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Die 400000-Einwohner-Stadt Sibiu in Rumänien liegt zwischen Feldern, Wäldern und Gebirgsketten und macht nicht den Eindruck, als sei sie eine Metropole der Clubmusik. Umso bemerkenswerter, dass wir uns dort mit einem der produktivsten und innovativsten Akteure im Dance-Business zu einem ausführlichen Gespräch treffen: Mihai Popoviciu, der seinen Output auf so hochkarätige Imprints wie Poker Flat, Bedrock, Diynamic, Highgrade, Dessous oder DJ Hells International Gigolo Records streut, redet mit uns über Heimat, Inspiration und seine Attitüde im Studio.

Ich treffe auf einen entspannten Mihai, was jedoch kein Wunder ist, denn seine Homebase Sibiu ist gut gewählt. Dort, wo er aufgewachsen ist, genießt er – wenn sein Tourplan es zulässt – die Nähe zu seiner Familie und seinem Freundeskreis. Diese Erdung merkt man ihm vom ersten Augenblick an. Sein Zuhause bildet aber nicht nur einen starken Kontrast zu seinem Leben als DJ, auch sein musikalisches Schaffen ist von diesem besonderen Ort geprägt. Sein zweites Album „Home“ erschien letztes Jahr auf Bondage Music und zaubert dem Artist immer noch ein Lächeln ins Gesicht: „Die Idee für das Album entstand schon früh nach meinem Debüt-Projekt ,The Unexpected Truth’. Doch als ich nach einer Produktionsphase die Tracks selektierte, die mir sehr gut gefielen, fehlte mir zunächst ein roter Faden. Schließlich wurde mir klar, dass ich in dieser Zeit niemals ,on the road’ produziert hatte, wie bei vielen anderen Artists üblich, sondern dass alle Tracks in meinem Homestudio in Sibiu entstanden sind. Somit stand der Titel fest.“ Fest stand außerdem, dass es ein Clubmusik-Album werden sollte. „Ein Album sollte immer einen Einblick in die Persönlichkeit des Musikers geben. Viele DJs, die stets Techno auflegen, wollen sich angeblich künstlerisch entwickeln und produzieren dann reine Ambient-Alben. Doch ich wollte immer, dass Leute eine gute Zeit haben und meine Musik sie zum Tanzen bringt. Somit war etwas anderes als ein Clubmusik-Album keine Option.“ Das Remix-Album folgte ein Jahr später, die Remixer sind ausschließlich gute Freunde, deren Style Mihai seit Jahren feiert: Steve Bug, Sasha Dive und Kevin Yost.

Wer schon einmal in Mihais Studio war, konnte dort sofort seine Herangehensweise an die Musik erkennen: Statt analogem Output-Gear und raren Synthesizern findet man einen PC, ein MIDI-Keyboard sowie gute Monitorboxen. Das wichtigste Tool beim Produzieren sind die eigenen Ohren – und der persönliche Geschmack wirkt sich deutlich stärker auf Tracks aus als irgendwelche Tools, die in der Szene angesagt sind. Zwar hat es etwas gedauert, bis Mihai seinen perfekten Workflow im Studio gefunden hat, doch dafür sticht sein persönlicher Stil umso stärker in seinen Releases heraus. „Eines der wichtigsten Dinge, die ich in all den Jahren als Produzent gelernt habe, ist, zu wissen, wann ein Track fertig ist. Manchmal tendieren Musiker dazu, ihre genialen musikalischen Ideen überzuproduzieren und immer noch mehr Elemente zu ergänzen. Ich versuche stattdessen, meine Sessions eher auszudünnen und zu subtrahieren, was dem Track sehr zugutekommt.“

Wer Mihai heute bei einem seiner Sets in den Top-Clubs dieser Welt wie der Fabric oder dem DC-10 antrifft, wo er crispe, energiegeladene Grooves auf seine Crowd loslässt und sie mit seinem hypnotischen Stil zur Ekstase bringt, kann sich jedoch kaum vorstellen, wie sein Werdegang begann. Fernab von jeglicher Szene oder auch nur einem Club wurde der junge Mihai über Radiosender auf Techno aufmerksam. Doch für ihn stand nie die Wahl an, entweder DJ oder Produzent zu werden, da niemand in seiner Umgebung da war, vor dem er hätte auflegen können. Somit führte eines zum anderen und über einen engen Freund besorgte sich Mihai seine erste Musikproduktionssoftware. Während Mihai studierte, richtete er seine gesamte Aufmerksamkeit auf seine Studio-Skills, die sich stetig weiterentwickelten. Zunächst verließen die Tracks den Raum seines Homestudios nicht, bis 2005 etwas passierte, was sein gesamtes Leben veränderte: Seine Debüt-EP „Tales From The Moon“ gefiel Wizard DJ Hell so gut, dass er sie prompt veröffentlichte – und der Sound ging durch die Decke. Es folgten Time Has Changed Records, Highgrade, Toolroom, Dessous Recordings. Auf geliehenen CDJs wurden die ersten Sets in Rumänien gespielt und es dauerte nicht lange, bis Mihai die Clubs und Festivals in Europa eroberte.

Schnell erkannten Raver in Deutschland, Russland oder Frankreich, wenn ein Mihai-Popoviciu-Track sie durch die Boxen beschallte, denn obwohl seine Produktionen sich nicht auf bestimmte House- oder Techno-Spielarten festlegen lassen, zieht sich durch seine gesamte Diskografie eine bestimmte Atmosphäre, ein bestimmter Groove, der sich mit Worten nur schwer beschreiben lässt. Seinen Trademark-Sound, aber auch seinen sehr hohen kreativen Output verdankt er vor allem seinen Anfangstagen, in denen er durch Spaß am Experimentieren seinen persönlichen Stil definierte.

Sieben Jahre nach dem ersten Release war dann die Zeit gekommen für sein eigenes Imprint Cyclic: „Als ich anfing, meine Demos an Labels zu schicken, deren Sound ich bewunderte, bekam ich so gut wie immer Absagen. Nicht, weil ihnen meine Tracks nicht gefielen, sondern weil mein Name nicht bekannt genug war; die Verkaufszahlen hätten also eventuell nicht stimmen können. Demnach weiß ich ganz genau, wie schwer der Einstieg in den Techno-Zirkus sein kann. Mit Cyclic wollte ich es anders machen: Jedes Demo, das mir zu 100 Prozent gefällt, wird releast, egal, ob es von einem absoluten Newcomer, von Freunden oder von alten Hasen kommt.“ Gesagt, getan: Auf Cyclic findet man nahezu unbeschriebene Blätter wie Toman, die Peaktime-Bretter produzieren, als hätten sie ihr ganzes Leben nichts anderes gemacht. Mihais Wegbegleiter Markus Homm und Jay Bliss sind ebenso vertreten. Die meisten Artists kennt der Label-Boss persönlich, sei es vom Touren oder aus seiner Heimat. Es kommt jedoch auch vor, dass ein junger Produzent, irgendwo aus Europa, seine Tracks aus seinem Homestudio an Mihai sendet. Wenn der Vibe stimmt, ist einfach alles möglich.

Aus dem FAZEmag 070/12.2017 
Text: Bastian Gies
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