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Der kroatische Künstler Petar Dundov ist schon seit vielen Jahren Teil der elektronischen Szene. Er veröffentlichte Musik unter zahlreichen Pseudonymen, bevor er beim belgischen Label Music Man Records begann, unter seinem bürgerlichen Namen zu produzieren. Dort erschienen bereits seine letzten drei Alben – und nun auch sein fünfter Longplayer „At The Turn Of Equilibrium“. Doch nicht nur dem Label hält er die Treue, auch seiner Heimat Kroatien.

Du wohnst nach wie vor in deiner Heimatstadt Zagreb. Was reizt dich an deiner Stadt?

So viel vorweg: Hier habe ich alles, was ich brauche. Zagreb ist eine tolle Stadt mit rund einer Million Einwohner. Genau die richtige Größe, wie ich finde, so kommt man zu Fuß durch das Stadtzentrum. Was die Architektur betrifft, haben wir hier einen Mix zwischen Wien und Budapest, denn viele Gebäude wurden bereits während der Österreichisch-Ungarischen Monarchie gebaut. Abgesehen von der Schönheit der Stadt – hier habe ich auch mein Studio. An diesem Ort arbeite ich am Sound und verbringe den Großteil meiner Zeit. Es könnte natürlich genauso gut an einem anderen Ort der Welt sein, doch ich habe keinen Grund, zu gehen. Ich wohne rund 15 Minuten vom Flughafen entfernt, von dort aus habe ich direkten Anschluss an die großen Städte Europas. Berlin, Frankfurt, Amsterdam, London erreiche ich in zwei Stunden. Wettertechnisch herrscht hier dagegen mildes Kontinentalklima und auch das Meer mit der wunderschönen Küste und den vielen Inseln ist nicht weit entfernt. Unsere Clubszene ist gut und im Sommer finden viele Festivals statt. Der aber wohl wichtigste und auch entscheidende Grund ist, dass ich hier immer inspiriert und kreativ arbeiten konnte. Für mich ein deutliches Zeichen, dass ich hierher gehöre. Ein Freund, der Winzer ist, sagte einmal zu mir: „Obwohl du denselben Samen aussäst, wird sich jede Pflanze anders entwickeln und jeder Wein anders schmecken, denn es kommt auf den Boden an.”

Heute ist Kroatien ein beliebter Ort für zahlreiche Veranstaltungen und Festivals, doch wie stand es um die Musikszene zu Beginn deiner Karriere?

Als ich damals begann, Musik zu machen, und noch ganz am Anfang meiner Karriere stand, war die elektronische Szene hier sehr überschaubar, man könnte auch sagen undergroundig. Es gab ein paar wenige Clubs, die Technopartys unter der Woche veranstalteten, und bereits nach wenigen Besuchen kanntest du alle, die damit verbunden waren. Viele der Leute waren Musikliebhaber, die bei etwas mitmachen wollten, das sich wie eine neue Denkweise anfühlte. Die Musik, die von den DJs gespielt wurde, war neu, war so anders als das, was man normalerweise zu hören bekam. Futuristisch, abstrakt, aber ebenso emotional und wohltuend. Als die Unabhängigkeit für unser Land kam, waren viele Menschen auf der Suche nach einer neuen Identität – und das war die Musik ihrer Zeit, die perfekte Beschreibung für das, was möglich war. Diese Vision von Zukunft, das ausgeprägte Vorwärtsdenken und das starke Zugehörigkeitsgefühl bei einer weltoffenen Gemeinschaft begeisterten mich. Nur wenige Club-DJs präsentierten diesen Sound, doch sie veranstalteten ihre eigenen Nächte und von Zeit zu Zeit luden sie Gäste aus dem Ausland ein. Wir hatten keine Promoter, wie man sie heute kennt, die DJs organisierten noch alles selbst und Gäste wurden nach ihrem Sound ausgewählt. Eben eine Szene in ihren Kinderschuhen.

Wie kam es dazu, dass du einer dieser modernen Musiker wurdest?

Ich war etwa zehn Jahre alt, da schlugen mir meine Eltern vor, mich doch an einem Instrument zu versuchen. So kam es, dass ich die folgenden fünf Jahre Gitarrenunterricht nahm. Hier lernte ich hauptsächlich Stücke aus dem 19. Jahrhundert von Musikern wie Fernando Sor, Francisco Tárrega und Dionisio Aguado. Gitarre spielen gefiel mir gut und ich tat mir auffällig leicht. Mein Lehrer bemerkte mein Talent für eigene Kompositionen und förderte mich so gut es ging. Meine Eltern jedoch waren unsicher, ob ich mehr Zeit in meine musikalische Ausbildung investieren sollte, denn bisher hatte sich niemand in der Familie näher – geschweige denn beruflich – mit Musik beschäftigt. Ich persönlich steckte zu dieser Zeit mitten im Pubertätsalter und interessierte mich hauptsächlich für Sport, Computer und Mädels. An eine ernsthafte und engagierte Ausbildung war da noch nicht zu denken. Nichtsdestotrotz kam ich in der Schule voran und begeisterte mich neben Mathematik auf für Informatik. So wurde ich auch auf Computermusik aufmerksam. Als später die ersten Sampler erschienen, war ich begeistert von den neuen Möglichkeiten des Sounddesigns. Mit meinem Amiga begann ich, Musik für Demos und Spiele zu basteln. Etwa zu dieser Zeit fing ich auch an, in Clubs zu gehen, und entdeckte so diese neuartige Musik, die sie Techno nannten. Vom ersten Moment an war ich hin und weg. Schnell war der erste Synthesizer gekauft und ich begann, Dance Music zu komponieren. Es funktionierte, denn kurze Zeit später bekam ich meinen ersten Live-Gig und auch der erste Label-Deal sollte nicht lange auf sich warten lassen. Nach dem ersten Release war ich mir sicher, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Viele Jahre später veröffentlichst du nun dein fünftes Album. Ein sehr musikalisches, sanftes Album, wie ich finde. Was verbindest du mit „At The Turn Of Equilibrium“?

Es geht schlichtweg um das Leben, um Aufarbeitung und die Notwendigkeit einer emotionalen Balance, denn mit ihr kann eine positive Verbindung zur Welt und zu denen, die einem am Herzen liegen, aufrechterhalten werden. Der Titel „At The Turn Of Equilibrium“ birgt die Idee, dass dieses Gleichgewicht niemals durchgängig gehalten werden kann, da wir laufend mit neuen und anderen Umständen konfrontiert werden. Es ist ein Ideal, das nur in der Theorie existiert. Ich habe versucht, hierfür Musik zu schreiben. Sie soll dich an einen Ort bringen, an dem alles miteinander harmoniert. Der Blick auf das Innerste soll ermöglicht werden.

Was hat dich dazu inspiriert?

Die letzten Jahre waren sehr intensiv, was das Touren betrifft, manchmal war ich für mehrere Wochen unterwegs. Während dieser Zeit musste ich viel an meine Frau denken. Songs wie „Everlasting Love“, „Missing You“, „Before It All Ends“ entstanden durch Gefühle der Trennung und die Freude des Wiedersehens. Und wie auf jedem meiner Alben zuvor habe ich auch auf „At The Turn Of Equilibrium“ wieder zwei Songs meiner Tochter gewidmet, „Then Life“ und „New Hope“. Auf die Idee zu „Mist“ kam ich während einer Meditation in einem Park in Tokio und „The Lattice“ entstand während einer Live-Performance. Insgesamt dauerte es rund zwei Jahre, bis ich alle Songs zusammenhatte, manche davon hatte ich schnell fertig, bei anderen dauerte es umso länger, bis ich zufrieden war.

Dein Ruf eilt dir voraus, Petar. Wieso nennt man dich den Philosophen?

Ich war schon immer ein sehr wissbegieriger Mensch und mochte es, Fragen zu stellen. Ich wollte die Welt und wie sie funktioniert besser verstehen, aber auch mich selbst besser wahrnehmen können. Was mit dem Philosophieunterricht in der Schule begann, führte ich fort und auch heute beschäftige ich mich noch damit. Etwa mit Kant oder der Hegelschen Dialektik. Es bringt mich weiter, im Alltag wie in der Musik. Deshalb trete ich auch keine Reise an ohne ein Buch im Gepäck. / Gutkind

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