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Planet Xenbel von Xenia Beliayeva
High Expectations

Mensch, Mensch, Mensch, frohes Neues, sagt man das noch im Februar?
Wenn ich kurz an all das denke, was ich im vergangenen Jahr angestoßen habe, ist es doch viel mehr, als mir eigentlich bewusst ist. Und da, wo vor Monaten Stille war, liegt jetzt gefühlt ein Ziegelstein auf dem Gaspedal.

Auf einmal rollen die Bälle in alle Richtungen und ich komme gar nicht hinterher zu realisieren, wie stark sich mein Leben gerade verändert und in welchem Ausmaß ich wachse. Vor drei Tagen ist die erste Single meines neues Albums rausgekommen und schoss über Nacht bei Spotify hoch. „High Expectations“ im wahrsten Sinne des Wortes. Ein unglaublich erfreuliches Gefühl. Heute liegen die fertigen CDs beim Nachbarn zur Abholung bereit. Er ist nicht da, ich klingle alle fünf Minuten.

Von der Produktion des Albums bis hin zum unterschriebenen Vertrag hat es ewig gedauert. Die Produktionsphase war lang, lauter Unterbrechungen des Lebens. Studio-Slots wurden von A nach L bis hin zu X geschoben. Es kamen Touren, Todesfälle, Trauer, kreative Löcher, schlechte Demos und gut bezahlte Jobs dazwischen. In dieser Zeit wurden Tonnen von meinen und nicht zu wenig Andrés Nerven zerrissen. Sich Gedanken gemacht, Demos geschrieben, Versuche unternommen und aufgegeben. Der schon leicht abgeflaute Studio-Gag „Hyperdraw“ mit einem neuen, bezaubernden Inhalt „H42-3Dimensional-Wolf-Howling-Sounds“ ersetzt. „I buiiiiiild a fiiiiire, a fiiiiire for you“.

Ich wollte teilweise meinen Kopf gegen die Wand donnern. Wände einschlagen und wieder aufbauen. Habe 1000 Zettel erst vollgeschrieben, dann weggeworfen. Hin und wieder hat André etwas unterschrieben. Beim Gedanken schon wieder beim Khao San Restaurant einen Mittagstisch zu essen, kam mir partiell der Brechreiz, aber Hunger hatte ich auch. Zeit zum Kochen nicht. Es wurde viel geseufzt, der Trick war immer zu Atmen. Wir haben gelacht und geheult, ich habe geflüstert und geschrien.

Von schierer Verzweiflung fiel ich beim Rausbouncen eines fertigen Stückes in Ekstase und fuhr fröhlich mit dem Rad nach Hause, während der Track in Schleife auf meinem iPhone lief. Ich weiß nicht mehr genau, wie lange wir am Album hingen: fast zwei Jahre, möglicherweise weniger, vielleicht mehr. Ich habe den Faden verloren. Deswegen und aus vielen anderen Gründen heißt es „Riss“. Herausgekommen sind zwölf Stücke. Eigenwillig und rücksichtslos, gut und böse, schnell und langsam, schön und traurig, dunkel und hell.

Es gibt hohe Erwartungen, Würde, Motivation, Messer, Risse, Fernseher. Weil, Borderline, Cross The The Line. Charisma, Stolz, leise Schritte in der Dunkelheit. Ruhe, Irrsinn, Geldvernichtung. Euphorie, Unglaube, Adrenalin. Und mich!
Nur mein Vater versteht es bis heute nicht. Aber vor mir, jetzt, wo mein Nachbar nach Hause gekommen ist liegt ein kleines aufgeklapptes Digipack. Ein Stückchen Freude, viel Liebe, Zuversicht, mein zweites Album. Mein kleiner Riss.

Ahoi!
X

P.S An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal öffentlich bei André Winter bedanken, mit mir zu arbeiten ist schon ein „Ding“.

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Planet Xenbel von Xenia Beliayeva

Aus dem FAZEmag 072/02.2018
www.xenbel.net