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Moses hat gesprochen #010, FAZEmag 033/11.2014

Amsterdamage!

Jedes Jahr im Frühherbst setzen sich die Drogenhunde an den Flughäfen mit Direktverbindung nach Amsterdam öfter hin als Neugeborene beim Laufenlernen: Es ist Zeit des ADE – des Amsterdam Dance Event. Was im März in sonniger Runde die Bikinimädels nach Miami zieht und im Sommer die unwichtigen nach Berlin, ist das Sehen und Gesehenwerden und natürlich das Business. Eben jenes ist neben den ganzen Rahmenveranstaltungen der Hauptgrund, warum sich die Booker, Promoter, Dienstleister, DJs und das Rahmengesocks in die Flugzeuge und Bahnen setzen und die heilige Stadt des grünen Goldes ansteuern. Vierhunderttausend Menschen tummeln sich in dieser kleinen holländischen Enklave und scheinen die Einwohnerzahl temporär zu verdoppeln. Das Ticket kostet im Zweifel um die 400 Euro und bietet neben einem semicoolen RFID-Bändchen, das beim Schlafen kratzt (wenn man denn schläft), einen mit unwichtiger Lektüre in Romanformat und diversen Goodies vollgepackten Rucksack und den Zugang zu diversen Tagungslocations mit schlechtem Wi-Fi und einer unglaublichen Hitze. Die Berechtigung dieses Tickets liegt allerdings in der Tatsache, dass der Eintritt zu sämtlichen Abendveranstaltungen ebenfalls frei ist – und davon gibt es verdammt viele. Wenn der Ravers Heaven aus fünf aufeinanderfolgenden Tagen mit Awakenings Festivals besteht, ja dann dürfte Amsterdam die himmlische Stadt sein. Irgendwie ist in Amsterdam gefühlt alles etwas hübscher als in Deutschland. Im Gegensatz zu den rollenden Aschenbechern in den heimischen Gefilden fahren die hemdentragenden Taxifahrer frisch geduscht ihre schwarzen Limousinen herum und kassieren zu Recht den doppelten Preis. Ich weiß nicht, ob die Legalität von Marihuana sich positiv auf die Regierung auswirkt, aber eine ehemalige Kirche selbstlos einem Veranstalter zur Verfügung zu stellen, der daraus einen Club baut, gehört tatsächlich zu einer der grandiosesten Leistungen dieser Tage. Vielleicht ist es auch der letzte Hauch der Monarchenromantik, der die Szene dort beeinflusst. Alles scheint perfekt organisiert zu sein. Während auf einer Awakenings in einem grandiosen Gashouder die Raketen fliegen, kann man sich fix nochmal die passenden Ohrstöpsel kaufen und in seinem Schließfach bunkern. Liebes deutsches Ordnungsamt, wir sprechen hier von einem kleinen Feuerwerk und nicht von menschenverachtendem Kriegsgerät. Das Katerfrühstück ist rund um die Uhr aus einer Art Mikrowellenautomat gegen Kleingeldeinwurf zu bekommen, und von den Coffeeshops möchte ich gar nicht erst sprechen.Während ich mich an das letzte ADE nur bruchstückhaft erinnere, habe ich es dieses Mal tatsächlich etwas ruhiger angehen lassen. Raphael Dincsoy bewies mal wieder eindrucksvoll, dass zwölf Stunden Awakenings zu seinen leichtesten Übungen zählen, Simo Lorenz nannte mich einen Fucker, und seine Freundin kannte meine Kolumne bevor sie ihn kannte. Chris Liebing grinste irgendwie breiter als sonst, und überhaupt war alles nicht so wirklich spektakulär. Irgendwie vögelten dann doch alle im Kreis und leckten sich gegenseitig ihre Ärsche.

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