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Moses hat gesprochen #021, FAZEmag 045/11.2015
Die Arroganz des Undergrounds …

Amsterdam ist nur ein Mal im Jahr. Oder so ähnlich. Dieses Jahr stand das Amsterdam Dance Event unter keinem guten Stern. Es war beschissen kalt und verdammt nochmal – es hat schrecklich geregnet. Auf dem Bookerstrich vor den Tagungshotels haben wir uns gefühlt wie in einer Pissrinne. Talk of the town war neben diesem unglaublich fix ausverkauftem, noch ganz jungen Festival, das ihr auch letztens auf VOX bewundern durftet, natürlich der Untergang von SFX und den damit verbundenen Leichenfledderern, die gerade aus aller Herren Länder auftauchen und sich die Hände reiben. Darüber habe ich aber im letzten Heft schon geschrieben …

Alles in allem war dieses ADE eine schöne Sache. Egal, wer hier am Start war, alle feierten gemeinsam. Ich habe mich mit einigen Bier intus sogar zu Nicky Romero gewagt und dafür Klaudia Gawlas stehen lassen (Schande über mein Haupt). Irgendwie war es überall ganz heimelig und schick, alle waren freundlich und mir wohlgesonnen, bis auf ein dynamisches Label. Ein Label, das sinnbildlich für einen großen Teil der Szene steht, die sich selbst als Under- ground betitelt. Nette Jungs, zweifelsohne, sie reden aber nur mit dir, wenn du einen Szenebezug mit einer Mindestdauer von zehn Jahren nachweisen kannst und auf der Hausliste im Berghain stehst. Ach scheiße, wie geht es mir auf den Sack: „Nein, wir arbeiten nur mit Leuten, die unsere Attitüde auch verstehen und die Szene leben!“ Don’t work with assholes, schon klar aber … wann versteht man die Szene, und wann lebt man sie?

Die Bar25 ist ein grandioses Beispiel dieser Bigotterie. Verdammt, ja, die Bar25 war DAS Symbol für Freiheit, Liebe – ja fast schon Hippietum in der modernen Welt. Stets alternativ, gegen alle Regeln und vor allen Dingen gegen den Kommerz und den Kapitalismus. Der Film zur Bar25 ging durch alle Programmkinos, wurde als DVD und Blu-ray verkauft und mit Partys begleitet. Bar25-Nächte wurden mit tausenden Menschen zelebriert, die Künstler weltweit verbucht und die MacBooks poliert. Eine riesige Geldmaschine, die ständig geölt wird.

Ist es also so verwerflich, dass große House-Labels auf EDM umsatteln, Radiosender HandsUp, Dance und EDM spielen, um mehr Hörer zu gewinnen oder auch die Industrie elektronische Musik für sich entdeckt hat? Ich möchte nicht in einer Szene leben und arbeiten, die sich intern zerpflückt und in der man sich gegenseitig vorwirft, die falsche Fanbase zu bedienen. Natürlich geht es vornehmlich um Musik, der kommerzielle Gedanke sollte eher im Hintergrund stehen. Aber selbstreflektierend sollte sich jeder bewusst sein, dass ohne diese Denkweise auch eine kulturelle Wirtschaft nicht existieren kann. Unterschiedliche Stufen des „Kommerzes“ sind tatsächlich notwendig, schließlich befruchten wir uns alle gegenseitig. Der Turnbeutelraver, der heute Tiësto und David Guetta mag, wird auch älter, reifer und findet seinen Frieden mit Acid Pau- li. Kommerzialität ist der beste Weg, um junge Menschen an eine Szene heranzuführen die sich auf der einen Seite so offen und tolerant darstellt, auf der anderen Seite so verschlossen ist.

Im Endeffekt müssen wir alle Geld verdienen. Warum also jeman- den dafür stigmatisieren?
Euer Moses

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