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Moses hat gesprochen #047, FAZEmag 05.2018
Politik in der Szene

Eigentlich wollte ich eine Kolumne über Trance-Musik schreiben, die glorreichen Neunziger erwähnen und über mittelalte Typen, die sich viel zu jung fühlen, lästern. Wie ihr wisst, passiert immer etwas, wenn man etwas Schönes plant. Genau! Die rechte Parolenpartei kommt um die Ecke und zertritt deine frisch gebaute Sandburg wie ein gehässiges kleines Kind. Die ewig Abgehängten, die mit sich selbst Unzufriedenen und ängstlichen Glatzköpfe sind ja unlängst im Mainstream angekommen und haben sich Haare wachsen lassen. Ja, sie haben sogar ihre Bomberjacken und Springerstiefel ausgezogen. Sie sind unter uns. Wie Reptiloiden. Wie Illuminati und Reichsbürger. Sie furzen ihren Unsinn in den Äther wie Regierungen Chemtrails.

Ihr neuester Streich: Sie wollen dem Berghain die gewerberechtliche Erlaubnis entziehen und allen nachfolgenden Gastronomen den Betrieb nur zwischen 22 Uhr und 6 Uhr erlauben um einen drogenfreien Besuch „unter Berücksichtigung des natürlichen Biorhythmusses“ ermöglichen. Leute, packt eure Tütchen weg, Afterhour ist vorbei. After Aua auch, denn sexuelle Handlungen sollen durch eine dementsprechende Beleuchtung verhindert werden. In den Darkrooms könnte man also neue Floors bauen. Für Nachwuchs-DJs zum Beispiel. Oder Schlagersänger. Oder beides.

Wie absurd diese Idee ist, wird recht schnell klar, wenn man sich den Wikipedia-Artikel über die Antragstellerin zu Gemüte führt. Die Ur-Kreuzbergerin Sybille Schmidt war lange Jahre u. a. Geschäftsführerin des alternativen Musikclubs Blockshock und Blockshock II in den späten Achtzigern und frühen Neunzigern. Das ist per sé jetzt nicht wild, bizarr ist jedoch das kleine, aber feine Detail, dass es sich hier um einen vornehmlich politisch links-orientierten Club gehandelt hat in dem u. a. auch die Toten Hosen und die Ärzte spielten. Lange Jahre war sie Akteurin in der linksorientierten Szene Kreuzbergs und trat schlussendlich in die SPD ein. Wie sie in das rechte Spektrum abdriften konnte, bleibt rätselhaft. Genauso rätselhaft wie dieser Antrag der doch vor Humor nur so strotzt.

Hier meine Theorie:

1. Schmidti möchte mal wieder mitmischen und braucht dringend ne Location. Da ist doch noch dieses alte Kraftwerk an der Grenze KreuzBERG/FriedrichsHAIN, da müsste man einfach nur den Betreiber rausarsen.

2. Die AfD braucht Popularität. Eine kleine Granate, zielgerichtet in eine definierte Subkultur gefeuert, und schon steht die Welt Kopf. Auch schlechte Presse ist gute Presse, oder so?

3. Es gibt keine Flüchtlinge mehr. Nachdem sich ja alle in der Türkei stapeln hat die AfD in Deutschland nur noch wenig zu hetzen. Vielleicht ist jetzt der Raver schuld, der drogensüchtige, vergewaltigende Raver, der in wilden Horden durch unsere Städte zieht.

Was haben wir gelacht, Shitty Schmidty.

Bitte behaltet immer im Hinterkopf, dass diese Partei drittstärkste Kraft in unserem Bundestag geworden ist, bevor ihr euch wieder über den amerikanischen Präsidenten oder eingeschläferte Hunde aufregt.

Grüße

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