Moses hat gesprochen

Moses hat gesprochen #013, FAZEmag 036/02.2015

Faceboom

Erinnert ihr euch noch an die Zeiten in denen der beiläufig aufgegriffene Flyer, neben dem Filterbau oder der Ziehhilfe, noch eine andere Wertigkeit hatte? Eine gute Party, ein gutes Festival – die Qualität lies sich unter anderem über den Flyer übertragen. War er hübsch gemacht? Außergewöhnlich sogar? Mitunter gab es Flyer mit Anleitungen zum Papierflugzeugbau, kunstvolle aufklappbare Dioramen oder auch heute noch im Berghain zu findende Flyerkunst die entfaltet ein komplettes Poster eines monatlich wechselnden Künstlers beinhaltet. Noch heute findet man beizeiten diverse Sammelbörsen auf denen sich rare Exemplare aus dem alten Tresor oder Planet zu horrenden Preisen finden lassen.

Events fand man nicht nur auf Flyern, die überall, in jeder Bar und Kneipe, in jedem Club und Szenemittelpunkt zu finden waren, man fand sie auch in Szenemagazinen die in lustigen Gittereinschüben in Kneipentoiletten steckten oder in dem Klamottenladen des Vertrauens die Theke zierten. Neben News aus dem Genre, Kleidungstipps und kleinen Interviews waren diese kleinen Heftchen die Eventbibel in jeder zweiten Arschtasche.

Das dritte Standbein im Eventmarketing waren die ausgeklügelt platzierten Poster. Stromkästen? Das läuft, glaube ich, nur in Berlin. Genauso wie Straßenlaternen, Ampelmasten oder andere öffentliche Einrichtungen. Ich bin froh, dass es dort zum Stadtbild gehört, das macht die Sache doch recht urban. Im Rest des intoleranten Landes sind die Bauzäune und die Wände unter Unterführungen und Brücken der urbane Schauplatz für die Kultur der Stadt.

Das alles liegt keine fünf Jahre zurück und ist ja beileibe auch immer noch aktuell. Der Fokus jedoch hat sich verschoben. Die Flyer sind oft nur noch halbherzig und vor allen Dingen in weit geringeren Stückzahlen im Umlauf. Viele der kleinen Arschtaschenheftchen produzieren kein Print mehr oder auch nur noch in kleinen Stückzahlen und die Plakatwerbung beschränkt sich, außer natürlich in Berlin auf die provinziellen Landstraßen, außerhalb der Städte, wo einem die kommende Scheunenparty in schwarzer Schrift auf neongelbem Grund entgegenschreit.

Neue Medien haben diesen Wandel erreicht, allen voran Facebook. Statistisch gesehen hat jeder von uns durchschnittlich 130 Facebook-Freunde. Das, multipliziert mal die Maximalanzahl an 5.000 Freunden die erreicht werden können, ergibt ein zu erreichendes Publikum von 650.000 Menschen. Um die Maximalanzahl kümmerten sich in den letzten Jahren Bots die jedem der in einer bestimmten Stadt oder Umkreis lebte und ein oder mehrere bestimmte Interessen hatte, eine Freundschaftsanfrage schickte. Ein Skript machte es dann möglich all seine 5.000 Freunde zu einem vorher erstellten Event einzuladen bis Facebook dem ganzen Spuk den Riegel vorschob.

Nun ist es wie mit allen Interaktionen und Beiträgen, gesehen werden kann nur derjenige der dafür auch kräftig Geld bezahlt. Verdienen kann – statt dem Flyerversand, der Druckerei, dem Plakatkleber und den Redakteuren der kleinen Heftchen – nur noch einer: Facebook.

Die Regenwälder können aufatmen, das Haptische, das Anfassbare – es hat seine Wertigkeit verloren.
Die blaue Pest ist schließlich in jeder Hosentasche, auf jedem Rechner und in jeder Konsole fest verankert und gilt quasi als Pflicht für den sozialisierten Menschen von heute. Von dem Veranstalter ganz zu schweigen. Erfolg führt unmittelbar und zwangsweise durch die Berührung mit Facebook. Ein einfacherer Share reicht längst nicht mehr aus und großflächige Anzeigenwerbung verbunden mit unseren Datenspuren aus den Google Analytics Konten sorgen für zielgerichtete Werbung mit wenig Streuverlust. Nur die Seele bleibt dabei irgendwo auf der Strecke.

Schlussendlich ist es doch wie mit dem Vinyl und den heißgeliebten Tapes. Entziehen kann man sich der Digitalisierung nicht, doch ganz hingeben sollte man sich ihr auch nicht. Der ein oder andere Veranstalter bestellt wieder mehr der kleinen, bunten Schnipsel, die uns wieder als Papierfliegerbasis und Filter dienen dürfen. Ebenfalls wird wieder vermehrt gekleistert und unsere Städte wieder etwas bunter und ich bin froh, dass sich nicht jeder, zumindest vollständig, der Doktrin des blauen Riesen hingibt.

Der König ist tot, lang lebe der König!

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