Oliver Malicdem PHOTOGRAPHY Finals-65
Betrachtet man die Labels, auf denen Lee Van Dowski bereits veröffentlicht hat – BPitch, Ilian Tape, Cadenza, Soma, Voltage oder Memento –, könnte man schnell vermuten, dass es sich bei seinem neuen Album „Cerca Trova“ um ein für DJs gemachtes Werk handelt. Aber genau das Gegenteil ist der Fall: Fernab von 4/4-Takt und festen Strukturen präsentiert der in Zürich lebende Franzose seine wahre Identität als talentierter Musiker. Kein Song gleicht dem anderen, in einer experimentellen Art verbindet Renaud Lewandowski, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, Ambient, Breaks, Bass und technoartige Songs. Mehr als zehn Jahre liegen zwischen „Cerca Trova“ und dem Vorgänger, „Highway To Xenia“, der auf Mental Groove erschienen ist. Für sein aktuelles Album hat er die Unterstützung von Mobilee und !K7 bekommen.

„Zu Mobilee zu gehen, war eines der besten Dinge, die ich tun konnte. Ich hatte schon immer eine Verbindung zu ihnen und veröffentlichte ein paar Platten auf Mobilee mit Anja Schneider und auf ihrem Sublabel Leena. Ich fühlte mich immer nah an der Musik, die sie veröffentlichen. Während einige Labels sehr berechenbar sind, weiß man bei Mobilee nie genau, was als nächstes kommt“, sagt Renaud. Mobilee habe ihn warm und herzlich empfangen, als er sich nach einigen Jahren bei Cadenza eine neue musikalische Heimat suchte. „Ich habe viel von Luciano gelernt und das war ein großer Spaß, versteh mich nicht falsch. Aber in Bezug auf meine Musik habe ich mich selbst ein bisschen verloren“, erklärt er den Wechsel.

Es ist ein Umbruch, wie Renaud schon einige in seinem Leben erlebte. Der Drang zur Veränderung zieht sich wie ein roter Faden durch seine Biografie. Als Jugendlicher in Südfrankreich fand er sich zum ersten Mal 1993 auf einem Rave wieder – eine Begegnung, die den damals in Bands spielenden Renaud nicht wieder losließ. Er dachte, er könnte ein Teil der Szene werden. So begab er sich 1999 nach Genf, um Toningenieur zu werden. Von Haus aus schon mit einer Vielzahl verschiedener Musikrichtungen und Künstler vertraut gewesen, kam hier der nächste Abschnitt seiner Karriere als Musiker. „Es gab dort dieses Geschäft, in der Nähe von Lausanne, das sich ‚Schmidt Musik‘ nannte. Es war ein wahres Sammelbecken für alle Produzenten in der Gegend, da es dort immer günstige gebrauchte Sachen und viel Auswahl an Synthesizern und anderen analogen Geräten gab. Eines Tages habe ich dem Chef des Ladens angeboten, für ihn zu arbeiten. Er wusste, um ehrlich zu sein, gar nicht mal so viel über die Instrumente, die er verkaufte. Er sagte, ich solle am nächsten Tag wiederkommen. An meinem ersten Tag verkaufte ich Geräte für insgesamt 7.000 CHF. Natürlich gab er mir den Job!“ Vier Jahre arbeitete Renaud in dem Geschäft, nebenbei war er immer auf der Suche nach neuen Sounds. In diese Zeit fällt auch sein erstes Album „A Lego Element“.

„Abgesehen von dem Fakt, dass ich nun zehn Jahre älter bin, gibt es nicht so viele Unterschiede zu damals“, antwortet er auf die Frage, wie er sich in den Jahren zwischen dem letzten und dem aktuellen Album verändert hat. „Ich bin ein wenig erwachsener und versierter in der Art, wie ich produziere. Der ganze Prozess dahinter wurde natürlicher für mich. Ich habe viel nachgedacht, hatte einige Höhen und noch mehr Tiefen, aber ich glaube, ich habe endlich etwas erreicht. Ich versuche nicht mehr, irgendwo hinzupassen. Eine ganze Zeit lang, in meinen Cadenza-Jahren, habe ich mich dazu drängen lassen, so zu klingen, wie Leute es von mir erwartet haben. Es gab keinen Druck, es ist einfach so passiert. Ich sollte ein Teil einer großen Familie sein und versuchte alles, um das zu werden. Aber so laufen die Dinge eben nicht. Menschen fühlen, wenn du nicht hundertprozentig das bist, was du zu sein vorgibst.“

Bei „Cerca Trova“ hingegen konnte Renaud sich selbst vollkommen verwirklichen. Seit drei Jahren produziert er jeden Tag Musik, mindestens vier Stunden verbringt er im Studio. Letztes Jahr kamen noch zahlreiche Projekte und EPs hinzu, darunter Werke und Remixe für Rebellion, Suara und Cocoon. Mit „050504“ begann sein Jahr 2015 mit einem absoluten Hit, der Song lief über Dancefloors auf der ganzen Welt. Aus den vier Stunden im Studio wurden schnell acht oder gar 15. „Es war wirklich verrückt, sechs Monate lang ging ich niemals zur gleichen Zeit ins Bett wie meine Freundin. Oft stand sie morgens auf, während ich immer noch arbeitete. Sie hat es gehasst. Ich musste ihr versprechen, das niemals wieder zu tun und mir einen ordentlichen Arbeitstag-Rhythmus anzueignen.“ Entstanden ist mit „Cerca Trova“ ein unverfälschtes Bild von Renaud als Musiker. Abgesehen von Kollaborationen mit Miss Kittin, die er noch von Partys aus Südfrankreich kennt, und Caduceus Mastering war außer ihm niemand an der Platte beteiligt. Es kam ein Werk heraus, das sich stark von dem unterscheidet, was man bei einem Lee-Van-Dowski-Club-Set erwarten würde. „Ich differenziere stark zwischen dem, was ich mir zu Hause anhöre, und dem, was ich in Clubs spiele. Über die Jahre hatte ich viele ‚Dance‘-Albumprojekte, die fast fertig waren, aber ich war damit niemals glücklich genug, um weiterzumachen. Es endete dann immer so, dass die Tracks in separate Releases aufgeteilt wurden. Es passt mehr in das Format einer EP. Ich kann mich nicht daran erinnern, ein Techno-Album zu Hause oder in meinem Auto gehört zu haben. Ich habe das Äquivalent zu zwei Techno-Alben im letzten Jahr veröffentlicht, es hat keinen Sinn ergeben, da noch zehn Tracks hinterher zu schicken und die als Album zu bezeichnen. Außerdem fühlte es sich an, als wäre es die richtige Zeit, um aus dem 4/4-Gefängnis auszubrechen und eine andere Seite meines Schaffens zu zeigen.“ // Philipp Steffens

Aus dem FAZEmag 049/03.2016
www.mobilee-records.de
www.soundcloud.com/lee-van-dowski

Foto: Oliver Malicdem