Es sind die Details, die oftmals hängen bleiben. Details, die im ersten Moment eher nebensächlich klingen. Die Informationen, die im ersten Moment unwichtig erscheinen, die dann aber nach und nach Teile eines stimmigen Gesamtbildes werden. Jonas Saalbach ist einer dieser Menschen, die großen Wert auf Details legen. Dazu gehört dann auch, dass sich der gebürtige Hesse und Wahlberliner intensiver mit der Namensgebung und dem Cover seines neuen Albums beschäftigt hat als viele seiner Kolleginnen und Kollegen. Es entsteht ein Gesamteindruck, der Leidenschaft und auch eine gewisse Akribie vermittelt. Und so ist ein bemerkenswertes neues Album entstanden – aber nicht nur das.

 

Jonas Saalbach

 

Was hat es mit dem Titel auf sich und was war dein Motiv bzw. deine Inspiration für das Album?

Der erste Track auf dem Album ist auch der, den ich zuerst produziert habe. Er hat den Grundstein für die Atmosphäre des ganzen Albums gelegt. Oft angehört und immer wieder in Erinnerung gerufen beim Produzieren der anderen Songs, war schnell klar, dass „Silent North“ am Anfang der Tracklist stehen wird. Ich wollte ein Album produzieren, das man sich gut in diversen Situationen und gerne von vorne bis hinten anhören kann. Beim Spazierengehen, beim Sport oder zu Hause beim Kochen. Und trotzdem sollte es auch im Club und auf Festivals funktionieren. Mit Tracks wie „Acans“ oder „Shibuya Crossing“ konnte ich mich voll und ganz austoben – das heißt: produzieren, ohne nachzudenken, ob der Song später im Club funktionieren könnte oder für DJs spielbar sein würde. Das war extrem wichtig, um meinen Kopf frei zu bekommen und neue Kreativität zu schöpfen.
Das Albumcover hatte ich bereits, bevor der Titel entstanden ist. „Reminiscence“ ist ein wunderschönes Wort, das gut zu dem Vibe des gesamten Albums und gleichzeitig zu der Fotoaufnahme von Eddy Kruse passt. Ich habe die Songs bei der Namenssuche immer wieder gehört und mich vom Sound inspirieren lassen.

„Reminiscence“ ist bereits dein dritter Longplayer, den du auf Samuel Kindermanns Label Einmusika veröffentlichst. Wie bist du dort gelandet?

Durch die einzige Möglichkeit, die man als Neuankömmling in der Szene hat. Ich habe mir damals – 2012, als ich gerade nach Berlin gezogen war – die Demo-Adresse rausgesucht und drei Songs zu Einmusika Recordings geschickt. Nachdem klar war, dass Samuel Interesse an meiner Musik hat, lud er mich in sein Studio ein. So haben wir uns kennengelernt und arbeiten bis heute eng zusammen.

Wie lange hast du an „Reminiscence“ im Studio gearbeitet? Kannst du uns etwas über die Soft- und Hardware bzw. Instrumente sagen, die du verwendet hast?

Nach nicht zufriedenstellenden Versuchen, das Album im Hochsommer zu schreiben, ist das meiste in den Herbstmonaten entstanden. Mein Studio war einfach viel zu heiß und konnte durch die ganzen Akustikabsorber aus Steinwolle nachts nicht abkühlen. Das war nervenaufreibend, aber im Endeffekt extrem wichtig für den Produktionsverlauf und die Atmosphäre. Aus einem tollen Sommer mit vielen schönen Erinnerungen konnte ich Energie bündeln und endlich mit voller Konzentration und Aufmerksamkeit in das Projekt Album eintauchen. Die effektive Arbeitszeit würde ich auf drei Monate schätzen.
Als DAW nutze ich Ableton Live. Drums erstelle ich digital in Form von Samples und Loops, die ich ordentlich verfremde. Außerdem habe ich für das Album viele Percussions selbst aufgenommen. Wenn ich beim Touren Zeit habe, auf einen Markt zu gehen, kaufe ich mir hier und da Instrumente. In Südafrika zum Beispiel eine Djembe und in Indien ein Tamburin. Ich habe das Gefühl, dass durch diese Mischung die Drums schön organisch werden. Für weiche Sounds wie Flächen nutze ich gerne Plugins und für den Rest bevorzugt analoge Synths, zum Beispiel Juno 6, Prophet 6 und Novation Peak für Leads, Sub37 und Roland SE-02 für Bässe.

Hat sich dein Studio-Setup im Laufe der Jahre sehr verändert? Arbeitest du weiterhin mit dem Yamaha-PM-1000-Pult, wie du es mal in einem früheren Interview erwähnt hast?

Ja, ich bin echt tiefer in die Arbeit mit analogen Synthesizern eingetaucht. Zum einen gefällt mir oft der Klangcharakter besser als digitale Plugins und zum anderen liebe ich es, im Studio rumzulaufen und mal hier und da am Regler zu drehen, statt nur zu sitzen und die Maus zu bedienen. Außerdem habe ich mein Studio mit neuen Speakern bereichert: APS Aeon. Das PM-1000 steht bei Sasse im BlackHead Studio und wurde oft für mein Group-Mixing verwendet. Bei der aktuellen Albumproduktion kam es allerdings nicht zum Einsatz.

Chris McCarthy, Budakid und Yuven sind deine Albumgäste. Wie war die Zusammenarbeit, wie ist sie zustande gekommen?

Die Zusammenarbeit war superlocker! Chris ist ein Kumpel von mir, mit dem ich gerne bouldern gehe. Ich hatte ihn zuvor nie singen gehört, war aber echt begeistert, als wir „Twisted Shapes“ aufgenommen haben. Mit Kevin aka Budakid habe ich privat sehr viel zu tun und auch im Studio verstehen wir uns blendend. Sessions mit ihm sind immer sehr inspirierend für mich. Und Nico (Yuven) ist seit einem halben Jahr mein Studiopartner. Wir haben uns im Sisyphos an der Bar kennengelernt. Er hatte mich erkannt, mir ein Bier ausgegeben und so kam ein stundenlanger Nerdtalk über Technik und Musik zustande. Ich liebe solche Treffen! Zwei Monate später hat er dann seine Synths in mein Studio geräumt.

Du bist nun schon einige Jahre sehr erfolgreich mit deiner Musik. Wie blickst du auf die Zeit zurück, auf deine Anfänge? Wie hast du dich entwickelt und würdest du etwas anders machen, wenn du die Gelegenheit hättest?

Die letzten Jahre habe ich als sehr intensiv wahrgenommen. Es war anfangs ein sehr langer Weg mit vielen Höhen und Tiefen und ein sehr schleichender Prozess, bis ich dann mehr und mehr auf Tour war. Rückblickend bin ich sehr glücklich, wie sich alles entwickelt hat. Dass ich unter der Woche von morgens bis abends Zeit in meinem Studio verbringen kann und am Wochenende durch die Weltgeschichte reise, ist einfach genau das, worauf ich Bock habe!

Wie bereitest du dich auf deine Gigs vor, gibt es da ein Ritual?

Das kommt immer darauf an, wie viel Zeit vor einem Gig ist. Nach Möglichkeit mache ich ein kurzes Nickerchen im Hotel, trinke einen Kaffee und starte dann durch.

Du spielst live, legst aber auch auf. Wo liegt dein Schwerpunkt?

Ich habe immer schon live gespielt und nur zu Hause zum Spaß mit Platten aufgelegt. Vor ein paar Jahren habe ich dann eine Anfrage für ein DJ-Set im Watergate bekommen, die ich auch angenommen habe. Mittlerweile spiele ich 50 Prozent live und 50 Prozent DJ-Gigs. Die Abwechslung finde ich super.

Deine Album-Tour läuft ja schon seit Februar; wie war die Resonanz bisher? Und für alle, die noch nicht da waren: Was erwartet sie?

Ich bin sehr zufrieden. Die Tracks kommen gut an und erreichen die gewünschte Wirkung auf dem Dancefloor. Es erwartet euch ein treibendes, hypnotisches und melodiöses Set mit ordentlich Groove zum Tanzen.

Du hast eine eigene Radiosendung in San Francisco. Was kannst du uns darüber erzählen, wie kam es dazu?

Das ist richtig. Alle zwei Monate kommt über Proton Radio eine neue Episode von „Pearls & Sencha“, die es nach Ausstrahlung auch auf meinem SoundCloud-Channel zu hören gibt. Die Mixe sind immer etwas smoother als meine Club-Sets und enthalten aktuelle, ältere und kommende Veröffentlichungen.

Wie verbringst du gerne deine freie Zeit? Hast du Zeit für ein Hobby neben der Musik?

Ich gehe gerne bouldern, spazieren, saunieren und seit Neuestem mache ich Yoga. Alles Sachen, die mir beim Abschalten helfen und dabei, mich von dem stressigen Touren zu erholen. Einen ausbalancierten Lebensstil finde ich sehr wichtig bei diesem Beruf.

Worauf kommt es für dich an, wenn man als Musiker erfolgreich sein will? Kannst du Nachwuchs-DJs und -Produzenten einen Tipp geben?

Mein Tipp ist es, so viel Zeit wie möglich im Studio zu verbringen. Viel produzieren und sich langsam, aber sicher in allen möglichen Bereichen verbessern. Zum Beispiel im Umgang mit Technik, Musiktheorie oder im Arrangement von Songs. Wenn man Spaß an der Thematik hat, sollte das aber kein Problem sein. Heutzutage ist es ja fast unabdingbar, neben dem Auflegen auch zu produzieren, um Aufmerksamkeit in der Szene zu erregen. 

In diesem Jahr warst du unter anderem schon in Indien und Ägypten, deine Gigs führen dich rund um den Globus. Gibt es einen Ort, an dem du noch nicht warst, aber besonders gerne spielen würdest?

Ich würde echt gerne mal nach Japan. Indien fand ich richtig toll, würde aber gerne noch mal eine etwas längere Reise dorthin antreten. Am liebsten nur mit dem Rucksack.

Gibt es eine Location, die du besonders gerne bespielst?

Da gibt es einige. Drei Beispiele: Playa Padre in Marbella wegen der schönen Beach-Party-Atmosphäre. Watergate in Berlin auf dem Mainfloor wegen der gigantischen und perfekt eingestellten Anlage. Und in Beirut, wo ich bisher noch nicht eine schlechte Party gespielt habe.

Kürzlich hast du zusammen mit David Guzy das Label Radikon gegründet. Kennt ihr euch schon lange? Wie kam es dazu und was ist eure Philosophie?

David und ich kennen uns schon seit über zehn Jahren. Radikon, was auf Esperanto „Wurzel“ heißt, ist ein Herzensprojekt. Alle Beteiligten sind Freunde von uns. Zum Beispiel Simon Kneip. Er malt unsere Artworks mit Acryl auf Leinwand in seinem Atelier. Simon und ich kennen uns schon seit meinem 14. Lebensjahr und haben früher zusammen Graffiti gemalt. Das ist auch die Idee dahinter. Wir wollten eine Plattform für uns schaffen, auf der wir mit unserem Freundeskreis künstlerische Narrenfreiheit haben, und natürlich stehen wir durch dieses Projekt eng im Kontakt, was ein schöner Nebeneffekt ist.

Was steht denn für das laufende Jahr sonst noch auf dem Plan?

Ich bin gerade ziemlich motiviert und sitze an neuen Demos. Ich bin sehr gespannt, wohin der Weg noch führt.

 

KURZ & KNAPP

Dein erster Gig
Unter einer Brücke in Marburg. Richtiger Rave!

Deine erste Gage
Freigetränke

Deine erste gekaufte Platte
Dilated People – The Platform

Das habe ich auf meinen Touren immer mit dabei
Noise-Cancelling-Kopfhörer

Dieses Album läuft gerade auf meinem MP3-Player
David August – D’Angelo


Aus dem FAZEmag 085/03.2019
Text & Interview: Sofia Kröplin & Jacques Lafitte
Fotos: Aleksander Gudalo