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Würde man rein nach den Zahlen gehen, erweckt es den Eindruck, dass KlangKuenstler schon seit Jahren im Geschäft ist. Sein Track „Freudenträne“ wurde 2,7 Millionen Mal auf YouTube aufgerufen, „Barfuß auf Wolken“ fast 900.000 Mal auf Soundcloud. Dort folgen ihm auch 60.000 Menschen, auf Facebook sind es 43.000. Jedoch ist Michael Korb, wie KlangKuenstler mit bürgerlichem Namen heißt, erst seit wenigen Jahren ein aktiver Musiker. „Freudenträne“ ist sein erster erfolgreicher Titel gewesen und erreichte schon mehr Menschen, als andere Musiker es in ihrer ganzen Karriere tun. Nun erscheint sein Debütalbum „That’s Me“ auf Play Elegent. In einem kleinen Hotel in Erding erzählt er über seine Karriere und sein Album.

Sein Interesse für elektronische Musik begann aus der Notwendigkeit, sich selbst um neue Einflüsse zu kümmern. Michael stammt aus Füssen, einer kleinen Stadt im Allgäu an der Grenze zu Österreich. Infiziert vom dörflichen Nachtleben, bestehend aus einer einzigen Disco, stieg er immer tiefer in die Materie ein. Ihn trieb die Frage an, was genau ein DJ eigentlich macht, wo die Kunst dahinter steckt und wie man mit den Emotionen des Publikums spielt. Darauf folgte unweigerlich eine intensive Tracksuche, abseits der omnipräsenten Chartmusik. Der Start in diese Musikszene wurde ihm nicht einfach geliefert. „Irgendwie bin ich auf die House- und Tech-House-Schiene gekommen. Ich habe dann das erste Mal einen Minimal-Track gefunden und wusste erst gar nicht, was das ist“, gibt er lachend zu. Es ist diese Neugier, die den Grundstein für seine Karriere legte. Ebenso essentiell waren die ersten Erfahrungen in einer größeren Stadt – München. „Der erste Szeneladen war für mich das alte Harry Klein. Das war für mich ein Wow-Effekt. Ich bin da rein, ich kannte das Feiern auf diese Art und Weise nicht, das stundenlange tanzen und schwitzen, das war eine ganz andere Welt. Daher bin ich auch sehr froh, dass ich da heute mittlerweile spielen darf.“ Es ist ein durchaus rasanter Aufstieg, den Michael hinter sich hat, beziehungsweise in dem er sich befindet. Erst vor drei Jahren fing der 24-Jährige an, sich an Plattenteller zu stellen, unmittelbar darauf folgten die ersten Schritte als Produzent. „Ich lege seit drei Jahren auf, ein halbes bis dreiviertel Jahr später habe ich angefangen Musik zu produzieren. Darauf habe ich mich dann vollkommen konzentriert, ich wollte dann auch unbedingt live spielen, was ich tat, sobald ich genug Tracks hatte.“ Seitdem erschienen die Werke von KlangKuenstler auf 3000°, Ostfunk, Ton liebt Klang, Kallias, Stil vor Talent, Love Matters und seinem eigenen Label Zuckerton Records. Innerhalb von diesen drei Jahren konnte KlangKuenstler seinen Stil verfeinern und präzisieren. Die detailverliebte, zwanglose Art in seiner Klangsprache zieht sich wie ein roter Faden durch seine Produktionen, von den unbeschwerten Anfängen der ersten Tracks wie „Freudentraene“ bis zu den aktuellen, oftmals cluborientierteren Titeln auf dem Album „That’s Me“.

Nicht unbeteiligt an seiner Karriere war Soundcloud. Die Möglichkeit, Tracks schnell und unkompliziert zu verbreiten, wird von vielen Künstlern geschätzt und intensiv genutzt, einen derart großen Erfolg haben aber deutlich weniger Musiker. Es markiert auch einen Umbruch in der Musikindustrie, eine Unterschrift bei einem Label markiert nicht zwanghaft den Start einer Karriere, dieser Schritt kann auch mittendrin passieren. Über die Entwicklung und Bedeutung von Soundcloud für Newcomer ist Michael selbst erstaunt: „Das ist unglaublich, das steht gar nicht mehr in der Relation mit dem Bekanntheitsgrad. Es ist eine neue Generation von Hörern. Das hat mich auf jeden Fall weitergebracht, aber mir ist es schon wichtig, dass ich mich mehr an vernünftige Labels halte, mit anständigen Releases und damit weiterkomme. Ich möchte nicht nur ein Internetwunder sein.“ Mittlerweile ist KlangKuenstler im Roster des bekannten Berliner Labels Stil vor Talent. „Stil vor Talent ist natürlich wahnsinnig präsent, was ein Vorteil für mich ist. Es freut mich auch, dass ich da dabei sein darf. Natürlich kennen mich aber auch Leute über Soundcloud und YouTube. Es ist total verrückt, was für Dimensionen das angenommen hat.“ Die Bekanntheit über neue Plattformen und Social Media stellen Michael allerdings auch vor Fragen, die andere Künstler nicht haben. Die reine Möglichkeit, innerhalb kürzester Zeit Unmengen an Fans zu erreichen, garantiert nicht, dass dies immer so sein wird. Er denkt, dass es möglich ist, als unbekannter Künstler Millionen von Leuten zu erreichen. Das Bestehen auf der digitalen Fanbase ist allerdings schwieriger. „Ich glaube, dass man sich als Künstler davon nicht über Jahre halten kann. Nur über den Hype eines sozialen Netzwerks mehrere Jahre erfolgreich zu sein, ist schwierig“, bekennt er.

Nicht alle Schritte einer Karriere sind digital möglich. Der Umzug von Bayern nach Berlin im Sommer 2012 schlug ein wichtiges Kapitel in seinem Leben auf. Hier entstand innerhalb von zehn Monaten sein Album. 2013 erschien es in abgeänderter Form, blieb jedoch im Endeffekt in den Startlöchern stecken. Die neue Version, die nun auf Play Elegent publiziert wird, enthält zwei neue Tracks, die wie die restlichen Stücke im Studio in der Wohnung von KlangKuenstler entstanden. „Ich produziere bei mir zu Hause. Ich habe mir dort in einem kleinen Zimmer mein Studio eingebaut, es ist groß genug für eine Person und ich störe meine Nachbarn nicht.“ In seiner Arbeitsweise für Songs zeigt sich auch der Fokus seines musikalischen Empfindens: „Ich fange eigentlich immer mit einer Melodie an. Außer wenn ich Lust habe, einen total Bassline-fixierten Track zu machen. Ich bin eigentlich Basslinefetischist. Wenn ich ein Lied machen will, das nur aufgrund der Bassline funktioniert, fange ich eben damit an. Ansonsten sind meine Sachen sehr melodisch und das ist auch der Grundpart, darum beginne ich gewöhnlich immer mit einerMelodie.“ Genau dieser melodiöse Part nimmt auf „That’s Me“ den Hauptteil der Aufmerksamkeit ein. In den zehn Titeln führt KlangKuenstler seine Hörerschaft durch ausdrucksstarke Landschaften aus organischen Instrumenten und kräftigen Synthesizern. Gastbeiträge von Alice Phoebe Lou, Wonkers und Umami untermauern den Langspieler. Die fesselnde Stimme von Alice lässt die beiden Stücke „Man On The Moon“ und „Amsterdam“ aus dem Album hervorstechen. Die emotionalen Lyrics schmiegen sich gelungen an das klangliche Fundament. Zu der Zusammenarbeit kam es, nachdem die südafrikanische Sängerin KlangKuenstler bei einem Auftritt sah. Fasziniert von seiner Musik, traten die zwei über Facebook in Kontakt. Die Kollaboration mit Umami kam durch ein gemeinsames Projekt für das Münchner Label Great Stuff zustande. „Sam von Umami kenne ich jetzt auch schon ein wenig länger und ich mag seine Stimme sehr gerne. Ich habe ihn dann gefragt, ob er Lust auf eine Kollaboration hat. Als Duo haben Umami auch einen Remix von meiner Albumsingle gemacht.“ Stilistisch tobt sich KlangKuenstler in allen Bereichen des House aus. Die Tracks sind sehr kohärent, aber variieren in ihrem Ausdruck. Mit „We Know“, das zusammen mit den beiden Berlinern von Wonkers entstand, steht ein absolut clubtaugliches Werk in der Mitte des Albums. „One Day At Mauerpark“, benannt nach einem der liebsten Orte von Michael, hingegen übernimmt den Charme von Dub Techno und kombiniert ihn mit einem housigen Beat.

Vom sanfteren Sound seines ersten Albums lässt sich aber nicht zwangsläufig auf die Atmosphäre schließen, die KlangKuenstler bei seinen Shows erzeugt. Bewegt von den Möglichkeiten, die digitale Live Sets bieten, verfolgt er ein klares Ziel: die Freiheiten als Künstler zu nutzen, um mit dem Publikum auf innige Weise den Moment zu feiern. „Ich finde es spannend, live zu spielen. Man spielt die eigene Musik, man hat einzelne Spuren, das habe ich damals bei Paul Kalkbrenner gesehen, und es hat mich fasziniert. Es ist immer wieder eine Herausforderung und vor Auftritten bin ich auch oft aufgeregt“, sagt Michael über seine Gigs. „Zum Teil ist mein Sound sanft. Aber ich habe auch Nummern, die sehr im Club funktionieren, die ich darauf ausgelegt habe. Ich dachte mir dabei: ‚Das soll im Club richtig grooven.‘ Nur sanften Sound zu machen, fände ich auch nicht ok. Bei meinem Auftritt sind die Sachen unkomprimiert und ungemastert, die klingen schon noch mal anders. Ich spiele eigentlich immer mindestens einen unfertigen Track, eher zwei.“

Mit „That’s Me“ zeigt KlangKuenstler nicht nur wer er ist, sondern auch was er nicht ist – eine kurzlebige Erscheinung in den Fluten der Soundcloudwellen. Stattdessen präsentiert sein Debüt eindrucksvoll, wie freundlicher, warmer House klingen kann, wie komplex und mannigfaltig sein Sound ist und was sich daraus noch entwickeln kann. Hinter all den Zahlen auf YouTube und Soundcloud befindet sich kein gehypter Artist, der per Zufall zur richtigen Zeit, den richtigen Song hochgeladen hat, sondern ein Künstler, der es versteht, sich selbst durch seine Produktionen auszudrücken. Und somit bleibt es spannend, mit was uns KlangKuenstler noch in den Bann ziehen wird. / BRNK

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