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Moses hat gesprochen #007, FAZEmag #030/08.2014

Berlin. A lovely City.

Ich wohne seit zwei Jahren in Berlin. Und ich bin dort geboren. Die knapp 30 Jahre dazwischen interessieren euch eh nicht.

Stets war Berlin das stylische Mekka für den Technokraten von heute. Du willst Karriere machen? Geh nach Berlin! Arbeitslos sein und günstig wohnen? Geh nach Berlin! Dich in deinem Projekt verwirklichen? Geh nach Berlin. Die Stadt im Osten ist doch der heiße Scheiß dieser Tage. „Kind, du bist verrückt, du musst nach Berlin“, skandieren schlechte Facebook-Titelbilder. Hälst du was auf dich machst, du kein Selfie vor dem Brandenburger Tor, sondern wählst das architektonisch ähnliche Berghain. So bekommst du vielleicht auch von Oma dein Like.

Scheiße, nein. Berlin ist nicht der Shit. Berlin ist Fake. Und ihr alle fallt großangelegt darauf rein. Die Freiheit und die Liebe zur Musik, die Aufbruchsstimmung direkt nach der Wende – das alles ist längst vorbei. Die Loveparade, der Magnet für die Generation vor euch, sie existiert nicht mehr. Die Clubs, die Geheimtipps der „Einheimischen“, diese Magie der Stadt – sie existieren nicht mehr. Selbst die Berghain-Sonntage, die den Urberlinern vorbehalten waren, sind mittlerweile überlaufen von Touristen, die sich gegenseitig Tipps über das richtige Verhalten zum Reinkommen geben. Das Watergate, das Sysiphos, Die Wilde Renate – längst überlaufen mit Wartezeiten, Schlangen und harter Tür. Jedes Jahr ziehen immer noch Unmengen an Nachwuchskünstlern nach Berlin, weil sie sich die große Chance erhoffen. Was bleibt ist der sogenannte „Berliner Kater“ – die ersten drei Monate voller Drogen, durchgefeierter Nächte und dem totalen Kontrollverlust. Aber verdammt: Auch in Berlin muss man Miete zahlen, das Finanzamt existiert auch hier und, oh Überraschung, Lebensmittel sind hier genauso ausgepreist wie in den anderen Städten. In keiner anderen Stadt in diesem langweiligen Land musste ich mich so blank machen, als ich eine Wohnung mieten wollte. Das ist eines dieser unangenehmen Details, die sie schnell vergessen, wenn sie dir von dieser verrückten Welt zwischen Berghain und Mauerpark erzählen. Die MacBooks kosten hier dasselbe wie in Köln, und der Kaffee von Starbucks entspricht auch eben nur der internationalen Norm.

Jedes Wochenende werden Flugzeugladungen von Spaniern eingeflogen denn irgendjemand hat ihnen vom gelobten Land in Deutschlands Osten erzählt. Sie bringen die Mustaches mit und passen sich der hipsteresken Jutebeutelkultur der Landeshauptstadt an. So entstand eben genau das, was Berlin nicht sein wollte: Die Monogamie der Gleichschaltung. Hütchen, Glitzer in der Fresse, Hochwasserhose, DocMartens und die Wayfarer zum Jutebeutel waren vor Jahren noch die Rebellion gegen die Normalität. Berlin passt sich an und baut sich um. Die Berliner Clubkultur weicht der Berliner Hotelkultur. Gentrifizierung in jedem Viertel. Unaufhaltbar und unerbittlich.

Danke Berlin. Es war schön mit dir.

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