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Der DJ und Produzent Peter Linsberger hat schon vieles erreicht. Unter seinem Pseudonym Niereich veröffentlichte er zahlreiche Platten, darunter auch mehrere Alben. Mit Erfolg, denn seine Musik lässt ihn die ganze Welt entdecken. Wir haben mit dem sympathischen Österreicher über seine Arbeit und seine Reiseerfahrungen gesprochen.

Diesen Monat erscheint bereits deine zweite EP auf 100% Pure, dem Label des niederländischen Altmeisters 2000 and One. Wie habt ihr euch kennengelernt?

2000 and One und ich lernten uns über einen kleinen Umweg kennen. Nachdem Shinedoe mir gegenüber ihr Gefallen an meinem Album „Sequences“ geäußert hatte, schickte ich Demos an Intacto Records. Dieses Label hatte sie vor über zwölf Jahren zusammen mit 2000 and One gegründet. Nach dem Release meiner „Urban Format“-EP auf Intacto entstand dann auch der direkte Kontakt zu Dylan und er fragte mich, ob ich auch für 100% Pure Demos hätte. Unser Verhältnis ist jedoch rein beruflicher Natur.

Wäre 100% Pure vielleicht auch das passende Label für dein nächstes Album?

Wenn der Sound dazu passt, definitiv ja. Wann ich allerdings ein neues Album produziere, steht noch in den Sternen. Momentan beschäftige ich mich auch mit anderen Projekten unter diversen Pseudonymen, hantiere mit ruhigen, melodischen Klängen – das fordert mich mehr. Ich möchte mich schließlich auch musikalisch weiterentwickeln und nicht stehen bleiben oder auf Vergangenes zurückblicken. Für das Projekt Album müssen letztendlich viele Faktoren zusammenpassen und momentan ist das nicht gegeben. Aber man weiß ja nie, wann einen die Muse küsst!

Dass Musik die Welt verbindet, sieht man nun auch wieder an deiner anstehenden Australien- und Argentinien-Tour. Auf der ganzen Welt werden Techno und elektronische Musik gefeiert. Hast du mittlerweile Lieblingsorte und/oder -clubs, zu denen du immer wieder gerne zurückkommst? Was zeichnet diese Orte aus und welche Erinnerungen verbindest du mit ihnen?

Ja, ich liebe Amerikas Süden generell. Dort erlebe ich dieses gewisse Etwas. Das warme Klima, die bunten Häuser, die spanische Sprache, die interessante Kultur, das leckere Essen – einfach alles dort ist in gewisser Weise einladend. Es gibt zum Beispiel einen Aussichtspunkt in Kolumbien über Medellin, von dem aus man über die gesamte Metropole blicken kann. Ein grandioser und beeindruckender Ausblick! Die Pyramiden in Mexiko waren ebenso sehr besonders. Ich habe die ganze Zeit die mystische Kraft des Ortes gespürt. Ein sehr spezielles Gefühl. Auch nach Buenos Aires kehre ich liebend gerne zurück. Dort durfte ich bereits in drei verschiedenen Clubs spielen und es war mir jedes Mal eine Freude, denn die Stimmung war bisher immer sehr ausgelassen. Man kann dort die Freude regelrecht spüren und die Offenheit gegenüber der Musik, da macht es einem einfach doppelt so viel Spaß wie sonst! Dort gibt es keine „Schneller, lauter, härter“-Rufe nach dem ersten Track und viel weniger Daueraufnahmen mit dem Smartphone. Sie hören zu, tanzen und genießen. Diesen September spiele ich auch zum ersten Mal in Australien und ich habe mir gleich zwei Wochen Zeit genommen, um dort so viel wie möglich mitnehmen zu können. In der Regel habe ich nicht oft die Chance, die besonderen Örtlichkeiten der Länder zu besuchen, da ich mich, gerade erst angekommen, gleich schon wieder auf die Heimreise begeben muss. Daher freue ich mich umso mehr auf diesen Trip. Ich habe mir sagen lassen, dass in Australien eher ruhigerer Sound angesagt ist, und bin demnach gespannt, was mich erwarten wird.

Um die Welt reisen, Leute begeistern, Kulturen und Länder erleben – war das bereits dein Plan, als du in Österreich begonnen hast, Musik zu machen und aufzulegen?

Um ehrlich zu sein, nein! Ich hätte das nie erwartet, geschweige denn geplant. Umso erfreulicher ist es jetzt natürlich, so viel herumzukommen. Was ich durch die Musik erfahren durfte, hätte ich privat nicht machen oder erleben können. Dafür bin ich sehr dankbar.

Wie sieht es denn im eigenen Land aus? Was kannst du uns über die heimische Szene erzählen, welche Clubs und Festivals sollte man erlebt haben? 

Eine Frage, die ich öfter gestellt bekomme, aber nie zufriedenstellend beantworten kann, da meine Musik in der heimischen Szene weniger Beachtung findet.

Und trotzdem bist du deiner Heimat Österreich sehr verbunden. Wie sehr brauchst du die schöne Landschaft – oder bevorzugst du doch eher die Dunkelheit der Clubs?

Unsere idyllische Natur und die frische Luft in der schönen Steiermark weiß ich sehr zu schätzen und zu lieben – man nennt sie nicht umsonst „das grüne Herz Österreichs“. Ich gehe gerne spazieren, wandern oder joggen, wobei Letzteres viel zu sehr vernachlässigt wird. Wenn ich auflege, bevorzuge ich allerdings die Dunkelheit, auch weil ich ein introvertierter Mensch bin, was für diesen Beruf ja eher untypisch ist.

Im Sommer spielst du auch bei uns wieder auf einigen Festivals wie Nature One oder Echelon. Bist bzw. warst du selbst ein Festivaltyp? Zeltstädte, campen, raven, wenig Schlaf? Was sollte bei so einem Wochenende auf gar keinen Fall fehlen – und was sollte man eher weglassen?

Früher, als ich selbst noch Raver war, war ich auch auf vielen Festivals unterwegs. Jedoch nicht nur auf Techno-, sondern auch auf Rockfestivals und ich habe es geliebt, mit meinen Freunden schon Tage vorher das Zelt auf dem Campingplatz aufzuschlagen. Wir hatten oft mehr Spaß auf dem Campingplatz als auf dem Festivalgelände selbst. Hin und wieder waren wir auch nur zum Campen dort – ohne Festivaltickets. Zu empfehlen sind auf jeden Fall Klopapier oder Feuchttücher und zum Thema „weglassen“ fällt mir spontan eine Sache ein: Man sollte auf keinen Fall ordentlich angeheitert und mit aufgebautem Zelt auf dem Autodach über den Campingplatz fahren. So verlor ich vor über einem Jahrzehnt meinen Führerschein für vier Monate – denn die Zivilpolizei lauert natürlich an jeder Ecke. Wenn ich an meinen jugendlichen Leichtsinn zurückdenke, muss ich schon sehr schmunzeln (lacht).

Hört sich allerdings nach einem wirklich witzigen Erlebnis an! Welche Pläne und Ideen verfolgst du denn für die zweite Jahreshälfte?

Ich richte meinen Fokus auf meine gesundheitliche Fitness und auch mit meiner Familie möchte ich mehr Zeit verbringen.

 

Shortcuts: 
Letzte gekaufte Platte: Das war ein ganzes Bundle alter Techno-Classic-Vinyls über eBay. Mehr oder minder habe ich sie mir wieder zurückgekauft, nachdem ich im Jahr 2002 unüberlegt meine gesamte Plattensammlung verkauft hatte. Ich weiß, dumm von mir. Wir sprachen ja bereits über jugendlichen Leichtsinn.
Mein Club-Getränk: Gin Tonic oder Mineralwasser, nur kein Red Bull.
Mein Setup: Ableton 9, Akai Apc 40 Mk2, Apollo Twin Soundcard
Größte Inspiration: Meine Tochter
Wichtigstes Gerät im Studio: UHE Bazille Software Plugin, Roland TR-909

Aus dem FAZEmag 064/06.2017
Text: Gutkind
Foto: KDK FOTO – kdk74.de