In dem stark gewachsenen Techno-Markt steht der US-Artist Robert Hood wie kaum ein anderer für diesen Sound. Der in Detroit geborene und aufgewachsene Künstler begeistert mit seinen Veröffentlichungen auf Tresor Records, Dekmantel oder dem eigenen Label M-Plant seit über 25 Jahren zahlreiche Hörer. Anlässlich seiner im November erschienenen DJ-Kicks suchten wir das Gespräch und haben ihn im vergangenen Jahr noch ans Telefon bekommen.

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Robert, dein eigener Sound ist wohl eines der besten Beispiele – wenn nicht sogar das Beispiel schlechthin – für brillante Einfachheit. Was macht die Tracks deines DJ-Kicks-Mixes besonders? Wieso hast du dich für sie entschieden?

Ich habe diese Stücke gewählt, weil sie mich alle auf ihre Art und Weise berührt haben, meine Seele, meinen Spirit. Sie verkörpern mit ihrem Sound das, wofür minimaler Techno und die Kultur dahinter stehen, zumindest meiner Ansicht nach.

Dazu gehören auch eigene, für dieses Projekt exklusive Stücke wie „Focus“ oder „Grey Type I“.

„Focus“ war ein bisher unveröffentlichtes Stück, das nirgends so richtig passen wollte. Jetzt, gut zwei Jahre später, hat es geklappt und ich freue mich, den Mix damit zu eröffnen. Auch „Grey Type I“ spiele ich schon eine ganze Weile. Ein Track, der mich selbst und meine Herkunft wunderbar widerspiegelt. Da steckt viel Detroit drin! Diese Nummern passen gut zum Mix und sind Teil der Geschichte, die ich zu kreieren versucht habe.

Ein Großteil der Tracks im Mix stammt von Künstlern aus Europa. Welche Verbindung hast du zur europäischen Szene und wie steht es um die Verbindung zwischen Detroit und Berlin?

Also in Bezug auf die Städte Berlin und Detroit: Abgesehen von der über die Jahre gewachsenen, musikalischen Verbindung, sehe ich da gewisse Parallelen, gewisse Gemeinsamkeiten. Besonders im Umgang mit der Vergangenheit. Detroit erlebte durch die Bürgerrechtsbewegung eine Art Wiedergeburt und dasselbe galt für Berlin beim Fall der Mauer. Eine ungeheure Kraft, die sich auf die Menschen übertrug und Platz machte für progressive Ideen, Gedanken und vor allem Musik, die keine rassistischen, ethnischen oder religiösen Barrieren kennt. So sehe ich das auch mit meinem Mix, der nicht exklusiv für den Sound von Detroit stehen, sondern alle Menschen zusammenbringen und verbinden sollte. Durch eine gemeinsame Sprache.

Nichtsdestotrotz fühlst du dich deiner alten Heimat, der Motor City, nach wie vor eng verbunden.

Als gebürtiger Detroiter bin ich sehr an der Stadt und ihren Bürgerinnen und Bürgern interessiert. Natürlich auch was die Kultur- und Kunstszene betrifft. Ich habe erst vergangene Samstagnacht dort gespielt und mich mit einigen Leuten über die momentane Lage und die Stimmung in den Detroiter Clubs unterhalten. Der Szene fehlen meiner Ansicht nach gerade ein paar junge, frische Leute, die sich ausdrücken wollen und mit ihren Ideen für eine neue Bewegung stehen könnten.

In welcher Rolle siehst du dich da?

Vielleicht als eine Art Mentor, als Gesprächspartner, aber auch als einer, der mit gutem Beispiel vorangehen sollte. Jeder Künstler kann seinen Weg finden, aber braucht dazu eine Quelle für stetige Energie und Inspiration. Wer die nicht findet, kommt schnell ins Stocken. Aus diesem Grund habe ich viele DJs und Produzenten kommen und gehen sehen. Ich habe diesen Nährboden für mich persönlich sowie für meine Arbeit entdeckt und ziehe viel Kraft und Inspiration aus dem Wort Gottes und der Bibel.

Im November erst hast du in der Berliner St. Thomas Kirche in Kreuzberg einen etwas ungewöhnlichen Gottesdienst gefeiert. Wie lässt sich die doch sehr hedonistische Szene mit dem christlichen Glauben vereinen?

Das war ein wunderbarer Abend in Berlin, der neben der Musik außerdem eine Botschaft vermitteln konnte. Und ja, ich bin ein Mann des Glaubens. Das war jedoch nicht immer so, denn es gab auch eine Zeit, in der ich eine sehr egoistische Lebensweise an den Tag legte und nur auf mich selbst konzentriert war. Letztendlich brachte mich das jedoch nur noch mehr von meinem Weg ab. Am Ende fühlte ich mich wie auf einer einsamen Insel gestrandet, von der ich allein nicht mehr herunter kam. Meine Großeltern und meine Frau waren es, die mich dann Gott näher brachten. Das öffnete mir in gewisser Weise die Augen. Doch das ist keine einmalige Sache, vielmehr ein lebenslanger Prozess mit vielen Prüfungen. Manche Tage sind auch heute noch echt hart für mich, da fehlt mir jede Spiritualität. Doch ich habe das Vertrauen, dass aus mir Stück für Stück ein besserer Mensch werden wird. Die besten Tage liegen immer noch vor uns!

Apropos egoistisch und selbstbezogen: Plattformen wie Facebook und Instagram entwickeln sich mehr und mehr zur scheinbar wichtigsten Bühne, selbst für Leute, die sich eigentlich über ihre Musik ausdrücken wollen. Wie siehst du diese Entwicklung?

Das ist auf jeden Fall ein Thema, das mich schon seit einer ganzen Weile beschäftigt. Die Leute erkundigen sich laufend danach, auf welchen Plattformen man aktiv ist, doch ich habe mich dazu entschlossen, mich da größtenteils rauszuhalten. Die Sache ist ja die: Je mehr Zeit man mit Social Media verbringt, desto mehr vergleicht man sich mit anderen bezüglich Likes und Views. Dieser Wettbewerb schadet der eigentlichen Kunst und gefällt mir ganz und gar nicht. Ich möchte mich auf das konzentrieren, was mir im Leben wirklich wichtig ist: Gott, meine Familie und Musik. Eine Chartposition hat da nur wenig Aussagekraft. Der Hype kommt und geht, genauso wie die Leute um dich herum, die dich groß machen wollen und fallen lassen.

Diesen Fokus auf wenige, aber wichtige Bausteine lebst du auch in deiner Musik.

„Weniger ist mehr“ – das ist ein Ansatz, der mir im Allgemeinen sehr zusagt, ganz egal, in welchem Bereich des Lebens oder der Kunst. Minimalismus ermöglicht es einem, sich intensiv mit nur wenigen, ausgewählten Dingen zu beschäftigen. Das begeistert mich, vor allem im Club. Wenn die Leute auf einen Groove einsteigen und auf eine winzige Veränderung reagieren, Emotionen zeigen, dann habe ich mein Ziel erreicht.

Gönnen wir uns zum Abschluss noch einen kleinen Ausblick auf das frische Jahr, denn abgesehen von deinem bereits erschienenen DJ-Kicks-Mix dürfen wir uns demnächst bereits auf weitere Releases freuen!

Genau, da wäre zum Beispiel anlässlich des 25-jährigen Jubiläums die Wiederveröffentlichung meines Tresor-Albums „Internal Empire“. Ich erinnere mich noch gut an die Entstehungszeit damals, ich war sehr auf dieses Album fokussiert und hatte während der Produktion einiges hinten angestellt. Sogar eine Tour hatte ich abgesagt. Umso schöner ist es, zu sehen, dass diese Musik heute immer noch von Wert ist.

Gegen Ende des Monats erscheint dann außerdem noch eine Split-EP mit Mark Broom auf EPM Music. So kann man definitiv ins neue Jahr starten!

 

Aus dem FAZEmag 083/01.2019
Text: Gutkind
Bild: Rik Moran
www.facebook.com/RobertHoodFloorplan

 

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