Kraftwerk, OFF, Yello, Omen: Der Frankfurter Markus Fix wurde von all diesen Institutionen der elektronischen Szene maßgeblich beeinflusst und sorgte nicht gerade in kleinem Maße dafür, dass Frankfurt zu einem wichtigen Ort im Techno-Kosmos wurde. Seit Jahren gehört der Hesse zum inneren Kreis von Sven Väths Cocoon-Imperium und bespielt regelmäßig Veranstaltungen des Labels auf dem gesamten Erdball. Aber auch auf Plattformen wie Cécille Records oder La Pena hat sich Fix in den vergangenen Jahren verewigt. Mit seinem Freund Dorian Paic kollaborierte er jetzt für die „Change Of Light“-EP, welche auf Pleasure Zone erscheint – und für uns führte Fix dazu ein exklusives Studio-Tagebuch.

 
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Es ist der Montag nach einem langen Wochenende auf der Time Warp in Mannheim. Nach einem lustigen und ausgiebigen Rave habe ich meinen langjährigen Freund und Studiopartner Dorian Paic zu Besuch. Da sich meine Augenringe in den vergangenen zehn Jahren nicht verändert haben, erkennt Dorian vielleicht nicht, wie sehr ich aus dem letzten Loch pfeife. Wie motiviert man sich also nach so einem Wochenende wieder, direkt ins Studio zu gehen und endlose Loops zu zerstückeln? Gar nicht! Das ist nämlich genau die Passion, die uns antreibt. Für uns ist das Studio kein normaler Arbeitsplatz: Es ist unser Spielplatz für Erwachsene. Da ich ein vollwertig ausgebautes Home-Studio unter unserem Wohnzimmer mein Eigen nennen darf, bedarf es keiner großen Diskussion bei der Entscheidung, wo wir den ersten Abend verbringen werden. Darf man so was DJ-Romantik nennen?

Angekommen im Studio, entscheiden wir uns dazu, erst mal Videos auf YouTube anzuschauen, um uns einen Überblick darüber zu verschaffen, was bei der Time Warp auf den anderen Floors so lief. Es ist doch erstaunlich, wie viele Leute anscheinend immer noch ein Nokia 6210 besitzen, um Videos online zu stellen. Nach einer halben Stunde reicht es dann auch wieder. Es wird Zeit, kreativ zu werden. Da man aber ja nicht einfach so ins kalte Wasser springen soll, spiele ich Dorian erst mal meine neuesten Aufnahmen, Tracks und Loops vor. Dabei bekomme ich meistens richtige Kopfschmerzen, da ich immer heimlich nach rechts schiele, um seine Reaktion zu beobachten. Dass mir die Meinung von Dorian als langjährigem Kopf des Labels Raum…Musik natürlich sehr wichtig ist, bedarf hier eigentlich keiner weiteren Erklärung. Mir fällt es nach über zehn Jahren des Produzierens immer noch sehr schwer, fertige Tracks an Labels oder DJs zu senden. Hier ist tatsächlich eine kleine Hierarchie zu erkennen: Zuerst steht hier meine Frau – unbeabsichtigt ist sie meine heimliche Discowaffe. Meist hört sie den ersten Loop, wenn sie von der Arbeit kommt, und begrüßt mich dann mit den Worten: „Ist das von dir?“ Das ist der entscheidende Satz, der mich wissen lässt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Nach ihr kommt mein Freund und DJ Chris Tietjen, der all meine Tracks und sogar die kürzesten Loops von mir bekommt. Ihm habe ich es auch zu verdanken, dass mein erstes Release im Jahr 2007 auf Cécille erschienen ist. Wer hier natürlich auch nicht fehlen darf, ist Arno aka Einzelkind, Labelmacher von Pressure Traxx und La Pena, mit dem mich mittlerweile eine tiefe Freundschaft verbindet. Mit ihm geht es dann schon eher ins Detail: „Ich würde den Break kürzer machen, eventuell die Hi-Hat ein wenig leiser und die Kick austauschen; eventuell den Lead ganz raus machen, das Sample filtern und wenn möglich, den Track um 10 Minuten verkürzen.“ Danke, Arno!

Kommen wir zurück ins Studio. „Mach noch mal den Loop davor, der ist doch ganz geil!“ Das ist der Satz, auf den ich nun eine halbe Stunde gewartet habe. Es ist der Loop von „Change Of Light“, den ich mit meiner Electribe Korg-ESX 1 programmiert habe. Die Electribe ist – zusammen mit dem Cirklon von Sequentix – das Herzstück meines Studios. Bestückt mit eigenen Samples aus alten Projekten, ist sie die ultimative Kreativ-Waffe. Damit kann der eigentliche Prozess nun beginnen: Ableton öffnen und mein vorgefertigtes Preset ist direkt geladen. Alle externen Geräte haben einen eigenen Audiokanal zum direkten Aufnehmen. Das ist für meinen kreativen Arbeitsablauf sehr wichtig, da ich direkt mit dem Musikmachen beginnen kann, ohne neue Audio- oder Midi-Kanäle anlegen zu müssen.

Zum Glück gibt es beim guten alten Apfel die Möglichkeit, mehrere Soundkarten von verschiedenen Herstellern zusammenzufassen. Dadurch komme ich auf über 180 Audiokanäle für Aufnahmen oder zum Senden an den Summierer, den Sub-Mixer oder externe Effekte. Meine Haupt-Soundkarte ist eine Universal Audio Apollo 16, gepaart mit einer UAD Apollo 8 inklusive ADAT-Erweiterung. Des Weiteren benutze ich noch meine alten RME Fireface 400 und 800, welche auch jeweils eine ADAT-Erweiterung nutzen. Das hört sich im ersten Moment viel an, relativiert sich aber sehr schnell, wenn man überlegt, dass bereits für die Moogerfooger-Effekte 20 Kanäle verloren gehen, weitere 16 Kanäle für den Neve-Summierer und 16 Kanäle für den Toft-Mixer, den ich für den finalen Mixdown benutze. Und da bin ich auch schon wieder abgeschweift …

 

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Die eigentliche Arbeit fängt jetzt erst an. Bassline finden, noch einen leckeren Synth, Austausch der Drums, ach, ein Vocal kommt auch immer gut. Da Dorian und ich keine klassische Musik-Ausbildung genossen haben – es sei denn, die Triangel im Schulunterricht zählt dazu –, wird hier das klassische „Trial and Error“-Verfahren angewendet. Stück für Stück programmieren wir die Bassline mit dem SE-1 von Studio Electronics. Unglaublich, Stevie Wonder hätte es nicht besser gemacht! Nun fehlt noch etwas, was den Track etwas mehr auffüllt. Während ich zur Auflockerung zum 100. Mal die Melodie von „Rhythm Is A Dancer“ oder „Don’t You Wan’t Me“ auf dem Virus Access TI spiele, fängt Dorian bereits an, an dem Arrangement zu basteln. Mittlerweile ist es 2:00 Uhr nachts und wir haben circa eine Stunde lang Presets gehört. Die Konzentration lässt nach und wir machen uns einen Spaß aus bekannten Produktionen, da fast alle Presets in irgendeinem bekannten Stück wiederzuerkennen sind. Sollte also Badesalz jemals in Rente gehen, bin ich mir sicher, dass wir als Nachfolger glänzen würden. Genau in diesem Moment spielt der Virus TI durch einen Bedienfehler die richtige Sequenz. Da ich mit einem Laptop arbeite, wird dieser recht schnell warm und die Leistung fällt in den Keller. Es kommt zu Aussetzern und Knacksern. Hierbei hat sich die Midi-Sequenz verschoben und falsche Informationen wurden an den Virus TI übermittelt. Wir füllen den Groove an den leeren Stellen noch mit ein paar Toms der Tr-8 auf und finden uns in meinem A-cappella-Sample-Ordner wieder. 2000 A-cappella-Versionen von Abba bis Zappa – es ist alles dabei! Den Buchstaben „H“ für „House“ lassen wir aus. Da sind wir uns einig. Historische Brandreden, Kylie Minogue, volkstümliche Kirchenlieder, Salt ’n’ Pepa und Black Poets. Auch aus klanglichen Gründen einigen wir uns auf das, was nun im Track zu finden ist.

Da Dorian bereits hervorragende Arbeit im Pre-Arrangement geleistet hat, kann ich alle Instrumente und Gruppen zuordnen, die zu meinem Toft-Mixer für den finalen Mixdown geroutet werden. Nachdem wir den Track seit mehr als fünf Stunden immer und immer wieder gehört haben, wird es Zeit, die Masterspur des Mischpultes aufzunehmen. Die Uhr zeigt 4:30 Uhr und meine Augen fallen bereits während des Recordings zu. Ab ins Bett!

Mit immer noch leichten Nachwehen von der Time Warp stehe ich ein paar Stunden später auf und vernehme einen leichten Kaffeegeruch. Dorian ist auch schon wach! Als ich ins Wohnzimmer komme, sitzt er bereits am Laptop und arbeitet vermutlich an der „20 Jahre Raum…Musik“-Tour. Ob ich deshalb ein schlechtes Gewissen haben muss? Definitiv nicht. Wir waren sehr fleißig! Es wird Zeit, sich das Stück mal mit frischen Ohren anzuhören – und dafür eignet sich nichts besser als die gewöhnliche Musikanlage im Auto. Obwohl mein Studio akustisch voll ausgebaut ist, macht es nirgendwo mehr Spaß, seine neuen Sachen zu hören, als im Auto. Da wir eh hungrig sind, machen wir einen kleinen Ausflug zu unserem Lieblings-Italiener im Ort. Oha! Ich höre nur die Kick und eine ziemlich verschwommen Bassline. Was haben wir denn da abgemischt? Na klar! Wir haben natürlich nicht die empfohlene Hörpause gemacht. Unsere Ohren waren gestern Nacht wohl schon ein wenig abgenutzt. Wir merken allerdings sofort, dass die Zusammenstellung der Instrumente und das Arrangement genau nach unserem Gusto sind, und freuen uns bereits auf einen weiteren Mixdown nach einem leckeren Espresso doppio. Zurück im Studio verfeinern wir die Abmischung und nehmen noch ein paar Änderungen vor. Ganz wichtig ist es hier, den Mixdown noch mal in minimalster Lautstärke abzuhören. Alles, was jetzt noch zu laut ist, wird nachgeregelt. Wir sind zufrieden mit unserer Arbeit, lachen uns kurz an und ich starte wieder mit der Melodie von „Rhtym Is A Dancer“.

Aus dem FAZEmag 076/06.2018
Text: Rafael Da Cruz & Markus Fix