Für Matthias Tanzmann scheint 2016 ein Jahr zu sein, in dem er sich den fast untergegangenen Ideen verschreibt. Während Anfang des Jahres nach knapp zehnjähriger Pause das musikalische Projekt Tanzmann & Stefanik aus der Versenkung gehoben wurde, kommt nun acht Jahre nach seinem Debütalbum sein zweiter Longplayer „Momentum“ auf den Markt. Das mit zehn Tracks bestückte Release erscheint auf seinem eigenen Imprint Moon Harbour, welches er zusammen mit André Quaas – einem Teil der ehemaligen Distillery-Crew, in der Tanzmann in den Neunzigern als Resident unterwegs war –, gegründet hat. Über 100 EPs, Alben und Compilations brachten sie so seit 2000 in den weltweiten Musikmarkt. Tanzmanns eigenes Album „Momentum“ besinnt sich teilweise auf seine musikalischen Anfänge und verkörpert den klassischen Deep House der späten Neunziger, der seinen Stil maßgeblich geprägt und entscheidend zu seinem Erfolg beigetragen hat. Seine Sets, in denen er exotischen Groove mit subtilen Melodien mischt, sind heute weltweit gefragt und so ist es kein Wunder, dass er auch als Resident der bekannten „Circo Loco“-Reihe auf Ibiza agiert. Es scheint, als wäre das für ihn noch nicht genug in diesem Jahr. Dass sein Album nun vor der Veröffentlichung steht, hält ihn nicht davon ab, sich gleich in das nächste Abenteuer zu stürzen: Gemeinsam mit den Kollegen Davide Squillace und Martin Buttrich sitzt er im Studio in Barcelona, um am Projekt Better Lost Than Stupid zu arbeiten. Für uns fand er glücklicherweise Zeit, um anlässlich seines Albums Rede und Antwort zu stehen. Ein Gespräch über längst vergangene Zeiten, verpasste Kindheitsträume und die Rolle, die diese heute doch noch spielen.

Matthias, ein neues Album war ja schon länger in der Planung. Wenn ich es richtig verfolgt habe, hast du bereits 2013 in einem Interview davon gesprochen. Jetzt hat es doch länger gedauert. Was war der Grund für die Verzögerung?

Ich glaube, da habe ich eher nur darüber nachgedacht, aber es ist wirklich schon eine Zeit her. Zum einen kamen einfach viel zu viele andere Sachen immer dazwischen. Ich habe viel aufgelegt, war viel auf Tour oder hatte andere Studioprojekte im Kopf. Zum anderen hatte ich nie das Gefühl, dass der richtige Zeitpunkt für ein Album gekommen wäre, sodass ich andere Sachen stehen und liegen gelassen hätte. Das hat sich aber über die Jahre bis jetzt zum letzten Winter so entwickelt, dass ich gesagt habe: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt.

Wie entwickelt sich denn bei dir das Gefühl bis hin zu „jetzt ist der richtige Zeitpunkt“?

Na ja, die EPs und Remixe, die ich in den letzten Jahren herausgebracht habe, waren eher so clubbige Tracks. Zwischendurch sind bei mir immer Ideen entstanden, die eben nicht in dieses Schema passten. Entweder weil sie von der Stimmung her ein bisschen fließender waren oder für mein Verständnis zumindest eher klassische Alben-Themen abdeckten. Diese haben sich über die Jahre angesammelt und an einem bestimmten Punkt hatte ich ganz einfach Bock drauf. Letztes Jahr hatte ich noch die Tour zum 15-jährigen Moon-Harbour-Jubiläum und nachdem die abgeschlossen war, wollte ich mich wieder auf eigene Dinge konzentrieren, auch die Kollaborationen erst mal wieder ruhen lassen und für eine längere Zeit allein im Studio verschwinden. Das habe ich dann im Frühjahr gemacht und so ist „Momentum“ entstanden.

Das heißt, alle zehn Tracks sind jetzt im Frühjahr entstanden?

Mehr oder weniger. Viele Ideen hatte ich schon früher, einige sogar vor fünf oder sechs Jahren. Da habe ich die Field Recordings in Thailand und Südamerika gemacht, aber ich habe die Tracks nie fertiggestellt – es entstanden nur die Loops. Jetzt habe ich in einer mehrwöchigen Session alles finalisiert. Quasi im Hauruckverfahren.

Schottest du dich dann wie einige andere Künstler komplett ab oder wie darf ich mir das Hauruckverfahren bei dir vorstellen?

Nein, das kann ich nicht. Ich brauche die Abwechslung. Aber ich habe versucht, andere Aktivitäten, die viel Zeit in Anspruch nehmen, von mir fernzuhalten.

Du produzierst viel, du tourst viel, aber es ist erst dein zweites Album. 2008 erschien dein erstes – das ist eine ganze Weile her. Hat sich, wenn du zurückblickst, seitdem bei dir persönlich oder in deinem Sound viel verändert?

Ich habe mich auf jeden Fall verändert, aber nicht komplett gedreht, finde ich. Ich würde es eher als Weiterentwicklung beschreiben. Da ich ja als DJ sehr aktiv bin, bin ich oft neuen Einflüssen ausgesetzt, die ich teilweise dann unbewusst aufnehme. Das neue Album ist für mein Verständnis breiter gefächert als das alte. Auch dass ich den klassischen Deep House wieder mit aufgenommen habe, ist für mich etwas Besonderes. Den habe ich ja in den späten Neunzigern sehr ausgeprägt praktiziert. Daher besinnt sich das Album auch ein wenig auf meine Anfänge. Persönlich fand ich das sehr interessant. Das ist Musik, mit der ich aufgewachsen bin und die ich nun knapp 20 Jahre später in aktuelle Produktionsmechanismen übersetze und mit neuen Einflüssen kombiniere. Das fand ich spannend und vor allem auch befreiend, weil es ein großer Spaß war, diese Musik wieder aus sich rauszuholen. Ich habe auch gar nicht daran gedacht, wie sich das im Club anhören würde. Hauptsache eine schöne Melodie, die mit einer guten Stimmung transportiert wird. Das hat mir im Vergleich zu enger gefassten bzw. funktionaleren Produktionen sehr viel mehr Freude bereitet.

Hast du bei deinen Skizzen gleich eine Ahnung, ob es eher EP oder Album wird?

Ja, schon. Die Stimmung des Tracks entsteht ja sehr früh im Produktionsprozess. Wenn beispielsweise die Chords sehr in den Mittelpunkt gerückt sind, diese dann deep oder dubbig werden und eher nicht darauf getrimmt sind, nach vorne zu peitschen oder den Track funktional zu machen – dann merke ich recht schnell, dass ich mir diese Idee für ein Album aufbewahren will.

Nach acht Jahren kommt jetzt ein neues Album und nach zehn Jahren Pause kam in diesem Jahr auch wieder eine neue EP vom Projekt Tanzmann & Stefanik. Zufall?

Wir hatten extrem Lust auf eine Wiederauflage. Daniel war ja damals sehr aktiv bei unserem Label. Nach einiger Zeit hat er einfach einen anderen Weg eingeschlagen und ist erst bei Freude Am Tanzen und danach bei Cocoon gelandet. Jeder ist da eine Weile seiner Wege gegangen. In den letzten Jahren haben wir uns öfter mal getroffen, viel Zeit miteinander verbracht und dann gesagt: „Lass uns mal wieder zusammen ins Studio gehen, es wird Zeit!“ Das haben wir gemacht, es war gut und es soll auch eine Wiederholung geben!

Kollaborationen scheinen dir ein großes Anliegen zu sein. Jetzt erwische ich dich zufällig zusammen mit Davide Squillace und Martin Buttrich im Studio, wo ihr gerade an einem neuen Album für euer Projekt Better Lost Than Stupid sitzt.

Im Studio finde ich Kollaborationen sehr erfrischend. Man bekommt immer neue Einflüsse und lernt auch ständig etwas dazu. Ob es nun neue Produktionsansätze oder technische Dinge sind, allein das andere Studioumfeld macht es schon ungemein interessant und kann sehr inspirierend sein. Dafür bin ich immer gerne zu haben, wenn ich Zeit habe.

Außerdem spielst du auch gerne b2b-Sets.

Das sind gar nicht mehr so viele. Meistens mit Davide Squillace, was sich im DC 10 entwickelt hat. Ab und zu machen wir das noch, aber nicht mehr so häufig wie noch vor fünf oder sechs Jahren. Wir wollen das auch nicht zu sehr mit dem „Better Lost Than Stupid“-Projekt verwässern, denn da spielen wir dann zu dritt. Das ist ja eine sehr ähnliche personelle Besetzung. Grundsätzlich ist b2b aber etwas sehr Interessantes. Da ich sehr viele Gigs spiele, komme ich dadurch auch ein bisschen aus der Gefahr heraus, das Ganze zu sehr zur Routine werden zu lassen. Bei einem b2b-Set musst du dich immer auf deinen Mitstreiter einstellen. Das macht es sehr erfrischend.

Am Anfang deiner DJ-Karriere warst du einer der Residents vom Leipziger Club Distillery. Erinnerst du dich noch, wie es dazu kam?

Oha, ich glaube, das war 1996. Ein Jahr zuvor habe ich mit einem Freund auf der Gartenparty von einem der ehemaligen Distillery-Mitbetreiber aufgelegt. Darüber und über ein Demo-Tape sind wir dann ganz klassisch dazu gekommen, auch im Club aufzulegen. Und dann hatte ich vor mittlerweile genau 20 Jahren mein Debüt in der Distillery. Was für ein Zufall (lacht).

Vermisst du die Zeiten?

Was heißt vermissen, ich habe sie auf jeden Fall in guter Erinnerung. Aber ich bin kein Verfechter der Einstellung „früher war alles besser“. Es war alles anders, wir waren jünger und schon ganz allein deswegen war früher vieles besser. Aber vermissen ist nicht das richtige Wort, denke ich.

Du bist durch und durch Leipziger. Du bist dort geboren, aufgewachsen und lebst auch heute noch dort.

Das stimmt. Zwar war ich fünf Jahre in Weimar wegen meines Studiums, aber die Basis ist immer noch Leipzig. Das erschwert das Reisen ein bisschen, muss ich zugeben, aber grundsätzlich fühle ich mich da sehr wohl.

Hattest du also auch nie das Bedürfnis, wegzuziehen?

Ich habe nie ernsthaft darüber nachgedacht. Ich meine, Berlin ist nur ca. eine Stunde entfernt, daher war das z. B. schon mal gar nicht reizvoll. Barcelona oder Amsterdam wären zwar ganz schöne Städte, aber da ich sowieso die ganze Zeit unterwegs bin, ist meine Heimat ein toller Ort, um mich zu erden und zur Ruhe zu kommen.

Als Kind wolltest du gerne Architekt werden – ein Traum, den du dann doch nicht aktiv verfolgt hast.

Das war in der Tat mein Kindheitstraum und nach wie vor ist das ein Thema, das mir gefällt. Ich habe ja an der Weimarer Bauhaus Universität studiert, aber leider nicht Architektur, sondern Mediengestaltung. Damals war das die einzige Universität, die eine Fakultät für Medien hatte. Ich weiß nicht, wieso, aber es kam einfach nicht dazu, dass ich Architektur studiert habe. Trotzdem ist das ein Thema, das ich immer noch sehr interessant finde.

Wenn du durch die Welt tourst, siehst du ja auch vieles, was diesbezüglich interessant ist.

Das stimmt! Architektur und Kunst liegen auch sehr nah beieinander. Ich schaue mir sehr gerne Ausstellungen an und für schöne Gebäude bin ich sehr zu begeistern. In den Städten, die ich bereise, besuche ich auch gerne die Museen. Die Gursky-Ausstellung in Düsseldorf habe ich mir kürzlich angeschaut oder auch die Tate Gallery in London. Das Guggenheim in Bilbao nehme ich eigentlich jedes Mal mit, wenn ich dort auflege. Ich versuche, das – soweit es geht – in meine Tour mit einzubauen. Es ist ein sehr, sehr angenehmer Nebeneffekt meiner Reisen und ich schätze es sehr, dass ich so tolle Orte besuchen kann.

Das heißt, wenn du deinen Tourplan siehst, recherchierst du erst mal, in welcher Stadt es interessante Ausstellungen gibt?

Mitunter ja, tatsächlich. Natürlich kann sich meine Tour nicht nach den kulturellen Veranstaltungen der Städte richten, aber wenn es sich ergibt und etwas Interessantes in der jeweiligen Stadt geboten ist, dann mache ich das und gehe auch hin.

Letztendlich ist aber nicht die Architektur, sondern die elektronische Musik dein Beruf geworden. Wann war für dich der Moment, als du die Musik tatsächlich als Beruf angesehen hast?

Ich habe ja schon als Schüler mit dem Auflegen angefangen. Meine ersten Gigs hatte ich, als ich mit dem Abitur fertig war und mit dem Zivildienst begonnen habe. Und dann bin ich nach Weimar gegangen und habe neben dem Studium immer wieder aufgelegt. Bereits da hatte das Geld gereicht, um meine monatlichen Ausgaben als Student zu decken. Daher gab es für mich auch nie einen Punkt, an dem ich mich entscheiden musste, das fortzuführen oder nicht. Ich bin in das DJ-Dasein quasi hineingewachsen.

Wie sah denn dein Studio aus, in dem du an deinen ersten Produktionen gearbeitet hast?

Das war in meinem WG-Zimmer und eher schlecht als recht. Ein wirkliches Budget hatte ich ja nicht, das Geld vom Auflegen musste meinen Kühlschrank füllen. Ich hatte mir ein kleines Mischpult und den günstigsten Sampler von AKAI angeschafft, dazu dann ein oder zwei kleine Synthesizer und das musste damals reichen. Über die Jahre habe ich mir dann immer mal wieder ein Gerät gegönnt, bis es dann ein halbwegs akzeptables Homestudio war.

Und wie sieht dein „akzeptables Homestudio“ heute aus?

Es ist gar nicht so umfangreich, aber durchaus hochwertig bestückt. Ich habe ein paar nette kleine Teile wie ein Studer-Mischpult, das aus der Fernseh- und Radioübertragungstechnik der Achtziger stammt. Hinzu kommen ein gutes Outboard, einige Synthesizer und Drum-Machine-Klassiker. Ein riesiges Tonstudio habe ich mir aber nicht aufgebaut. Das liegt auch daran, dass ich zu wenig Zeit dort verbringe. Es steht allerdings gerade auf meiner Agenda, es auszubauen. Gerade auch weil ich hier bei Martin Buttrich im Studio sitze und verdammt Lust bekomme, mein Equipment ein wenig aufzustocken.

Aus dem FAZEmag 056/10.2016
Text: Janosch Gebauer
Foto: Kerstin Flake
www.moonharbour.com • www.matthiastanzmann.com