00_Paul_van_Dyk_KIA_Mallorca © Dirk Schaper5

Mitte Oktober, strahlend blauer Himmel, beinahe windstill, die Luft riecht nach einem Hauch verkohltem Gummi. Wir sind auf dem Circuito Mallorca, der Motorsportrennstrecke der Baleareninsel – hier treffen wir auf Paul van Dyk. Denn parallel zum Release seines achten Albums „From Then On“ ist er der Botschafter des neuen Kia Stingers, dessen antriebsstarke 370-PS-Motorisierung wir begeistert auf der Rennstrecke Probe fahren. „I Am Alive“, die erste Singleauskopplung, wird auch der Soundtrack für die Stinger-Kampagne. Wir haben mit Paul van Dyk über seinen schweren Unfall, das neue Album und die Zusammenarbeit mit Kia gesprochen.

Du bist einer der dienstältesten DJs und auch international schon lange und viel unterwegs. Vor eineinhalb Jahren hattest du diesen schrecklichen Unfall in Utrecht bei „A State of Trance“. Wie haben sich durch dieses Ereignis deine Sicht auf das Leben und deine Arbeitsweise, insbesondere was das Touren betrifft, verändert?

Das sind jetzt einige Fragen, also fangen wir mal an mit der Arbeitsweise bezüglich des Tourens: Wir machen wesentlich weniger und die Sets zählen auch in der Regel keine 3–4 Stunden mehr, sondern 1,5–2 Stunden, da ich einfach die Kondition in der Form nicht mehr habe. Die Ärzte meinten, es wäre schon ein großer Erfolg, wenn ich in der Lage wäre, 50 % von dem zu erreichen, wo ich schon mal war. Bei 50 % bin ich aber noch lange nicht, insofern müssen wir da natürlich schon entsprechend kürzer treten. Dann im Bezug auf den Unfall, die Sicht aufs Leben: Sagen wir mal so, es ist halt schon so, dass sich natürlich alles verändert. Es ist schon irgendwie alles anders. Auf der anderen Seite steht aber eben auch der Versuch, das Leben so normal zu gestalten, mit so viel Routine, wie irgendwie möglich. Das ist klar. Was aber eben auch klar ist: Einzelne Momente sind intensiver. Wenn meine Frau sagt „Lass uns mal eine Runde laufen“, dann heißt es nicht „Oh ne, nicht schon wieder!“, sondern „Ja!“ Also, ich war jetzt vorher auch keiner, der alles für selbstverständlich genommen hat, aber gerade Kleinigkeiten haben jetzt einen anderen Stellenwert, sie werden einfach bedeutender. Es war bei mir für eine Weile ja auch nicht klar, ob ich je wieder laufen kann – und der Weg zum Laufen war dann auch nicht der einfachste. Dann weißt du schon zu schätzen, wie cool es ist, wenn du allein auf Toilette gehen kannst. Oder einfach nur, dass du sagen kannst: „Hey, ich muss mal aufs Klo.“ Ich konnte ja auch nicht sprechen, ich habe nur so Grunz-Geräusche von mir gegeben – kurzum: es ging nichts.

Schließen wir das Thema mit einem guten Blick auf die Zukunft.

Ja, das sowieso. Das ist ja auch meine Sicht auf die Dinge – all die positiven Sachen in Erinnerung zu behalten, die mir da so wiederfahren sind: die Unterstützung der Öffentlichkeit, die ganzen Professoren, Doktoren, Schwestern, das Pfegepersonal, alle, die sich engagiert haben, Freunde und natürlich ganz maßgebend Margarita. Ohne all das wäre ich jetzt nicht hier. Ohne die Unterstützung und Liebe von Margarita wäre ich nicht hier. Ohne das wirklich persönliche Engagement jedes Einzelnen, der Teil dieses Prozesses war, wäre ich nicht hier. Und dafür bin ich für immer dankbar, das englische Wort „grateful“ passt da noch besser. Wie schon gesagt: Aufgeben ist keine Option. Es ist noch ein langer Weg und es wird auch nie wieder wirklich so sein, wie es vorher war – das ist den Verletzungen geschuldet, aber ich lasse mich davon nicht zurückwerfen. Dann mache ich halt weniger, aber das dann wiederum genauso intensiv.

Lass uns doch mal über dein neues Album reden, es ist ja bereits dein achtes. Was unterscheidet es deiner Meinung nach von deinen vorherigen Alben?

Ich glaube, am ehesten kann man es so beschreiben: Ich war noch nie so sehr bei mir wie bei diesem Album – es ist einfach genau das, was ich musikalisch bin, mag und repräsentiere. Ohne dass mir irgendeiner erzählt hat: „Versuch doch mal das hier!“ – worauf man dann vielleicht hört, statt das zu machen, was man selbst spielen möchte. Und das ist jetzt eben 100 Prozent Paul. Genau das, wofür ich musikalisch stehe. Keine Ausflüge zu irgendwelchen cheesy EDM-Sachen, kein Pop oder sonst was; es bildet genau das ab, was es für mich sein sollte.

Auch dieses Album birgt wieder Kollaborationen mit anderen Künstlern. Wie sieht da die Rollenverteilung bei der Produktion aus?

Das ist immer anders. In den meisten Fällen ist es so, dass eine gewisse Grundstruktur von mir kommt, dann geht es irgendwie hin und her, bis wir schließlich Elemente für 20 verschiedene Songs zusammen haben. Und dann liegt es bei mir, das Ganze fertig zu produzieren und die Elemente drin zu lassen, die essenziell sind für die Idee, die wir ursprünglich hatten.

Nach welchen Kriterien suchst du diese Künstler aus?

Kreativität, Substanz, musikalisches Schaffen. So eine Kooperation funktioniert nur mit jemandem, der ein ähnliches Verständnis von dem hat, was Musik sein und machen soll. Und da geht es gar nicht um musikalische Genres. Wenn ich mit Johnny McDaid von Snow Patrol zusammenarbeite, hat er zum Beispiel eine völlig andere Idee davon, wie Musik klingen soll, aber unsere Philosophie, was Musik sein muss und sein soll, ist dieselbe. Das sind dann die Ansatzpunkte, da kristallisiert sich dann relativ schnell ein Innercircle raus, mit dem man sowohl musikalisch auch als menschlich einfach gut kann. Jemand wie Jordan Suckley ist einfach ein Talent, der Junge ist grandios. Er ist so ein cooler, netter, lieber Mensch, es gibt keinen zweiten wie ihn, insofern ist es immer wieder eine riesige Freude, mit ihm gemeinsam zu arbeiten. Gleiches gilt für Alex M.O.R.P.H. und auch für die noch nicht so bekannten Jungs, die wir jetzt auch seit ein, zwei, drei Jahren mit dem Label unterstützen, wie James Cottle oder Leroy Moreno. Die haben halt einfach musikalisch was zu sagen, die haben was mitzuteilen. Da sehen wir auf der einen Seite als Label unsere Verantwortung, ihnen auf ihrem künstlerischen Weg zu helfen. Auf der anderen Seite ist es für mich als Künstler auch total spannend, mit ihnen gemeinsam Musik zu machen. Überleg einfach mal: Jungs wie Jordan, Leroy oder James machen Trends, die machen genau diese Musik zu so einer Zeit, wo es für sie wahrscheinlich einfacher wäre, irgendeinen EDM-Dreck hinzurotzen, die zehnfache Gage mitzunehmen und ständig unterwegs zu sein. Stattdessen machen sie es genau so, wie sie es für richtig halten. So etwas werde ich immer unterstützen, deswegen wählte ich genau diese Leute als Kooperationspartner für mein Album.

Gibt es ein paar Anekdoten zum Album und seinem Produktionsprozess?

Ja, da gibt es einige. Nehmen wir mal den Track „I Am Alive“, der jetzt gerade als Single rauskommt. Das war das erste Mal, dass ich wieder Musik machte, nachdem ich wieder so halbwegs bei mir war – und das ist dabei heraus gekommen. Deshalb ist das natürlich ein ganz besonderes Stück und es wird auch immer besonders bleiben. Auch so was wie „Stronger Together“ ist relativ klar; wie ich vorhin schon sagte, in Bezug auf den Unfall: Allein packst du so was nicht, ohne diese unglaubliche Unterstützung von allen hätte das alles nicht funktioniert. Und so hat jeder Track seine eigene Geschichte. „While You Were Gone“ ist von meiner Frau inspiriert, die eben eine kleine – oder, wenn man so will, große – Abenteurerin ist. Im April oder Mai, wann auch immer es war, war sie ein paar Wochen im Himalaya und hat ihre Everest-Tour gemacht. Zur gleichen Zeit war ich gerade auf Tour, saß eine Woche lang in Peking rum und habe „While You Were Gone“ geschrieben. Auf dem ganzen Album finden sich Geschichten, die auch ganz direkt mit mir persönlich zu tun haben.

Wie würdest du eigentlich das Genre Trance beschreiben, was ist das für dich?

Okay, jetzt kann es durchaus ein bisschen geeky und philosophisch werden. Ich versuche es mal und fange an mit dem Satz: Wenn du jemanden, der Trance wirklich liebt, das fragst, dann ist es so, als würdest du irgendwo reinpieken; die Antworten fließen nur so aus diesem Menschen heraus, wenn er dir erzählt, welche Bedeutung diese Musik für ihn hat. Und ich versuche jetzt mal, zu erklären, warum das so ist. Es gibt ja in jedem Genre Sachen, die eher so lala sind, und andere, die eben substanzieller sind – und ich rede schon von dem substanziellen Bereich der Musik. Du hast Musiker oder passionierte Produzenten, die sich ganz bewusst Musik ausgesucht haben, was ja echt schwierig ist, da es ja für einen Produzenten viel einfacher ist, irgendwelche Pop-Sachen zu produzieren oder für einen DJ irgendwelche EDM-Klamotten zu machen und so weiter. Das heißt, du hast bei diesen Menschen immer eine Garantie für Passion. Du musst dann im Vergleich zu anderen musikalischen Stilen im Bereich der elektronischen Musik eine gewisse musikalische Grundkenntnis haben, sonst bist du nämlich nicht in der Lage, eine komplexe Songstruktur zu machen. Du bist nicht imstande, Harmonien zu erstellen, die Bedeutung haben und nicht nur einen belanglosen Dreiklang. Eine solche Harmonie, die irgendwas bewegt, die eine Gänsehaut zaubert, die muss gefüllt sein von Emotionen, das heißt, all das findest du in dieser Musik. Dann hast du noch diese unglaubliche Energie, dieses Positive, weil die Musik ja eine gewisse Geschwindigkeit hat, die dich dann auf der Tanzfläche nicht nur ein bisschen mit der Bierflasche wippen lässt, sondern dich vollkommen darin aufgehen lässt. Und jetzt komme ich zu dem, was ich vorhin eigentlich sagte: Du musst dich auf die Musik einlassen – und wenn du dich auf die Musik einlässt, dann spürst du diese Energie, du nimmst dieses Positive völlig in dir auf. Dazu kommt noch ein anderer wichtiger Aspekt: Du wirst es im Trance-Bereich relativ selten erleben, dass dir eine komplette Geschichte erzählt wird. Da singt dir keiner ein Liebeslied vor, sondern du findest Instrumentierung, Sound, Komposition, Arrangement. All das erzeugt genau diese Emotionen, erzählt genau diese Geschichte, aber mit einer solchen Offenheit, dass du sie mit deinen eigenen Emotionen füllen kannst. Es gibt bei jedem einzelnen Track, den ich gemacht habe, die Leute, die sagen „Oh mein Gott, es ist so wunderschön traurig“, und die anderen, die sagen „Das ist so happy. Das ist so geil.“ Je nachdem, wie sie selbst die Musik für sich aufgenommen haben. Und jetzt kommt der geeky Teil: In dem Moment, wo die Leute die Musik aufnehmen, diese Offenheit erleben, wird der Track zu ihrem Track.

Ich hoffe, ich konnte das verständlich darstellen, es ist halt relativ komplex, aber es ist meine Analyse, wenn du nach dem Warum fragst. Warum Trance? Die Leute, die Trance lieben, haben diese Offenheit für sich gefunden. Und das Ding ist, Trance hat sich nicht verändert. Der Teil, dieser Grundcharakter dieser Musik, ist während aller Strömungen immer da gewesen. Und genau da trennt sich aber auch dann die Spreu vom Weizen, wie man so schön sagt. Da gibt es dieses belanglose Dingeling und da gibt es das, was diese Offenheit beim Publikum erzeugt – und das ist immer das Ziel, das man manchmal erreicht, manchmal auch nicht. Als Künstler muss man immer diese Ambition haben, das ist das Ziel, das es zu erreichen gilt. Eine 08/15-Kopie von irgendwas, was es schon gibt, kann nicht das Ziel sein. Das ist ein Fehltritt.

Kürzlich ging die Saison auf Ibiza zu Ende und du hast für die Partyreihe „Cream“ wieder einige Gigs gespielt. Wie war die Saison für dich?

Super. Gerade letztens hat mir jemand erzählt: „I have the longest running residence here in Ibiza.“ Das heißt, ich bin gerne der, der dann wahrscheinlich am häufigsten und die längste Zeit präsent ist hier auf Ibiza. Und es ist immer cool, immer was Besonderes, eine sehr intensive Atmosphäre – vor allem im Mainroom im Amnesia. Das ist was ganz Eigenes, dort gibt es eine ganz eigene Dynamik. Also selbst ein Abend, der nicht so gut ist, ist immer noch obergeil.

Du spielst auch viele Gigs in ähnlich großen Venues in den USA. Wie unterscheidet sich Ibiza mit seinem Highend-Clubbing in Europa von den Superclubs in den Staaten?

Naja, ich glaube, der Unterschied ist schon ein Stück weit der, dass EDM in den USA wohl den größten musikkulturellen Schaden angerichtet hat. In Europa haben wir so eine lange und auch intensive Clubbing-Kultur mit den Superclubs in UK, der Loveparade in Deutschland usw. – das heißt, hier gab es schon eine große Basis. Ich meine, EDM hat in Deutschland nicht so sehr Einzug gehalten wie jetzt zum Beispiel in den USA. In Großbritannien noch ein bisschen mehr, aber der Punkt ist: Da hat es einen großen Teil der Jugendlichen versaut (lacht). Mit Musik wird man immer auch ein Stück weit sozialisiert. So, wie du deinen Zugang zur Musik findest, so gestalten sich auch musikalische Vorlieben, dein musikalischer Werdegang. Nun ist es leider so, dass viele Leute diese „Rumstada-Karnevalsmusik“ für sich entdeckt haben – und die werden sie dann wohl irgendwie auch weiter fortführen, irgendwann. Das ist aus meiner Sicht interessant, da deine Frage ja auf den Unterschied abzielte. In den USA sind die Leute, die elektronische Musik gut finden, jetzt sozusagen noch dankbarer, dass da jemand kommt, der
„richtige“ elektronische Musik spielt, statt nur Champagnerflaschen zu köpfen und mit Kuchen um sich zu werfen oder irgendeinen anderen Schwachsinn zu machen. Wenn es wirklich um die Musik geht, wenn da jemand kommt, der dann auch noch authentisch ist und etwas Substanzielles abliefert, etwas, was Bedeutung hat und nicht Teil eines Marketingplans ist, dann erwartet ihn dort eine unglaubliche Dankbarkeit.

Zum Abschluss noch eine Frage, Paul: Wie kam es zu der Kooperation mit Kia?

Sony Music Brands Live Licensing ist an mich herangetreten und hat die Kooperation in die Wege geleitet – sie stellen das Bindeglied zwischen Kia und mir da und haben aufgrund ihrer jahrelangen Expertise ein Gespür dafür, die richtige Marke mit dem richtigen Künstler authentisch zu verknüpfen. Gemeinsam mit Kia sprachen wir dann darüber, wie sie sich die gemeinsame Launch-Kampagne vom Kia Stinger vorstellen, über das Warum und Weshalb. Für mich war es wichtig, dass ich mich nicht verbiege, wenn ich das mache. Das geht nicht. Was die Leute wollen, ist Authentizität, sie wollen Paul sehen und nicht jemanden, der Paul spielt. Und auch musikalisch – sie wollen keine cheesy EDM-Nummer oder so was. Es ist halt ein klarer, in seiner Form auf den Punkt gebrachter Trance, man könnte schon fast sagen „Minimal Trance“. Diesen Freiraum hatte ich als Künstler und auch als Person kann ich mich da völlig wieder nden. Ich habe KIA und Sony Music Brands Live Licensing meine Single „I Am Alive“ als o ziellen Soundtrack für den Kia Stinger vorgeschlagen, weil der Track mir einerseits natürlich sehr viel bedeutet, er andererseits aber auch perfekt das Lebensgefühl widerspiegelt, dass man beim Fahren mit dem KIA Stinger bekommt. Die Power Limousine ist ein echter Blickfang – elegantes Design, High-End-Technologie, exzellenter Sound, sportliches Fahrgefühl und viel Platz. Alles, was ich in einem Auto suche. Das ganze Team war super, es war eben eine supergeile Zusammenarbeit. Deswegen bin ich für solche Projekte echt dankbar – sie ermöglichen es mir, künstlerische Visionen und Ideen, die ich habe, umzusetzen. Ich freue mich daher sehr über die Partnerschaft mit KIA und Sony Music – ein starkes Team, das im Automobil- und Lifestyle-Sektor den richtigen Ton angeben.

Aus dem FAZEmag 069/11.2017
Text: Lukas Fritscher, Steffi Rüdinger, Sven Schäfer
Fotos: Dirk Schaper
www.paulvandyk.com
www.kia.com

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