Bereits mit 15 Jahren begann der in Hamburg geborene und noch immer dort wohnhafte Patrick Müller seine Karriere als DJ und organisierte im gleichen Alter bereits eigene Veranstaltungen. Erste Veröffentlichungen folgten 2008 und seine Diskografie listet bis dato Imprints wie liebe*detail, Moodmusic Records, Akbal Music, Soulfooled, Pets und Connaisseur Recordings. Auf letzterem erscheint nun am 26. Januar das Debütalbum des Watergate-Residents. Unter dem Titel „blinded“ manifestiert er auf elf Tracks seine Liebe zu atmosphärischer Deepness – und zur U-Bahn-Linie U3.

Patlac3_by_Marc C. Fischer5

Effektiv am Langspieler gearbeitet hat der Hanseat zwischen Februar und August 2017 – ohne jeglichen Druck und ohne tatsächliches Vorhaben. „In dieser Zeit habe ich einfach tägliche Eindrücke mit ins Studio genommen und ohne Release-Pläne in Ruhe Musik gemacht. Im Mai 2017 habe ich einige Demos, die ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht im Album-Kontext gesehen habe, Alex von Connaisseur Recordings zugeschickt. Dieser war so von den Tracks begeistert, dass er den Vorschlag machte, ein größeres Projekt daraus zu formen. Für ihn klang alles nach seiner ,Livingroom Techno’-Soundidee, welche er schon seit sieben Jahren immer im Januar in Form einer Compilation umsetzt. Nun sollte es ein Album werden, das diese Idee widerspiegelt – das erste ,Livingroom Techno’-Album auf Connaisseur sozusagen.“ Ein paar der nun auf dem Werk vertretenen Tracks seien im Laufe der Zeit noch hinzugekommen, erzählt er. „Im Nachhinein hat es mir sehr geholfen, nicht den Zeitpunkt zu planen, sondern es einfach aus einem Prozess heraus entstehen zu lassen.“ Der Titel „blinded“ spielte bei der Entstehung eine bedeutende Rolle. „Er beschreibt für mich den ruhigen Zustand, in dem ich mich oft befunden habe, während ich meine Skizzen und frischen Tracks auf dem Weg ins Studio oder nach Hause in der U3 gehört habe. Im Feierabendverkehr kann es um dich herum sehr hektisch sein, allerdings bist du in dem Moment, wenn du die Augen schließt, weil dich die Sonne oder die Stadtlichter blenden, nur für dich. Morgens erlebst du dann das Gegenteil: Ruhe um dich herum, die Sonne geht auf, das frische Gefühl, wenn die Stadt erwacht.“

Generell liebt der Hamburger seine Stadt und damit verbunden vor allem die allgegenwärtige Unaufgeregtheit. „Ich empfinde es hier als sehr entspannt und ruhig. Hamburg hat für mich nie den Anspruch vermittelt, laut und besonders sein zu wollen, obwohl es das sehr gut sein kann. Jeder macht hier einfach sein Ding, ohne immer gleich nach außen strahlen zu wollen, und trotzdem gibt es eine große Szene, die sich austauscht und gegenseitig supportet. Es entstehen immer wieder frische und spannende Sachen, allerdings auch hier ohne das Ziel, damit immer das große Aufsehen erregen zu wollen. Das gefällt mir persönlich besonders gut an Hamburg. Die U3 ist ein ziemlich großer Bestandteil meines Alltags, denn mit dieser silbern glänzenden U-Bahn fahre ich jeden Tag zum Studio. Diese bewegt sich größtenteils überirdisch und führt dich zum Beispiel am Hafen, an der Elbphilharmonie oder den grünen Vierteln nahe des Stadtparks vorbei. Für mich die schönste Linie Hamburgs. Und in ebendieser habe ich mich oft mit meinen Albumtracks durch Geschwindigkeit und Lichteindrücke ,blenden’ lassen.“ Generell ist das Thema Inspiration ein für ihn schwer zu definierendes. „Für mich war es mehr ein Gefühl, mit dem ich jeden Tag im Studio ankam oder es verlassen habe. Die Eindrücke, die mich auf dem Weg begleitet haben, spielten auch eine große Rolle. Bei ,passenger’ oder ,run’ war es dieses tägliche Durcheinander auf den Bahnhöfen, wenn die Leute zu ihren Zügen rennen oder auf ihr Handy starrend durch die Stadt fahren. Genauso vermittelt ,blinded’ für mich diese helle, frische Stimmung am Morgen. Allerdings gehört für mich auch der Prozess des Musikmachens als solcher zur Inspiration dazu. Die genaue Soundidee ist am Anfang meistens noch nicht vorhanden. Ein wichtiger Anspruch ist es immer, dass die Tracks mich lange begeistern. Eine Skizze oder einen Loop habe ich schnell erstellt, aber rufen diese das Gleiche am nächsten Tag auch noch hervor? Insgesamt kann man sagen, dass sich mein Arbeitsprozess im Laufe der Jahre verändert hat. Ich bin viel schneller darin geworden, Dinge abzuschließen, und hinterfrage nicht alles lange – Fehler und Zufälle lasse ich auch mal zu. Ich nehme mittlerweile vieles live auf und editiere es dann nur leicht. Ich versuche, weniger perfektionistisch zu sein als früher.“ Folgt man Patlac auf seinen sozialen Kanälen, stellt man recht schnell fest, dass er unter der Woche nahezu täglich im Studio sitzt. „Für mich ist es wichtig, konstant dort zu sein, Dinge auszuprobieren und herumspielen zu können. Ich genieße das sehr. Meistens bin ich gegen 9:00 Uhr morgens dort, trinke erst mal einen Kaffee, halte einen kurzen Schnack mit den Studio-Kollegen und dann beginne ich meist damit, etwas einzugeben, einen Groove oder eine Melodie, und schaue, wo mich der Tag hinführt. Ich vermeide es grundsätzlich, mir selbst Druck aufzubauen. Es muss Spaß machen, irgendetwas auslösen – und wenn das heute nicht so ist, dann sicher morgen …“ Seine favorisierten Tools sind neben einem guten Kaffee mit einem Schuss Milch und einem Buttercroissant zum Frühstück vor allem DX200 sowie AN200 über den Tag verteilt, ehe dieser „mit einer guten Pasta am Abend endet.“

Kontakt zu Connaisseur Recordings selbst hat er erst seit dem Release von „Random Walks“ im Jahr 2016 – seitdem aber umso enger. „Vor allem durch die Zusammenarbeit an dem Album. Ich stand die ganze Zeit in sehr engem Austausch mit Alex. Entscheidend waren die ersten Feedbacks zu den Album-Tracks. Jemanden gefunden zu haben, der die Musik genau so verstand wie ich, das war ein toller Moment.“ Ebenfalls tolle Momente – neben der Album-Produktion – hatte er im Jahr 2017 unter anderem bei seinem ersten Auftritt in Tiflis, Georgien. „Der Trip begann mit einer zwölfstündigen Verspätung aufgrund von schlechtem Wetter und Flugausfällen, schlussendlich entwickelte sich die Reise aber dann zu einem der besten Gigs des Jahres. Ich habe dort zusammen mit Stefan Goldmann im Rahmen eines Kulturaustausch-Festivals gespielt und wirklich selten so ein offenes, freundliches und aufmerksames Publikum erlebt. Das ganze Team des Projekts und die Leute dort vor Ort haben mir eine wirklich tolle Zeit beschert.“ Und Vorsätze für das neue Jahr? „Die Vorsätze einzuhalten, wäre ein Vorsatz.“

Aus dem FAZEmag 071/01.2018

 

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