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Der gebürtige Leipziger Marc DePulse alias Marcel Sterling ist vor allem für eines bekannt: scharfe Töne – und das gleich in zweierlei Hinsicht. Als Kolumnist für verschiedene Publikationen – auch das FAZEmag („Aus dem Leben eines DJs“) – schreibt er gern mal über die ein oder andere mehr oder weniger beliebte Seite des DJ-Daseins. Auf der anderen Seite steht er für handfeste Produktionen, und das nun fast seit 20 Jahren. Mit Trance angefangen, hat er sich über mehrere Findungsjahre hin nun vollends dem housigen und technoiden Bereich verschrieben. Auch sein damaliges Live-Projekt „Westbalkonia“, das er zusammen mit Boe van Berg initiiert hatte, musste weichen. Nun ist sein zweites Album „Kontrollverlust“ auf Einmusika erschienen. Eine gute Gelegenheit, einmal seine Musik und seine Person in den Mittelpunkt eines Textes zu stellen.

Marc, wie sieht deine aktuelle Lebenssituation aus? Du scheinst in letzter Zeit ziemlich viel unterwegs zu sein und von Termin zu Termin zu rennen; dein Name taucht auch bei ungewöhnlich vielen Projekten auf, die wir hoffentlich in unserem Gespräch zumindest anreißen können.

Ledig, kinderlos. Zumindest noch (lacht). Ich habe mich vor knapp fünf Jahren hauptberuflich der Musik verschrieben, meinen geregelten Job gekündigt und somit mein Leben einmal komplett auf links gekrempelt. Ich bin also selbst und ständig, habe überall meine Finger im Spiel und bin trotzdem ein rundum glücklicher und ausgeglichener Mensch.

Du bist ja nicht nur als DJ und Produzent unterwegs, sondern auch als Kolumnist bekannt und schreibst gerne über das Leben eines DJs. Wann hast du damit angefangen und woher kommt diese Leidenschaft für das Schreiben?

Meine größte Leidenschaft ist die Musik und die zweitgrößte ist es, über diese zu schreiben. Ich habe Anfang der 2000er ein Musikportal redaktionell begleitet und schon da festgestellt, dass ich schriftlich einfach viel würziger zum Punkt komme. Bei mir sitzt der Schalk zwischen den Fingern, daher versuche ich, jedes Thema auch mit einem gewissen Humor anzugehen. Mich haben damals viele Leute motiviert, mehr davon zu schreiben. So wurde ich zum Serientäter.

Gab es schon mal Beiträge, für die du von Fans oder Kollegen kritisiert wurdest? Wie ist generell das Feedback zu deinen Geschichten, ohne dabei Namen zu nennen?

Das Feedback ist super. Ich werde vielerorts darauf angesprochen. Auch, weil ich mal den Finger in die Wunde lege oder den Leuten aus der Seele spreche. Ich gehe auch sensible und unliebsame Themen an, die provozieren und über die es sich zu streiten lohnt. Blogs dienen dem Ausdruck subjektiver Wahrnehmung und natürlich öffne ich Tür und Tor für Gegenwind. Aber ich nehme kein Blatt vor den Mund, das war auch noch nie mein Ding. Wenn ich nur schreiben würde, was die Leute lesen wollen, dann hätte ich keinen Spaß daran. Natürlich muss ich auch für beziehungsweise nach jedem Beitrag noch selbst in den Spiegel schauen können. Aber das tut gut, ich reflektiere unheimlich gerne. Und es gibt ja zu jedem Kontra auch immer ein Pro, denn bekanntlich wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

Gibt es Themen, über die du niemals schreiben würdest?

Über Politik. Ich weiß, das sehen viele anders, aber ich assoziiere mein Dasein als Produzent und DJ nicht mit politischen Inhalten.

Das bringt mich zu einem ähnlichen Punkt: Viele Künstler nutzen die sozialen Medien beziehungsweise verschiedene Kanäle, um auf sich aufmerksam zu machen, mit ihren Fans zu interagieren und auch gern mal gesellschaftliche Themen anzusprechen oder ihrem Unmut freien Lauf zu lassen. Andere halten sich eher zurück und stellen allein ihre Musik in den Vordergrund. Zweifelsohne gehörst du zur ersteren Sorte. Welchen Stellenwert hat diese Interaktion mit Außenstehenden für dich und wie siehst du da die allgemeine Entwicklung in der Zukunft?

„Sozialtot“ befindet sich gerade in der Auswahl zum Jugendwort des Jahres. Wer heute als Künstler in den sozialen Medien nicht vertreten ist, ist entweder eine Legende oder verschwindet irgendwann von der Bildfläche. Ein gesundes Mittelding funktioniert natürlich trotzdem. Man muss nicht auf allen Kanälen omnipräsent sein, um eine gute Außenwirkung zu haben. Weniger ist mehr. Dennoch: Interaktion war schon immer der einfachste Weg, um die Menschen an die Hand zu nehmen, und wird es auch in Zukunft sein – es stellt sich nur die Frage, wie.

Zu Zeiten deiner ersten Veröffentlichungen im Jahr 2003 warst du ja noch im Trance-Genre unterwegs. 2006 bist du dann so langsam in den Bereich House reingerutscht, damals noch etwas progressiver, und hast dich auch viel mit Minimal beschäftigt, bevor du dich in die technoiden Gefilde begabst. Kannst du dich noch daran erinnern, wie diese musikalische Entwicklung bei dir vonstatten ging?

Ich war und bin ein Freund von elektronischer Tanzmusik. Früher war sie lediglich schneller. Ich tue mich schwer, das im Einzelnen zu definieren. Viele Genre-Grenzen sind einfach fließend. Ich bin der Meinung, dass man seine eigene Handschrift nur findet, wenn man die Handbremse im Kopf löst, die inneren Barrikaden überwindet. Weg von diesem „Ich kann diese Bassline nicht verwenden, die ist zu kitschig“, „Der Synth ist mir zu trancig“ oder „Die Kick ist zu housig“.

Wie fühlst du dich, wenn du deine alten Produktionen jetzt noch einmal hörst? Zum Beispiel deine Kollaboration mit Pattraxx, „Love & Pain“, die ja teilweise als sehr rarer Klassiker des Trance-Genres bezeichnet wird.

Ich erinnere mich an die Nummer, habe sie aber zuletzt nur noch auf meinen GEMA-Abrechnungen entdeckt (lacht). Ich höre gern in meine alten Sachen rein und erschrecke dann meistens, wie schlecht mein Klangbild damals war. Es ist ja auch ein gutes Zeichen, wenn man sich immer bemüht, seinen Sound besser zu machen.

Nun erschien dein zweites Album „Kontrollverlust“. Inwiefern darf man den Titel des Albums auf deine Person beziehen, wo findet bei dir der Kontrollverlust statt?

Gute Frage! Wer mich kennt, weiß, dass ich ein unheimlich geordneter und in sich ruhender Mensch bin. Ich habe bis 2013 im öffentlichen Dienst gearbeitet. Mir wurden Ordnung, Sorgfalt, Kontrolle und Organisation quasi täglich eingeimpft. Der Gang in die Selbstständigkeit war der komplette Kontrast für mich. Kontrollverlust erlebe ich also hin und wieder mal am eigenen Leibe und genau dieser Begriff ist ein Sinnbild für das freie Leben, für freie Gedanken und ein Dasein ohne Zwänge. Man muss nicht über alles die Kontrolle haben, denn sonst würde man nie vom süßen Honig kosten. Der Name muss also gar keinen dunklen Unterton haben, sondern darf gewissermaßen ein hübsches Abziehbild des Undergrounds sein.

Der Titeltrack deines Albums ist zusammen mit Xenia Beliayeva entstanden. Wie kamt ihr auf die Idee für diesen Track und wie verlief die Zusammenarbeit?
Ich habe vor gut zwei Jahren schon einen Remix für Xenia gemacht. Die Idee zu etwas Neuem kam dann über E-Mail zustande. Xenia hatte erst versucht englisch, dann russisch auf meine Track-Idee zu singen. Später wurde es ein deutscher Text und ich war von Beginn an überzeugt davon. Sie ist Namensgeberin des Titels und somit auch meines Albums. Persönlich begegnet sind wir uns bislang noch nicht. Das kommt aber auf die Agenda für 2018.

Du sprachst vorhin von „Barrikaden überwinden“, bei „Prince Charming“, dem letzten Track des Albums, sehe ich in dieser Hinsicht gewisse Parallelen. Offbeat, strenge Sample-Cuts, experimentell, weg vom Viervierteltakt. Wie kam die Idee zu diesem, ich sage es mal vorsichtig, Ausreißer?

Mir wird mit nur einer Stilrichtung schnell langweilig, daher brauche ich die Abwechslung. Diversifikation ist das Stichwort. Bei „Prince Charming“ habe ich die Stimmung erhascht und konnte Melancholie und Glückseligkeit vereinen. Natürlich sind diese Burial-ähnlichen Sounds größtenteils samplebasiert, aber das ist ja nicht schlimm. Wichtig ist, was am Ende dabei herauskommt, und bei der Nummer läuft mir tatsächlich selbst immer noch ein kleiner Schauer über den Rücken. Der Track ist innerhalb eines Tages entstanden. Manchmal sind das aber die besten Tracks.

Als ob wir nicht schon genug Facetten von dir angesprochen hätten – du bist auch Initiator der Podcast-Reihe „How I Met The Bass”, die nun mit 74 Beiträgen sicherlich zu einer Konstante in der Podcast-Szenerie zählt. Wie schwierig war es, so eine Reihe aufzubauen? Ich meine, Podcasts gibt es mittlerweile wie Sand am Meer.

Es ist immer schwer, etwas von null aufzubauen und kontinuierlich zu entwickeln. Das weiß jeder. Es kostet viel Zeit, Nerven und natürlich auch Geld. Jedes kleine Projekt braucht eine gewisse Investition, um sich zu etablieren. Dennoch grenze ich mich mit der Serie von üblichen Podcasts ab. Bei „How I Met The Bass“ geht es bewusst um die Anfänge der Künstler, nämlich darum, wie sie einst zur elektronischen Musik gekommen sind – und dabei sind die Genre-Grenzen fließend. Es wird nie langweilig, denn jeder Künstler hat seine eigene spannende Geschichte zu erzählen.

Mit Gästen wie Marco Resmann, Tomcraft, Pauli Pocket, David Keno, Lee Van Dowski, Ruede Hagelstein oder Miss Melera hast du schon einige Namen heranholen können, die sich vom Stil her sehr unterscheiden, mal kleiner, mal größer sind. Wie gehst du bei der Auswahl deiner Gäste vor?

Über die Jahre habe ich viele interessante Künstler kennengelernt, habe Kontakte aufgebaut und auch viele Freundschaften geknüpft. Die Serie spiegelt natürlich eine breite Masse wider. Sie ist alles, nur nicht kommerziell. Also egal, ob jung oder alt, ob deutsch oder international, ob House oder Techno. Die Summe macht einen schönen Storyteller aus dem Projekt und daher lade ich gern immer wieder Freunde, Bekannte und meine Lieblings-Acts ein, einen Schwank aus ihrer Jugend zu mixen.

Auch bei deinem eigenen Label JEAHMON! Records legst du den Fokus in letzter Zeit mehr auf bekanntere Namen wie Rafael Cerato oder Anii. Welche Highlights sind hier noch geplant für die kommende Zeit?

Mit Ryan McCormack (UK) und Modeplex (DE) kommen zwei fast noch unbeschriebene Blätter als Original-Künstler zu JEAHMON!, denen ich jeweils starke Remixer – Several Definitions und Ron Costa – zur Seite stelle. Ich mache mir tatsächlich die Mühe und höre in jedes Demo rein, nehme mir zumeist auch die Zeit zum Antworten. Das ist es wert – um die Perlen zu finden muss man auch einmal tiefer kramen. Aber natürlich möchte ich auch wieder öfter selbst auf meinem eigenen Label veröffentlichen. Im Februar kommt eine Single, die ich zusammen mit Several Definitions gemacht habe, und dazu haben wir uns dubspeeka, Jerome Isma-Ae und Peter Pardeike als Remixer eingeladen.

Erlaub mir diese Frage zum Schluss: Wie schaffst du es, all diese Projekte unter einen Hut zu bekommen? Welches Geheimnis steckt hinter deiner Selbstdisziplin?

Es ist schlichtweg die Leidenschaft für die Musik. Ich brenne für das, was ich tue. Eine Helene Fischer spielt keine 20 Konzerte im Monat, weil sie das Geld so liebt. Nein, da stecken Herzblut, Liebe und ganz viel Ehrgeiz dahinter. Aber auch jeder noch so positive Stress birgt Gefahren. Daher muss man lernen, sein Gleichgewicht zu finden und die Alarmglocken rechtzeitig zu hören. Ich habe seit nunmehr 18 Jahren einen durch ein Knalltrauma bedingten Tinnitus im linken Ohr. Die Volkskrankheit der Musiker. Bei mir war es damals ein China-Böller, der zu Silvester direkt neben meinem Ohr explodierte. Seitdem ernähre ich mich ausgewogen, habe mit dem Rauchen aufgehört, treibe Sport und halte den Stresspegel gering. Dank der Selbstständigkeit kann ich mir auch den Luxus gönnen, jeden Tag auszuschlafen. Meine Eltern bezeichnen das als faul, vergessen aber, dass ich trotzdem im Schnitt 12 bis 15 Stunden am Tag arbeite. Mein Tinnitus ist ein unheimlich guter Indikator: Mute ich mir zu viel zu, piept es lauter im Ohr. Somit weiß ich genau, wann ich mal wieder die Reißleine ziehen muss. Ich fahre unheimlich gern Fahrrad. Mehrere Stunden allein, gerne auch weite Strecken. Das hilft sehr gut dabei, den Reset-Knopf zu drücken, wenn ich mal wieder die imaginäre Kontrolle verloren habe.

Aus dem FAZEmag 070/12.2017 
Text: Janosch Gebauer
Foto: Jörg Singer/Studio Leipzig
www.marc-depulse.com
Die Kolumne: Marc DePulse – Aus dem Leben eines DJs

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