Als French House auf seinen Höhepunkt zusteuerte, da hatte die Technoszene schon ihren Superstar aus Frankreich. Mit Tracks wie „Acid Phase“ und „Turkish Bazar“ – beides längst Klassiker – wurde er weit über die Grenzen bekannt und war einer der wichtigsten Produzenten seiner Zeit. Mit dem Trance-Projekt B.B.E., zusammen mit Bruno Quartier und Bruno Sanchioni, und dem Track „Seven Days And One Week“ feierte Top darüber hinaus weltweite Charterfolge. Anfang der Nullerjahre wurde es dann still um den in Lille geborenen Franzosen, der mittlerweile seit einiger Zeit im Nachbarland Belgien lebt. Doch seit ein paar Jahren ist er wieder sehr aktiv, legt auf und produziert neue Tracks – und hat für uns den Mix des Monats abgeliefert. Ein Zeitgespräch über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft.  

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Hallo, Emmanuel, wie geht es dir? Was machst du gerade?

Ich arbeite gerade an einem neuen Album, einem Projekt namens „Moma“ mit mehr Ambient-orientierten Produktionen. Und darüber hinaus an dem Design meiner neuen Download-Plattform bliip.com, die im Herbst gelauncht werden soll.

Im Bezug auf „Moma“: Hat sich deine Herangehensweise an die Musikproduktion im Laufe der Jahre stark verändert? Und womit genau arbeitest du?

Nicht wirklich, weil man eigentlich immer die gleichen Regeln und die gleiche Striktheit beachten muss. Ich habe ein Set, basierend auf Ableton Live, eine Menge Plugins und einige neue analoge Geräte.

Wie viel Zeit verbringst du in deinem Studio?

Ich versuche, viel Zeit dort zu verbringen, aber ich bin oft gefangen im Korsett des Lebens und der dahinfließenden Zeit. Du weißt eben, dass der Großteil deiner Arbeit auf Zeit basiert.

Woher holst du dir deine Inspiration und Ideen?

Ideen kommen sehr schnell auf mich zu, das ist ein richtiges Gefühl. Es hat keinen Sinn, sie zu suchen, die Dinge müssen spontan sein. Die Umsetzung und Realisierung danach dauern oftmals länger. Meine Inspiration ist die ewige Evolution. Ich habe in meine Musik immer die emotionalen Phasen meines täglichen Lebens übertragen. Ich bin jemand, der Stabilität in Instabilität findet. Wir können nicht geben oder Emotionen erzeugen, indem wir ein konventionelles Leben haben, das auf den Millimeter eingestellt ist. Man kann etwas Flachem kein Volumen geben.

Mit wem würdest du gerne mal zusammenarbeiten?

Ich arbeite allein, weil es zu persönlich für mich ist. Ich bin immer in der Selbstbeobachtung, das ist Musiktherapie für mich. Ich habe mit der Musik im Alter von 14, 15 Jahren begonnen, weil ich Epilepsie hatte. Ich konnte mich nicht ausdrücken und aus meinen Gefühlen herauskommen, ich war in einer Krise. Die Musik ermöglichte es mir, diese Phase zu überwinden, und heute könnte ich mir ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Seit drei Jahren lege ich wieder manchmal auf, weil ich es gut finde, mit dem Publikum in Kontakt zu sein. Aber eigentlich bin ich kein DJ, ich bin vor allem eine Studioratte.

Du hast den aktuellen FAZEmag-Mix des Monats geliefert. Wie ist er zustande gekommen, wie hast du die Tracks ausgewählt?

Der Mix ist ein Set, das ich im April in Tel Aviv beim Independence Festival gespielt habe. Es ist sehr progressiv und hat wahnsinnige Acid-Passagen, in die ich meine eigenen Kompositionen habe einfließen lassen. Heutzutage ist mein Auflegen praktisch eine persönliche Live-Show, ich spiele oft Sets nur mit meinen Produktionen.

Vor zwei Jahren hast du dein neues Label Fokalm gegründet, auf dem außer dir bisher nur Fred Hush veröffentlicht hat. Wird es in Zukunft weitere Künstler dort geben?

Das bleibt geheim! Ich habe Fokalm wegen meines Projekts Bliip auf Standby gesetzt, ich denke Ende 2018/Anfang 2019 geht es dort weiter.

Deine erste EP auf Fokalm war „Lost in Berlin“. Welchen Einfluss hat die Stadt auf dich?

An erster Stelle einen historischen. Es war 1989, die Mauer war gefallen. Ich war 18 Jahre alt. Ich bin mit meinem kleinen VW allein hingefahren und habe dort die Freude der Menschen gesehen, die sich endlich gefunden haben. Diese neu gewonnene Freiheit und diese Ungerechtigkeit, die sich pulverisierte. Das war ein unglaublicher Moment meines Lebens, der schwer zu teilen ist, weil es sehr komplex ist, die Atmosphäre des Augenblicks zu erklären und zu beschreiben. Meine Seele war schon immer ein kleiner Revolutionär, Unterdrückung ist unerträglich. Ich habe auch ein Stück dieser Mauer, die damals endlich zusammenbrach. Außerdem bin ich ein Fan von Pink Floyd und wenn ich „The Wall“ höre, denke ich auch heute noch, dass Musik mächtig ist und helfen kann, Dinge zu verändern. So verloren in Berlin, aber glücklich! Sehr glücklich!

Schon bald nach meiner „Reise zum Mauerfall“ kam ich zurück nach Berlin. Die Partys pulsierten und ich bin heute immer noch verbunden mit DJ Tanith und den Tekknozid-Partys. Die Leute wollen hier wirklich Spaß haben, was verständlich ist.

Deine letzte EP wurde auf Marco Baileys Label Materia veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Marco ist ein Freund, ich mag diesen Kerl. Er weiß genau, wovon er spricht. Musikalisch haben wir den gleichen Hintergrund. Ich bin überzeugt von ihm. Er wollte etwas von mir und das war’s.

Dein Album „Asteroid“ aus dem Jahr 1996 war für viele DJs und Produzenten ein Meilenstein. Es folgten noch viele weitere Alben und momentan sitzt du auch an einem neuen. Wie stark ist denn der Glaube an das Albumformat in Zeiten von Streaming und Playlists?

Stärker denn je. Ein Album ist ein Stück Geschichte des Künstlers. Wenn wir über ein Album sprechen, sind wir im künstlerischen Bereich. Es ist ein Künstler, der etwas mit einem Publikum teilen will. Wenn wir über Playlists oder Streaming sprechen, sind wir beim Konsumenten und einem Einwegartikel. Wir reden nicht über Musik, wir reden nur darüber, Geräusche zu hinterlassen, damit wir uns nicht allein fühlen.

Im Jahr 1996, als „Asteroid“ veröffentlicht wurde, haben nur sehr wenige Menschen die Botschaft verstanden. Ich bin froh, dass dieses Album 22 Jahre später noch aktuell ist und sogar besser verstanden wird.

Der Erfolg von „Turkish Bazar“ und „Acid Phase“ – ist das heutzutage mehr Fluch oder Segen?

Das ist mein Business! Ich bin fast verpflichtet, mit dem einen oder anderen fertig zu werden. So ist das Spiel und das Publikum gibt mir ein gutes Gefühl. Mittlerweile habe ich mehr als 700 Titel auf meiner Habenseite. Da ist also noch etwas anderes!

Was ist mit dem jüngeren Publikum? Ist dem eigentlich bewusst, was du damals auf den Weg gebracht hast?

Es ist sehr seltsam und unglaublich. Junge Leute im Alter von 18 bis 20 Jahren feiern diese Titel, die in den frühen Neunzigern gemacht wurden. Es macht mich sehr glücklich, mit der Zeit zu gehen.

Zwischen 2003 und 2013 gab es eine längere Pause. Was war der Anlass?

Ich machte eine Pause vom Business, nicht von der Musik. Mit dem Aufkommen des Internets wurde das Wirtschaftsmodell geändert. Es war für mich die Zeit, eine Familie zu gründen – zu heiraten und kleine Piraten in die Welt zu setzen. Das ist definitiv auch ein Job! Außerdem hatte ich zwischen 2008 und 2013 große gesundheitliche Probleme. Ich konnte nicht mehr arbeiten. Ich habe mich sehr ernst um mich selbst kümmern müssen. 2014 kam ich zurück nach Europa und wollte wieder arbeiten, um mein psychologisches Gleichgewicht zu finden. Du kannst mit 44 Jahren nicht wie ein Rentner leben.

Alle Jahre wieder gibt es ein Acid-Revival und viele junge Künstler produzieren neue Acid-Tracks. Was denkst du darüber?

Die TB-303 hat einen einzigartigen, magischen Klang. Ich verstehe den Enthusiasmus der jungen Generation, daran festhalten zu wollen. Das ist gut so.

Wenn du dich an die ersten Jahre deiner Karriere erinnerst, was ist da hängen geblieben?

Die Dinge liefen immer sehr schnell für mich – oft zu schnell. Ich fühlte mich traumatisiert, wenn ich keine Ideen für den nächsten Titel hatte. Glücklicherweise ging das mit den Jahren vorbei. Man muss die Karriere eines Künstlers auf lange Sicht sehen, wenn es um Brillanz geht.

 

KURZ & KNAPP

Deine erste selbstgekaufte Platte

Hypnotic Tango – My Mine

Dein erstes Konzert

Johnny Hallyday, 1982 mit meinen Eltern.

Deine erste Clubgage

1986, ein Club in Belgien: umgerechnet 15 EUR

Deine Geheimwaffe beim Auflegen

Wie in einem guten Restaurant: eine gute Vorspeise und ein sehr gutes Dessert.

 

Deine aktuellen Top 5
Emmanuel Top – Addiction 2 (Promo)
Terence Fixmer – Orion 2 (NovaMute)
Hiroaki Iizuka – HH2/Endlec Remix 1 (Self Reflektion)
Donato Dozzy – Nine o‘ Three (Tresor)
Viers – Let My Mind Breathe (Figure)

 

Aus dem FAZEmag 078/07.2018
Text: Tassilo Dicke
Fotos: Nachtschaduw
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