Um zu Hans-Jürgen Vogel zu kommen, der Inspirationsquelle meiner aktuellen Kolumne, muss ich ein bisschen in der Zeit springen.

Nachdem ich beschlossen hatte, mein Geld mit Musik verdienen zu wollen und das Auflegen in Bars für 100 Mark keine so vielversprechende Zukunft birgt, führte mich mein Weg von einem Praktikum bei einem Musikfotografen und einem Volontariat bei Viva TV von Düsseldorf über Köln nach Hamburg. 2000 fing ich bei der Lado Musik GmbH als DJ-Promoterin und Assistenz im Produktmanagement an. Von da an war es mein Job, dafür zu sorgen, dass Schallplatten von Ladomat 2000, Playhouse, Ongaku und Klang Elektronik sicher bei „coolen“ DJs ankamen.

Gleichzeitig machte sich Ingo Marschhäuser, der zuvor bei Public Propaganda und PIAS gearbeitet hat, mit einer Promotion- und Bookingagentur selbstständig. Er schloss mit Warner einen Deal über DJPromotion für deren „Clubthemen“ ab und stellte mich neben meiner Tätigkeit bei Lado als „Aushilfspluggerin“ ein. Aushilfspluggerin, das hieß auf Deutsch: „Arme Sau im Callcenter“. DJ Promotion anno 2000 war grob gesagt für die meisten Labels an die Präsenz ihrer Veröffentlichungen in den DDC und DCC gebunden. (Deutsche Dance- und Club-Charts) War man ein „Underground-Label“, lag der Fokus zuerst auf den Groove-Charts und dann auf den DCC. Die Majors legten ihre Priorität auf die DDC. Viva und MTV berücksichtigten die DDC in der Auswahl ihrer Playlists. Wollte man zu Daisy Dee in die Club Rotation, war es quasi unabdingbar, mit seiner aktuellen Single dort am Start zu sein. „Yo, check it out!“ Hat eigentlich jemand noch dieses blaue
ATB-Handtuch?

Anyway … die Charts wurden von DJs getippt. In Fakten sah es ungefähr so aus: 350 DDC-Tipper und 150 DCC-Tipper deutschlandweit. Jeder Großraumdiskotheken-Resident tippte die DDC. DJs, die nicht gerade im Tarm-Center (Köln/Frechen) spielten, tippten die DCC. Die Groove-Charts wurden von der „Crème de la Crème“ getippt, deren Namen zwar unter den Charts abgedruckt waren, aber so richtig durchgeblickt, wie die Groove nun final Ihre Charts zusammenstellt, hat man als DJ-Promoter nicht. Public Propaganda (Herausgeber der DDC und DCC, sowie Promo-Agentur und Musikverlag) hingegen machte immer ein großes Geheimnis daraus, wer die Charts tippt, aber nicht, wie sie erfasst werden.

Es gab drei Möglichkeiten, das Ziel zu erreichen:
1. Mühsame Recherche von 500 DJs. Verteileraufbau, Datenbankpflege, unzählige Anrufe und Pipapo. (Natürlich sehr anstrengend und zeitintensiv.)
2. Promo über Public direkt buchen (Einfach und sicher. Und viel zu teuer.)
3. Man kannte jemanden von Public, der einem, aus welchem Grund auch immer, den Verteiler kopierte. (Eiskalt und rentabel.)

Ich kannte alle Jungs von Public. Wir hatten die gleichen Interessen, waren alle DJs, gingen auf die gleichen Partys und halfen uns mit Gästelistenplätzen und Getränkebons aus. Vor allen Dingen aber waren wir DJ-Promoter, und das schweißte zusammen. Ohne Netzwerk und vernünftiger, wenn auch leicht illegaler Zusammenarbeit mit den Jungs von der Konkurrenz war man als DJ-Promoter verloren. Damals, ohne Myspace und Facebook, gelang es nur schwer, an Kontaktdaten zu kommen, und diese zu haben war auch nur ein Bruchteil der Miete. So tauschten wir DJ-Promoter unsere neuen Tipper für Galãos in der Sternschanze ein und nahmen uns gegenseitig Arbeit ab. Den Kontakt von Hans-Jürgen Vogel habe ich übrigens geschenkt bekommen, oben drauf noch ein Stockfischteilchen und O-Saft.

Apropos geschenkt: Meine Aufgabe war es, eine Rohrzange mit mindestens 50mm Maulöffnung für Weihnachten zu besorgen. Ich meine ja nur, jedem seinen Wunsch. Nächsten Monat geht die Geschichte weiter.

Eure Aushilfspluggerin

www.xenbel.net

Noch mehr Planet Xenbel:
Pan-Pot, Itschi Otschi & Gesine
Kaninchen im Herbst
Stadionfüller