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Kaiserdisco, eine zweiteilige Institution aus dem hohen Hamburg, kehrt zurück auf die Schaubühne des internationalen Technozirkus. Nach einer langen Liste von Releases auf Get Physical, Drumcode oder Glasgow Underground veröffentlichen Frederic Berger und Patrick Buck, die auch ihre eigenen Labels KD Music und KD Raw betreiben, erstmalig ein Album auf Tronic, wo auch die gemeinsam mit Karotte entstandene „Knocking Echoes“-EP erschien. Das dritte Album der beiden klingt zeitloser, was wenig verwunderlich ist, da man bei Kaiserdisco bereits in den vergangenen Jahren einen starken Drift zum rein technoiden Sound erkennen konnte. Wir trafen uns mit Frederic und Patrick, um über das neue Album „Another Dimension“ zu sprechen.

Hätte euer drittes Album nicht schon letztes Jahr herauskommen müssen? Dann hättet ihr einen dreijährigen Rhythmus gehabt: 2010, 2013, 2016 …

Ist ja lustig, uns ist gar nicht aufgefallen, dass uns da ein toller Rhythmus entgangen ist! Tatsächlich haben wir unser Album erst Ende 2016 ins Gespräch gebracht und im Januar nach dem BPM-Festival damit angefangen.

Was versteht ihr unter „Another Dimension“? Hat der Titel für euch eine tiefere Bedeutung und wo beginnt für euch persönlich die andere Dimension, die in eurem Leben unvorstellbar erscheint?

Die Namensfindung für Tracks oder gar ein ganzes Album ist nicht immer ganz leicht und manchmal eine nervige, zeitraubende Angelegenheit. In diesem Fall ging sie glücklicherweise relativ schnell. Unser neues Album ist ein reines Club-Album und besteht ausschließlich aus spielbaren Techno-Tracks. Während wir auf unseren vorherigen Alben immer auch Tech-House- oder sogar Deep-House-Titel veröffentlicht haben, haben wir dieses Mal komplett darauf verzichtet, da das auch nicht mehr unseren momentanen DJ-Sets entsprechen würde. Somit haben wir mit diesem Album quasi eine andere Dimension betreten, in der wir uns nun aufhalten und uns auch äußerst wohl fühlen. Bei einer neuen Dimension dachten wir sofort an das Weltall und sind bei unserer Suche auf den sogenannten Kuipergürtel am Rande unseres Sonnensystems gestoßen. In diesem Kuipergürtel befinden sich diverse Zwergplaneten und andere Himmelskörper, deren Namen sich nun als Track-Titel auf unserem Album verewigen durften. Eine weitere andere Dimension liegt für uns – wie auch für viele andere Menschen – sicherlich im Bereich des Übernatürlichen, Unerklärlichen, der sich bis hin zu paranormalen Phänomenen spannt. Mit diesen haben wir allerdings so überhaupt nichts am Hut, da wir uns definitiv lieber im Hier und Jetzt befinden.

Ihr sagtet es bereits, euer Album geht durch und durch „four to the floor“. Ein clubtaugliches Album lädt ja gerade dazu ein, auch ein nachfolgendes Remix-Album mit auf den Weg zu bringen. Wie sieht es da bei euch aus? Ist etwas in dieser Richtung geplant und wenn ja, gibt es schon Künstler, die ihr dafür ins Auge gefasst habt?

Wir sind tatsächlich gerade im Gespräch mit dem Labelboss Christian Smith, der schon ein paar tolle Ideen hatte, was die Auswahl der Remixer angeht. Wir wollen und können noch nicht zu viel verraten, aber es werden auf jeden Fall Club-Remixe!

Ihr seid mit den Jahren unbestreitbar technoider geworden, „Styx” aber erinnert mich mit seinen Synth-Wellen ein bisschen an eure Tech-House-Zeiten, die sich hier etwas mit dem technoiden Sound der Neunziger paaren. Kurz: Der Track klingt sehr retro. War das geplant oder drehen da meine Interpretationsnerven durch?

Das klingt doch tatsächlich so, als hättest du unser Album verstanden! (beide lachen) Die Neunziger waren die Jahre unserer Jugend, die damalige Musikszene hat uns extrem geprägt und da ist es nicht verwunderlich, dass dies immer mal wieder in unsere Tracks miteinfließt. Tatsächlich tut sich Patrick viel schwerer dabei, Sounds aus den Neunzigern zu nutzen. Daher gefällt ihm der Track wohl auch nicht zu 100 Prozent. Aber er passte perfekt in das Konzept des Albums, ohne dabei zu sehr an die alten Tage zu erinnern.

Auch die Nummer „NAMAKA“, die zusammen mit Karotte entstanden ist, ist sehr interessant. Erinnert ihr euch noch daran, wie die Produktion dieses Tracks vonstattenging?

Bei dem Titel „NAMAKA“ fingen wir wie immer mit der Suche nach einer Kickdrum an. Da wir von vornherein wussten, dass wir ein 16-teiliges Synth-Thema haben wollen, die ganze Nummer also eher groß und voll werden würde, war klar, wonach wir ungefähr suchten. Ursprung 909, dick und knackig untenrum mit einer gewissen Länge, sodass die Kick auch gleichzeitig die Bassfunktion mitübernimmt. Dabei sollte sie aber auch nicht zu dominant wirken. Das kann manchmal schon etwas Zeit in Anspruch nehmen. Danach sammelten wir uns erst mal ein Drumsetting zusammen und haben diese Elemente ordentlich gemischt, da sie ja das Rückgrat für den gesamten Titel darstellen und daher natürlich schön knackig und mit genug Power daherkommen müssen. Als Nächstes machten wir uns auf die Suche nach der richtigen Melodie, da Karotte ja gerne Melodien mag. Und da wir ja, wie gesagt, von vornherein wussten, dass es für diesen Track eine 16-teilige Synth-Melodie werden sollte, haben wir uns eine viertaktige Arpeggiator-Sequenz überlegt, welche jeweils in Takt zwei und Takt vier eine kleine melodische Ausführung hat. Die Melodie war relativ schnell komponiert und programmiert. Der schwierigste Teil war, wie bei uns eigentlich immer, die Suche nach dem richtigen Synth-Sound, der ja im Fokus stehen sollte. Da können schon mal ein paar Stunden vergehen. Wenn man zu dritt im Studio sitzt, kann dieser Prozess schon sehr nervig und ermüdend sein, daher sind wir kurzerhand lieber mit Peter [Karotte, Anm. d. Red.] etwas essen gegangen, haben später allein nach dem passenden Sound gesucht und ihn zum Glück auch gefunden. Der Rest des Titels war, wie wir immer sagen, eigentlich nur noch Handwerk. Abgesehen vielleicht von der doch relativ umfangreichen Spurautomation für die Melodie. Ansonsten haben wir einen typisch klassischen Aufbau mit zwei ziemlich energetischen Breaks und einem etwas reduzierteren Tanzteil nach dem ersten Break, in dem sich die Melodie dann erneut aufbaut. Hier und da noch ein paar Effekte sowie eine Snare und ein Becken-Gewitter in den Breaks. Fertig war „NAMAKA“! Uneinigkeiten über irgendwelche produktionsrelevanten Dinge gibt es bei uns im Studio eigentlich fast nie, da wir uns nach so vielen Jahren im Grunde genommen blind verstehen und auch wissen, was dem anderen gefällt oder nicht gefällt.

Im nächsten Jahr gibt es euer gemeinsames Projekt Kaiserdisco bereits geschlagene zehn Jahre. Was kann man von euch zum Jubiläum erwarten?

Das ist eine sehr gute Frage. Wir sprechen seit Längerem darüber, aber tatsächlich haben wir durch die Arbeit an unserem Album noch nichts geplant. Eventuell hätten wir noch die sieben Monate warten sollen mit dem Album, dann hätten wir auch dieses Thema gleich erledigt gehabt. Hätte einiges einfacher gemacht für 2018. Aber uns wird bestimmt noch etwas Spannendes einfallen.

Bevor ihr 2008 mit Kaiserdisco begonnen habt, habt ihr eigene Solo-Projekte verfolgt. Vermisst ihr diese Unabhängigkeit oder würdet ihr sagen, es gibt nichts Besseres, als zusammen dem Ziel entgegen zu steuern?

Es gibt Phasen, da arbeiten wir auch mal getrennt an Ideen im Studio, aber am Ende kommen wir immer zusammen, um sie zu vervollständigen. Ein Duo, das international unterwegs ist, bekommt sehr schnell auch Anfragen von Veranstaltern, ob nicht nur einer von beiden gebucht werden könnte. Das haben auch wir ein paar Jahre gemacht. Wir mussten uns dann allerdings immer mit den Fragen herumschlagen, warum denn heute nur einer von uns da ist. Zusätzlich war das einsame Reisen extrem langweilig und trist. Da kann man schon etwas depressiv werden. Um das zu vermeiden und weil wir Spaß daran haben, Dinge gemeinsam zu erleben, haben wir uns vor etwa drei Jahren dazu entschieden, möglichst nur noch zu zweit zu spielen. Das gelingt uns nicht immer, aber es ist definitiv mehr als früher und macht umso mehr Spaß.

Gibt es für euch überhaupt noch Ziele? Wo seht ihr euch in den nächsten zehn Jahren, wo möchtet ihr auf jeden Fall noch mal spielen und mit wem wolltet ihr schon immer mal zusammenarbeiten?

Unser Ziel ist es immer, im Hier und Jetzt den größtmöglichen Spaß zu haben, und den haben wir hoffentlich auch noch die nächsten zehn Jahre oder sogar länger. Außerdem wollen wir natürlich unsere Labels weiter betreiben und möglichst noch viele Tracks produzieren, die den Leuten Freude beim Tanzen bereiten.

 

Aus dem FAZEmag 069/11.2017