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Nein, der Tod ist bestimmt kein Thema, das in unseren hedonistischen Szenekreisen regelmäßig diskutiert und verinnerlicht wird. Viel zu sehr beunruhigt uns doch die Gewissheit, dass all das Getanze und Musikgelausche, all das Feiern, all das pure Leben, all der Spaß, all der Sex und all die Drogen irgendwann (und das womöglich sogar noch plötzlich und unerwartet) vorbei sein werden. „Der Tod ist ein Skandal“ hieß ein Stück von Die Tödliche Doris. Dem werden die meisten zustimmen wollen. Doch der Tod ist auch ein Thema, das sich in der Musikindustrie nur schwer vermarkten lässt. Es sei denn, es geht um posthum veröffentlichte Werke. Die sind oft verlässliche Goldesel für Angehörige und Plattenfirmen. Ob der verstorbene Künstler die Songs auch wirklich irgendwann hätte veröffentlichen wollen, das steht natürlich auf einem anderen Blatt. Bei Labels, die sich auf elektronische Musik spezialisiert haben, findet man ein solches, posthumes Ausschlachten glücklicherweise eher selten. Vielleicht auch, weil von den Produzenten aus der Szene, die talentiert sind und gleichzeitig einen hohen Marktwert besitzen, noch nicht viele das Zeitliche gesegnet haben. So oder so ist nicht davon auszugehen, dass A&R und Marketingabteilung Freudensprünge machen, wenn ein Künstler verkündet, sich auf seiner neuen Platte mit dem Tod befassen zu wollen.

Im Hause Warp reagiert man aller Wahrscheinlichkeit nach trotzdem etwas anders. Sonst würde dort nicht das, frech „You’re Dead!“ betitele Album von Flying Lotus herauskommen. Es ist anzunehmen, dass die Chefetage des Labels Steven Ellison grundsätzlich eine großzügig bemessene Narrenfreiheit zugesteht und darauf vertraut, dass die hohe Qualität der Musik und die illustren Featuring Artists das grundsätzlich mulmige Gefühl bei der Thematik Tod laut genug übertönen werden. Flying Lotus kann zudem auf eine schon beachtliche Karriere blicken, die mit dem Debütalbum im Jahr 2006 (auf Plug Research) begann. Egal ob er den Rapper Captain Murphy mimt, für Grand Theft Auto V einen eigenen Radiosender kuratiert, sein Label (Brainfeeder) managt, oder eben Platten produziert. Vor diesem Hintergrund erscheint auch ein Album, das einen Blick ins Jenseits wirft, gar nicht mehr so bizarr. Flying Lotus erzählt gerne Geschichten und gibt seiner Kunst auch gerne mal einen tieferen Sinn. Laut Pressetext ist „You’re Dead“ „eine Ode auf all diejenigen, die zu früh, zu plötzlich, zu unerwartet verstorben sind – die also gänzlich in eine andere Welt übergetreten sind –, aber es soll genauso denjenigen Trost spenden, die auf dieser Seite über den Verlust eines geliebten Menschen trauern, Hinterbliebene im Hier und Jetzt.“ Auf die Ohren bekommen wir ein klangbombastisches, ideenreiches Werk. Dessen Schöpfer probierte begeistert verschiedene Aufnahmetechniken und Ansätze aus. Einflüsse von Jazz bis Psychedelic Rock werden innovativ umgesetzt. Einen echten Coup landete Flying Lotus mit der Verpflichtung von Herbie Hancock als Gastmusiker. „Wir wollten herausfinden, wie man Jazz-Sound machen kann, der sich wirklich neu anhört.“, so die gemeinsame Mission. Dass Snoop Dogg auf dem Album auch seinen Rap-Beitrag leistet, das verwundert jedoch eher weniger. Weitere Gäste sind Angel Deradoorian, Kendrick Lamar und Niki Randa. Der Bassist Thundercat machte sich zusätzlich als Co-Producer einiger Stücke verdient.

Insgesamt ist „You’re Dead!“ auch eine Form von Trauerverarbeitung, wie Flying Lotus erzählt: „Ich bin bei diesem Thema gelandet, weil ich viele Menschen um mich herum verloren habe. In meiner Familie gab es viele Todesfälle, und auch unter meinen Kollegen sind etliche viel zu früh gegangen. Ich wollte diese Erfahrungen verarbeiten, sie zum Ausdruck bringen und ihnen dadurch Gestalt geben.“ Künstler und Plattenfirma betonen aber, dass es nicht um das Ende, sondern um einen Anfang, um „die nächste Daseinsstufe“ gehen soll. Dadurch bekommt das Sujet von „You’re Dead!“ einen gar nicht mal so bitteren Geschmack. Es ist dennoch kaum anzunehmen, dass sich die Käufer dieses Albums gerne langfristig mit dem Sujet „Tod“ auseinandersetzen möchten. Letztlich geht es uns doch um die Musik an sich. Das Anhören dieser Platte könnten wir in diesem Sinne dann einfach als einen weiteren, beruhigenden Beweis dafür werten, dass wir noch am Leben sind und unsere letzte Stunde noch nicht geschlagen hat.

 

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