IMG_0461

 

Gibt es ein Leben nach der Musik? Oder ist Musik sowieso immer dabei – einmal Musiker, immer Musiker? Wir wollten wissen, was der Ex-Bassist und -DJ Marcin Öz nach dem Ende seiner Band The Whitest Boy Alive auf Sizilien treibt, und haben ihn besucht.

„Live on the island, live on the island“, erklingt es in ätherisch-sehnsüchtigem Gesang von Erlend Øye – man meint, aus fernen Gefilden. In ihrem Inhalt eher metaphorisch, haben sich für zwei der Bandmitglieder von The Whitest Boy Alive die letzten Zeilen ihres Songs „Island“ in wörtliche Realität gewandelt. Sänger Erlend Øye lebt seit 2012 auf der italienischen Insel Sizilien, nach dem Aus der Band 2014 besuchte Marcin seinen Freund, der laut eigener Aussage wie ein Bruder für ihn ist, immer öfter – bis auch er schließlich blieb. Während Erlend solo und in diversen Kollaborationen neue Wege in der Musik geht, begibt sich Marcin beruflich auf völlig neues Terrain, fernab der Musik. Er baut Wein an, Bio-Wein. Acht Hektar groß ist sein Weingut „Vini Campisi“, eine malerische Idylle, südlich von der Stadt Siracusa gelegen. Die 60 Kilometer von Siracusas Altstadt Ortygia, wo er wohnt, fährt Marcin oft mit seinem weißen Land Rover Defender, mit dem er uns zu einer kleinen Weindegustation abholt und den er neulich an einem Baum vor Erlends Haus am Dach eingebeult hat. Marcins neues Leben ist das absolute Gegenteil von seinem vorherigen Dasein als Musiker in Berlin und auf Tour. Doch neben all dem Idyll ist es harte körperliche Arbeit, die dahinter steckt, dass der Musiker bereits ein Jahr nach dem Umzug seine beiden Weine „Red Red Vine“ und „Halleluja“ in 30 000 Flaschen gefüllt und in die ersten Läden gebracht hat, dass der Jahrgang 2016 gerade reift und der aktuelle Jahrgang auf dem Feld wächst und gedeiht. „Ich wollte hier wohnen und hier etwas machen. Einfach etwas komplett anderes als das, was ich bisher gemacht habe“, erzählt der in Polen geborene Lockenkopf, der ab 1995 in Berliner Clubs wie dem Cookies, Icon, Tresor/Globus, WMF, Suicide, Discount, Casino oder Toaster auflegte sowie ab 1997 unter dem Namen Highfish zusammen mit Diringer Resident im WMF war, der Produktionen beispielsweise mit Soulphiction, Jacek Sienkiewicz und Fritz Zander sowie Remixe u. a. für Kotai, Psychonauts und Jahcoozi machte und nicht zuletzt 2003 mit Erlend Øye die Band The Whitest Boy Alive zunächst als elektronisches Tanzprojekt startete, schließlich aber in dieser Formation mit Indie Pop neben Erlends anderer Band Kings Of Convenience eine ganze Generation prägte. Marcin war nicht nur für den Bass, sondern auch das Management von The Whitest Boy Alive verantwortlich, was dann im eigenen Label Bubbles Records mündete, mit Album-Releases von The Whitest Boy Alive, Kakkmaddafakka und Erlend Øye. Nun denn, Winzer sein ist definitiv etwas komplett anderes.

„Ich wollte etwas Neues lernen. Ich war in so einem Alter, in dem ich mit den Sachen, die ich gemacht habe, an einem Punkt angekommen bin, wo ich dachte: ‚So, jetzt war ich Musiker, jetzt war ich DJ, jetzt war ich Labelboss. Fertig. Wo kann ich weitermachen?’“ Also tat er sich mit zwei Geschäftspartnern zusammen, Landwirten in dritter Generation, deren Metier Zitronen sind, die jedoch auf dem Gut seit 15 Jahren die Rebsorten „Nero d’Avola“ und „Syrah“ anbauten – und brachte sich von Null an alles bei, was man wissen muss, wenn man sich dem „Endgegner der Landwirtschaft“ stellt. „Ich wollte einfach, da steckt die Kraft. Schritt für Schritt habe ich mir alles angelesen und geguckt, wie andere das machen“, erzählt er, während er zwei Gläser mit den beiden Weinen seines zweiten Jahrgangs direkt aus dem Metallfass zum Probieren füllt – der faszinierendste Moment, denn in der Flasche rundet der Wein ab. „Außerdem habe ich einen Önologen, bei dem ich mir Rat holen kann, der bei den kritischen Schritten wie der Ernte und dem Abfüllen noch dabei ist, und jemanden, der im Feld hilft“, fährt er fort. Vor all den neuen Herausforderungen schreckt Marcin nicht zurück, meint es ernst mit seinem neuen Leben: „Ich brauche zwar immer wieder etwas Neues, Stillstand ist langweilig. Aber: Ich bin jetzt Landwirt. Ich habe ein Feld. Ich mache Wein. Ich glaube, das kann man nicht nach zehn Jahren stehen lassen. Also, klar kann man das. Aber ich glaube, das ist jetzt ein Lebensprojekt.“ Schließlich lerne man ja auch von Jahrgang zu Jahrgang dazu, man werde besser. Anfangsfehler? „Man darf keine machen. Man riskiert zu viel. Ich habe jetzt alles dreimal gemacht, ich kann es. Gut, jeder Jahrgang ist anders, hat seine Besonderheiten und seine Probleme. Aber die Prozesse sind die gleichen. Was mir jetzt fehlt, sind einfach 10 bis 15 Jahre Erfahrungswerte.“ Die kommen beizeiten, genau wie das Italienisch, das er nebenbei lernte: „Als Musiker habe ich ein aufmerksames Ohr. Alles, was ich übers Hören lernen kann, fällt mir leicht.“ Die Sprache sei wichtig, denn die Bürokratie für ein solches Unterfangen sei beachtlich, berichtet Marcin. Das erleben wir im Kleinen, als alleine das Ausfüllen der Formulare an der Post eine halbe Stunde dauert, um drei Flaschen einem Interessenten nach Schweden zu schicken, wie wir später auf der Rückfahrt bei einem Zwischenstopp feststellen. Doch vorher probieren wir die Weine, beide schmecken schön fruchtig. „Ich stehe halt auf die Frucht. Wenn ein Wein nicht die Frucht hat, was hat er denn dann sonst? Ich möchte auch nicht, dass man den Alkohol rausschmeckt.“ Für den Geschmack belässt Marcin seine Weine weitestgehend so, wie die Reben vom Feld kommen, er mag es bei all der Wissenschaft der Önologie bodenständig: „Die Aromen bestehen grundsätzlich aus Säure, Zucker, Alkohol und Tannin. Du kannst das steuern. Du kannst aus jeder Masse jeden Wein machen. Aber das interessiert mich nicht. Ich mache einen Naturwein, der aus dieser Erde und diesem Klima rauskommt, mit meinen Händen. Das ist das Authentischste, was ich rausholen kann. Bei jedem kommt etwas anderes raus. Mein Nachbar macht seinen Wein auf seine Art und Weise. Den größten Job macht die Lagerung.“

Mit seinen Händen macht Marcin ziemlich viel, da ist das Zurechtschneiden zweimal im Jahr, der Winterrebschnitt mit der Schere und der Sommerrebschnitt, das Ausgeizen, wo die Triebe weggebrochen werden: „Sie wollen auf jeden Fall ganz anders wachsen, als du es willst.“ Es gibt oft einen Pilzbefall, weil es warm und feucht wird, dann schwefelt man die Reben. Dabei trägt Marcin einen Overall und eine Atemmaske, weil alles mit dem Präparat bedeckt ist und stinkt. Das ist gerade auf der Agenda. Marcin behandelt die Reben nur ad hoc im Fall des Falles, nicht präventiv. Der „sehr, sehr kalkige Kalkboden“ sei zwar gut, aber auch nicht problemlos. Der Kalk verhindere zum Beispiel die Aufnahme von Eisen, erklärt er. Deshalb muss er die Reben mit einem eisenhaltigen Präparat bespritzen, das sehr teuer ist. Doch grundsätzlich sei es gut für die Pflanze, wenn sie sich anstrengen muss. „Es gibt keinen idealen Boden. Die Pflanze muss auch gefordert sein, sonst macht sie keine gute Frucht. Je extremer das Klima, desto besser ist die Frucht, aber desto näher auch am Tod. Bei perfekten Bedingungen kommen Pflanzen raus, aber eben keine Frucht.“ So wie in der Kunst, wie in der Musik auch, denkt man sofort.
Ob er noch Zeit und Lust hat, Musik zu machen? „Ja, ich spiele öfter hier einfach so, wir haben so eine kleine Band. Aber ich brauche keine Clubs, keine Bars, keinen Techno. Mal sehen, was in Zukunft noch passiert.“ Etwa zweimal im Jahr legt er noch „just for fun“ auf. Paul Kalkbrenner fragte ihn kürzlich, ob er „als Pole“ mit ihm in Warschau bei der „Back to the Future“-Tour spielen wolle. Aber: keine Zeit. Denn selbst bei einem komplett auslastenden Lebensprojekt sorgt Marcin bereits dafür, dass es nicht zu langweilig wird. Bald will er einen Rosé abfüllen, den Weinkeller und das Häuschen auf dem Feld ausbauen und Ende des Monats macht er ein Fischlokal auf – „Oz & Cappuccio“. „In einem Moment, wo nichts los war, im Januar nach dem Rebschnitt, wobei eigentlich ja immer etwas zu tun ist, kam uns die Idee bei einem Bier, einen Laden zu machen. Und jetzt stecke ich hier in der Scheiße“, lacht Marcin.

Aus dem FAZEmag 065/07.2017
Text: Csilla Letay
www.facebook.com/vinicampisi
Die Weine gibt’s in Deutschland bei www.viani.de.

 

Diese Diashow benötigt JavaScript.