Richie Hawtin From My Mind to Yours (Plus 8)

Richie Hawtin – From My Mind to Yours (Plus 8)
Nachdem Richie Hawtin zuletzt ein eher ruhigeres Album unter seinem Pseudonym Plastikman veröffentlichte, war ich natürlich extrem neugierig, was er uns nun unter seinem realen Namen präsentiert und zwar zum 25-jährigen Jubiläum seines Labelmutterschiffes Plus 8. Hier bietet er uns die gesamte Bandbreite seiner Pseudonymtätigkeiten der vergangenen 25 Jahre. Der erste Track „No Way Back“ intendiert hier gerade nicht ein ‚Back to the Roots‘ sondern hört dort auf, wo das letzte Album „Expanded“ aufgehört hat.

Wir hören hier die gleichen Sound- und Klangstrukturen. Das Stück hat mit 13 Minuten Überlange und sollte eher in Sets ab mindestens drei Stunden Dauer einbebaut werden. Der Track ist eine minimale, hypnotische Acidnummer, die trotz der Länge nie langweilt. Auffällig und prägnant ist hier die bekannte 303-Modulationshandschrift von Richie nebst des eigenartig angeordneten Rimshots. Weniger ist viel mehr. Childsplays „Stretching“ ist für den normalen Hörer sowie für den DJ mit Bedacht zu konsumieren. Dieses Stück verlangte mir beim Ersthören eine Einordnungsproblematik ab. Auch noch beim zweiten Hören…. Wie der Artistname bereits andeutet ist der Track verspielt, wobei er allerdings weniger auf den Dancefloor ausgerichtet ist. Das ist eher etwas zum Anhören für daheim. Plastikmans „Circus“ ist ein ebenfalls ruhigeres Stück mit wenig Höhen und Tiefen. 80xx‘ „Creepr“ tendiert dann schon wieder eher in meine Richtung, upbuilding und tiefgründig zugleich. Beim Einsatz der Hihats geht es dann leicht nach vorne aber immer noch mit den die echolotartigen Surroundsounds im Hintergrund. F.U.S.E.s „Them“ arbeitet wiederum mit seiner projektbezogenen Anwendung der 303. Further Underground Sound Experiences bedeutet dies im Klugscheißermodus ausgeschrieben und erinnert mich einmal mehr an „Train Tracs“-Zeiten aus 1993 auf Warp. Hier tobt sich Richie ein wenig aus mit leichter Tendenz zum Album „EX“.

Plastikmans „Purrkusiv“ ist der erste Peaktimetrack des Albums. „Gymnastiks“ beginnt düster und bedient sich erneut weniger Elemente, um gleichsam mehr Wirkung zu erzeugen. Hier passiert recht wenig, aber dennoch irgendwie doch viel. Anders kann man das nicht wirklich beschreiben. R.H.X.s „EXcusion“ beginnt mit 303 und Fläche. Bereits das „EX“ im Namen deutet den Bezug zum Album „EX“ an. Es ist einfach herrlich, wie Richie es schafft, hier die 303 verträumt und unbeschwert leicht zu programmieren. F.U.S.E.s „Close“ arbeitet anfangs sofort mit einem Vocal und der 303 vordergründig. Der Track bleibt neuartig und ruhiger als die alten analogen Produktionen aus den 90ern. Auch ein Track für die erste leichte Peaktime. Robotmans „Simple Simon“ kommt mit 303, Rimshot und Hihats aus. Hier passiert mir zu wenig. 80xxs „Grindr“ ist dann wieder ein besserer Track mit wesentlicher Atmosphäre gleich von Anfang an. Wenig Elemente, dennoch maximaler Output. So ist es richtig! Soundwelten und wieder 303 im Minimum zu Maximumprinzip! Circuit Breakers “ Systematic“ schafft es, den Hörer wieder mitzureißen! Solider guter Acidtrack. Hier hat die 303 wieder eine vollkommen andere Facette und hört sich vollkommen anders an als bei 80xx oder F.U.S.E.! Diese Fähigkeit der projektbezogenen Abwandlungen der 303 ist wirklich bewundernswert. Plastikmans „Akrobatik“ lässt es dann wieder ruhiger angehen, für meinen Geschmack zu ruhig. Das ist damit allerdings nichts für den Dancefloor sondern eher nur zum Anhören. 80xxs „Creatur“ beginnt mit energiereicher 303 und ergänzt um eine weitere 303. Ein Klangteppich bestehend aus zwei TB-303s. F.U.S.E. vs. Plastikmans „EXpanded“ beginnt sehr ruhig und widmet sich meinem Lieblingstrack des letzten Albums. RHXs „EXtensions“ ist das gelungene Outro zu einem wirklich anspruchsvoll-retrospektiven und dennoch höchst aktuellen Album. Eine großartige und vielseitige Bandbreite in einem sehr weiten Spektrum mit teilweise signifikantem Focus auf die Programmierung der TB-303. Deswegen verdiente 10 Punkte mit Verneigung vor der musikalischen, technischen und seit 25 Jahren konsequenten Leistung von Richie Hawtin. 10/10 Manuel Lauro

 

 

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