Klopfgeister.015

 

„Vielschichtig und breit gefächert“ beschreibt gerade mal im Ansatz den Sound von Klopfgeister – seit Jahren schon ein sehr bekannter Name, der aus keinem großen Line-up im Bereich Progressive Goa oder Psytrance mehr wegzudenken ist. Wir baten den Wahl-Hamburger Thorsten Paul aka Klopfgeister um ein Interview, um mal hinter die Kulissen des legendären Projekts zu schauen.

Thorsten, erst mal vielen Dank, dass du dir zwischen deinen Auftritten und der Arbeit im Studio für uns Zeit nimmst.

Hi! Und natürlich. Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit nehmt, über mich zu berichten! Ich verfolge das FAZEmag ja in seinen verschiedensten Formen seit Ewigkeiten und hätte nie gedacht, da mal drinzustehen, es sei denn als Karikatur-Vorlage für ein „Bringmann und Kopetzki“-Comic.

Verrat uns bitte, wann und wie alles begann!

Ich denke mal, direkt nach dem Urknall oder der Schöpfung, oder nach beidem, je nachdem. Die Quellen sind sich da nicht ganz einig. Vielleicht leben wir nur in einem Terrarium, welches ein viel arbeitender Alienvater seinem verzogenen Alienkind gekauft hat. Anfangs hat das Kind das „Terrarium Erde“ noch gelegentlich gehegt und gepflegt, aber wie so oft nach kurzer Zeit das Interesse verloren und sich anderen Dingen zugewandt. Und wir sitzen jetzt da, nennen es Gott oder Universum, schreien rum, weil sich keiner mehr um uns kümmert. Wir machen alles kaputt und die lautesten Bewohner des Terrariums fangen an, Theorien darüber aufzustellen, wie alles begann und enden könnte. Aber in Wirklichkeit hat keiner einen Plan von gar nichts. So entstehen Weltbilder und Religionen.

Ich meinte eigentlich eher, wie das mit dir und der Musik zustande kam.

Ah, okay, sag das doch! Also fünf nach Urknall wurde ich geboren und nachdem ich in meiner Kindheit viel Heintje, Pop und Rap gehört hatte, entwickelte sich so ab dem zwölften Lebensjahr ein Faible für außergewöhnliche Klänge. Ich nahm damals Klavierunterricht und fand es spannend, auf den untersten Tasten rumzuhämmern, wo die Töne eher Geräusche sind. Genau in die Zeit fiel die erste Acid-House-Welle, die Zeitungen waren voller Berichte über illegale Raves in UK, alle trugen diese Smiley-Shirts, hatten große Pupillen und die Musik war vollkommen abgedreht. Meine Mutter hat es gehasst. Ich habe es sofort geliebt. Daran hat sich bis heute nichts geändert, nur die Musik hat sich weiterentwickelt.

Es ist gut, wenn eine neue Generation eine Musikrichtung findet, mit der sie sich von der Elterngeneration absetzen kann, die Eltern nicht nachvollziehen können. 

Gibt es das heutzutage eigentlich noch? Eltern versuchen ja heute, mindestens so cool zu sein wie die Kids. Ich glaube nicht, dass mit Deep House je eine Revolution gestartet werden könnte, wenn im Club dasselbe laufen würde wie auf Mamas Küchenradio, nur mit einer Bassdrum verstärkt. Mit Acid und später Techno, besonders Gabba oder Hardcore, war ordentliche Abspaltung noch möglich, da hieß es noch: „Das ist doch keine Musik mehr.“ Ich glaube, die Hipster-Eltern von heute kann man nur noch damit schocken, dass man Schlager hört oder so. Das bricht denen das Herz. Oder wenn irgendjemand sich eine Batikhose anzieht, ein Om-Zeichen tätowieren und Dreads machen lässt. „Mama, ich höre jetzt Goa und werde ein Hippie!“, und sie: „Oh Gott, Kind!“

Wolltest du schon immer mit deiner Musik berühmt werden?

Nein. Ich kann nichts, was diesen Wunsch gerechtfertigt hätte. Ich habe auch als Kind genug Liebe bekommen, es ist also nicht so, dass ich jetzt ständig auf Bühnen nach Anerkennung streben müsste. Ich glaube, je mehr jemand danach strebt, berühmt zu sein, desto kaputter ist das innere Kind, das nach Aufmerksamkeit hechelt.

Woher kommt der Name Klopfgeister? Gab es mal mehrere Personen hinter diesem Namen?

Der Name Klopfgeister stammt ganz schnöde von dem Musikprogramm „Logic Audio“, bei dem in meiner Version damals bei jedem Öffnen des Programms die Anzeige „Plugin ,Klopfgeist’ not available“ zu lesen war. „Klopfgeist“ ist das Metronom in Logic. Und ja, genau, wir waren mal zu zweit – daher die Mehrzahl. Jens Schefzig heißt mein ehemaliger Mistreiter, der mich damals in sein Studio eingeladen hatte, um an ersten Songs zu schrauben. Ohne ihn wäre ich nie auf die Idee gekommen, Musik zu produzieren. Mir hat es damals gereicht, zu Hause für mich allein Vinyl zu mixen und ab und an für Freunde Tapes aufzunehmen. Jens ist dann 2009 ausgestiegen, was ich  sehr schade fand, aber es lief alles friedlich ab. Als ich dann von Hessen nach Hamburg gezogen bin, ging es auch irgendwie allein. Nur das viele Rumreisen macht allein halt auf Dauer dumm im Schädel – das wird dir jeder, der regelmäßig tourt, bestätigen.

Im Vorgespräch erwähntest du, dass dich der „Omen Sound“ sehr inspiriert hat. Was genau hat es damit auf sich?

Ich komme aus Marburg, einem Städtchen nahe Frankfurt, und war so ein typisches Rave-Kind, sogar teils mit Zipfelmütze, wenn man alten Fotos Glauben schenkt. Die Jahre 1992–1995 waren damals geprägt von Sven Väths Labels Harthouse und Eye Q Records, die nicht nur für mich stilbildend waren. Sven war Mitbetreiber von einem der bekanntesten Clubs Frankfurts zu dieser Zeit, dem Omen. Mehr oder weniger ist die komplette Musik, die ich bis heute schreibe, direkt von dieser Phase geprägt. Ich glaube, ich bin da etwas hängengeblieben. Viele wissen heute auch gar nicht mehr, dass es Sven Väth war, der den Begriff Goa nach Hessen gebracht hat. Er hat 1992 sogar ein lupenreines Goa-Album mit dem legendären Ralf Hildenbeutel veröffentlicht, der mit seinem Solo-Projekt Earth Nation auch viele psychedelische Stücke gebastelt hat. Vieles, was mir dann später als sogenannter Goa-Trance verkauft wurde, war in meinen Augen der typische Frankfurt-Sound aus den frühen Neunzigerjahren.

Dein Sound ist sehr vielschichtig; von Chill und Progressive über Psytrance, Techno bis hin zu 180-bpm-Experimenten ist quasi alles vertreten. Warum?

Keine Ahnung, wenn ich Musik mache, achte ich nicht auf Stile oder Vorgaben oder darauf, was man angeblich darf oder nicht. Genres sind ja nur unsichtbare Mauern, die man sich selbst im Kopf aufbaut. Nach zwei Alben mit eher goalastigen Stücken kam danach ein eingängigeres, teils mit Vocal-Elementen, was viel Gegenwind aus der Goa-Szene mit sich brachte. Mir wurde Verrat vorgeworfen, dabei habe ich mich nie wirklich als Teil einer Szene verstanden. Und gerade, wenn man schon etwas älter ist, sieht man, dass es Szenen eigentlich nur für Jugendliche gibt, die auf der Suche nach Orientierung sind.

Einige deiner Tracks haben wunderschöne verträumte Elemente, andere wiederum, beispielsweise „Die Rede An Die Menschheit“ und „Du Hast Vergessen Wie Man Lebt“, regen auch zum Nachdenken an. Was möchtest du damit bei denen, die es hören, auslösen?

„Die Rede An Die Menschheit“ ist ja die berühmte Rede von Charlie Chaplin aus dem Film „Der große Diktator“, in der er gnadenlos das Dritte Reich plus Mechanismen bloßstellt. Ich habe die Rede als Intro bei einem DJ gehört und war so berührt, dass mir die Tränen kamen. Am nächsten Tag im Studio versuchte ich dann, dieses Gefühl in Musik umzusetzen. Leider habe ich es nie geschafft, das Stück fertigzustellen. Auf YouTube existieren aber ein paar Versionen davon. „Du Hast Vergessen Wie Man Lebt“ ist bei einer Stimmbandentzündung entstanden, durch die meine Stimme für ein paar Wochen keine höheren Lagen mehr erreichte. Ich habe dann testweise ins Mikro gekrächzt: „Du hast doch gar keine Ahnung mehr, wie es sich anfühlt, wenn deine Stimme sich erhebt.“ Das klang soweit ganz cool, aus „Stimme“ wurde „Stimmung“ – das klang irgendwie schön sozialkritisch – und der Rest des Textes kam dann recht spontan. Der zum Nachdenken anregende Teil war also nicht geplant, aber wenn der Track bei Leuten das bewirkt, gerne. Nachdenken ist ja nie verkehrt. Meist versuche ich mit meiner Musik lediglich, einen schwerelosen Schwebezustand zu erzeugen. Trance als Bewusstseinszustand, in dem man Kraft tanken kann, wobei die Stilmittel, die ich dafür gebrauche, deutlich variieren. Eine Message habe ich eigentlich nicht wirklich. Brauche ich unbedingt eine? Vielleicht später mal.

Womit produzierst du deine Musik?

Mein Mutterschiff ist Cubase. Ich benutze immer noch Cubase 5, bisher reicht es noch aus, werde aber bald – demnächst, eventuell, vielleicht mal – updaten. Ich nutze viele Vst-Synthies, aktuell liebe ich die Arturia Collection, U-he Diva und Zebra 2, Spire, viele Native-Instruments-Kontakt-Bänke mit organischen und Vintage-Sounds wie zum Beispiel das Mellotron. Neulich habe ich teils uralte Sample-CDs aus den frühen Neunzigern entdeckt, mit denen zahlreiche der alten Techno-Hymnen geschrieben wurden, die mich bis heute prägen und noch immer satt und saftig klingen, zumindest was die Percussions anbelangt. Damals habe ich mich immer gefragt, wie die Produzenten diese fantastischen organischen Drums hinbekommen. Heute weiß ich, dass fast alles von einer Soundelemente-CD stammte. Das war teilweise echt ernüchternd.

Kannst du ein paar Beispiele nennen?

Der Track „Beachball“ von Nalin und Kane ist eigentlich nichts anderes als die Eins-zu-eins-Umsetzung des Soundsets einer Sample-CD – auf 6 Minuten gestreckt und um einen einzigen Ton ergänzt. Megahymne damals, gefeiert ohne Ende. Aber vom Prinzip her so einfach gebaut wie „Sonnentanz“ von Klangkarussell vor ein paar Jahren. Hat mich schon etwas geschockt, besonders die Tatsache, dass einer meiner Lieblingstracks aus dem Trance-Genre, „Lazonby – Sacred Cycles“, auf einem Genesis-Sample basiert. Da sind wir damals Woche für Woche auf Partys gerannt, um Phil Collins’ Radiodauerpräsenz zu entfliehen, nur um dann, ohne es zu wissen, alte Genesis-Sounds auf Trance-Partys zu feiern und uns natürlich cooler zu fühlen als die Otto-Normal-Radiohörer.

Welche Hardware benutzt du?

OCB Slim mit integrierten Filtern, Becks Bier, Access Virus TI 2, von Roland ein paar Kisten wie die 303 oder die 101, eigentlich so Standard. Der Virus steht aber nur hinten im Studio bei dem Dosenpfand rum, da der bei mir auf dem System immer rumzickt. Klingt geil, wurde aber nie wirklich genutzt.

Gibt es bei all den großen Festivals, auf denen du schon gespielt hast, noch ein Wunschfestival, das auf deiner Liste steht?

Na ja, spielt man vor zehn Leuten, erträumt man sich die 100. Wenn es 100 waren, wünscht man sich die 1000 etc. In Mexiko vor 40 000 Leuten zu spielen, war schon echt geil. Wenn die Leute vor der Bühne auf ein Ereignis im Song reagierten, dauerte es dank der langsamen Schallgeschwindigkeit fast zwei Sekunden, bis es bei den letzten Reihen ankam. Dieses dadurch erzeugte Echo war schon der Hammer. Der Goa-Teil meiner Persönlichkeit wünscht sich natürlich, eines Tages auf der Ozora oder dem Boom-Festival zu spielen, aber dafür ist meine Musik wohl leider nicht genug „Shanti“ oder Psy. Daher habe ich kürzlich ein Zweitprojekt namens Nightsoul gestartet, wo von psychedelischem Downbeat und Dub bis hin zu 120-bpm-Tech-House-Trance-was-weiß-ich alles geht. Ich hoffe, dass ich über diesen Umweg da noch mal hin darf! Der rockige Teil meiner Persönlichkeit würde gerne mal Samstagabend von 20:00–22:00 Uhr bei Rock am Ring den Mainfloor bespielen, aber ich habe noch nicht den Hauch einer Ahnung einer Idee, wie und womit ich das bewerkstelligen könnte. Ich hätte vielleicht doch eine Lehre zum Schlagersänger machen sollen.

Was erwartet uns in Zukunft von dir?

Ein neue Klopfgeister-EP, irgendwann dann mal das neue Album auf meinem Hauslabel Spin Twist Records. Dann sind wie gesagt die ersten Releases von „Nightsoul“ in der Pipeline. Zum Beispiel ein Remix für die Frankfurter Urgesteine Saafi Brothers, also Gabriel le Mar und Michael Kohlbecker, auf dem englischen Label Liquid Sound Design, welches dem legendären Althippie Youth gehört – seines Zeichens Gründer des ersten Goa-Labels Dragonfly, Bassist von Killing Joke, Produzent von Pink Floyd etc. Mit Paul Mc Cartney hat er auch ein Projekt. Ich bin den Saafi-Brüdern natürlich unendlich dankbar, dass sie mir mit meinem Remix diese Chance ermöglichen. Demnächst möchte ich auch wieder verstärkt mit Live-Musikern zusammen Gigs bestreiten, das hat noch mal eine ganz andere Dynamik. Und ich möchte lernen, auf der Bühne mit Hühnern zu jonglieren.

Gibt es noch eine Message von dir an deine Fans, die du uns mitteilen magst?

Nein, aber mein guter Freund Peter, der hier zufällig sitzt, fragt, ob er eine Frage abbekommen kann. Nun gut. Lieber Peter, warum bist du so genial? „Ach, frag nicht“, sagt er.
Aus dem FAZEmag 069/11.2017
Text: Jeanette Leiendecker