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Du stehst in einem Menschenmeer. 10.000 Leute umgeben dich. Alle feiern, strecken ihre Hände nach oben, jubeln, umarmen sich kurz darauf. Du blickst zur Bühne und siehst, wie die Laserstrahlen in den tiefschwarzen Nachthimmel schießen. Stroboskope blenden dich und lassen dein Leben gerade im Zeitraffer erscheinen. Dutzende Scheinwerfer „durchbohren“ dich, die aus fast 30 Metern Höhe auf den Asphalt prallen. Nebelmaschinen verleihen der lauen Sommernacht eine mysteriöse Gruselstimmung. Deine Augen folgen den hunderte Meter langen LED-Laufleisten. Gänsehaut überzieht deinen ganzen Körper.
Einer, der für dieses Gefühl verantwortlich ist, ist Thomas Gerdon. Thomas ist quasi die „Lichtgestalt“ bei NATURE ONE. Seit 2011 sind er und sein siebenköpfiges Team für die visuelle Inszenierung des größten Freiluftareals bei diesem bombastischen Event zuständig und verantwortlich. Auch dieses Jahr habe ich den Wiesbadener vor Festivalbeginn auf der Pydna getroffen – zum fast schon traditionellen Frage- und Antwortspiel.

 

Hallo Thomas, super, dass du auch 2018 wieder die Zeit für ein Interview hier auf dem Open Air Floor von NATURE ONE gefunden hast. Letztes Jahr gab es das Video, dieses Jahr gibt´s einen Online-Artikel bei FAZE. Letztes Jahr gab es das „Traversenhochhaus“, und dieses Jahr bei NATURE ONE?
Wir haben dieses Jahr als Grundkonstruktion erneut die Pyramide, die hier bereits 2016 in exakt der gleichen Form stand. Wir haben uns deshalb wieder für sie entschieden, weil sie einfach den gesamten Dancefloor freihält. Mehr als 10.000 Menschen haben unter dem Konstrukt Platz zum Tanzen, und lediglich die vier Eckpfeiler berühren den Boden. Außerdem versperren keine Trussing-Elemente den Blick zur DJ-Bühne. Von allen Seiten hat man einen 1a-Blick auf die Stage. Hoch über den Leuten „schwebt“ ein riesiges Center-Objekt. Wir nennen es liebevoll den „Beehive“, also den „Bienenstock“. Und ich bin mir ganz sicher: Das Konzept wird überzeugen, sobald die Dämmerung heute Abend einsetzt und es dunkel ist.

 

In Zahlen ausgedrückt…
… sind wir knappe 30 Meter hoch und wiegen dieses Jahr ca. 25 Tonnen.

 

Also etwas weniger als 2017.
Richtig. Letztes Jahr hatten wir roundabout 40 Tonnen, bedingt durch die Vielzahl an „Würfeln“, die wir mittig über der Tanzfläche verbaut hatten.

 

Allerdings ist die Bühne im Vergleich zum Vorjahr um einiges gewachsen.
Ja. Das liegt vorwiegend daran, dass wir größere Live-Acts haben mit mehr Equipment. Mehr Equipment – mehr Platz.

 

Mehr Equipment – mehr Platz – mehr Technik, wie ich sehe!
Definitiv. Die Bühne haben wir richtig schön ausgestattet mit dem Neuesten an Lichttechnik. Wie du erkennst, ist es erst mal eine konventionelle Bühne, wie man sie von Konzerten kennt. Bisher hatten wir eher filigranere und speziellere Bühnen. Dieses Jahr fiel die Wahl auf so eine Konzertbühne, die wir aber natürlich viel mehr mit Technik bestückt haben wie das beispielsweise bei Rockkonzerten der Fall ist. Wenn man es nicht weiß, fällt es also eigentlich gar nicht auf, dass es eine Konzertbühne ist, da sie so viele Lichtelemente zu bieten hat, die rund um den DJ beziehungweise Live-Act angesiedelt sind.

 

Wie lange tüftelst du mit deinem Team an so einem Floordesign? Sprich: Wie viel Zeit vergeht vom ersten Entwurf bis es zum fertigen Set?
Im Prinzip dauert dieses Prozedere rund ein Jahr. Beispiel: Als ich gerade hier auf der Pydna ankam und die Pyramide mit „Bienenkorb“ sah, kreiste bereits mein Gedankenkarussell und ich begann zu überlegen, was wir uns wohl für das nächste Jahr einfallen lassen. Wobei ich dann aber auch sagen muss, dass die reine, effektive Arbeitszeit – vom ersten Bleistiftstrich bis hin zum finalen Rendering im PC – rund 16 Wochen in Anspruch nimmt.
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Ich vermute mal, dass die Lichttechnik seit der letzten NATURE ONE keinen riesigen, bahnbrechenden Quantensprung hingelegt hat. Klar, es gibt die Sharpys, die Washer, LED-Laufleisten, Video-Walls, Vollfarblaser und so weiter. Aber generell ist der Markt doch bestimmt nicht mehr so schnelllebig, oder?
Doch, schon. Es tut sich unheimlich viel in diesem Bereich. Die Entwicklung geht stetig weiter und die Technik wird verfeinert. Beispiel NATURE ONE 2018: Nimm die Moving Lights. Natürlich sind es auf den ersten Blick konventionelle Moving Lights, allerdings ist die diesjährige Variante wasserdicht. Sprich: Wir brauchen keine Schutzhülle mehr. Das ist schon mal ein großer wirtschaftlicher Faktor – und natürlich auch ein optischer, da Plastikumrandungen um die einzelnen Lichtobjekte weniger reizvoll sind als das, was du hier siehst. Und: Du brauchst keine Manpower, um diesen Wetterschutz zu installieren. Das Geld, welches in die Arbeitszeit fließen würde, kannst du dann in mehr Material stecken. Neu sind dieses Jahr die extrem hellen Stroboskope. Eine ganz großartige Entwicklung. NATURE ONE ist die erste Veranstaltung in Deutschland, die diese Strobos mit mehr als 100 Stück im Einsatz hat.

 

Interessant. Worin unterscheiden sich diese Strobos im Vergleich zu den Vorgängern?
Zum einen in ihrer Helligkeit, zum anderen in Art und im Design, und in der Bespielbarkeit. Wir können sie zum Beispiel auch grafisch mit Video bespielen, weil auch LEDs darin verbaut sind. Ein tolles, pfiffiges und ausgereiftes Produkt.

 

Das Lichtdesign auf dem Open Air Floor in der Welt der Zahlen?
Wir haben insgesamt über 400 Quadratmeter LED-Fläche, 212 kopfbewegte Lampen – also die Moving Lights. Dann 124 von den erwähnten LED-Stroboskopen und knapp 60 Blinder. Die haben wir jetzt noch nicht gegen etwas „Supertolles“ ausgetauscht, weil ein Halogen-Blinder immer noch ein Halogen-Blinder ist, der ein Licht macht, das man noch nicht in noch perfekterer Form ersetzen kann. Klar, dann haben wir noch jede Menge Pyrotechnik, Flame-Jets, CO2-Kanonen, und was man halt so braucht, um eine schöne Party zu feiern.

 

Dann habt ihr dieses Jahr sicherlich auch wieder die LED-Laufleiste, die die Pyramide von Kopf bis Fuß „einrahmt“…
Aber natürlich! (lacht)

 

Die Pyramide gab es bereits vor zwei Jahren. Aber auch der – wie du ihn nanntest – Bienenkorb ist nicht neu. Ich nenne ihn mal Kronleuchter. Und der war doch bisher bei fast jedem Jubiläum im Einsatz. Ergo müsst ihr euch für den 25. Geburtstag von NATURE ONE im nächsten Jahr etwas Neues, Besonderes einfallen lassen.
Da werden wir auch etwas ganz anderes machen. Aktuell habe ich zwei Ideen im Kopf. Und diese Ideen werden mein Team und ich nach NATURE ONE dem Veranstalter I-Motion vorstellen. Beide Ideen sind – wie ich finde, und ich will jetzt weiß Gott nicht angeben! – aber die sind schon sehr gut. (lacht) Beide sind auch sehr massiv in ihrer Art und in ihrem Design, und ich würde mich freuen, wenn wir uns nächstes Jahr hier wiedersehen.

 

Gerne. Bevor wir das 25-Jährige feiern, lass uns generell auf die Festivallandschaft blicken. Beispiel: Parookaville, Airbeat One, Tomorrowland. Dort sind die Bühnen riesig. Bei Parookaville stand mit einer Breite von 210 Metern die größte Festivalbühne Europas. Gut, eine Stage in diesem Ausmaß würde rein platzbedingt schon nicht auf die Pydna passen. Und selbst wenn…
Diese XXL-Bühnen sind auch gar nicht unser Konzept bei NATURE ONE. Hier ist die Bühne zwar auch nicht minimalistisch, aber einfach dezenter. Der Fokus liegt ganz klar auf dem Dancefloor, über den sich die Traversenkonstruktion und somit die Lichttechnik erstreckt. Was die Kollegen bei den von dir erwähnten Festivals designen, verdient meinen absoluten Respekt. Aber da geht es auch wirklich um die Bühne. Bei NATURE ONE ist der Anspruch, nicht die größte Bühne zu schaffen, sondern den größten Open-Air-Club der Welt. Und im Club hängt die Lichtanlage nun mal über der Tanzfläche. Das ist NATURE ONE. Und hier wollen wir unsere Handschrift einfach beibehalten.

 

Ich bin für FAZE auf sehr vielen Festivals europaweit unterwegs, aber was bei NATURE ONE in Sachen Floordesign zu sehen ist, ist schon relativ unique. Wo sonst findet man die Lichter über dem Dancefloor?!
Bei NATURE ONE! (lacht) Und das wird auch immer so bleiben, so lange es NATURE ONE gibt. Denn das ist ein sehr großes Steckenpferd des Veranstalters, mit dem sich das Festival zu anderen eben massiv abhebt und unterscheidet.

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Gehen einem nach 24 Jahren NATURE ONE eigentlich die Ideen aus, was das Lichtdesign angeht?
Ganz klar: Nein! Wobei ich dich korrigieren muss. Ich bin nicht seit 24 Jahren dabei. Facebook hat mir vor kurzem zum Siebenjährigen gratuliert. Also, 2011 war wohl das erste Konzept von mir, das umgesetzt wurde. Für mein Team und mich ist das Floordesign jedes Jahr eine große Herausforderung, die wir immer wieder gerne annehmen. Man kann sich kreativ einfach sehr gut verwirklichen und man hat so viele Möglichkeiten, mit den Traversen zu „spielen“.

 

Neben NATURE ONE bist du seit Jahren auch bei MAYDAY der Mann, wenn es ums Licht geht. Für welche Floors wart ihr dort zuständig?
Wir haben die Arena und das Empire lichttechnisch in Szene gesetzt.

 

„Wir“ heißt?
„Wir“ heißt: Mein Team und ich. Uns gibt es seit 2008. Wir sind mit unserem Headquarter – wie es so schön und modern heißt – in Wiesbaden angesiedelt. Dort sind wir zu acht. Wir haben noch ein kleines Office in Las Vegas und bewegen uns in der Veranstaltungsbranche auf allen Märkten. Von Automobil über Industrieveranstaltungen, Rock´n´Roll-Events. Wir sind im Fernsehen bei diversen Shows vertreten – und eben auch bei diesen tollen Raves, die I-Motion veranstaltet. Wir sind also schon recht breit aufgestellt.
Das Team von Thomas Gerdeon bei NATURE ONE seht ihr auf dem Foto ganz oben. Von links nach rechts: Dominik Steierl (Lichtoperator Open Air Floor), Benedikt Moser (Lichtoperator Century Circus), Christopher Rostalski (MediaServer Century Circus), Marek Papke (MediaServer Open Air Floor), Thomas Gerdon (Lichtdesigner), Rando Lorenz (Lighting Director), Markus Neubauer (MediaServer Open Air Floor), Marc Cloutier (Lichtoperator Open Air Floor)

 

Und NATURE ONE ist euer größtes Projekt?
Das ist immer schwer zu sagen, welches das größte Projekt ist. Kommt ja auf den Maßstab an, den man setzt. Nimm beispielsweise ein Event in einem Fußballstadion, das wir gemacht haben. Das ist flächenmäßig natürlich größer als der Open Air Floor bei NATURE ONE. Allerdings kann ich getrost sagen, dass NATURE ONE das speziellste Projekt ist. Dadurch, dass wir Jahr für Jahr eine so große Konstruktion aufbauen und du die Lichtelemente nicht einfach ans Hallendach hängen kannst.

 

Womit wir dieses Jahr gewiss nicht rechnen müssen: Unwetter.
Richtig, bei gerade 33 Grad im Schatten… Aber selbst wenn es schütten, stürmen, hageln und blitzen sollte, würde die Lichtanlage weder für Besucher noch DJ eine Gefahr darstellen. Es gibt natürlich Blitzableiter und ähnliches. Es war gerade eine Firma hier, die das Ganze Konstrukt abgenommen hat. Und im Vorfeld gehen eben die Statiker, Fachplaner und Techniker soweit ins Detail, die an so einem Mammutprojekt beteiligt sind, dass alles save ist. Aber guck mal nach oben. Da ist alles schön blau. Wir werden bestimmt bestes Festivalwetter haben.

 

Die Programmierung ist abgeschlossen, oder? Wenn ich so auf die Uhr schaue… Freitagnachmittag, 14:35 Uhr…
Genau. Die Programmierung ist komplett abgeschlossen. Wir testen jetzt noch, dass auch wirklich alles reibungslos funktioniert. Wir waren die ganze Nacht von gestern auf heute hier und haben bis sieben Uhr morgens alles fertig gemacht. Wir prüfen jetzt noch einmal alles, dass sich nicht vielleicht doch im Laufe des Tages ein Kabel gelöst hat. Und dann sind wir bereit, loszulegen.

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Seid ihr die letzten Tage eigentlich 24 Stunden im Einsatz gewesen?
Nicht ganz. Aber 18, 19 Stunden pro Tag waren es schon.

 

Vielleicht kurz etwas zur Manpower vor Ort?
Wir sind auf dem Open Air Floor insgesamt zu acht. Wir haben zwei Kollegen am Video, zwei am Licht, zwei an Laser, Pyro und sonstigem. Und wir haben einen Kollegen, der quasi den Service macht und darauf achtet, dass die Nebelmaschinen stets befüllt sind und die CO2-Kanonen abschießen können. Er kümmert sich auch darum, falls während der Live-Veranstaltung ein Defekt auftreten sollte. Und ich bin auch noch da. (lacht)

 

Die Lichtshow ist – bis auf das jeweilige DJ-Intro – komplett live und nicht vorprogrammiert. Wie stimmt ihr euch im Team ab, damit das Lichtkonzept auch aufgeht und nicht alle Moving Lights und Laser zeitgleich in Betrieb sind?
Wir kommunizieren via Kopfhörer-Intercom-System miteinander. Da fallen dann Sätze wie „Die 1 und die 2 machen jetzt dies und jenes Licht“, „Die 3 macht den Laser“, „Achtung, jetzt kommt der Drop“, „Jetzt bitte das Video übernehmen“ und so weiter. Solche Absprachen werden dann natürlich getroffen und dementsprechend wird das dann live umgesetzt von den Jungs, die hier an den Pulten sitzen.

 

Dein Part?
Das eben Erwähnte. Im Team. Zum Teil mache ich aber auch noch Lichtregie, zum Teil machen die Jungs das aber auch in Perfektion untereinander komplett autark. Das funktioniert sehr gut.

 

Neben dem Open Air Floor hast du auch das Design im Century Circus gemacht.
Genau, hier ist das Konzept – ich sag mal so: pfeilförmig. Die Traversen sind so angeordnet, dass sie in Pfeilform in Richtung DJ zeigen. Neben zig Moving Heads haben wir auch hier die tollen Glühlicht-Blinder mit den konventionellen Glühbirnen, weil sie eben ein so schönes, warmes Licht machen. Wir haben nahezu unzählige Stroboskope und die – glaube ich – größte LED-Wand, die es jemals im Century Circus gab. Auch sie ist pfeilförmig aufgebaut. Im Zirkuszelt sind wir ebenfalls optimal aufgestellt, um zwei Nächte lang ordentlich zu feiern.

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Ein tolles Schlusswort, Thomas. Recht herzlichen Dank für das Interview und viel Erfolg und Spaß bei NATURE ONE 2018.

Seht hier das Interview, das ich mit Thomas auf dem Open Air Floor 2017 gemacht habe:

(C) Foto ganz oben: Ralph Larmann
(C) alle anderen Fotos: I-Motion