Lebens in dieser Szene ist deutlich spürbar vorhanden. Hier setzen nun Luis Hügel und Domènec Sanz mit ihrer neuen Veranstaltungsreihe „Verstek“ an – sie versteken etwas vor uns, sie laden uns ein, sich um etwas zu bemühen, um somit etwas Besonderes erleben zu können und Teil davon zu werden. Das Besondere der Musik wieder zu erleben und gemeinsam wiederzubeleben, des Augen Schließens und Zuhörens. Die Qualität der Musik hat oberste Priorität. Domènec und Luis wollen verhindern, dass die Leute vergessen und auch verpassen, was uns an dieser Musik und den Gefühlen die sie auslöst von jeher so fasziniert.

Die Musik und deren gemeinsames Erleben, die Musik, aus der diese Szene entstanden ist. Sie soll hier ihre Bedeutung und ihren Stellenwert zurück erlangen, auf das ablenkende Blendwerk wie Yogakinotanzstunden und Malkurse wird verzichtet werden. Auch muss man sich nicht, wie teils nötig, fragen, welche Maske für welchen Club an diesem Wochenende benötigt wird, um szenezugehörig zu wirken. Es wird ausschließlich zum Auftakt, am 30. August, eine FB-Veranstaltung geben, danach nie wieder. Dann seid ihr gefragt ihre Versteke zu finden.

Es soll ein Angebot sein Musik zu entdecken, sich um sie zu bemühen und ihr und der kleinen, neu entstehende Szene in der Szene, einen ganz persönlichen Wert zu schenken. Ein Miteinander, welches in dieser Wurzel des eigenen Bemühens um die Musik entsteht, soll erwachen. Ein Miteinander, gemeinsam das Besondere zu teilen, die Musik ins Zentrum zu stellen, eine Einladung Teil der neu entstehenden Verstek-Familie zu werden. Es ist die Chance ein kleines, entschleunigtes Utopia erwachsen zu lassen, inmitten des erbitterten Kampfes um FB-Zusagen.

Vielleicht kann man es in dieser Zeit des Homo Consumens eine kleine Revolution nennen, dass uns die Schaufeln den Schatz zu heben wieder in die Hände gelegt werden. Ich freu mich sehr, dass es diese Hüter des Schatzes gibt, die sich in dieser schnelllebigen Szenezeit für uns aufmachen einen Schatz zu vergraben, damit wir uns mit Gleichgesinnten aufmachen können um den Schatz zu entdecken und ihn gemeinsam zu feiern. Der Schatz der elektronischen Musik, die wie keine andere Musikrichtung zuvor, die Menschen überkulturell vereinigt und sie lächeln lassen hat. Die Musik, die Anfang der 90er, Befreiung bedeutete und dies immer noch tut. Auch wenn ihr euch nicht mit uns versteken mögt. Ich find es ist, wie auch immer, wo auch immer ihr in Berlin feiert, ob im Berghain oder im Sysi, Kpax oder Kater, unsere Pflicht das Erbe dieser Musikrevolution der 90er zu wahren – einer Musik, die dazu geschaffen wurde, sich in sie fallen zu lassen, ihr unseren Pulsschlag anzuvertrauen und gemeinsam mit ihr die Nacht zu durchreisen. Euer Auftrag ist es nicht cool oder cooler als andere zu sein, indem ihr glitzert oder schwarz verhüllt durch alle Türen kommt. Euer Auftrag ist es, zu genießen, mit aller Leidenschaft, mit jedem Bassschlag, für diese Momente, getragen von der Musik, zu sein. Dann haucht ihr dem Glitzer auch wieder den Atem der legendären Bar25 ein und das Berghain wird wieder mehr sein als nur eine zu überwindende Tür und das „Zur Schau tragen“ eines Stempels.

Wer behauptet Berlin oder gar der Techno seien tot, macht sich, aus meiner Sicht, einfach nur lächerlich.
Er sollte einen weiteren, genaueren Blick riskieren …

Folgt diesem Link und etwas Neues wird beginnen:
www.verstek.de

Eure Caro

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