marlow 025
Mitte der 80er-Jahre erwachte in dem Leipziger Mario Weise die Liebe zur Musik und er begab sich fortan auf jene Entdeckungsreise, die sich nun im ersten Marlow-Album „Backroom“ niederschlägt. Wie bei vielen seiner Generation war es der Synthie-Pop, der ihn auf den richtigen Weg brachte. Vom Cousin mit den ersten Depeche-Mode-Tapes versorgt, erweiterte schließlich DT64, der Jugendsender des DDR-Rundfunks, mit seiner Sendung „Electronics“ den musikalischen Horizont Weises. Und dann war da auch noch der Schulfreund mit einer Oma im Westen, der für Nachschub sorgte und Künstler wie Coldcut und Westbam über die Mauer holte.

So ist Marlows Passion nicht einer Initialzündung geschuldet, sondern ein bis heute laufender Prozess. „Auf DT64 begann Marusha, Gast-DJ-Sets von z. B. Dave Angel zu spielen. Als ich dann 1992 zum ersten Mal in der gerade neu eröffneten Distillery in Leipzig war und den winzigen Housefloor entdeckte, weitete sich mein musikalisches Interesse immer mehr aus.“ Nicht allein durch seinen neuen Job als Resident-DJ der Distillery formte sich das, was „Backroom“ heute in sich vereint. Soul, Funk, Groove, Hip-Hop und elektronische Musik vermengen sich zu einem großen Ganzen. Die Entscheidung für Sonar Kollektiv als Plattform fürs Album fiel dabei trotz diverser vorangegangener Releases auf anderen Labels leicht: „Alex Barck von Jazzanova fragte, ob ich nicht einen Remix für sein kommendes Album machen könnte. Als wir uns trafen, sind wir auf das Thema Album zu sprechen gekommen. Er meinte, ich solle einfach mal beginnen und mich nicht um Genres oder Ähnliches kümmern, sondern einfach Musik machen.“ Ein Angebot, das man nicht abschlagen kann, wenn doch der Gedanke ans Debüt längst in einem schwelt. Die Auswahl der Kollaborateure war ebenfalls eine ganz natürliche Entwicklung. Unter anderem sind Rainer Trüby, Pete Josef und Kumpel ComixXx am Start. „Ich habe mit ComixXx schon während des Studiums immer wieder Tracks und Remixe gemacht. Und Rainer habe ich immer wieder mal für ein paar Tage in Freiburg besucht. Wir haben gekocht, Wein getrunken, Tracks und Remixe gebaut, die ich dann bei mir im Studio fertig gemacht habe. Auch mit den anderen Musikern lief es so ähnlich.“

Für Marlow war die Veröffentlichung eines Albums eine Frage der Ehre und nicht der bestreitbaren Notwendigkeit im Zeitalter der Digitalisierung. „Ich komme aus einer Zeit, in der Alben eine andere Relevanz hatten als Singles oder Maxis. Auch wenn das Format durch Downloads und Onlinedienste mittlerweile nicht mehr diesen Stand hat, ist es für mich schon immer noch sehr wichtig. Ich mag die Alben nicht, die einfach nur Tracks aneinanderreihen. Für den Zuhörer würde ich mir wünschen, trotz eventueller Lieblingstracks immer mal wieder das Album mit den Übergängen und Interludes zu hören, eben so, wie ich es mir gedacht habe. Bei den ersten DJ-Feedbacks gab es z. B. Statements wie: „… I hardly ever listen full promos without skipping, but this was one of those rare occasions …“ Ein größeres Kompliment kann es für ein Debüt wohl nicht geben. Sich hier also nicht den aktuellen Gegebenheiten anzupassen, sondern sein eigenes Ding zu machen und seinen Vorstellungen von Veröffentlichung zu folgen, war goldrichtig.

Seit Mitte der 90er-Jahre als DJ dabei, hat Marlow auch die Entwicklung vom Vinyl zum MP3 miterlebt. „Oftmals finde ich die Diskussionen, die Hardcore-Vinylfetischisten führen, überholt. Den Wert des Contents am Medium zu messen, finde ich nicht gut. Nicht alles, was es auf eine Schallplatte schafft, muss ich wertschätzen. Und genauso gibt es viele Sachen, die nur digital zur Verfügung stehen, die aber eben super Tunes sind. Ist man früher mit einem Set zur Party gefahren, hatte man eben nur genau das zur Auswahl, was im Platten-Case war, die B-Seiten inbegriffen. Aber auch wenn DJs mit Traktor oder USB-Stick auflegen, muss das nicht bedeuten, dass sie eine große Vielfalt in ihren Sets beweisen.“ Da muss man bei Marlow allerdings keine Angst haben, denn die musikalische Vielseitigkeit, die sich bei seinen Produktionen zeigt, spiegelt sich natürlich auch in seinen Sets wider. „Ich lege seit der ersten Traktor-Version einen Mix auf. Oft habe ich noch eine Handvoll Platten dabei, das meiste kommt jedoch aus dem Computer. Das hat beispielsweise auch riesige Vorteile beim Mischen. Jazz, Disco, Boogie oder ähnlich Untightes kann man durchsetzen mit Loops und Effekten, so fließend in seine Sets einbauen und genauso lange und soft mixen wie die House-Tracks.“ Im Studio läuft es dann gar nicht groß anders, frei nach dem Motto: Die Mischung aus digital und analog macht’s. „Man muss sein Equipment kennen und damit umgehen können. Und vor allem muss man hören können. Ein langweiliger Track, uninspiriert über die old-school Highend-Konsole gemischt, bleibt langweilig und uninspiriert. Ich habe an den Stellen, an denen ich es für wichtig halte, speziellere Outboard-Geräte wie z. B. einen sehr guten EQ im Masterweg, aber auch Geräte mit einem gewissen Eigenleben, bei denen es genau darum geht, einen speziellen Sound zu erreichen, den genau dieses Gerät macht. Ich arbeite auf der Mixing-Ebene auch sehr viel mit Plugins. Bei den Synthesizern geht es mir jedoch nicht nur um den Sound. Natürlich klingt ein Moog immer noch wie ein Moog.“

Während es viele alte Kollegen, wie ComixXx, längst nach Berlin verschlagen hat, ist Marlow seiner Wahlheimat Weimar nach dem Studium treu geblieben. Einen Grund, von dort wegzuziehen, gab es für ihn bislang nicht. „Natürlich ist es schon etwas anderes, in Berlin zu sein, aber am Ende lebt man auch dort in seinem Kiez und versucht, sich ein soziales Umfeld zu gestalten – mit dem großen Nachteil, dass vieles stressiger, teurer und anstrengender ist als hier. Ich bewege mich immer noch sehr viel im Uni-Kontext, habe Kontakt zu Architekten, Mediengestaltern, Grafikdesignern und Fotografen. Für das Album z. B. habe ich drei Videos in Arbeit. Alle drei wären ohne Weimar nicht möglich gewesen.“ Und so startet Marlow eben von hier aus weiter durch. „Ich bin gerade mit einer neuen Agentur in Kontakt und wir wollen für den Herbst und Winter eine Tour zum Album zusammenstellen. Vor einer Weile habe ich in Weimar ein Live-Konzept ausprobiert, bei dem ich meine Songs mit verschiedenen Musikern auf die Bühne gebracht habe. Das wäre eine weitere Option. Leider ist es hierbei nicht möglich, die Gesangsparts einzubinden, da alle Sänger nicht in Deutschland sind. Ohne großes Budget ist so was leider nicht drin.“

Aus dem FAZEmag 054
Text: Nicole Ankelmann / www.marlow.de