Massenmusik5

Marc DePulse – aus dem Leben eines DJs: Massenmusik

Es ist das große Los für kreative Menschen, wenn die Inspiration mal wieder so richtig aus einem heraussprudelt. Man möchte sich am liebsten wochenlang im Studio einschließen. Das sind zumeist Zeiten, in denen man Beziehungen und Freundschaften aufs Spiel setzt und Mutti schon zynisch fragt, ob sie ihren Sohnemann jetzt nur noch zu Weihnachten sieht. Der Prozessor schwitzt dank der 24/7-Auslastung, der Stromanbieter reibt sich freudig die Hände, während man die zweite Maus innerhalb eines Monats kaputt geklickt hat. Doch selbst wenn dich dein Umfeld auf deine unverkennbare Kellerbräune anspricht, weißt du: Meine Sonne strahlt von innen.

Ein Kilo Kaffeebohnen und 17 Augenringe später ist es soweit. Die zwei Tests im Club haben bestätigt, was längst klar war: Der neue Sommerhit ist fertig! Ein Label ist schnell gefunden. Die Tage bis zum Release zählt man ungeduldig rückwärts. Die DJ-Kollegen überschlagen sich indes mit Lobeshymnen und dann kommt er, der große Release-Tag. Doch womit keiner gerechnet hat: Wenige Tage später ist die Nummer nahezu gänzlich verschwunden. Kein Hahn kräht mehr nach dir und in der Timeline der wichtigen Kanäle findet man sich im Handumdrehen auf Seite 162 wieder. Overload deluxe, denn in der gleichen Zeit haben noch Hundert andere Produzenten den gleichen potentiellen Welthit gemacht wie du.

Es ist ein wenig wie beim Einkaufen. Gab es damals im Tante-Emma-Laden von jedem Artikel nur eine Sorte, erschlägt uns heute das Überangebot und keiner hat wirklich Lust, sich durch die Masse zu wühlen. Das Überangebot macht satt, bevor man überhaupt Hunger bekommt. Veröffentlichungen werden dadurch immer beliebiger und austauschbarer, egal wie gut sie letztlich auch sein mögen. Oja, ich erwische mich selber dabei, von gewissen Künstlern mehrere Tracks auf der Festplatte zu haben, ohne mich wirklich an ihre Namen zu erinnern.

Der geneigte Hörer gibt dir mitunter in einem Bruchteil von Sekunden die Chance, seine Gunst zu erobern. Musste man damals noch die Wohnung verlassen, um im Plattenladen zu stöbern, reicht heute das Tinder-Prinzip auf der heimischen Couch: wisch weg, was dir nicht gefällt. Und schwupp, ein müdes Augenzwinkern später wurde über dein monatelanges Schweißtreiben gerichtet. Schneller Klicksport statt investigativer Recherche. Der Tiefgang fehlt, man nimmt sich kaum noch Zeit für Story, Struktur oder Herz einer Platte, denn im Hinterkopf weiß man als DJ genau: Noch ca. 500 andere Tracks wollen bis zum Abend angehört werden.

Hat man damals eine eigene Top-10-Platzierung wochenlang gefeiert, kribbelt der Schampus heute nur noch kurz im Bauchnabel. Neue Musik ist schneller weg, als sie kam. Wer mal länger als vier Wochen in den Charts bleibt, darf ein Kreuz in den Kalender machen. Viele Labels tun ihr übriges dazu. Kaum ist die eine Release draußen, stehen schon die nächsten beiden im Vorverkauf. Immer schön rausballern. Was soll man auch tun, wenn man von den 100 Demos am Tag am Liebsten mindestens drei signen möchte? Nur am Ende des Monats wissen viele schon gar nicht mehr, wessen Release man vor zwei Wochen eigentlich noch gefeiert hat. Bittere Realität für den Produzenten, der so viel Herzblut reingesteckt hat und so wenig Früchte erntet.

Viele DJs haben aufgehört, Promos zu hören und ich kann das sehr gut verstehen. Wir sind müde und verwöhnt vom Massen-Output. Irgendwann vertraut man dem Stamm an Künstlern und Labels, auf deren Qualität man sich jahrelang verlassen konnte. Das versperrt zwar den Blick nach links und rechts, aber so lässt es sich wenigstens mal durchatmen.

Keiner erfindet mit elektronischer Musik das Rad neu. Es ist die Schnittmenge aus frischen Ideen, einzigartigen Sounds und einem unverbrauchten Beat, die eine erfolgreiche Nummer ausmachen. Aber selbst das muss erst einmal seinen Weg zu den großen Fischen finden, damit es später auch die kleinen feiern. Wenn dich kein Vitamin B auf den Thron schubst, brauchst du zumindest einen langen Atem. Und viel Glück.

 

 

Und hier gibt es noch mehr von Marc DePulse:
„Ehrlich gesagt …“
Die Evolution eines Teilzeit-Ravers
Trendfarbe Schwarz – die Styleakrobaten der Neuzeit
Tabuthema Depressionen

Shitstorm in 3 … 2 … 1

Eine Hand bucht die andere
 

Die Knöpfchendrücker vom Dienst
No Photo Policy: Erziehungsmaßnahme oder Mitläuferpolitik?

„Hey man, hast du mal ´ne Promo für mich?“

Die Erwartungshaltung an einen DJ
Ein Resümee aus vier Jahren Selbstständigkeit

Wie ihr den perfekten Track produziert
Die Baukasten-DJane startet durch

Ballermann und Ballermoni – Warm-up will gelernt sein
Müsli statt Döner
48 Stunden in Georgien: zwischen Party und Putsch
Der DJ als Entertainer
 
Most wanted: Booker

Easy Travelling? Das Reisen ist des DJs Frust
Stimmungsbericht aus dem „Kriegsgebiet“
Stimmungskiller für einen DJ
Hey, DJ! Mach doch mal lauter!!!
Das Publikum aus DJ-Sicht

www.marc-depulse.com 
Grafik: www.facebook.com/ZOVVstoff