Der Düsseldorfer Medienhafen, eine Hotel-Lobby: Hier treffen wir uns mit dem Produzenten und DJ Maxim Schunk. Soweit nichts Ungewöhnliches bei Interviews mit Musikern, sind sie meist unterwegs und in einer fremden Stadt, ihre temporäre Herberge ist dann der praktischste Treffpunkt. Doch für den Rheinländer ist unser Treffen ein Heimspiel. Warum also nicht sein Lieblingscafé oder -Restaurant? „Ich mag die Stimmung in Hotels“, schmunzelt er. Stöbert man in Maxims Instagram-Account, dem über 270.000 Menschen folgen, wird ziemlich schnell klar: Der Rheinländer fühlt sich in Hotels wie zu Hause, ist gerne viel unterwegs. Malta, Gozo, Paris, Tel Aviv, Rio de Janeiro, Strände, Cocktails, Meer und Pools. „Ja, Reisen ist meine Leidenschaft. Ich habe bei weitem noch nicht genug gesehen und noch viele Ziele vor Augen.“

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Und das nicht nur privat und nicht nur geographisch. Denn nach der Trennung von Studiopartner Marcel Müller und der Auflösung der gemeinsamen Projekte DeepHouseBrothers und Jaxx beschritt der 29-jährige Produzent und DJ vor einem Jahr musikalisch Solopfade. Direkt mit dem ersten Release „My Name“ im Februar eroberte er die Spotify-Charts und erreichte über zwei Millionen Streams. „Der Track geht immer noch steil“, freut sich der Lockenkopf, der mit der Produktion den bekannten Popsongs „Say My Name“ von Destinys Child neu interpretierte und dafür mit Raven & Kreyn sowie für die Vocals mit Singer-Songwriter BISHØP kollaborierte.

„Als wir eine Millionen Klicks erreicht hatten, wurde uns klar, dass das Ding geiler geworden ist als gedacht.“ Schon das Original war ein Hit und so war die Wahl des Songs „Say My Name“ von Beyoncés ehemaliger Girl-Band nicht nur eine clevere, sondern auch schicksalhaft glückliche Wahl. „Direkt eine Woche nach Veröffentlichung kam das erste internationale Feedback von anderen Künstlern, das war schon der Hammer.“ Doch aufs Glück verlassen mag sich der ehrgeizige Produzent nicht. Kurze Zeit später legte er fleißig nach und veröffentlichte „Light Up“ auf Embassy One, dem Imprint, auf dem auch schon Robyn, Tube & Berger und Monolink veröffentlicht haben. Support kam von keinen Geringeren als den EDM-Schwergewichten Avicii, Don Diablo, Tiësto und Fedde Le Grand, die Maxims Tracks in ihre Sets aufnahmen. „Auch von der breiten Öffentlichkeit kam insgesamt durchweg positives Feedback. Nörgler gibt es immer, allen wird man es nie recht machen können“, sinniert Maxim mit Blick auf die teilweise harsche Kommentarkultur im Internet. „Man darf sich davon nicht beeindrucken lassen. Ich selbst bin zufrieden – und von Avicii Support zu bekommen, war sowieso das Allergrößte. Leider kam es vor seinem Tod nicht mehr zum geplanten Treffen.“ Die Nachricht erreichte Maxim in Berlin bei einem Essen mit Freunden und hallte nach, stimmte ihn nachdenklich. „Die Musikbranche ist tough, man braucht einen Ausgleich und darf sich selbst nicht unter Druck setzen oder lassen. Ich arbeite konzentriert, mache mich aber nicht verrückt.“

Seine Gelassenheit und der Spaß an seiner Arbeit scheinen ihm neue Energie zu geben, ihn zu befeuern. So folgte nun vor Kurzem ein weiteres Release: Maxims neuer Track „Give It All“ ist am 2. November erschienen und „bringt jetzt nochmals den Sommer zurück.“ Passenderweise wurde das Video dazu in Rio de Janeiro gedreht – „da war ich leider nicht dabei“ bedauert Maxim bei unserem Gespräch noch. Doch Maxim wäre nicht Maxim, wenn er dies nicht schnellstmöglich nachgeholt hätte: Kurz nach unserem Interview fliegt er an die Copacabana, um in der brasilianischen Küstenmetropole Videos für zwei neue Produktionen zu drehen, die im nächsten Jahr rauskommen werden. Eine Kollaboration und ein Soloprojekt, beide jeweils Mischungen unterschiedlicher Musikrichtungen. „Mehr darf ich nicht verraten, außer dass ich in beiden Videos mitspiele“, zwinkert er.

Maxims Entdeckerdrang beschränkt sich nicht nur auf fremde Länder und Kulturen, auch stilistisch hat er Lust zu experimentieren und hält EDM-Kritikern selbstbewusst entgegen: „Meiner Meinung nach sind diverse vielschichtige Ansätze das, was EDM ausmacht. Jede Art von Musik ist wandelbar und geht mit der Zeit ­– aktuell sind beispielsweise vor allem Vocals gefragt. Ich persönlich finde, dass diese melodischeren und Songwriter-basierten Ansätze einem Track mehr Tiefe und Emotion verleihen können. Ich selbst bin neugierig und gespannt, wie sich die Szene weiterentwickelt.“

Mit Vocals und Lebensfreude gespickt ist auch der neue Track „Give It All“, aber wie Maxim verrät, ist er vorerst auch der letzte seiner Art in seinem Repertoire. „,Give It All’ war jetzt das letzte poppige Mainstream-Stück, das ich herausgebracht habe. So erklärt sich der Titel, ich gebe in diesem Style nochmals alles“, erzählt Maxim und lässt sich ein wenig in die Karten schauen: „Denn ab jetzt kommen hauptsächlich EDM-Tracks, mit noch mehr Power als sowieso schon, mit maximaler Power. Ich arbeite momentan an einer größeren EP, vielleicht auch an einem Album. Es sind Features mit mehreren internationalen Acts aus Deutschland, Brasilien, Portugal und Jamaika geplant. Aus Jamaika sind zwei Mädels dabei, mit denen ich eine Mischung aus Dancehall und EDM produziere. Das wird richtig geil.“ Die Vorfreude steht ihm ins Gesicht geschrieben. „Ich bin gerade sehr zufrieden, wie es läuft“, sagt der Rheinländer und ergänzt, mit Elan und Ehrgeiz im Blick: „Fürs Erste.“

Maxim hat noch einiges vor, dabei sind ihm sein Fleiß und seine Erfahrung sicher gute Begleiter. Denn auch wenn man erst einmal bei dem Namen ein Fragezeichen im Gesicht hat, Maxim Schunk ist längst kein unerfahrenes Greenhorn mehr. Seit seinem 14. Lebensjahr produziert er Musik – davon zahlreiche Lizenzmusik-Tracks für Funk und Fernsehen für Universal Music Publishing. Als DeepHouseBrothers releaste Maxim zusammen mit seinem Studiopartner Marcel Müller, den er über Instagram kennengelernt hatte, einige Jahre lang erfolgreich Deep- und Electro-House. Im Dezember 2015 beispielsweise veröffentlichte das Duo unter dem Namen Jaxx den Song „Twerk“, der unter den MTV-Top-10-Video-Charts landete. Die folgende EP „XuXu“ erreichte die iTunesBestseller-Charts. Mit dem Song „Shine“ feat. MIC Deal erzielte das Duo Anfang März 2016 in den ViralenSpotify-Charts Platz 47. „Es lief gut, aber irgendwann passte es musikalisch nicht mehr“, erinnert sich Maxim. „Menschlich, persönlich ist alles cool, aber professionell reichte es einfach nicht für die Zukunft. Wir hatten andere Vorstellungen, wo es hingehen soll.“

Und wo es für ihn hingehen soll, davon hat er genaue Vorstellungen: „Irgendwann einmal auf eine Bühne des Tomorrowland Festivals“, grinst er. „Und auf jeden Fall in verschiedene musikalische Gefilde. Mein jetziger Sound ist auch das Ergebnis meiner Neugierde für neue Styles.“ Im Studio bedeutet das für den gebürtigen Ratinger, der seit seinem sechsten Lebensjahr Klavier spielt: „Wenn ich stundenlang einem neuen Sound feile oder einen bereits vorhandenen Sound modifiziere, hat das etwas spielerisch Technisches und zugleich eine beruhigende Wirkung auf mich. Auch wenn ich immer hochkonzentriert und fokussiert im Studio bin, ist ein Tag mit mir dort immer anders: Meistens arbeite ich mit meinem Team an neuen Projekten. Und dann vergesse ich dabei alles um mich herum.“
Was aber immer gleich ist: „Ich spiele leidenschaftlich gerne Klavier und bin darüber hinaus ein großer Fan von Ritualen. Deshalb startet jede Studiosession mit mir am Klavier.“ Produziert wird trotz seiner Leidenschaft fürs Klavier hauptsächlich komplett digital.

Bei allem Herzblut für die Musik braucht auch Maxim Entspannung abseits von selbst geschaffenen oder gespielten Beats, Bässen oder Oktaven. „Am allerbesten kann ich ehrlich gesagt entspannen, wenn ich zu Hause bin. Ich kreiere gerne meinen eigenen ,Happy Place’ – ich höre Musik oder schaue eine Dokumentation, trinke dabei gemütlich einen Kaffee und genieße die Ruhe. Das brauche ich einfach, um nach einem hektischen Tag herunterzukommen.“ So sehr Maxim auf den ersten Blick ein Lebemann zu sein scheint –auf Fotos gerne mit Zigarre, schickem Anzug und Schampus inszeniert – so überraschend bodenständig und allürenfrei entpuppt er sich im Laufe des Gesprächs. „Freunde und Familie sind für mich besonders wichtig, um abzuschalten und zu entspannen.“ Seine zwei Kinder spielen dabei auch eine wichtige Rolle, dann ist Maxim einfach mal „ein Löwe und meine Tochter das Löwenbaby, sagt sie.“ Nicht zu vergessen sei auch „die traute Zweisamkeit einer Partnerschaft. Da kann ich mich fallen lassen, alles um mich herum vergessen und vollends zur Ruhe kommen.“ Doch momentan – und das dürfte vielleicht die Ladies interessieren – ist das Theorie. Von der Mutter seiner Kinder ist er getrennt. „Das Leben spielt manchmal anders. Ich dachte, mit 30 wäre ich verheiratet“, sagt er. Ein paar Monate hat er noch Zeit, wenn Anfang Mai nächsten Jahres das Vorzeichen wechselt. Bei seinem Glück und seinem Tempo kann man nichts ausschließen. Und wenn nicht, Maxim nimmt’s maximal gelassen, wie alles andere auch.

 

Aus dem FAZEmag 081/11.2018
Text: Stella Ludwig
Foto: Julian Erksmeyer – www.erksmeyer.de
www.maximschunk.com

 

 

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