Früh übt sich, was ein Meister werden will. Was Friedrich Schiller niederschrieb, hat bis heute nicht an Bedeutung verloren. Zwar hatte der Philosoph Schiller mit Italien nicht allzu viel am Hut, unser Mann auf dem Cover dafür umso mehr. Luigi Madonna stammt aus Neapel und hat in den vergangenen 20 Jahren wohl kaum etwas anderes gemacht, als hart für seinen Erfolg zu arbeiten. Er hat es also getan, früh geübt. Ob er schon am Ende seiner Reise ist? Lest selbst. Wir haben mit dem ambitionierten DJ und Produzenten eine kleine Zeitreise unternommen, von damals bis heute.

Luigi Madonna

Es heißt, du hast bereits mit elf Jahren mit dem Auflegen begonnen. Die meisten anderen Kinder verbringen ihre Zeit da doch draußen, gehen schwimmen oder Fußball spielen. Wie kam es zu dieser frühen Leidenschaft für die Plattenspieler?

Ich habe wirklich früh mit dem Auflegen angefangen und trotzdem gehörte ich ebenso zu diesen Kids, die jeden Tag Fußball oder Basketball gespielt haben, das versichere ich dir! Die Begeisterung für Musik begann jedoch schon vor meinem elften Lebensjahr, ich sang nämlich sehr gerne in meiner Kindheit. Das rückte jedoch mit meinem ersten Paar Plattenspieler und einem kleinen Mixer in den Hintergrund. Es war damals das billigste Equipment, das es auf dem Markt gab. Zwei Jahre lang sparte ich dann mein Geld, bis ich mir zwei Technics-Plattenspieler leisten konnte. Zum Glück gab mein Dad noch etwas dazu, sonst hätte ich wohl noch länger warten müssen. Mit dem neuen und besseren Equipment konnte ich meine Fähigkeiten deutlich schneller verbessern. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich damals täglich nach der Schule im Lagerraum von meinem Dad verschwand, um Platten aufzulegen. Ich wurde regelrecht süchtig danach, vielleicht auch aus dem Grund, weil ich wusste, dass sich die Mühe irgendwann lohnen würde. Dieses Setup steht übrigens immer noch dort, zusammen mit meiner Plattensammlung. Bei jedem Besuch in der Heimat mache ich auch einen Besuch im Lager meiner Eltern. Es erinnert mich daran, woher ich komme, wie viel Mühe ich schon investiert habe, und es hilft mir dabei, mich erneut auf meine Ziele zu fokussieren. Eine kleine, aber sehr wirkungsvolle Therapie. (lacht)

Neapel ist ja in der ganzen Welt bekannt, jedoch nicht nur für Pizza, Pasta, den Fußball oder eine Vielzahl an Techno-DJs. Auch die von Armut geplagten Außenbezirke Neapels haben schon oft für Schlagzeilen gesorgt. Wie hast du deine Kindheit und Jugend dort erlebt?

Da gebe ich dir Recht, doch abgesehen von Pizza und Pasta ist Neapel wohl eine der schönsten Städte der Welt und, wenn ich mich nicht irre, eine der meistbesuchten Städte in ganz Italien. Ich kann nur jedem wärmstens empfehlen, mindestens einmal dorthin zu reisen! Kriminalität gibt es auf der ganzen Welt und natürlich auch in Neapel. Das macht es natürlich nicht immer einfach, dort groß zu werden, doch die Musik hielt mich letztendlich davon ab, auf den Straßen herumzulungern. In gewisser Weiße verdanke ich dieser frühen Leidenschaft also weit mehr als die eigentlichen Fähigkeiten an den Plattentellern. Das Schöne daran war auch, dass ich diese Freude damals mit anderen Kids teilen konnte, die mich auch heute noch auf meiner Reise begleiten.

Nun, wie ich schon erwähnte, hat Neapel einige bekannte DJs hervorgebracht. Wer gehörte denn zu diesen Kids, mit denen du deine ersten DJ-Schritte gemacht hast?

Einer von ihnen war zum Beispiel Joseph Capriati. Wir haben viel Zeit zusammen verbracht und hier und da aufgelegt. Wir waren noch ziemlich jung, aber hatten bereits große Träume!

Deinen ersten Gig hattest du mit 14 Jahren, richtig? Erzähl uns noch etwas mehr darüber. Wie lief das damals ab?

Ich begann, in Bars aufzulegen, und das tat ich dann beinahe jeden Tag. Die Leute dort interessierten sich nicht großartig für diese Musik, doch mir half es, Selbstvertrauen und eine Menge Erfahrung zu sammeln, wenn es darum ging, vor Fremden zu spielen. Mit 14 Jahren ergab sich zum ersten Mal die Möglichkeit, in einem richtigen Club zu spielen. Zu dieser Zeit war ich musikalisch in House vertieft und stand total auf den Sound von Louie Vega, Roger Sanchez, Frankie Knuckles und so weiter. Ich war natürlich super aufgeregt, zumal ich das Warm-up für einen internationalen Gast übernehmen sollte. Doch ich gab mein Bestes und es wurde eine großartige Nacht – mit der Folge, dass ich von da an regelmäßig in diesem Club spielte. Das war eine gute Zeit!

Wie sahen deine Zukunftspläne aus damals? War es dein Traum, professioneller DJ zu werden, oder gab es auch andere Pläne? Was sagten deine Eltern dazu?

Mein Dad war damals Unternehmer und ich arbeitete etwa zehn bis zwölf Stunden am Tag in einem seiner Geschäfte mit. Nach der Arbeit verzog ich mich ins Studio, um eigene Musik zu produzieren. In dieser Zeit schlief ich vielleicht drei oder vier Stunden pro Tag. Ich ging bis an mein Limit, denn das Einzige, was ich wirklich machen wollte, war Musik. Das artete natürlich regelmäßig in Streitereien mit meinem Vater aus, denn er konnte sich nicht im Ansatz vorstellen, dass Musik oder ein Dasein als DJ mir langfristig dazu verhelfen könnte, meine Brötchen zu verdienen. Dementsprechend verwundert war er auch darüber, dass ich diesen ganzen Stress und Aufwand überhaupt auf mich nahm. Doch man sagt nicht umsonst, dass sich harte Arbeit am Ende auszahlt. Heute ist mein Dad übrigens sehr stolz auf mich und gehört, zusammen mit dem Rest meiner Familie, zu meinen größten Unterstützern!

Wie ging es dann weiter, Luigi? Was brachte den Stein ins Rollen?

Joseph Capriati war es, der mich Rino Cerrone vorstellte, der damals wie heute eine Legende in unserer Techno-Szene ist. Ihm gefielen meine Musik sowie meine ersten Demos für ihn auf Anhieb, es dauerte also nicht lange, bis es zu einem Release auf seinem Label Loose Records kam. So lernte ich auch Markantonio kennen, einen weiteren sehr angesehenen DJ und Produzenten aus Neapel. Auch er wurde zu einem großen Unterstützter und veröffentlichte meine Stücke ebenfalls, und zwar auf seinem Label Analytic Trail. Zusammen spielten wir auf vielen Partys und Events wie dem legendären Old River Park in Neapel. Von da an lief es ziemlich gut, nicht nur für mich, auch für alle anderen. Es freut mich sehr, dass wir uns auch Jahre später noch unterstützen wie damals und eine enge Verbindung pflegen. Ich bin diesen Jungs wirklich sehr verbunden, sie und auch das ganze Team in meinem Rücken sind zu meiner zweiten Familie geworden.

Seit gut zehn Jahren veröffentlichst du nun Musik unter deinem Namen. Womit hast du zu Beginn deine Tracks aufgenommen?

Mit einem Laptop und Reason 3 hat alles angefangen, dann bin ich auf Ableton live umgestiegen. Ich habe mit dem Produzieren begonnen, um meinen eigenen Soundhorizont zu erweitern und so breit wie nur möglich werden zu lassen – auch wenn sich meine ersten Projekte nicht sonderlich gut anhören. Ich habe das nie studiert oder Unterricht in Musikproduktion genossen. Was ich weiß, habe ich mir selbst angeeignet, vermutlich etwas langsamer als andere, aber ich denke, bisher mache ich einen ganz guten Job. (lacht) Zeit im Studio zu verbringen und neue Beats zu kreieren, begeistert mich nach wie vor.

Nur wenige Jahre nach deinem Release auf Analytic Trail konntest du dein Debüt auf Drumcode feiern. Heute gehörst du zum engeren Kreis der DC-Family, hast einige EPs auf Adam Beyers Label veröffentlicht und spielst regelmäßig auf den Drumcode-Events. Auch andere Großevents wie Awakenings oder Auftritte auf Ibiza sind dir nicht mehr fremd.

Meine Musik auf Drumcode zu veröffentlichen, war ein großer Erfolg für mich. Ich habe Adam viele Demos geschickt und zu Beginn lautete seine Antwort immer gleich: „Not good, mate, sorry.“ Letztendlich bin ich sogar dankbar für die vielen Absagen, denn das ließ mich noch intensiver und konzentrierter an meinem Sound arbeiten. Mit der Zeit konnte ich mehr und mehr auf DC platzieren und ich begann, mit meinen Label-Kollegen zu touren. Ich erinnere mich zum Beispiel noch gut an die Südamerika-Tour, im Rahmen derer ich in Buenos Aires im Mandarino Club vor 14 000 Menschen spielte. Danach ging es direkt zum Ultra Festival nach Chile.

Mit Drumcode ging es für mich auch zum ersten Mal ins Berghain, mein Debüt im Amsterdamer Gashouder bei Awakenings feierte ich ebenfalls mit dem Label. Ich fühlte mich in Adams Team ab dem ersten Tag willkommen, und das werde ich niemals vergessen. Ein Grund dafür, dass ich mich auch heute noch sehr darüber freue, wenn es wieder gemeinsam auf Tour geht.

Du hast allein in diesem Sommer 18 Festivals gespielt. Lass uns ein wenig an deinen Erlebnissen teilhaben!

Ich hatte die Möglichkeit, in einigen Ländern zu spielen, und es fühlt sich sehr gut an, zu wissen, dass es dort draußen viele Menschen und Partner gibt, die an mich als Künstler glauben – die möchte ich natürlich auf keinen Fall enttäuschen. Deshalb arbeite ich pausenlos daran, meine DJ-Sets und auch meine Produktionen zu verbessern. Aber um auf diesen Sommer zurückzukommen: Es gefällt mir wirklich sehr, auf Festivals aufzutreten. Zum einen kannst du da vor sehr vielen Menschen spielen, die gerade eine tolle Zeit erleben. Das ist wohl einer der schönsten Aspekte dieses Jobs! Außerdem bietet es sich an, auf Festivals Kollegen und Freunde wieder zu treffen oder andere Leute aus der Musikindustrie kennenzulernen. Eine gute Gelegenheit, mit alten Freunden ein wenig Zeit zu verbringen, die man nur noch selten zu Gesicht bekommt. Da kann es im Backstage schon mal etwas ausarten. (lacht)

Dieses Jahr habe ich zum ersten Mal auf dem Ultra Festival in Miami gespielt und es war eine unglaubliche Erfahrung – das steigt einfach mitten in der Stadt in supercoolen Locations! Ich spielte auf der Resistance-Stage und kann es jetzt schon kaum erwarten, im nächsten Jahr wieder dabei zu sein. Zu meinen Top-Highlights gehört definitiv auch das Awakenings Festival; je öfter ich dort spiele, desto begeisterter bin ich von diesem Event. Auch das Sonus Festival ist der Wahnsinn, mit tollen Locations und sehr netten Menschen. Auch das Team hinter den Kulissen macht einen super Job. Negative Erfahrungen sind in diesem Jahr zu meinem Erstaunen ausgeblieben, ich habe bisher nicht einen einzigen Flug verpasst und alles lief insgesamt ziemlich entspannt ab. In den letzten Jahren sah das anders aus, da hatte ich noch keinen Tour-Manager, was dazu führte, dass ich eigentlich immer zu spät dran war und regelmäßig meine Flüge umbuchen musste. Ich liebe es einfach, zu schlafen. Aber egal, was schiefging: Eine Show habe ich trotzdem nie verpasst!

Neapel hast du mittlerweile den Rücken gekehrt, Amsterdam ist jetzt dein Zuhause.

Vor rund vier Jahren bin ich hierher gezogen. Natürlich fehlt mir Neapel, die Pasta und Pizza, das gute Wetter und natürlich ganz besonders meine Familie. Ich gebe mein Bestes, um sie so oft wie möglich zu besuchen. Bei meinen Gigs in Süditalien sind sie auf jeden Fall immer dabei, das freut mich sehr. Sie bei mir oben auf der Stage tanzen zu sehen, ist großartig. Bevor ich nach Amsterdam zog, war ich natürlich bereits ein paar Mal dort – und es war vom ersten Besuch an um mich geschehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich noch eine ganze Weile hier bleiben werde.

Wirklich eine besondere Stadt mit ihrem ganz eigenen Charme. Doch du gehst bald wieder auf große Tour, wie ich mitbekommen habe: Es geht erneut nach Australien und Amerika.

Genau, seit ein paar Jahren reise ich nun schon nach Australien. Auch dort habe ich zuerst hauptsächlich in Clubs gespielt. Das Feedback war durch die Bank positiv und so bin ich auch demnächst wieder dort. Diesmal stehen jedoch größtenteils Festivals auf dem Plan, zum Beispiel das Tell No Tales mit den Kollegen Amelie Lens und Sam Paganini. Danach spiele ich auf dem Babylon, dem wohl größten Festival in Down Under. Dort erwartet die Besucher ein riesiges Line-up und ich habe die Ehre, direkt vor dem Headliner Carl Cox zu spielen. Nach drei weiteren Events geht es dann noch mal für ein paar Wochen zurück nach Europa, bis die US-Tour startet. Dabei lege ich auch einen Stopp bei der WMC in Miami ein. Seit vier oder fünf Jahren spiele ich nun in den USA und konnte Chicago, New York und Los Angeles bei Nacht kennenlernen. Nach Detroit habe ich es leider noch nicht geschafft, doch das klappt dann hoffentlich beim nächsten Mal.

Du hast viel erreicht in den vergangenen Jahren. Wie steht es heute um deine Wünsche und Zukunftspläne, Luigi?

Eigentlich fühle ich mich noch genauso wie damals mit 14 Jahren, als ich ein Kind mit großen Träumen war. Das hat sich tatsächlich nicht wirklich verändert. Ich bin nach wie vor daran interessiert, voranzukommen, mich in jeder Hinsicht zu verbessern. Zusammen mit meinem Team arbeite ich sehr hart daran, weitere Ziele zu erreichen. Mal sehen, wohin uns das führen wird. Auf der Time Warp zu spielen, ist auf jeden Fall ein Wunsch, der sich hoffentlich bald erfüllen wird. Vielleicht ergibt sich auch hier bald eine Möglichkeit! Was meine kommenden Veröffentlichungen betrifft, so habe ich zuletzt eine EP für Second State fertigstellt, inklusive Pan-Pot-Remix, die erscheint dann gegen Ende des Jahres. Ich arbeite außerdem an meinem Debütalbum, was jedoch gar nicht so einfach ist aufgrund der zahlreichen Gigs. Darauf liegt nun allerdings mein Fokus und ich hoffe, dass ich es euch gegen Ende nächsten Jahres vorstellen kann!

 

 

Aus dem FAZEmag 080/10.2018
Text: Julian Haussmann
Foto: Luis Artus
www.luigimadonna.com

 

 

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