Von der Côte d’Azur stammend, trägt Nicolas Masseyeff die Sonne nicht nur größtenteils auf der Haut und im Herzen, sondern auch in seinem Sound. Bevor er jedoch als Künstler zu seinem Erfolg kam, brachte ihn die Liebe zur Musik erst mal zum eigenen Plattenladen, der sich zum beliebtesten Südfrankreichs entwickelte. 1998 begann er mit eigenen Produktionen, acht Jahre später folgten erste Veröffentlichungen, damals noch auf französischen Labels wie Zebra 3 oder auf dem brasilianischen Imprint John Henry Records von Zoo Brasil. Heute ist Masseyeff Stammkünstler auf Herzblut, wo er 2011 seinen Debüt-Langspieler „The Motherland“ hervorbrachte, Systematic, Diversions, Mobilee und vielen anderen. Nun erschien auf Sapiens, dem Label seines Landsmanns Agoria, die „Muse“-EP.

03_Credit_John C5

 

Damit reiht sich das Release, das die Katalognummer 008 trägt, nach Veröffentlichungen von Künstlern wie Oxia, Eagles & Butterflies oder zuletzt Dino Lenny in die Diskografie des recht neuen Labels. „Ich bin wirklich stolz auf diese Veröffentlichung, denn sie ist ein wenig deeper als meine anderen Releases der letzten Monate. Agoria ist ein alter Freund von mir. Anfang des Jahres war er in der Gegend und wir haben uns kurzfristig getroffen. Während wir zwei Musik-Liebhaber uns unterhielten, spielte ich ihm ein paar neue Sachen vor. Er war sofort begeistert von den beiden Stücken und wollte sie unbedingt für das Label haben. Das Label gefällt mir sehr, also habe ich sofort zugesagt und war überglücklich. Sapiens steht mit allen bisherigen Releases für qualitativ hochwertige und zeitgenössische Musik.“ Im Studio begann er bereits im Frühjahr 2017 mit der Arbeit an „Moment Of Truth“. „Dabei wollte ich eigentlich in eine andere Richtung und habe angefangen, mit dem jazzigen Beat herumzuspielen. Nach einer Zeit gefiel mir das, was ich hörte, und ich wollte den Track in diesem Akustik-Gewand belassen – jedoch kam irgendwann dann doch ein grooviger Beat hinzu. Ich bin sehr happy mit dem Ergebnis. Bei ,Muse’ habe ich eine ganze Nacht an meinem Sub 37 geschraubt; mein Kopf war recht voll zu dem Zeitpunkt. Ich liebe es, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen und einfach zu jammen, um zu relaxen, den Moment zu genießen und natürlich auch um den Kopf frei zu bekommen. Irgendwann kam mir dann die Melodie in den Sinn. Ich mochte sie so sehr, dass ich einen Loop daraus bastelte. Anschließend ging ich ins Bett. Am nächsten Tag kam der Arp hinzu, fertig war das Hauptthema. Die Herausforderung kam im Anschluss; ich wollte den Track so simpel wie möglich belassen bzw. so simpel, wie er jetzt klingt. Es brauchte einige Versionen, bis ich zufrieden war. Aber das war okay, denn ich war noch nie der Typ, der Tracks binnen eines Tages fertig macht. Bevor ich etwas als fertig bezeichne, geht das Ganze auch erst mal im Club als Testversion in den Einsatz, ehe dann wieder ein paar Justierungen folgen. Das alles kann daher schon ein paar Wochen dauern …“ In den letzten Wochen und Monaten hat er seine Arbeitsweise nur recht marginal verändert. Ein paar neue Synths – Ableton und Logic sind gesetzt. „Ich erinnere mich noch ans Ende der 90er-Jahre, als ich auf meinem ersten Sampler emu esi 4000 und dem Yamaha QY 700 Musik gemacht habe. Das war eine Zeit. Heute ist alles verhältnismäßig einfach geworden, so hat man viel mehr Möglichkeiten, Dinge zu entdecken und auszuprobieren. Mein Sound hat sich in dieser Zeit eher nicht verändert. Meine Sachen waren schon immer eklektischer Natur – ganz egal, ob Downtempo oder Techno. Was sich jedoch verändert hat: Ich befolge nicht mehr strikte Dancefloor-Regeln, ich agiere freier. Es geht einzig und allein darum, Spaß zu haben. Wenn man diesen hat, dann macht man Dinge automatisch auch gut. Diversität ist mir ebenfalls wichtig. Als ich anfing mit Musik, war ich von Soul City und von Labels wie Drop Bass Network gleichermaßen begeistert. In jedem Style gibt es gute Musik und wahrscheinlich beeinflussen und inspirieren mich alle Genres. Und ich lasse mich im Studio treiben, ganz egal, wohin es mich führt.“

Die letzten Wochen war er dabei stets guter Laune, ist das Jahr 2018 doch bislang ein gutes für ihn. „Es gibt Zeiten, da bist du äußerst uninspiriert und hast keinen Flow. Dieses Jahr bin ich bislang größtenteils davon verschont geblieben. Ich bin guter Laune. Ich bin produktiv, und das intensiv.“ Letzteres gilt auch für das Thema Gigs – noch jetzt denkt er an glorreiche Abende in Venues wie dem Complex in Belgien oder dem Warehouse in Nantes zurück. Dennoch möchte der Familienvater so viel Zeit wie möglich in den eigenen vier Wänden verbringen. „Der Kleine wächst so unfassbar schnell, dass ich mich sehr auf den Urlaub mit meiner Familie freue. Aber die Vorfreude ist ebenfalls groß, wenn ich an meine Residency für Le Bal des fous in Cannes denke. 3500 Musikbegeisterte, tagsüber an einem Sonntag – mit dem Team arbeite ich bereits seit 1996 und ich genieße jede Minute mit ihnen auf ihren Events. Und was gibt es Schöneres, als mit deinen besten Freunden zu arbeiten und auch Spaß zu haben?“ Für die kommenden Monate stehen weitere Releases auf dem Plan, so eine EP auf dem eigenen Label Diversions Music, das vor zwei Jahren zusammen mit Partner Oxia an den Start gegangen ist. „Die EP wird den Titel ,Made For V.’ tragen und wird Mitte Juli erscheinen, gleich nach Oxias Release von ,Reset To Zero’.“ Darüber hinaus arbeitet der Franzose an seinem zweiten Album, auf dem er erneut verschiedenste Styles zusammenführen wird. „Mein Debütalbum ist nun sieben Jahre her, es wird Zeit. Und ich hoffe, dass ich im Herbst damit fertig bin.“
Aus dem FAZEmag 076/06.2018
www.facebook.com/nicolasmasseyeff
Text: Triple P
Foto: John C

 

 

Noch mehr Interviews:
The Yellowheads – Maskierter Exportschlager
Giorgia Angiuli – Talent und Stil und Talent
Dominik Eulberg – 41 Kiebitze im Nebel

Benno Blome – Bereit für den Sommer
Niereich – Streben nach künstlerischer Freiheit