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Heute ist der Name Klaudia Gawlas einer der erstgenannten, wenn es um kredibilen Techno aus Deutschland geht. Und das nicht nur, weil die Wahl-Passauerin inzwischen eine der wichtigsten weiblichen Vertreterinnen dieses sonst eher von Männern dominierten Genres ist, sondern weil sie längst auch den einen oder anderen männlichen Kollegen abgehängt hat. Das unterstrich das Ergebnis des 2013er FAZE-Leserpolls, bei dem ihr sie auf den ersten Platz in der Kategorie „DJ National“ gewählt habt. Seitdem sind zwölf weitere, ereignisreiche Monate ins Land gegangen – für die elektronische Musik ganz allgemein, für Klaudia Gawlas im Besonderen. Zeit, noch einmal nachzuhaken und ihr Jahr 2014 Revue passieren zu lassen.

Was waren deine persönlichen Highlights 2014? Beruflich, aber auch privat – gerade nach einem für dich recht schwierigen 2013, wie du uns letztes Jahr verraten hast?

Das ganze Jahr über ist recht viel passiert, und manchmal rennt die Zeit einfach davon. Ich habe wieder sehr viele tolle Gigs erlebt, u.a. auf der NATURE ONE – dort haben wir ein Video gedreht – und erst kürzlich auf der MAYDAY in Polen. Da habe ich das Closing Set in der Arena spielen dürfen. In Polen geht mir das sehr nahe, weil es mein Geburtsland ist und dort noch der Großteil meiner Familie wohnt. Einige waren auch auf dem Event, wie mein Cousin und mein kleiner Halbruder, der gerade die Liebe zu elektronischer Musik entdeckt und aus dem Staunen nicht mehr raus kam. Aber viele kleinere Events waren auch besonders. Ich hatte 2014 meine ersten Gigs in Italien, war aber auch wieder in Frankreich, der Schweiz, Ungarn und in den Niederlanden. Auch dort habe ich überall Tolles erlebt. Privat war mein Urlaub ein Highlight. Es hat mir selten so gut getan, eine Auszeit zu nehmen, wie vergangenen Sommer. Irgendwie bin ich seitdem allgemein etwas relaxter.

Es ist nun fast ein Jahr her, dass du im Jahrespoll den ersten Platz bei „DJ National“ belegt hast. Im Februar werden die Ergebnisse für 2014 veröffentlicht. Hast du dir da das Jahr über Gedanken gemacht oder tust es jetzt? Hast du Hoffnungen, Vorstellungen, wo du dieses Mal gelandet bist

Natürlich geht so etwas im Kopf rum und man fragt sich, wie das ganze Jahr so verlaufen ist. Der Poll ist quasi auch der Startschuss zum Jahresabschluss. Ich erschrecke da immer wieder, wie schnell das Jahr vergangen ist. Es ist natürlich super, wenn die Leute einen wählen. Dafür danke ich jedem einzelnen. Und auf Platz 1 zu landen war für mich mehr als verrückt. Das möchte ich meinen Fans jedes Wochenende aufs Neue zurückgeben, so gut ich kann. Aber ich gehe nicht davon aus, dass ich das Voting jetzt jedes Mal gewinne. Ich würde mich natürlich sehr freuen, meinen Namen irgendwo dort zu finden, keine Frage! Top 10 ist auch immer super. Wir haben das Ganze dieses Mal auch nicht so sehr beworben wie 2013. Letztes Mal hatte ich die Idee mit dem Zwergen-Video, das war einfach sehr lustig. Aber alle, die im Poll auftauchen, sind Top-Artists, und es gibt ja nicht nur zehn davon. Jeder ist besonders auf seine Art, wie ich finde. Allein aus Respekt vor der Musik stelle ich eher keine Spekulationen darüber an, wer wo landet. Schließlich sind das ja die Leserpolls, und das ist ja das Schöne daran.

Im letzten Jahr ist dein „Papillon“ außerdem zum Track des Jahres gewählt worden. Das Ganze hat sich auch kommerziell als ziemlich erfolgreich erwiesen. Hast du dir das so vorgestellt oder war das etwas, dass dir selbst nicht so geheuer war?

Ich bin sehr glücklich darüber, wie es gelaufen ist. Der Track hat auch viele Nicht-Clubber erreicht, die gesehen haben, dass unsere Musik mehr kann als nur Bum Bum. Es war eine schöne Erfahrung, so eine breite Masse zu erreichen. In den Clubs waren aber trotzdem überwiegend Techno-Lovers oder sogar Leute, die mit „Papillon“ eingestiegen sind. Der Stück ist releast, und alle konnten sich den legal holen. Das war alles, was mir wichtig war. Es gibt allerdings wirklich ein paar Leute, die mich natürlich rein auf diesen Track reduzieren. Und das ist nicht richtig, da mein Sound durchaus düster wird oder einfach mal rattert. Kommerz hin oder her. Was fängt genau wo an? Der Begriff ist leider auch sehr dehnbar. Das, was ich spiele, ist im Allgemeinen für mich purer Techno. Aber im Techno geht es manchmal auch mehr nach links oder rechts.

Und um das abzuschließen, auch dein erstes Album „Zeitgeist“ wurde in unserer Poll-Top10 gelistet. Wie sehr hat dich ein solcher Erfolg für die nächsten Produktionen unter Druck gesetzt?

Für mich ist es wichtig, mich frei zu machen von solchen Gedanken. Anders kann ich nicht kreativ arbeiten. Die Musik ändert sich ständig, wenn auch manchmal nur minimal, aber ich glaube wir alle inspirieren uns da gegenseitig jedes Wochenende. Das viele Reisen, die Clubs, die Leute, die man trifft, das alles fließt bei mir oft mit ein. Dadurch habe ich mittlerweile immer eine konkrete Vorstellung, was dabei rauskommen soll, wenn ich ins Studio gehe. Natürlich will man dem Anspruch irgendwie gerecht werden und da anknüpfen, aber das eigentlich erste, wichtige Feedback bekommt man auf dem Floor. Und dann weiß ich auch, ob ich mich in etwa in die richtige Richtung bewege und darauf weiter aufbauen kann.

Gerüchten zufolge arbeitest du bereits an deinem zweiten Album, das in diesem Jahr erscheinen soll. Was läuft bei der Produktion anders als beim Debüt? Welche Ziele hast du dir hierfür gesetzt und wo liegen hier die Unterschiede zu „Zeitgeist“?

Das „Zeitgeist“-Album war für mich eher eins zum Anhören nebenher. Das zweite soll clubtauglicher werden und auch viel tooliger. Ich habe in der letzten Zeit sehr viel produziert, und es ist einiges an Material da. Aber so richtig fertig bin ich noch lange nicht. Das Album muss noch etwas warten, bis ich das Gefühl habe, es passt. Es ist eins in Planung, sagen wir es so. Allerdings weiß ich nicht, wann es rauskommen wird. Ein Album ist ja immer ein großes Projekt.

Neben Underground/Overground geht auch immer wieder der Techno/Hardtechno-Diskurs durch die Szene. Du selbst stehst beiden Diskussionen eher locker gegenüber im Gegensatz zu einigen recht verbissenen Kollegen. Wie beurteilst du diese immer währenden Uneinigkeiten?

Generell sind das Gespräche, die sich seit Jahren im Kreis drehen. Auch Techno ist ein „leider“ sehr dehnbarer Begriff. Der eine versteht darunter Jeff Mills und der andere Scooter. Es kommt immer darauf an, mit wem man sich unterhält. Deswegen habe ich aufgehört, darüber zu sprechen. Wenn mir einer sagt, ich spiele Hardtechno, dann sag ich ihm, dass ich das nicht so sehe und es Techno ist – und dann bleibt das so stehen. Neulich erzählt mir eine Bekannte, dass ihre Tochter auch Techno hört und sie auf einem Avicii-Konzert war. Mir ist das Gesicht entgleist, aber genau das ist es, was die Diskussion anheizt und sie gleichzeitig sinnlos macht. Jeder hat seine eigene Definition. Mit Techno/Hardtechno ist es genau so. Also Hardtechno geht immer noch anders, und das bin ich sicher auch nicht. Und ein Avicii hat mit unserem Techno rein gar nichts zu tun. Es gibt da klare Linien aber die Musik hat keine Grenzen. Deswegen ist so etwas ja philosophisch. Aber, mal ehrlich, die Hauptsache ist, dass die Leute Spaß haben. Es ist alles elektronische Musik, da sind wir uns doch wohl alle einig.

Und ein bisschen ist es auch eine rein deutsche Diskussion. Also ab ins Ausland. Du wirst 2015 erstmals in Brasilien auf der Tomorrowland spielen. Welche Gefühle und Erwartungen verknüpfst du damit? Und mit dem ersten Gig in Übersee überhaupt?

Brasilien ist natürlich schon ein Exot in meiner Gig-Liste. Ich war noch nie dort und bin schon gespannt auf das Land, die Menschen und am meisten auf das Festival dort. Ich hätte mir früher nie erträumt, dass ich mal in Brasilien gebucht werde. Brasilien hat ja schon eine lange Hardtechno-Historie, und ich kenne einige gute Künstler von dort. Der Sound hat sich die letzten Jahre auch etwas gewandelt, wie es scheint. Es gibt eben nicht nur die eine Richtung. Zum Glück! Es wird bestimmt sehr interessant. Ich lasse ja die Reisen gerne auf mich wirken, fahre meine Sensoren ganz weit raus und versuche, vieles in mich aufzusaugen und auf mich wirken zu lassen. Das ist die Brasil Edition of Tomorrowland. Ich bin schon sehr gespannt, da es auch meine erste Tomorrowland überhaupt ist.

Auch im europäischen Ausland läuft es für dich gerade überragend, insbesondere in Italien. Wie erklärst du dir selbst diesen Hype um deine Person bzw. deine Musik dort?

Techno ist nicht nur ein deutsches Phänomen, und im Ausland werden seit Jahren auch sehr viele gute Partys veranstaltet. Viele Künstler, ich sag jetzt mal der ersten Garde, haben die Szene in Europa und sogar weltweit gut aufgebaut. Techno ist einfach connecting. Die Musik wird auf der ganzen Welt gehört und scheint sich noch mehr auszubreiten. Italien ist für mich ganz schön crazy, was die Clubszene dort angeht. Ich tue natürlich mein Bestes, um auch europaweit spielen zu können. Insbesondere in Italien ist straighter Techno gerade sehr gefragt, und damit kann ich ja dienen. Letztes Jahr im Sommer hatte ich dort den ersten Gig am Strand in der Nähe von Rom, und das hat sehr gut funktioniert. Überhaupt mag ich die Italiener sehr gerne. Sie sind ein sehr lebhaftes Volk.

Mit wachsendem Erfolg steigt natürlich auch das Stresslevel. Hast du schon mal das Gefühl, dir wächst alles über den Kopf, oder bist du dank deines Teams da relativ gut abgesichert?

Manchmal gibt es schon Phasen, in denen mir einfach die Zeit nicht reicht für alles, was zu machen ist. Und dann schleicht sich auch manchmal ein Gefühl der Erschöpfung ein. Aber dafür gibt es eben auch ruhigere Zeiten, in denen man sich gut erholen und Kraft tanken muss, um diese stressigen Zeiten zu überstehen. Ich bin meinen Leuten sehr dankbar, dass sie mir so viel abnehmen. Ich habe mit Abstract ein gutes Team hinter mir. Ich brauche mich um das Merchandise und um das tägliche Office nicht mehr selbst kümmern. Das erleichtert mir die Arbeit ungemein, und so kann ich mich besser auf die Musik konzentrieren. Bis jetzt funktioniert das ganz gut. Aber ich plane mir ja auch ganz fest Ruhephasen ein und buche mal hier und da wieder ein Off-Weekend.

Du lehnst also auch Gigs zugunsten deines Privatlebens schon mal ab? Welchen Einfluss hat all das überhaupt auf dein Privatleben? Kommen inzwischen Dinge, die dir früher wichtig waren, zu kurz?

Ehrlich gesagt habe ich sehr wenig Zeit außerhalb der Musik, und ich habe die letzten Jahre viel verpasst, was meine Familie angeht und sicher auch das Privatleben ganz allgemein. Aber ich liebe die Musik nunmal, und das ist, was mich glücklich macht. Meine Freunde leiden natürlich unter meinem Zeitmangel, und es kommt vor, dass ich sie mal vier Wochen lang nicht sehe. Auch musste ich dieses Jahr wegen des Awakenings Festivals einen großen runden Geburtstag eines guten Freundes streichen, da es schon immer mein Wunsch war, dort mal zu spielen. So was kann man nicht absagen. Und meine Freunde wissen, was sie mir damit antäten, würden sie das erwarten. Meine Familie hatte zum Glück auch immer Verständnis. Aber ich bin eher immer im Soll, was mein Privatleben angeht. Die Musik ist eben meine Lebensaufgabe. Alles andere muss sich dem irgendwie unterordnen. Aber mittlerweile bin ich dahinter und kümmere mich mehr um mein Privatleben. Feste Tage, an denen ich einfach frei mache und mich nicht mal am Telefon melde. Zeitmanagement ist einfach das A und O.

Du lebst nach wie vor im beschaulichen Passau. Wie wichtig ist es dir, nach dem Auflegen wieder dorthin – quasi in den Schoß der Natur – zurückkehren zu können? Schafft das einen Ausgleich zum Arbeitsstress? Was bedeutet Heimat für dich?

Es ist schon ein wichtiger Faktor für mich, etwas zurückgezogen zu leben. Mich inspirieren Großstädte sehr. Aber ich weiß nicht, ob das immer noch so toll wäre, wenn ich in einer Großstadt wohnen würde. Die Welt draußen ist mir zu laut und hektisch. Ich bin ja eigentlich ein Landei, das zwar immer vom Land weg wollte, weil da nichts los war, aber es darf auch nicht zu hektisch werden. Ich habe mit Passau einen guten Mittelweg gefunden. Da tut es mir gut, wenn ich von einem Gig zurück nach Hause komme und hier meine Ruhe finde. Ehrlich gesagt könnte ich es noch idyllischer vertragen. Aber die Stadtnähe ist mir auch wichtig. Das Gefühl von Heimat habe ich allerdings nie richtig gespürt. Das liegt einfach daran, dass ich schon an vielen Orten gelebt habe. Das Gefühl Heimat ist bei mir nie richtig aufgekommen. Heimat ist da, wo ich mich wohl fühle. Momentan ist das Passau.

Du betreibst nach wie vor das Label Masters of Disaster. Was passiert dort gerade? Welche Pläne gibt es für 2015?

Wir haben paar Sachen umgekrempelt, und die Cover haben jetzt ein neues Gesicht. Bis jetzt haben wir immer die Releases sehr hell gehalten, und Eric und meine waren Schwarz. Aber sie waren alle sehr schlicht, und das Logo stand im Vordergrund. Die Grafik ist jetzt anders, und das Cover zeigt ein Artist-Foto. Das war uns wichtig, da es so viele Artists gibt, die man dem Namen nach kennt, sie aber noch nie gesehen hat, nicht mal auf einem Foto. Auch ist aus Masters of Disaster jetzt M.O.D. geworden, da die Leute ohnehin schon M.O.D. sagen. Masters erstrahlt im neuen Jahr im neuen Glanz.

Welche Pläne, Wünsche und Träume hast du – neben M.O.D. und dem nächsten Album – sonst noch für 2015. Eventuell auch privater Natur?

Darüber habe ich mir noch nicht so viele Gedanken gemacht. Es stehen wieder tolle Events an, auf die ich mich freue. Und was die Studioarbeiten angeht, geht es immer mehr voran. Ich habe 2013 angefangen, Klavierstunden zu nehmen und habe auch sehr viel Spaß zu spielen. Wenn es die Zeit zulässt, werde ich auch da dran bleiben, so gut es geht. An meiner Technik bei den Auftritten würde ich auch gerne noch einiges verbessern und denke immer noch über Alternativen zu den CD-Spielern nach. Irgendwie überzeugt mich noch nichts so richtig, und mir fehlt der Wille, auf ein Laptop umzusteigen. Aber ich hätte gerne beim Spielen viel mehr Möglichkeiten zum Variieren als ich jetzt habe. Ich bin selbst gespannt auf das Jahr 2015. / Nicole Ankelmann

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