gassenhauer lexy k-paul
Der Ausdruck „Gassen hauen“ bedeutete bei seinem Ursprung – irgendwann im 15. Jahrhundert – „in schnellem Gang geräuschvoll auftreten“. Wer nachts gern lärmend unterwegs war, den nannte man also einen Gassenhauer. Heute versteht man darunter eher ein erfolgreiches Musikstück. In beiden Fällen macht der Titel des neuen Compilationalbums von Lexy & K-Paul Sinn. Zum einen ziehen die zwei Berliner nun schon seit 16 Jahren lärmend durch die Nächte, zum anderen präsentiert das Doppelalbum die größten Hits ihrer bisherigen Karriere. Neben den neu gemasterten Originalversionen von „Freak“, „Love Me Babe“, „Girls Get It First“, „Der Fernsehturm“ und sechs weiteren gibt es genau die auch noch mal modern fürs Jahr 2015 aufbereitet. Während viele Künstler zu runden Jubiläen, zu Weihnachten oder nach dem Ende ihrer Karriere bei Geldnot Best-Of-Alben veröffentlichen, waren Lexys und K-Pauls Gründen dafür eher praktischer als nostalgischer oder gar kommerzieller Natur. Das und noch so einiges mehr erzählen sie mir an einem herbstlichen Dienstagvormittag im Sommer 2015 im Büro ihres Managements in Berlin Friedrichshain.

Was hat euch dazu bewogen, euren Hits von 1999 bis 2005 im Jahr 2015 neues Leben einzuhauchen? Gab es dafür einen besonderen Anlass oder einfach Bock, noch mal zurückzublicken?

Lexy: Bock, zurückzublicken? Auf keinen Fall.
Kai: Es gab sogar einen triftigen Grund …
Lexy: Ah, es gab einen Grund …
Kai: Einige Leute haben uns immer wieder gefragt, warum es Sachen wie „Greatest DJ“ oder „Freak“ nicht im Internet zum Herunterladen gibt, damit man das mal wieder spielen kann. Also wollten wir die alten Lieder auch mal im Netz zur Verfügung stellen. Aber nur die alten Versionen, das fanden wir bescheuert. Deswegen haben wir uns die Mühe gemacht, zehn von ihnen noch einmal zu überarbeiten. Der Grund ist also, dass es die wieder geben sollte, wir haben das dann aber eben gleich ordentlich aufgezogen.

Nur was bedeutet es überhaupt, Musik für heute, für das Jahr 2015, zu produzieren bzw. aus Altem etwas Neues zu generieren? Mit welcher Vorstellung geht man an das Zeug heran? Was muss das Endergebnis heute liefern, was das Original nicht tut?

Lexy: Man kann die Lieder ja selbst nicht mehr hören, wenn man sie all die Jahre gespielt hat. Da hat man einfach Bock, eine neue Version zu machen, die man dann wieder spielen kann, denn die Samples waren ja erst mal gut. Wenn man die in ein schöneres Gewand steckt, macht es dann vielleicht auch wieder Spaß. Ich ziehe ja die Klamotten von vor zehn Jahren auch nicht mehr an, weil sie kacke aussehen – oder vielleicht sind sie aber auch jetzt schon wieder cool. Dann ist es eher das Retro-Ding. Aber für mich persönlich war es wichtig, dass ich mal andere Versionen spielen kann, denn sonst muss ich irgendwann in die Klapse.

Viele Kollegen machen sich dann augenscheinlich erst mal weniger Mühe und entscheiden sich für ein Remixalbum, bei dem sie namhafte Künstler ihren Kram überarbeiten lassen, um ihn neu zu veröffentlichen. Das wäre für euch keine Option gewesen?

Kai: Genau darüber haben wir lange nachgedacht: Aber Lexys Einwand, dass dann zu viele verschiedene Stilistiken dabei sind und es ein kunterbuntes Gemuschel wird, das man sich nicht so gern im Ganzen anhört, hat uns davon abgebracht. Also haben wir es lieber selbst gemacht, und das war doch ganz schon viel Arbeit. Aber es hat uns Spaß gemacht, auch wenn es nicht immer leicht war, an die alten Dinger noch mal ranzugehen. Vieles davon war eigentlich schon perfekt … Ich mag die alten Sachen, aber die neuen eben auch, gerade weil vieles so unterschiedlich geworden ist. Es geht dabei auch gar nicht um besser oder schlechter, sondern soll eher als nette Geste unsererseits verstanden werden. Wir sind ja älter geworden, nun ist die Bassdrum vielleicht nicht mehr auf 135, sondern eben nur noch auf 125 bpm.
Ich hatte das Gefühl, dass Lexy beim Satz „Die alten Lieder waren eigentlich schon perfekt“ ein wenig gezuckt hat. Siehst du das anders? Würdest du vieles so heute nicht mehr umsetzen?

Lexy: Es gibt Songs, die Hits waren und bei denen man Angst davor hatte, mit denen was zu machen, weil die so, wie sie sind, echt gut sind. Da gab es Berührungsängste, und man hat das Stück dann immer wieder zurückgelegt. Wenn ich mir dagegen aber zum Beispiel „Girls Get It First“ anhöre – dann fand ich es richtig ekelig. Diese Gitarre, die wir im Original hatten, die kann man heute ja auf keinen Fall mehr bringen. Dann ist es aber ganz gut, eben ganz anders geworden.

Also kein Schwelgen in Erinnerungen, sondern einfach neu machen? Ist es so einfach, Abstand zu gewinnen bzw. zu halten?

Lexy: Also ich bin nicht ins Schwelgen gekommen.
Kai: Wie das immer bei uns ist – wir sind ja sehr unterschiedlich – war es bei mir anders: Ich habe mich dabei sehr gerne erinnert, gerade an die verrückten Anfänge von Lexy & K-Paul. Aber ich bin auch froh, dass es Lexy gibt, denn hätte ich die neuen Version allein gemacht, wären sie wohl viel näher am Original. Ich hätte bei „Greatest DJ“ sicherlich nicht auf den Bass verzichtet, weil ich dachte, dass der ja gerade das Ding ist. Oder der Knarzbass bei „Freak“ … eben diese typischen Dinger, da wäre ich nicht so gnadenlos gewesen.

Aber Edits eurer eigenen Stücke habt ihr ja sicherlich ohnehin immer mal produziert, um das Live-Spielen für euch selbst spannend zu halten?

Kai: Ja, aber die waren schon immer noch alle recht nah am Original. Aber für „Gassenhauer“ haben wir uns schon so dran gesetzt, als würden wir ein klassisches Studioalbum machen. Die Edits macht man eher so schnell, schnell, damit man live noch mal eine etwas andere Version hat. Wir wollten das ja schon ordentlich machen.

Lexy hat es vorhin schon gesagt: Nicht alle eurer Stücke machen ihn in ihrem Original heute noch glücklich. Gibt es da noch mehr zu erwähnen als die „Girls Get It First“-Gitarre?

Lexy: Die Tracks waren für ihre Zeit echt okay. „Baby Come Back“ zum Beispiel. Würden wir das heute so machen, wäre es natürlich wack. Aber es hat alles seine Aussage und war auch gut. Welches Stück für mich ganz schlimm ist, ist „Electric Kingdom“. Das war damals unsere zweite Single. Das hätte man nicht unbedingt releasen müssen. Mit „Happy Zombies“ bin ich im Nachhinein auch nicht mehr glücklich … Aber das ist einfach so ein Zeitding. Wenn man es fühlt, dann muss man es so machen und zieht das durch. Zwei Tage später ist es dann vielleicht auch schon wieder scheiße, aber dann ist das halt so.
Kai: Es war alles für die Zeit richtig, selbst die Gitarre. Jetzt findet er sie scheiße, damals kam er damit an. Da wollten wir die Gitarre haben, weil wir sie voll geil fanden. Aber ich gebe ihm Recht, die Gitarre ist wirklich … krass. Die fetzt nicht mehr so richtig. Aber wenn er über „Electric Kingdom“ spricht – ich fand das für seine Zeit absolut richtig. Aber wie gesagt, eben alles für den Moment. Andere Stücke leben länger, wie „Love Me Babe“ …
Lexy: Das ist ein ‚real Gassenhauer‘!
Kai: „Girls Get It first“ ist eben nur ein kleiner Gassenhauer …
Lexy: Es ist jedenfalls nicht zeitlos.
Kai: Für die neue Version hat er sich auch ordentlich ins Zeug gelegt.
Lexy: Lass uns in drei Jahren oder auch nächste Woche noch mal sprechen, dann finde ich das vielleicht alles schon wieder scheiße.

Lexy, ist diese schnell auftretende Unzufriedenheit ein permanentes Problem bei dir?

Lexy: Ja, bei mir geht das echt total schnell. Das ist vielleicht ein Fehler, vielleicht ist es aber auch ein Segen. Wer weiß das schon? Aber das ist eben so und öffnet mir andere, neue Türen.
Kai: Dass Lexy sehr schnell seinen Geschmack ändert, ist auch ein Grund dafür, dass wir nach 16 Jahren immer noch zusammen hier sitzen. Als wir damals für „Freak“ diesen Knarzbass erfunden haben, hat der mir große Freude bereitet. Damit hätte ich bestimmt noch zehn weitere Lieder hinbekommen, die auch richtig gerockt hätten. Ich hab mich damals daran erfreut, jetzt endlich die Hit-Formel gefunden zu haben. Ich dachte nach der Top 20-Platzierung und dem Echo für „Freak“ gedacht, dass wir so jetzt einfach weiter machen, also quasi nur so ähnliche Sachen. Ich hab im Studio weiter diese Umba-Umba-Bässe gespielt, da kam Lexy rein und meinte: „Noch mal so ein Lied können wir jetzt nicht machen.“ Ich so: „Hä, wie jetzt? Ich hab jetzt voll die geilen Dinger, wir können jetzt voll abräumen.“ – „Ne, ne, wir machen jetzt den Fernsehturm.“ – „Hä, das wird aber gar nicht so erfolgreich werden.“ – „Ja genau deswegen, damit man wieder ein anderes Gesicht zeigt.“ Das habe ich bis heute nicht vergessen, denn es war gut, nicht den einfachen Weg zu gehen. Was riskieren eben, und das kann man mit Lexy sehr gut.

Dabei wird es mit den Jahren ja auch nicht einfacher, sich nicht ständig selbst oder andere zu wiederholen und sich immer wieder neu zu erfinden, ohne sich und seine Ursprünge dabei komplett aufzugeben …

Kai: Heute würde diesen Wiederholen einer bestimmten Formel, wie ich es mir damals vorgestellt habe, auch für mich selbst schon gar nicht mehr funktionieren. Ich hatte das Problem eher am Anfang, in den ersten vier oder fünf Jahren. Also diese ständige Angst, dass einem irgendwann nichts mehr ein- und man aus dem ganzen Zirkus wieder rausfällt. Heute macht mir das ja eher Spaß, an neuen Ideen zu arbeiten.
Lexy: Meine Erklärung ist: ADHS. Ich kann halt nicht schlafen. (lacht)
Kai: Wir sind zwei unterschiedliche Typen, die ihre Ideen zusammenwerfen. Und wir haben ja sogar beide nebenher auch noch andere Projekte …
Lexy: Ich glaube, dass gibt es keine Geheimformel. Manchmal kommt mir beim Joggen eine Idee. Oder im Flieger, wenn mir langweilig ist. Einfach immer aufpassen, alles mitnehmen – und selbst wenn es im Club ist und man eine Melodie hört, die man mitnimmt und die dann in abgeänderter Form irgendwann wieder hervorkommt.
Kai: Ich habe zuletzt auch immer mal ein paar Freunde aus dem HipHop mit reingebracht, die kennen dann wiederum Sänger … so bereichert man sich gegenseitig mit Ideen. Es ist halt Arbeit und kommt einem nicht immer nur zugeflogen.

Kai sprach gerade schon die anderen Projekte an, die ihr neben Lexy & K-Paul noch betreibt. Wie wichtig sind diese für das Fortbestehen für euch als Duo? Gäbe es das womöglich in dieser Form gar nicht mehr, würdet ihr euch nicht auch noch anderweitig umtun? Eine offene Beziehung quasi …
Lexy:
Ich glaube tatsächlich nicht. Ich denke ja auch, dass Beziehungen länger halten, wenn man nicht zusammenzieht. So ist das auch mit so einem Projekt. Jeder braucht noch sein Hinterzimmer, irgendwas anderes, woran er basteln kann.
Kai: Auch für diese Erkenntnis habe ich länger gebraucht, denn ich komme ursprünglich aus dem Band-Umfeld, und da hält man zusammen, macht alles zusammen. Über die Jahre habe ich dann gelernt, die Techno-Welt zu verstehen, wo jeder sein Ding macht, noch andere Projekte hat und so weiter. Erst habe ich gedacht, es wäre wichtig, nur an der einen Sache zu arbeiten. Aber inzwischen gebe ich Lexy da Recht. Machst du andere Sachen, hast du da neue Erfahrungen, dann treffen wir uns wieder und bringen diese bei uns mit ein. Neue Skills, neue Sounds … so entwickelt man sich tatsächlich weiter. Sonst würde man womöglich irgendwann in seiner eigenen Soße untergehen und sich fragen …
Lexy: … warum hast du die Zahnpastatube wieder offen gelassen?
Kai: … warum haben die anderen so viel bessere Sounds? Ich glaube, das wäre nicht gut.

Ich habe euch immer als recht publikumsnah erlebt, so dass ihr seit jeher in direktem Kontakt zu den Leuten steht und sicherlich auch lange vor Social Media Feedback bekommen habt. Hat sich das im Laufe der Jahre noch erweitert, bzw. kümmert ihr euch zum Beispiel um Facebook und Co. selbst und bekommt mit, was dort in den Kommentarspalten geschrieben wird?

Kai: Ja, darum kümmere ich mich in erster Linie. Es ist auch schwer, da was abzugeben, aber man lässt sich schon mal unterstützen. Aber sonst kämen wir uns vor, als wären wir nicht so richtig echt. Aber man darf nicht auf jeden Kommentar was geben, sondern muss sein Ding durchziehen. Aber zumindest bekommt man so ein Gefühl dafür, was abgeht und wie die Meinungen so sind. Man bekommt viel Feedback, und das ist zum Glück meist positiv. Ich gucke da also schon öfter mal rein, aber das ist wahnsinnig zeitraubend. Das stresst mich manchmal.
Lexy: Mich tangiert das nicht mehr so. Manchmal möchte ich gern schreiben, wie hohl viele Leute sind, aber dann bin ich auch nicht besser als die, also schaue ich mir das besser gar nicht mehr an.

Man mag es beim Blick aus dem Fenster gerade zwar nicht so recht glauben, aber die Festivalsaison hat begonnen und ihr seid schon fleißig unterwegs.
Kai:
„Gassenhauer“ erscheint übrigens auch als Festivalbox. Da ist dann ein Regencape dabei. Und zwei Feuerzeuge … Das haben wir uns beim HipHop abgeguckt, und ich hoffe, dass das auch in der Technokultur Fuß fasst.

Mit Regencape? Bestimmt ein Renner, wenn der Sommer so weiterläuft wie er angefangen hat. Auf jeden Fall aber ist man als Festivalkünstler mit viel Pyro immer gut beraten. Hauptsache jede Menge Partyanimation. Stellt ihr das auch bei euren Auftritten vermehrt fest? Hat sich euer Publikum dahingehend verändert, dass es ohne Konfettikanone und Ausziehen nicht mehr geht?

Lexy: Gerade bei den großen Veranstaltungen ist das krass geworden. Wir haben ja schon immer eine gewisse Interaktion dabei, aber es hält sich noch in Grenzen. Das junge Publikum hat allerdings Bock auf den ganzen Entertainmentkram. Es gibt aber natürlich auch immer noch eine Parallelwelt, in der das nicht so ist. Gott sei Dank.
Kai: Meist stellen die Veranstalter die Sachen ja von sich aus schon dahin.
Lexy: Aber Ausziehen kommt trotzdem immer gut.
Kai: Ja, Ausziehen auf jeden Fall.
Lexy: Wenn die Konfettikanonen oder Pyros losgehen, erschrecke ich mich meist selbst und denke, das war’s jetzt.
Kai: Wir versuchen schon immer, dem Konfetti-Egon von unserem Tourmanager erklären zu lassen, dass er das Ding in einem passenden Moment zündet, z.B. wenn der Bass einsetzt oder so, damit das Ganze ein bisschen wie ein Plan rüberkommt.
Lexy: Letztendlich ist das, was da auf den großen Bühnen gerade passiert, auch eine Art der Verdummung. Und es ist Gewöhnungssache. Ich glaube, viele Veranstalter machen das mit Absicht, damit die Leute immer dümmer werden und erziehen die sich dahin. Da kann man mit einem minimaleren Set kaum noch was reißen, weil die Erwartungshaltung viel zu groß ist.
Kai: Ich dachte ja eine Weile, dass Deutschland davon nicht so infiziert wird, aber es wird dann jetzt doch immer mehr. Aber man muss da trotzdem auch als Künstler wie wir hin, sich der Verantwortung stellen und den anderen nicht einfach so das Feld überlassen. Wir gehen dahin, geben uns genauso Mühe wie immer. Aber Aufgeben gibt es nicht. / Nicole Ankelmann

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